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Lebensgeschichtlicher Kontext



Der Versuch, die in der Tcxtbcschrcibung erarbeitete Hypothese über die Intention und Situation des Autors zum Zeitpunkt der Tcxlcntstchung zu verifizieren und gegebenenlalls zu modifizieren, führt zunächst aul die Analyse des lehensgeschichtlichen Kontextes. Wir fragen hier nach der tiegründetheit der Icxtcigcnschaftcn in Standort, Interesse und I lorizont des Autors. Wie ist die Produktion der »Ibdesfuge« als eine konkret-historische, symbolische Handlung zu verstehen? Attf welche bestimmte l lerausforderung antwortet der Icxt, wie begründen sich seine Ccgcnstandswahl, sein Verfahren und seine Wirkungsabsichl? Methodisch gesehen geht es auch in diesem Untersuchungsschritt um eine »logische Integration«: wir suchen einen stimmigen Zusammenhang zu rekonstruieren zwischen der Situation und Disposition des Autors Paul Celan am Ende des Krieges, seinen literarischen Produkrionsbedingungen und den beschriebenen Kigcnschaflcn seines Gedichts.
      Ãœber die Wahl des Gegenstandes der »Todesfuge« geben biographische Zeugnisse angemessen zuverlässige Auskunft. Aus ihrer Auswertung in der Celan-Forschung gewinne ich ein anschauliches Beispiel dafür, in welcher Weise biographische Fakten unter Umständen zum genaueren Verständnis eines Textes beilragen können. Meine Vermutung, dass es sich bei den im letzten Abschnitt pro-blematisierten Verszeilen - »er trifft dich genau« — um eine Selbstanrede des impliziten Autors handelt, stützt sich auf die Kenntnis von Celans »Ãœberlebensschuldgefühl« , das eisern Leben lang mit sich trug und das ihn 1945 dazu veranlasst haben mag, diese seine Rolle als vorgesehenes Opfer des faschistischen Terrors in besonderer Weise ästhetisch umzusetzen:der Ãœberlebende lastet es sieh als Verrat an den l.imordcicn an, daß er nichts gegen ihren Tod getan habe und selber entkommen ist. Fr versucht, diese seine vermeintliche Schuld zu sühnen, indem er durch psychische und physische Maßnahmen der Sclbstisolicnmg, des Verschwindens und Sich-verbergens symbolische Tode srirbt, die ihm seine I landluiigsohn-macht immer aufs neue beweisen .

     
In dem hier vorgeführten Sinn geben natürlich auch schriftstellerische Selbstzeugnisse - Tagebücher, Briefe, Arbeitsberichte, Essays, Notizbücher - Auskunft über die Entstehungsbcdingungen des jeweiligen Werks. Berühmte Beispiele sind Thomas Manns Die Entstehung des Doktor hausttts, Edgar Allan Poes Philosophy oj Compositum zu seinem Gedicht »The Raven« oder etwa die Notizbücher I'971--1980) von Peter Weiss, in denen der F.nt-stehungsprozess des Romans Die Ästhetik des Widerstands verfolgt werden kann. Dabei erlahren wir etwas über die Schwierigkeiten bei der l lerstellung des Werks, die verwendeten Erfahrungen, Quellen, Materialien. Es muss freilich nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass solche Autorkommentare und Selbstdeutungen ihrerseits interpretiert werden müssen; ihre Aussage ist mit der des kommentierten Werks nicht identisch, und es führt zu den absonderlichsten Fchldculungcn, wenn die Selbstinterpretationen von Autoren unvermittelt als »Klartext« der kommentierten Werke gelesen werden.
      Ãœber die durch Autorkommentare und Sclbstzcugnis.se gegebenenfalls gelenkte Suche nach konkreten Kontextbezügen hinaus bedarf es auch im weiteren Umfeld des Werks systematischer Suche nach Detailinlormationen, z.B. über die kulturellen Traditionen, in denen der Autor aufgewachsen ist, über seine literarischen Beziehungen, die Prodtiktionsbedingungen usl. So ist die l lerkunft Celans aus dem jüdisch-bürgerlichen Milieu der Bukowina der Anlass dazu gewesen, die Aulklärimg über die Fängangsmctaphcr seiner »'Ibdesfuge« in biblischen Schriften zu suchen. Auch für den in dem Gedicht vermittelten Fändruck einer >Zeitenthobenheit< des Darstclhmgsinhahs ließ sich in diesem Kontext eine plausible Erklärung finden. So erinnert Stichler unter Hinweis auf I lartmut Binder an die besondere Zeitauflassung des Judentums, nach der das Zitat aus der Tradition »ohne Rücksicht auf dessen ursprüngliche Bedeutung, direkt, also ohne Vermittlung der Analogie, als Aussage über seine gegenwärtige Situation verstanden wird«.
      Solche Feststellung bedeutet nun nicht, dass die Interpretation von der Aufgabe einer sorgfältigen Ermittlung des konkreten Realitätsbezugs dispensiert ist. Das Gedicht ist »nicht zeitlos, [...] es sucht durch die Zeit hindurchzugreifen — durch sie hindurch, nicht über sie hinweg« .
      Also käme es darauf an, den Grund für die auffällig verhaltene, fast rätselhafte Aussagestruktur der »Ibdesfuge« in den literarischen Produktionsbedingungen zu suchen, unter denen sie entstand. Hier lassen sich sehr konkrete Widerstände aufweisen, welche sich für die literarische Produktion Celans ergaben. Kr befand sich in der »Zwangslage«, für das - biographisch vermittelte — Thema seiner Cedichte keine Sprache zu haben. Neben die Unvorstell-barkeit des Ccschchens tritt die Korrumpicrthcit der Sprache, die für ihn »zugleich Mutter- und Mördersprache« war. Selbstverständlich wäre ein Hinweis auf die Tradition, in der Celans Lyrik steht, auf die Struktur einer bestimmten Linie der modernen Lyrik seit Baudelaire, an dieser Stelle nicht falsch. Kr würde jedoch — ebenso wie poetologische bzw. programmatische Äußerungen des Autors — die Krage nach den Cründcn für die Wahl dieser künstlerischen Methode nicht beantworten, sondern nur umformulieren. Anders: die [Unordnung der Verfahren in der »Todesfuge« in einen literarhistorischen Kontext, kann ihre Deutung im lebensgeschichtlichen und sozialgeschichtlichen Zusammenhang nicht ersetzen.

     
In den lebensgeschichtlichen Kontext eines Werks gehören auch rückblickende Aussagen des Autors über sein Werk. Sie stehen allerdings ihrerseits schon im Zusammenhang der Rezeptionsgeschichte und nicht mehr unmittelbar mit der Krage nach Genesis und zeitgenössischer Geltung des Werks. Celans »Todesfuge« trifft in den 50er Jahren in der Bundesrepublik auf einen Erwartungshorizont, in dem die ästhetisierende Vereinnahmung der Krinne-rung an die Opfer und Die Unfähigkeit zu trauern dazu beitrugen, dass die Krage nach der historischen und politischen Verantwortung der Deutschen zum Schweigen gebracht werden konnte. Wohl aus diesem Grunde hat sich Celan später geweigert, die »Todesfuge« öffentlich vorzulesen und im Hinblick auf den Gedichtband »Mohn und Gedächtnis«, in dem sie in der Bundesrepublik zuerst veröffentlich wurde, das Urteil gefällt: »In meinem ersten Gedichtband habe ich manchmal noch verklärt - das tue ich nie wieder« .
     

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