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Literarischer Kontext



Der literarische Kontext bildet das wichtigste Bczugsfcld für die literarische Produktion und hat daher einen hohen Stellenwert auch für die methodische Praxis der Interpretation. F.s sollen daher in diesem Zusammenhang auch die praktischen Fragen der Frarbci-tung von Kontextbezügen etwas ausführlicher erörtert werden.
      Die besondere Bedeutung des literarischen Kontextes für die Interpretation resultiert aus zwei miteinander zusammenhängenden Tatsachen. Fastens bildet der Diskurs der Literatur ein relativ eigenständiges Subsystem der gesellschaftlichen Kommunikation und der literarische Prozess eine relativ eigenständige Dimension des historischen; die meisten Werke der Literatur haben daher eine besonders intensive, explizite oder implizite Beziehung zu anderen literarischen Werken. Zweitens bilden die Bedingungen und Werke, welche die aktuell verfügbare Tradition ausmachen.
      Die Untersuchung der Literaturverhältnisse und des literarischen Diskurses der Kntstchungs/.eit, bei der man vor allem auf literatursoziologische Darstellungen, aber auch auf gute Literaturgeschichten und Autoren-Biographien zurückgreilen kann, isl auch für die Klärung der pragmatischen Dimension in der Analyse des so/.ialgeschichtlichen Kontextes von Bedeutung; denn literarische Wirkungen können nur realisiert werden, wenn die Voraussetzungen für die Verbreitung und die Rezeption des Werks gegeben sind. Die Frage, ob ein Autor seine Adressaten erreicht, hat ja durchaus unterschiedliche Aspekte, von denen das Funktionieren der materiellen Ãœbertragung der Botschaft nicht der unwesentlichste ist. So werden hier die sozioökonomischen Bedingungen der Produktion und Distribution ebenso zu untersuchen sein wie politische Bedingungen , aber auch die materielle und kulturelle Lage der potenziellen Leser.
      F.s wird an dieser Untersuchungsdimcnsion eine >vertikale< Kon-textbildung bedeutsam, nämlich die Frage nach dem Verhältnis Autor-Adressat. Man wird vielleicht zunächst auf werkimmanente Adressatenrollen achten. So finden wir zum Beispiel in einem Erzählerkommcntar des Dreigronhenromans die Leseranrede: »wir Bücherkäufer ...«, eine Charakteristik des Adressaten von Brechts satirischem Roman, die durch mancherlei anderer Beobachtungen im Text vertieft werden kann. Line programmatische Bestimmung des Adressatenbezugs findet sich in dem literaturpolitischen Manifest des Autors »Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit« von 193^:
Nicht nur die Leute einer bestimmten Gesinnung mufs man ansprechen, sondern die Leute, denen diese Gesinnung auf Grund ihrer Lage anstünde .
      Die Frage, welches Lesepublikum der Roman tatsächlich erreichte, muss einer genauen lireratursoziologischen Untersuchung vorbehalten bleiben, bei der die Ermittlung des Veröffentlichungsorts , der Auflagenzahlcn, der Formen der Werbung für das Buch, wenn möglich die regionale Verbreitung usf. wichtige Arbeitsschritte sind. Die zeitgenössische Rezeption, zunächst ablesbaran Rezensionen, deren Publikationsort und -umfcld mir beachtet werden sollte, gibt dann schon einen ersten Eindruck davon, ob der Autor sein Publikum auch im übertragenen Sinne >erreichtematcrialbczogcncn< und einem >deiktischcn< Konlcxlbczug. Im zweiten Fall löst der Autor nicht nur die verwendeten Traditionsclcmcnlc aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang, um damit der eigenen Wirkungsabsicht entsprechend zu verfahren, sondern er »zitiert« die Quelle, lür den Leser erkennbar. Ks wird also nicht nur das Material der Tradition benutzt, sondern der Tradiiionsbczug selbst wird thematisiert. Das kann vom hymnischen Lob literarischer Vorbilder bis zur bitteren, das zitierte Werk vernichtenden Parodie gehen. In allen Dimensionen fragen wir nach dem Verhältnis von Ãœbernahme und Veränderung.
      • Die Frage danach, wie der Autor mit seiner Quelle - und der literarischen Tradition - umgeht, führt in der Regel zu einer Aussage über die Funktion des intertcxtuellen Bezugs in dem zu interpretierenden Werk. Der Autor eröffnet sich durch das Ãœbernehmen literarischen Materials spezifische Wirkungsmöglichkeiten, etwa die gezielte Ansprache ganz bestimmter Adressaten, die historische Perspeklivierung seiner Darstellung, die I lerstellung einer besonderen Unbestimmtheit beziehungsweise Mehrdeutigkeit - oder auch einer nur für Kingeweihte erkennbaren Bestimmtheit der Aussage. Ks gibt in der Literatur kaum spannendere Fragen als die nach der Beziehung der lexte zu anderen Iexten.
     

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