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Text und Kontext



In literaturwissenschafllichen Arbeiten und in der Verständigung über Lektüre ist auf vielfache Art von »Kontexten« die Rede. Bedeutete der Begriff ursprünglich nicht mehr als die >Umgebung< des einzelnen Wortes, Satzes usf. innerhalb eines lextes, so wird heute im Allgemeinen von Kontext mindestens in dreierlei Bedeutung geredet:
• innertextueller Kontext/ das sind alle Kiemente eines lextes und dieser als Ganzheit für das jeweils thematisierte Detail;
• intertextueller Kontext: das ist die Gesamtheit derjenigen Texte, zu denen der jeweilige lext in ein bestimmtes Verhältnis gesetzt werden können;
• extratextueller Kontext: das ist die Gesamtheit der semantischen Bezugsfclder, zu denen der jeweilige lext in ein bestimmtes Verhältnis gesetzt werden können.
      Die Rede vom Kontext hat überhaupt nur Sinn, solern man darunter in sich abgeschlossene und strukturierte Einheiten versteht, eben »Texte« im Sinne der texttheoretischen Kulturwissenschaft, wie sie z.B. von |urij M. Lotman und anderen entwiekelt wurde. Daher delinieren Schultc-Sassc/Werner einleuchtend:
Wenn also etwa im Zusammenhang produktionsäsihctischcrText-analysc vom »Enlslchimgskoiiicxt« eines Werks gesprochen wird, so ist dieser Sprachgebrauch eigentlich metaphorisch. Denn >dcn< Kontext, in den wir das Werk, interpretierend nur noch »hineinzustellen! brauchten, gibt es nicht für sich. Wir konstituieren ihn in der Analyse selbst, indem wir die komplexen Wirklichkeilsbezüge des Werks schematisieren, das heilst: bestimmte von ihnen auswählen und in eine Struktur bringen. Indem wir also sagen: wir verstehen ein Werk in seinem Kontext, sagen wir zugleich: wir konstituieren den Kontext als Modell eines bestimmten Wirklich-keitsbereichs, in den das Werk aulgrund bestimmter Eigenschaften und zu deren Klärung hineingestellt werden kann.
      Entsprechend haben Rückgrille auf die verschiedenen Kontexte mindestens zwei unterschiedliche methodische Funktionen.
      • Sie dienen erstens dem Verstehen und Erklären des Textes, indem sie inhaltliche Dunkelheiten aufklären helfen, Besonderheiren des Sprach- und Bildgebrauchs begründen, das heißt in dem oben zitierten Sinne die konkreten erst eine konkrete Bedeutung erhält. Der Kontext gibt die Gesichtspunkte, unter denen eine Vielzahl potenzieller Bedeutungen eines Wortes, eines Satzes oder etwa einer Figuren-konstellation - also jeder Art der kommunikativen Handlung -auf eine bestimmte, aktuelle Bedeutung reduziert werden kann. Wenn wir beim Lesen von Celans »Todesfuge« wissen, dass der »Mann« ein KZ-Aufseher ist, so aufgrund der innertextuellen Kontextbezüge. Ähnliches gilt für den inier- und extratextuellen Bereich: der Name »Sulamilh« gewinnt seine konkrete Bedeutung erst durch den Rückgriff auf den biblischen Kontext und der »reigenartige« Sprachgestus des Gedichts wird verstehbar im Hinblick auf die spezifische Funktion von Musik, Gesang und Tanz in der jüdisch-chassidischen Tradition.
      Im Rahmen einer methodischen Interpretation ergeben sich also zwei Fragen:
• wie lassen sich die prinzipiell unbegrenzten Möglichkeiten der Kontextdifferenzierung systematisch überschaubar machen?
• wie verlahrt die methodische Interpretation praktisch bei der Erörierung von Kontextbezügen?
Hier steht zunächst der produktionsseitige Kontext zur Diskussion, das heißt all denjenigen Wirklichkeitsbezügen des literarischen Werks, von denen her sich genetische Erklärungen für die Eigenschaften des Werks und nähere Aufklärung über den in ihm vergegenständlichten geschichtlichen Gehalt finden lassen. Wenn ich oben sagte, die produktionsästhetische Analyse gehe rekonstruierend in die Motivations- und Determinationsgeschichte des Textes zurück, so bedeutet das die Aufgabe, in den gesellschaftlichen Verhältnissen der Faitstchungszcit die Voraussetzungen für die in der lextbeschreibung erfassten Eigenschaften des Werks aufzusuchen. Zugleich aber betrachten wir den zeitgenössischen Kontext als die Wirklichkeit, in welche der Autor schreibend eingreifen will, als den Hintergrund der intendierten Wirkung. Sofern wir die Frage nach der zeitgenössischen Funktion des Werks nicht ohne Bezug auf ein Publikum erörtern können, wird schon an dieser Stelle eine methodische Berücksichtigung rezeptionsgeschichtlicher Fragestellungen unumgänglich. Denn die Objektivierung von Hypothesen über die Stellung des Werks in seiner Epoche bleibt ohne den Rückgriff auf konkrete Rezeptionszeugnisse höchst unsicher.
      Die produktionsorientierte Kontextanalyse richtet sich also auf die Erklärung von Genesis und zeitgenössischer, das heißt historischer Geltung des einzelnen Werks. Hierzu untersucht und erörtert sie • im lebensgeschichtlichen Kontext des Werks die »autorscitigcn Voraussetzungen«,

• im sozialgeschichtlichen Kontext sowie
• im literarischen Kontext die »realitätsseitigen Voraussetzungen«.

     

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