Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

Index
» Literaturinterpretation
» Wirklichkeit - Autor - Text: Produktionsästhetische Analyse
» Sozialgeschichtlicher Kontext

Sozialgeschichtlicher Kontext



In einer über das Selbstverständnis des Autors und die individuellen Voraussetzungen des Werks methodisch hinausführenden Untersuchung fragen wir nach dem sozialgeschichtlichen Kontext des Werks, zunächst in seiner Kntstehungszeit. Wir versuchen, die Bedeutungs- und Kommunikationszusammenhänge zu rekonstruieren, in denen das Werk in seiner Epoche verstanden werden und wirken konnte.

     
Mit Hilfe historischer, soziologischer, sozialpsychologischer, ideologiegeschichtlicher und anderer Literatur - Autobiographien von Zeitgenossen sind eine kräftig sprudelnde Quelle! — beziehen wir die von uns erarbeitete Bedeutung und Wirkungsabsicht des Textes auf den zeitgenössischen Stand der historischen Entwicklung, die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und die geschichtlich wirkenden Kräfte. Hier kann die angezielte Historisierung des Werks zu einem ersten, vorläufigen Ziel kommen, soweit sie durch das Erklären des Werks in seinem geschichtlichen Kntstchungs- und Wirkungszusammenhang die in ihm widergespiegelte individuelle und gesellschaftliche Praxis als eine vergangene konstruieren kann. Ich gehe dabei von der Prämisse aus, dass es eine unaufhebbarc hermeneutische Differenz gibt zwischen dem, was ein Autor von seiner Epoche weiß und mitteilen kann, und dem, was die Epoche ist. Walter Benjamin hat diese Einsicht als die große Entdeckung Hegels und die »magna charta der wahren Geschichtsschreibung« bezeichnet: »der Geist sei im historischen Verlauf niemals, was er sich glaubt«; man könne also nicht das Drama einer Zeit aus ihrer Dramaturgie erklären .
      Um Missverständnissen vorzubeugen, sei hier vorgreifend unterstrichen, dass die angestrebte Konstruktion der Historizität des Werks nicht darauf zielt, ein Bild der Kntstehungszeit zu entwerfen, »wie es denn wirklich gewesen«, sondern vielmehr darauf, die im Werk widergespiegelte historische Konstellation aul der Grundlage der ästhetischen Erfahrung aus dem Blickpunkt unserer Gegenwart zu erkennen.
      Es handelt sich also, genauer gesagt, um eine doppelte Perspektive auf den Entstehungskontext. Einerseits suchen wir, in der Optik der Zeit, die erarbeitete 1 lypothese über Autorintention und Entstehungsbedingungen weiter zu verallgemeinern und zu objektivieren. Wir rekonstruieren einen Sinnhorizont, innerhalb dessen das Werk von einem >idealen< zeitgenössischen Leser verstanden werden konnte . Andererseits konstruieren wir die im Werk widergespiegelte geschichtliche Kr-fahrung und Praxis aus dem Blickpunkt unserer eigenen Gegenwart und unserer Interessen. Diese zweite, umfassendere Perspektive zielt auf die Aktualität des Werks und kann abschließend erst in einer Synthese der Untersuchungsergebnisse formuliert werden, denn sie setzt systematische und rezeptionsästhetische Analysen des Werks voraus. Sie bestimmt jedoch von Anfang an das Erkenntnisinteresse und den Arbeitsprozess, weil nur von ihr her unser eigenes Verstehen und Erklären des Werks überhaupt möglich ist.

     

Die Analyse des sozialgeschichtlichen Kontextes des literarischen Werks geht sinnvollerweise von den im Modell der Textproduktion unterschiedenen Klassen der »realitätsseiligen Voraussetzungen« aus.
      Gefragt werden kann nach der gegenständlichen, der pragmatischen und der kommunikativen Beziehung des Textes zur Wirklichkeit. Die hier angebrachten kragen zielen im l'.in zcinen auf:
• gegenständliche Aspekte: Wie sind der Darstellungsinhalt und der Gegenstand des Werks in den zeitgenössischen Bedctitungszusammenhängcn zu situicren? Wie wird die Wirklichkeit der F.nrsrehungszcit in ihnen erkennbar?
• pragmatische Aspekte: Wie steht das Werk in den gesellschaftlichen Umwicklungen und Auseinandersetzungen seiner Zeit? In welche Richtung zielt sein Appell? Welchen Interessen dienen die von ihm ausgehenden Impulse?
• kommunikative Aspekte: Aul welche spezifische Weise spricht das Werk seine Adressaten an? Welcher Art sind die ästhetischen Frfahrungcn, die es vermittelt? Wie steht es in der literarischen Tradition und Fntwicklung?
• mediale Aspekte: Wie wurde das Werk in seiner F.ntste-hungszeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und in welcher form wurde es präsentiert. Welchen Stellenwert hatte diese Präscntationsform für die Gesellschalt in der Fntstehungszeit? Auf welchem Stand seiner Umwicklung befand sich das Medium, in dem der Text präsentiert wurde?
Die beiden letzten Dimensionen des geschichtlichen Faitstchungs-zusammenhangs sollen als literarischer Kontext systematisch gesondert behandelt werden.
      Die Analyse des sozialgeschichtlichen Kontextes steht bei lyrischen Werken oft vor dem Problem, dass bestimmte gegenständliche Aspekte des Wirklichkeitsbezugs sich im lext nicht ohne Weiteres abheben lassen. Trotzdem erscheint es als sinnvoll, zunächst eine Strukturebene gegenständlicher Kontextbeziehungen zu ermitteln.
      In Paul Celans »Todesfuge« wurde ein Bedeutungszusammenhang aufgezeigt, in dem die thematisierte geschichtliche Konfrontation von Tätern und Opfern des faschistischen Völkermords eine zwar >abstraktepoetische Ubcrhöhungs sondern als genaue Abbildung wirklicher Vorgänge gelten müssen. Otto Lorenz hat eine Feststellung getrollen, die auch für andere Interpretationen gilt:
Ohne Minimalkenninis der /cithisioiischen Realien, die von Celans Gedichten in der Tat eher verdeckt als enthüllt werden, bleibt jede Interpretii-tionsheniülHinj; iin/.invkhend, auch wenn sie /.n richtigen 1 Vl.iilcinsiclucn kommt und gelangt K3, 3).
      Indem er darüber hinaus das sorgfältige Studium von Celans künstlerischer Methode als eine obligate Aufgabe bezeichnet , verweist er auf die Tatsache, dass eine Analyse der Darstellungsinhalte des literarischen Textes natürlich nicht ausreicht, um den gegenständlichen Wirklichkeilsbeztig des literarischen Werks zu bestimmen. Denn über die Frage, ob und wie die Realität im Werk lassbar bzw. durchschaubar wird, entscheiden nicht zuletzt die Vorstellungen, die der Autor von der Frkennbarkeit und Darstellbarkeit der ihn umgebenden Wirklichkeit hat. So kennzeichnet es z.B. realistische Methoden vor anderen, dass sie an der Aufdeckung des »gesellschaftlichen Kausalnexus« interessiert sind und die Fairwicklung ihrer künstlerischen Technik bewusst in den Dienst dieser Funktionsbcstimmung stellen.
      Aber die Möglichkeit, solche Wirkungsabsichten zu realisieren, ist natürlich auch vom jeweils gewählten literarischen Genre abhängig. Bei lyrischen Texten haben wir es in der Regel mit höchst indirekten gegenständlichen Wirklichkeitsbeziehungen zu tun. So wird man nicht erwarten, in einem Naturgedicht Goethes oder eines romantischen Dichters Realitätsdetails zu finden, die auf den sozialgeschichtlichen Kontext der Zeit verweisen. Trotzdem haben natürlich beide Gedichte einen - konkret unterscheidbaren — gegenständlichen Bezug auf ihre Zeit, insofern sie ein bestimmtes Verhältnis des Menschen zur Natur exponieren.
      Dem in lyrischen Texten in der Regel gegebenen impliziten gegenständlichen Bezug auf die soziale Wirklichkeit stellt in erzählenden Texten, und besonders im Roman, gewöhnlich ein eher expliziter Zeitbezug gegenüber. Da erzählende Texte ihr Wirklichkeitsmodell im Medium von Handlungsführung, Figurenkonstellation und Figurencharakteristik, Raum- und Milieudarstellung aufbauen, stehen bei ihnen zumeist diese gegenständlichen Kon-textbezüge im Vordergrund des Interesses. Die Erwähnung von konkrete Zeitereignisse, historische Personen, aktuelle Entwicklungen, öffentlich diskutierte Probleme dienen vielfach der Lenkung der Aufmerksamkeit des Lesers auf die Beziehungen zwischen dargestellter »Welt« und gemeinter Wirklichkeit, das heilst auf den Modellcharakter des Werks. In der massenhaft verbreiteten Unterhaltungsliteratur haben sie oft auch die Funktion, eine Aktualität der Problemstellung geltend zu machen oder ein gewisses »Zeitkolorit« zu erzeugen, das heißt einen kommuniltttl'wi'n Wert, der, kritisch gesprochen, in die Kategorie der Warenästhetik gehört.
      Bei der Interpretation von größeren Erzählwcrkcn konkretisieren wir die gegenständlichen Wirklichkeitsbe/.üge auf verschiedenen Strukturebenen:
• auf der semantischen Ebene der dargestellten und angespielten Rcalitätsmomcntc,
• auf der thematischen F.bene der erörterten bzw. modellhaft »durchgespieltem gesellschaftlichen Probleme,
• auf der semiolischen Ebene der dargestellten Anschauungs-, Handlungs- und Verhaltensnormen usf.
      Diese werden im weiteren Verlauf der Analyse möglichst konkret ins Verhältnis gesetzt:
• zu den ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Entwicklungen;
• zu den dominierenden Inhalten und den Formen der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen;

• zu den Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins;
• zu den Ideologien der verschiedenen Klassen und Schichten sowie
• zu den unterschiedlichen politischen, sozialen und kulturellen Normen und Wertsystemen.
      Hierbei ist daran zu erinnern, dass bei der Benutzung zeitgenössischer wissenschaftlicher, publizistischer und anderer Quellen sowie aktueller, also unserer Gegenwart entstammender Darstellungen jeweils eine spezifische Differenz, zum Untersuchungsgegenstand besteht.
      So lassen sich literarische und wissenschaftliche Texte derselben Epoche in der Regel nicht unmittelbar aufeinander beziehen, sondern müssen in unterschiedlicher Weise je für sich auf die zeitgenössische Wirklichkeit bezogen werden, zu der sie Stel
!â– lung nehmen. Man wird zum Beispiel nur unter Vorbehalten die Exposition der »sozialen Frage« in den politisch-ökonomischen Schriften des ausgehenden 19. Jahrhunderts zum Maßstab für die Bewertung naturalistischer Darstellungen derselben Wirklichkcits-problematik heranziehen. Das Kriterium, nach dem literarisches Werk und zeitgenössische nicht-literarische Quelle ins Verhältnis gesetzt werden, ist die Perspektive unserer Gegenwart, und der Beurteilungsmaßstab ergibt sich aus dem jeweils fortgeschrittensten Stand der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft.
      Auch bei der Analyse von Erzähltexten, bei denen die Einordnung in einen sozialgcschichtlichen Kontext scheinbar durch den Darstellungsinhalt vorgegeben ist, dürfen Inhalt und Gegenstand nicht unvermittelt in eins gesetzt werden. Die Abbildfunktion des literarischen Werks ist mit seiner Darstellungsfunktion nicht identisch. In Fällen, in denen das Werk eine Darstellung seiner eigenen Epoche gibt, wie z.B. 1 leinrich Manns Untertan, wird das leicht übersehen. Es ist jedoch auch hier festzuhalten, dass der Roman ein Modell der wilhelminischen Gesellschaft konstruiert und dass durch diese Darstellung etwas davon Unterschiedenes, nämlich Heinrich Manns polemische Entgegensetzung zum gesellschaftlichen Bewusstsein seiner Zeit, seine Bilanzierung der »Geschichte der öffentlichen Seele« erarbeitet und mitgeteilt werden soll. — Der historische Roman ist wie der mit erfundenem Darstellungsinhalt darauf angewiesen, durch das Einmontieren von Realitätsdetails, durch die Anspielung auf Probleme, Gestallen, Kämpfe der Gegenwart seinen aktuellen Bezug -- und damit die Realisierung der Wirkungsabsichten - zu sichern. Solche >Rclais< zwischen Text und Kontext bilden hier eine unentbehrliche Slukturebene. Sie sind aber auch für die gegenständlichen Wirklichkeitsbeziehungen aller anderen literarischen Werke von großer Bedeutung. Die Autorennutzen sie, um durch sie auf den Kontext zurückzuwirken; denn das Zusammcnspiel intratcxtuciler und extra-textueller Strukturen ermöglicht es, dass Kunstwerke in einer historischen Situation [...] in das Wirklichkeiisvcrhältnis einer Zeit eingreifen können — und zwar gerade aufgrund ihrer relativen Distanz diesem Kontext gegenüber .
      Im Hinblick auf die pragmatischen Aspekte der sozialgeschichtlichen Wirklichkeitsbeziehung fragen wir, wie das Werk in den gesellschaftlichen Entwicklungen seiner Zeit steht, in welche Richtung sein Appell zielt und welchen Interessen die von ihm ausgehenden Impulse dienen. Diese Frage trägt der Tatsache Rechnung, daß Kunstwerke Stellungnahmen historischer Subjekte, von Individuen, sozialen Schichten und Klassen, zur Wirklichkeit und Auseinandersetzung mit ihr sind gleich oh sie als solche konstitutive Bedeutung für den historisch-gesellschaftlichen Prozeß hallen; sei es in der 75, I17).
      Die Trage nach dem pragmatischen Bezug des Werks zu seiner Entstchungszcit hat zunächst mit dem subjektiven Wüklichkcils-vcrhältnis des Autors wenig zu tun. Unabhängig davon, ob dieser die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen Hir sich und seine literarische Produktion überhaupt wahrnimmt, ist in seinem Werk die Standort- und Intcresscngcbundenheil seiner rextprodirzicrenden Tätigkeit objektiviert. Wir haben es bei der Analyse des pragmatischen Wirklichkeitsbezugs also eigentlich mit zwei unterschiedlichen, jedoch miteinander zusammenhängenden Fragen zu tun:
• mit der Trage nach der gcscllschaltlichcn Stellung und Veranrwortung des Schriftstellers, die sich als Engagement, Parteinahme bzw. Parteilichkeit beschreiben lässl;
• und mit der frage nach dem Interessencharakter des Werks, der sich pragmatisch als Tendenz aufweisen lässl und sich ästhetisch als Perspektive realisiert.
      Die erste dieser Tragen führt in den lebcnsgeschichtlichen Kontext und lässl sich in der Regel beantworten anhand von Selbstzeug-nissen, programmatischen Äußerungen und polilischcn Aktivitäten des Autors. Hierin gehört zunächst die praktische Einbeziehung der Schriftsteller in die Kample ihrer Epoche und damit meist verbundenen Debatten; so über die Parteinahme des Autors im deutschen Vormärz, über das Verhältnis von Literatur und Politik im antifaschistischen Lxil, über die von Jean Paul Sartres Lssay »Was ist Literatur« angestoßene Diskussion über die Möglichkeiten und Circnz.cn des Engagements.
      In der Theorie und Praxis des »sozialistischen Realismus« bildete die Kategorie der Parteilichkeit ein zentrales Bcstimmungs-moment. Wie Lenin in seinem Essay »Parteiorganisation und Par-teilirerarur« begründete, versteht sich der sozialistische Autor als aktiver Teilnehmer an der organisierten und planmäßigen Parteiarbeit, die er mir seinen literarischen Mitteln unterstützt. Das Prinzip der sozialistischen Parteilichkeit und die künstlerische Methode des »sozialistischen Realismus« sind allerdings mit dieser Forderung nach aktiver Beteiligung des Autors am politischen Kampf keineswegs vollständig definiert.

     
Es ist davon auszugehen, dass politische oder literaturprogram-malische Äußerungen des Autors über die tatsächlichen Wirk-lichkcilsbczichungen seines Werks nur wenig aussagen. Ebenso fragwürdig ist es, von der weltanschaulichen Position eines Schriftstellers unvermittelt Rückschlüsse auf sein Werk zu ziehen. Wenn etwa Martin Walser die Feststellung trifft: »Die Realisten unter den Schriftstellern interessieren sich lür den BeSchädiger im Schaden« , dann kann man dies zwar zum Ausgangspunkt einer Untersuchung seines Werks nehmen, wird es aber als Absichtserklärung nicht mit dem Analyse-Ergebnis verwechseln. -- Entscheidend für die Beurteilung des pragmatischen Wirklichkcirsbez.ugs ist, wie sich die Interessennahme und der Standort des Autors in seiner künstlerischen Methode und in der Struktur des Werks niederschlagen. Die Parteinahme bzw. die Parteilichkeit des Autors kommt in seinem Werk als Tendenz zum Ausdruck.
      Dies ist nun ein lange und heilig umstrittener Hegriff. Folgt man der traditionellen bürgerlichen Literaiuraulfassung, dann ist immer nur die gegnerische Literatur »tendenziös«, das heißt, diejenigen Werke werden als »einseitig« beziehungsweise als ideologisch vereinnahmt verunglimplt, deren Intcrcssengrundlage und Wirkungsziel der herrschenden Richtung zuwiderlaufen. Die Srandort-und Intercsscngcbundcnheir der eigenen literarischen Produktion und des eigenen kritischen Urteils wird vornehm übersehen.
      Der Tendenzvorwurf kleidet sich oft in die Torrn eines ästhetischen Urteils. Schon in den lhMOcr |ahren hat es, ebenso wie z.B. nach 1965, ernsthaft gemeinte Versuche gegeben, die Trage zu ergründen, ob es politische Literatur — gar politische Lyrik — überhaupt geben dürfe.
      Ein solcher Streit ist müßig. Die für die Literaturwissenschaft und literarische Produktion relevanten Probleme kommen erst in den Blick, wenn der Versuch einer Zensur der literarischen Wirklichkeit aufgegeben und gefragt wird:
• Wie ist die Realisierung schriftstellerischer Verantwortung und politischer Interessennahme auf der jeweils erreichten Entwicklungsstufe der künstlerischen Technik denkbar?
• Wie lassen sich operationale Wirkungsziele verwirklichen, ohne dass die spezifischen Erfordernisse und kommunikativen Möglichkeiten des poetischen Mediums außer Acht gelassen werden?
• Wie verhalten sich Parteinahme, Parteilichkeit und Engagement zur Autonomie des Kunstwerks?
An diesem Punkt wird die Diskussion über den Begriff Tendenzin der Tat interessant. Ideines Polemik gegen die »Fendenzdichter« seiner Zeit, Friedrieh Kngels' bissige Bemerkung, diese seien solche, »die den Mangel an Geist [...] durch politische Anspielung wettzumachen suchen« , führen auf die künstlerisch-technische Dimension des Problems. F.s ist ja tatsächlich so, dass die bloße, olt subjektivistische Erklärung guter Absichten wenig an literarischer Wirksamkeit erbringt, wenn es dem Autor nicht gelingt, seine Parteinahme in einen alle Dimensionen des Werks bestimmenden, kognitive und affektive Momente umfassenden Impuls zu verwandeln. Hierzu muss er nicht nur, wie ausgeführt hat, die Bewegungsgesetze der Wirklichkeit und das gesellschaftliche Handeln der Menschen genau kennen, sondern auch über eine hinreichende literarische Technik verfügen. Die Stellungnahme des Autors soll, wie schon Friedrich Kngels erläutert hatte, in der Darstellung vergegenwärtigt sein und nicht als Kommentar hinzugefügt:die Tendenz nnils ans der Situation und I landlung selbst hervorgehen, hervorspringen, ohne daß ausdrücklich darauf hingewiesen wird, und der Dichter ist nielu genötigt, die geschichtlich-zukünftige Lösung der gesellschaftlichen Konflikte |...| dem Leser in die I land zu gehen .
      Wenn wir also die Tendenz als die im Werk vergegenständlichte Stellungnahme des Autors definieren, als »die Richtung, in die das Pänzelwerk weist« , dann tritt diesem handlungstheoretischen Begriff der Inreressengebundcnheit die ästhetische Kategorie der Perspektive an die Seite. Diese ist eine Pägcnschaft der literarischen Darstellung, das heißt der Text-struktur. Ks handelt sich dabei nicht in erster Linie um manifeste Inhalte - etwa das Vorkommen eines >positiven Helden« oder den optimistischen Schlüsse Vielmehr kommt es darauf an, den im Werk realisierten spezifischen Blick auf die Wirklichkeit und ihre Faitwicklung, auf die Handlungsmöglichkeiten von Individuen und Gruppen zu analysieren, also vor allem die im Menschenbild des Werks greifbare »künstlerische Verdichtung des Wertangebots für das Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft« . In der Bemühung um eine realistische Perspektivegestaltung verbinden sich erkenntnistheoretische, literarisch-technische und ethische Aspekte der künstlerischen Methode:

Meiner Meinung nach gehört die Perspektive zum richtigen Schreiben. Wenn ich sie sehe und darzustellen vermag aus dem schwersten Konflikt heraus, kann ich den Konflikt erst darstellen. Seine Darstellung allein genügt nicht. Ls gehört zu meinem Beruf, daß ich sowohl die Leute, die ich darstelle, wie die Leute, die mich lesen, nicht ratlos sitzen lasse .
     

 Tags:
Sozialgeschichtlicher  Kontext    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com