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Literaturtheorien
Barbara Hahn
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Feminismus ohne Geschichte?



Die Geschichte von Frauen in den Literaturwissenschaften harrt nach wie vor der Rekonstruktion. Dabei gäbe es einiges zu entdecken: Im Blick auf unsere Vorgängerinnen zeigt sich, daß auffallend viele mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit über Schriftstellerinnen gearbeitet haben. Oft stammen die ersten monographischen Arbeiten über deren Texte von Frauen, und oft blieben diese bis heute die einzigen. Ã"hnliches gilt für editorische Arbei-ten und ebenso für kulturtheoretische Entwürfe von Weiblichkeit. Da Theoretikerinnen in der Weimarer Republik keine etablierte Position innehatten, da sie im Zuge der Wiederentdeckung der zwanziger Jahre nicht zusammen mit ihren männlichen Kollegen ausgegraben wurden, blieben sie lange Zeit ungelesen. Hartnäckig hält sich die Vorstellung, daß entscheidende Paradigmen femini-nistischen Denkens erst im Kontext der neuen Frauenbewegung entwickelt worden seien. Im Vorwort zu dem Band Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften liest man beispielsweise, daß erst die Frauenbewegung Ende der 60er Jahre die 'Natürlichkeit der Geschlechterrollen" in Frage gestellt hätte. Auch in der bisher einzigen Einführung in die feministische Literaturtheorie findet sich dieser Gründungsmythos feministischer Theoriebildung in einer interessanten und durchaus typischen Variante. Nach Lena Lindhoff war Simone de Beauvoir 'die erste, die den Status der Frau als 'Andere' systematisch zu analysieren suchte, und ihre Subjektwerdung einklagte" . Das ist durchaus falsch, wie vor allem die Arbeiten von Margarete Susman oder Alice Rühle-Gerstel zeigen. Beide haben 'die Identifikation mit einer anderen Weiblichkeit" bereits verworfen und statt dessen den 'Umweg" als die einzig authentische Möglichkeit der Emanzipation angesehen. Beide haben 'die Verschränkungen von Bilder- und Machtdiskurs in einer differenzierten Weise erfaßt, wie sie eigentlich der neuen Frauenbewegung als theoretische Errungenschaft zugeschrieben wird" Beide haben ihre kulturtheoretischen Arbeiten als einen 'Kampf um Sprache und Bild" verstanden, in dem nicht 'Eindeutigkeit, Selbstgewißheit und Identifikation, sondern Umwegigkeit, Klugheit, Parodie und Ironie" die entscheidenden Denk- bzw. Darstellungsmodi sind .

      In der Geschichtsschreibung neuerer feministischer Literaturtheoriebildung läßt sich ein ähnliches Phänomen beobachten. Ãober immer neuen Theorieimporten, vor allem aus Frankreich und den USA, bleiben Texte ungelesen, die dieses theoretische Feld hierzulande schon bearbeitet haben . Daher prägt ein eigenartiger Rhythmus aus Vergessen und vermeintlichem Neuentdecken von längst Gedachtem die Geschichte feministischer Theoriebildung. Intellektuelle Traditionen, die die Grenzen institutionalisierter Wissens- und Darstellungsformen durchqueren, konnten bisher nicht gestiftet werden. Und damit steht auch eine Debatte um den wissenschaftsgeschichtlichen Ort des Feminismus noch aus.
     

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