Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

Index
» Literaturinterpretation
» Wirklichkeit - Autor - Text: Produktionsästhetische Analyse
» Der Text als symbolische Handlung

Der Text als symbolische Handlung



Diese drei Dimensionen des Textes bilden in ihrem Zusammenhang die Tcxtstrategie. Ich verstehe darunter eine sinnvolle, sprachlich-künstlerische Organisation der Mitteilung im Hinblick auf einen sozialen Handlungszweck, der mit linguistischen Kategorien nicht mehr erfassl werden kann: »Der lext als translinguistische Einheit konstituiert sich als Einheit einer Sprachhandlung« . In der Definition des Texts als Sprachhandlung ist auch eine textproduzierende Instanz vorausgesetzt, wie immer man diese konkret bestimmt. Ohne den Bezug auf ein Subjekt, das schreibend Interessen verfolgt und Strategien anwendet kann der lext ebenso wenig verstanden werden wie ohne den Bezug atif einen Rczipicnlcn, der sich lesend als gemeint erkennt und die vom Text ausgehenden Impulse auf die eigene Lebenswelt bezieht, wie vermittelt das auch geschehen mag. Die pragmatische Dimension, die vorausgesetzte Wirkungsabsicht des Autors, umfasst also die beiden anderen. Dabei ist das Verstehen des Textes als Handlung fundiert im Verstehen des Textes als Rede .
      Der Mitteilungsgehalt und die Struktur literarischer Werke sind auf diese Weise begründet in der angestrebten Funktion: Der Autor vollzieht in einer bestimmten Situation eine symbolische Handlung, indem er von einem Gegenstand im Hinblick aul einen vorgestellten Adressaten und eine gewünschte Wirkung in einer spezifischen Weise redet. Für Kennern Burke, der den Gedanken »Dichtung als symbolische Handlung« einleuchtend ausgearbeitet hat, sind die literarischen Werke »strategische« bzw. »stilisierte« Antworten auf Fragen, welche die jeweilige Situation dem Autor stellt. Der Autor »transponiert« seine Erfahrung oder eine individuelle oder gesellschaftliche Herausforderung auf die Ebene eines Darstellungsinhalts und »umspielt« beziehungsweise »löst« sein Problem auf diese Weise. Verstanden wird seine Äußerung, sofern der reale Hörer/Leser sie — als Rede - auf ein Textschema beziehen kann, die Bezugsebene ist hier die Scmiotik und die Frage gilt der Bedeutung, und zugleich - als Handlung - auf ein Handlungsschema, die Bezugsebene ist hier die Pragmatik und die Frage gilt dem Sinn. Im Hinblick auf die Produktion literarischer Werke spreche ich von einer poetischen Sprachhand lung als der für den Diskurs der Literatur typischen Form des kommunikativen Handelns.
      Die Frage nach den Antrieben des kreativen Prozesses und den Faitstehungsbedingungen des literarischen Werks ist in der psychoanalytischen Literaturwissenschaft besonders gründlich erforscht worden . Die existentielle Notwendigkeit des künstlerischen Schaffens wird dabei ebenso betont wie die narzisstischen und exhibitionistischen Aspekte der schriftstellerischen Arbeit. Diese kann generell verstanden werden als Antwort auf eine frühe Traumatisierung und/oder eine aktuelle Krise. In Sigmund Freuds Essay »Der Dichter und das Phantasieren« wird die künstlerische Tätigkeit, in Analogie zum kindlichen Spiel und zum Tagt räum, als Befriedigung unerfüllter, teilweise unbewusster Wünsche bestimmt:
Man darf sagen, der Glückliche phantasiert nie, nur der Unbefriedigte. Unbefriedigte Wünsche sind die Triebkräfte der Phantasien, und jede einzelne Phantasie ist eine Wimschcrfüllnng, eine Korrektur der unbefriedigenden Wirklichkeit. Die treibenden Wünsche sind verschieden nach Geschlecht, Charakter und Lebensverhältnissen der phantasierenden Persönlichkeit ).
      Die Fliesen Freuds sind in der psychoanalytischen Literaturwissenschaft in mancher 1 linsicht kritisiert, umformuliert und ergänzt worden, unter anderem durch die Differenzierung der angenommenen Motive des Schreibprozesses und durch die Ausarbeitung der kommunikativen Dimension künstlerischer Arbeit und der spezifischen Funktion künstlerischer Formen im Blick auf das Unbewusslc. Zusammengenommen stellen die Ergebnisse dieser Forschungen eine glänzende handlungstheoretische Begründung der poetischen Sprachhandlung dar. Ihre Frwähnung in diesem Zusammenhang gibt zugleich Gelegenheit, einem Missverständnis vorzubeugen, das sich aus der vorgetragenen Definition des literarischen Werks als symbolischer Handlung eventuell ergibt. Ich verstehe die hier entwickelte Auffassung vom Text als eine Möglichkeit, die unabsehbar vielfältigen Motivationen und verwickelten Abläufe der literarischen Produktion als einen strukturierten, funktionalen Zusammenhang sichtbar und erkennbar zu machen. Die hierzu entwickelten Kategorien sind Bausteine einer Theorie und haben formalen Status. Sic bezeichnen Hinsichten, unter denen an der komplizierten Praxis der Literaturproduktion etwas erkannt werden kann. Die Struktur- und Funktionskategorien bilden die komplexe, unübersehbar vielfältige künstlerische Praxis nicht ab, sondern definieren ein Raster von Fragen, mit dessen Hilfe die

Besonderheit eines lexts und eines Schreibprozesses sich plausibel und überprüfbar beschreiben lassen sollten.
      In der produktionsästhetischen Perspektive richtet sich die Aufmerksamkeil auf das Verhältnis WIRKLICI IKF.I'f - AUTOR - TEXT im Horizont der F.ntstehungssitualion des einzelnen Werks. Sie sucht die ästhetische Eigenart des 'lexres aus den Fntstehungsbe-dingungen und dem Fntsteliungsprozess zu erklären. Sofern der Text als Ergebnis bewusster sinnprodtizierender Tätigkeit betrachtet wird, bildet die Frage nach der Autorintention — Gegenstand, Verfahren und Wirkungsabsicht umfassend -die zentrale Dimension der Analyse. Die Atitorintenlion ist jedoch aus dem Text allein nicht hinreichend konkret und sicher zu erschließen; noch weniger ist es die geschichtliche Funktion des Werks in seiner Entstcluingszeit. F.s bedarf daher der Analyse des Kontexts, um die Autorinrention und die ursprüngliche Wirksamkeit des Werks als die seine Historizität begründenden F.igcnschaltcn angemessen zu beschreiben.
      Die Analyse geht zu diesem Zweck in die Molivations- und Dctcrminationsgcschichtc des Textes zurück, um den Sinn des Textes in seiner Fntstchungszcit, als Mitteilung einer historischen Person an historische Personen, zu rekonstruieren. Hierzu versteht sie den Text als eine Botschaft des Autors. Als solche ist er zugleich Medium und Resultat eines Aneignungsprozesses und einer kommunikativen Handlung. Fr verhält sich implizit oder explizit stellungnehmend zu den gesellschaftlichen und literarischen Verhältnissen seiner Zeit, antwortet nach Inhalt und Form auf individuelle und gesellschaftliche Probleme und I lerausforderungen. Ãœber das hinaus und unabhängig davon, was der Autor meint, ist der Text auch ein Zeugnis seiner Entstehungssituation. Fr steht als Medium und Resultat einer bestimmten kommunikativen Praxis in den gesellschaftlichen und literarischen Verhältnissen seiner Zeit. Auch über das hinaus, was der Autor mitteilen will und bewusst tut, lässt sich am Text etwas erkennen über die Subjektivität des Autors, über die Formen des sprachlichen Handelns, der Anschauung, Deutung und Wertung der Wirklichkeit mittels sprachlicher und künstlerischer Techniken in einer konkreten historischen Situation .
      Jede Leserin und jeder Leser literarischer Texte weiß, dass diese sich über ihren Gegenstand, ihre Entstehungssituation und Wirkungsabsicht nur selten direkt aussprechen. Ist bei einem Essay, einem wissenschaftlichen oder Gebrauchstext, das Gelingen der Kommunikation in der Kegel dadurch gesichert, dass die Situation unmittelbar gegeben, der Gegenstand und das Ziel der Mitteilung explizit benannt sind, so bleiben Schreibanlass, Gegenstand und Schreibziel bei literarischen Werken meist unausgesprochen. Ebenso implizit bleibt meist der Bezug auf einen bestimmten Adressaten. Die Darstellung literarischer Werke bezieht sich auf das, »was nicht gegeben ist« .
      Literarische Texte sprechen in der Regel die Realität, aus der sie entspringen, nicht direkt aus, sondern verarbeiten sie in einer strategisch stilisieneiK Weise; man hat in diesem Zusammenhang auch von »Inszenierung« gesprochen . Diesen Sachverhalt hat Klaus Scherpe , einen Gedanken Walter Benjamins aufgreifend, in die These gefasst, dass der literarische Icxt als eine Einheit von Erfahrung und Konstruktion existiert und verstanden werden muss. Er ist nicht eine Exposition der ihm vorauslicgenden historischen Erfahrung, sondern er modelliert sie und bezieht damit zugleich Stellung in ihr.
      Die für die Interpretation wichtige Unterscheidung von Gegenstand und Inhalt lässt sich an dem Einleitungskapitel aus Brechts Dreigroschenroman vergegenwärtigen. Der Gegenstand des Romanabschnitts, den wir vor uns haben, ist nicht die Geschichte des Soldaten Ecwkoombey, diese ist der Inhalt des Textes. Indem der Autor diesen Inhalt darstellt, appelliert er an den Leser, sich etwas bestimmtes Anderes vorzustellen und zu verstehen. Die Erfahrungen, welche der Soldat Ecwkoombey macht, sind fiktiv - die wirkliche Erfahrung, welche den Autor dazu veranlasst, diese fikrionale Darstellung zu geben, ist nicht Gegenstand der Rede, sondern Gegenstand der durch sie fundierten poetischen Sprachhandlung. Die Geschichte wird erzählt, um etwas zu vermitteln, was mit ihr nicht identisch ist: die Botschaft des Autors mitsamt dem Ausschnitt der Wirklichkeit, auf den sie sich bezieht.
     

 Tags:
Der  Text  als  symbolische  Handlung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com