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Ästhetische Funktion, Darstellung, Ausdruck und Appell



Damit ist über die Frage nach dem Wirklichkeitsverhältnis des literarischen Textes, das heilst nach den komplexen Beziehungen zwischen Fiktion und Realität, schon etwas sehr Wesentliches ausgesagt. Indem wir den Text auf die beschriebene Weise als Werk einer bestimmten Gattung wahrnehmen, realisieren wir seine ästhetische Funktion. Das heilst zunächst: Wir beziehen die einzelnen Aussagen und Darstellungselemente des lextes nicht unmittelbar auf die aufscrtcxtuclle Wirklichkeil, sondern auf andere Tcxtclcmentc bzw. auf die strukturierte Ganzheit des Werks. Wir sind bereit, unser im Alltag vorhandenes Misstratien hinsichtlich der Richtigkeit gelesener oder gehörter Äußerungen zu suspendieren. Anders ausgedrückt: Wir machen uns freiwillig daran, eine »pseudoreferentielle Illusion« , eben die von Fco genannte epische »Welt« aufzubauen.
      Die Fiktion »handelt« auf zweierlei Weise von der Wirklichkeit; Frlahrung kommt in ihr vor als Darslcllungsinhalt und als Faitste-hungshintergrund des lextes. Bei der Interpretation gehen wir davon aus, dass die Darstellung auf eine näher zu bestimmende Weise auf den Schreibanlass und die Wirkungsabsicht verweist. Für die systematische Beschreibung dieses Verweisungszusammenhangs eignen sich, auf der allgemeinsten Fbene, die von Karl Biihler entwickelten Sprachfunktionen bzw. Sinndimensionen, die auch für die literarische Sprachverwendimg gelten . In der durch die ästhetische Funktion definierten krall seiner Abhängigkeit vom Sender, Signal kraft seines Appells an den I lörer |...|. Dasselbe konkrete Phänomen ist ein Gegenstands/eichen, hat einen Ausdruckswert und spricht einen F.mpfängcr an .
     

1. Mit Bezug auf die Darstellungsfunktion bzw. die mimetische Funktion thematisiert die Analyse die im Text exponierten Sachverhalte, also etwa die erzählte Handlung, den Raum, die Figuren . Die Aufmerksamkeit richtet sich - je nach den besonderen l'ägenschaften lies Textes - auf die Auswahl und Anordnung der dargestellten Wirklichkeitsmomente, man vergegenwärtigt die Struktur und die Einlässlichkeit der Schilderung sowie die Nähe oder Distanz der dargestellten »Welt« zur l.ebenswelr des Autors und der Leser. Die spezifische Funktionalität der Darstellung kann im Blick auf den Aussage über die Art der Konstruktion und über das Wirklichkeitsverhältnis.
      1. Die Art und Weise, in der sich die Subjektivität des Autors in seiner Darstellung manifestiert, nennen wir die Alisdrucksfunktion bzw. die expressive Funktion des lextes. Unabhängig davon, wieweit in einem Werk wirkliche Erfahrungen des Autors thematisiert sind, kann die literarische Gestaltung des subjekriv-wertenden Verhältnisses zwischen Autor und dargestellter Welt, Autor und Adressat sehr verschieden sein. Sie lässt sich beschreiben als eine bestimmte F.instclhmg des Autors bzw. Erzählers, als Nähe oder Distanz, als hohe oder geringe emotionale Beteiligung; fassbar ist sie etwa an der Fazählhaltung oder auch an der Schreibweise. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, authentische Erfahrungen schreibend zu verarbeiten, ist u.a. auch durch die literarischen Gattungen und ihren Ort im Literaturensemble mitbedingt; so wird ein »Gelegenheitsgedicht« - das Wort im Goetheschen Sinn — ein direkterer Ausdruck der Autorsubjeklivität und der Entsle-hungssituation sein als ein historischer Roman.
      3. Als Appellfunktion bzw. als pragmatische Funktion schließlich bezeichnen wird den Bezug des Lextes oder einzelner seiner Elemente auf die Wirklichkeit eines vom Autor vorgestellten Publikums bzw. Adressaten, auf dessen Erfahrungen und Erwartungen. Manchmal sprechen literarische Texte ihre Wir-kungsahsichten offen aus, zuweilen mir der Aufforderung an den »lieben Leser«, diesen Absichten des Autors Eier/, und Ohr zu leihen. Hierhergehört das »Merke!« in den KalendergeschichteN).)?. Eichels und das »fabula docet« der lehrhaften Literatur überhaupt. Aber abgesehen davon, dass auch diese direkten Leseranreden nicht unbesehen mit der vom Autor intendierten oder vom Leser wahrgenommenen Wirksamkeit gleichgesetzt werden dürfen, sind die Appellfunkrionen in den meisten literarischen Texten erst zu entzif-fern, etwa durch die Analyse der impliziten Leserrolle. Die Fiktion verweist meist nur mittelbar auf die Wirkungsabsichten des Autors, indem sie z.B. die Aufmerksamkeit auf bestimmte Bedeutungen oder Strukturen lenkt, den Leser zu einer bestimmten Rezeptionshaltung zu veranlassen sticht oder Deutungen und Wertungen des Dargestellten konnotiert. Die Untersuchung dieser pragmatischen, die Rezeption und Wirkung des Werks bestimmenden Funktionen führt schon in den Zusammenhang der rezeptionsästhetischen Analyse.
      Relativ unabhängig von der Direktheit, mit der sich ein Autor über die eigene Situation und seine Wirkungsabsichten ausspricht, ergibt sich die Mittelbarkeit des Wirklichkeitsbezugs vor allem aus dem Kunstcharakter des Werks. Autoren wie Leser literarischer Werke befinden sich noch vor jeder konkreten Faitschcidung oder Handlung auf dem Boden des literarischen Diskurses. Damit ist unter anderem die Tatsache gemeint, dass der Schreibende sich zur Darstellung und Verarbeitung seiner Erfahrungen, zum Ausdruck seiner Empfindungen oder zum Appell an ein Lesepublikum des literarischen Materials bedienen muss, das er zwar kategorisch ablehnen oder absichtsvoll destruieren, aber nicht als nicht-vorhanden behandeln kann. Aus dem institutionellen Charakter der Literatur und der jeweils geltenden ästhetischen Normen resultiert die ästhetische Differenz. Zu erkennen ist sie am ehesten dort, wo der Text sie eigens pointiert, das heißt in seiner Machart von den gewohnten literarischen Darstellungsformen abweicht und diese Abweichung gegebenenfalls auch thematisiert. Der Kunstcharakter des literarischen Werks umgreift dessen Darstellungs-, Ausdrucksund Appellfunktion. Ist einerseits die literarische Darstellung von Erfahrungen und Wirklichkeiten in gewissem Umfang vorgeprägt durch die Wahl und Verwendung »traditioneller« oder »moderner« Bauformen und Schreibweisen, so werden sich andererseits die ideologischen Auseinandersetzungen und Frontstellungen innerhalb derer der Autor schreibend agiert, in seiner Selbstdarstellung und seinem Bild vom Adressaten niederschlagen. Die Prinzipien, nach denen die Inszenierung wirklicher Erfahrung erfolgt, können sowohl gesellschaftlicher als auch individueller Art sein, sie können aus dem Wunsch nach Selbstvergewisserung, nach freiem Sich-Ausströmen oder aus dem Engagement für eine Sache resultieren - immer wird die Wahl und die Verwendung des Materials auf die Realisierung dieser Intentionen zurückwirken. Man kann dies als einen Machteffekt des aktuell herrschenden Diskurses, besonders des literarischen Diskurses in der F'ntstehungssituation deuten.
     
Gerade wenn man auf dem Wirkliehkcits- und Erfahrungsge-halt — wie dem Spiel- und Erkenntnischarakter - des literarischen Werks besteht, müssen die ideologisch-literarische Konstruktion und die ästhetische Differenz, des Textes in den Blick gerückt werden. Die Wahrnehmung und Darbietung des Gegenstandes durch den Autor ist determiniert durch dessen Standort und Interessen sowie durch die ihm z.T. unbewtissten Eigenschaften des Gegenstandes, des literarischen Materials und der Kommunikati-onssituation. Es ist daher notwendig, nicht nur den dargestellten Inhalt, sondern vor allem die Wahl nchmungs-, Daistclhmgs- und Deutungsmuster sorgfaltig zu untersuchen. Erfundenes, Gesagtes wie Nichr-Gcsagtes müssen je nach ihrer bestimmten Funktion für die lexrstrategic befragt werden; die Eigenheiten des literarischen Materials, das der Autor aufnimmt und fortbildet, spielen hierbei eine ebenso wichtige Rolle wie die von ihm antizipierten Erwartungen seiner Adressaten. All diese Elemente der Tcxtstraregic können zunächst durch Textbeschreibung und Strukturanalyse erhissr und systematisiert werden. Die Rekonstruktion der Autorintention und der ursprünglichen Wirksamkeil des Textes bedarf dann einer mehr oder weniger eingehenden Kontextanalyse.
      Die Rekonstruktion von Entstehungsbedingungen auf der Grundlage des Verstehensakts setzt implizit oder explizit voraus, dass es einen Komplex notwendiger und erkennbarer Beziehungen gibt zwischen diesen Bedingungen, das heilst, der gesellschaftlichen Wirklichkeit zum Zeitpunkt der Textentstelumg und den Eigenschaften des Textes. Diese Bczichungskomplexc sind in der historisch-materialistischen Widerspiegelungstheorie am umfassendsten herausgearbeitet worden, wenngleich erst spät in zureichender Differenziertheit . Sie lassen sich in produktionsästhetischen Textmodellen abbilden.
     

 Tags:
Ästhetische  Funktion,  Darstellung,  Ausdruck  Appell    


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