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Der Text als Fiktion



Die in Brechts Dreigroschenroman dargestellte Wirklichkeit ist nicht historisch gegeben, sondern erfunden. Sie ist Fiktion, das heißt zunächst: Sie zeigt sich selbst und zugleich auf etwas anderes. Geredet wird von einem Soldaten, der im Jahr 1902 verwundet aus dem Burenkrieg heimkommt und eine Anstellung in einem Unternehmen für Bettlerutensilien erhält. Gehandelt wird mittels dieser Darstellung im Jahr 1934 auf dem Hintergrund von Er-fahrungen, die als Vertreibung aus dem eigenen Land, als Mühe der politischen und künstlerischen Neuorientierung, als Arbeit an der Deutung und Bewältigung dieser gesellschaftlichen und individuellen Krise beschrieben werden können. Zwar gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Darstellungsinhalt und der Entstehungssituation des Textes. Dieser ist jedoch verstehbar und erkennbar nur im I linblick auf die literarische Struktur des Werks als ganze. Der Wirklichkeitsbezug des fiktionalen Textes ergibt sich nicht aus einzelnen Aussagen oder Darstellungselemcntcn, sondern er ist »eine Funktion der Poetik der Fiktion, die mehr oder weniger auf Realität unc kollektive Erfahrung von Realität hingeordnet sein kann« .
      Wer erzählen will, mufs sich zunächst eine Welt errichten, eine möglichst reich ausstaffierte bis hin zu den letzten Details. [... | Das Problem ist, die Well zu errichten, die Wone kommen dann fast wie von seihst. Rem teile, verlxt sequeiitiir. |...| Man kann sich auch eine ganz irreale Well errichten, in der die l'.scl fliegen und die Prinzessinnen durch einen Kufs geweckt werden, aber auch diese rein phantastische und >blo.
      In diesen Bemerkungen des Semiotikers und Erzählers Umberto Eco werden wesentliche Eigenschaften der Fiktion aus produk-tionsästhetiseher Perspektive anschaulich vergegenwärtigt. Das Schreiben unter der Voraussetzung einer fiktionalen Kommuni-kationssituation bietet dem Autor die Möglichkeit, bei der Verarbeitung seiner Erfahrungen oder der gesellschaftlichen I lerausforderung, welcher er schreibend zu begegnen sucht, die Bedingungen der Darstellung und gegebenenfalls der Lösung wirklicher Probleme - und seien es solche der literarischen Methode - in gewissem Maße selbst zu bestimmen. E,r kann eine »Welt« entwerfen, in deren Perspektive und >Gescrzmä-ßigkeit< die Widersprüche und Herausforderungen der Wirklichkeit durchschaut werden können, ein eingreifendes Handeln< in der Vorstellung als möglich erscheint, der Mangel, der ihn drückt, als aufhebbar. »Was unsere Figur mehr hat als wir«, sagt Martin Walser, »das macht unseren Mangel aus« .
      Vorgreifend von Identität zu sprechen, die in der Wirklichkeit zum Problem wurde ; historische Erfahrungen als individuelle Lebensgeschichte durchzuspielen, um auf sie in der Gegenwart politisches Handeln zu gründen ; einen kapitalistischen Diskurs satirisch verfremdet auszustellen, um die in der Wirklichkeit sorgfältig verborgene Affinität von Geschäft und Verbrechen vor aller Augen zu legen : all dies erlaubt die Fiktion dem Autor, auch wenn es wohl nur selten mit der FXindung der »Welt« schon getan ist und nicht immer so »last von selbst« geht, wie Fco uns glauben machen will. Der Autor des liktionalen Textes kann fiktive und nicht-fiktive Sachverhalte bis zur Ununicrschcidbarkeit mischen, denn die Frage nach dem Wirklichkeilsbezug der einzelnen Sätze und Darstellungselemente ist auf besondere Weise relativiert.
      Zwar ist gerade für den realistischen Schriftsteller Brecht die Frage nach dem angemessenen Verhältnis von Darslcllungsinhalt und Wirkungsstrategie im gesamten Schrcibprozcss stets gegenwärtig. Jedoch entwirft er seine fiktive »Welt« nicht als eine einfache Nachahmung einer wirklichen, sondern als deren Modell. Fr nutzt und entbindet dabei absichtsvoll die Leistungsfähigkeit der Fiktion als Spiel- und Frkenntnismedium, über welche sie ihrem Wesen nach verfügt und die ihre besonderen kommunikativen Funktionen im gesellschaftlichen Lcbcnsprozcss prägen und ermöglichen. Der fiktionale Text ist als ganzer dem Wirklichkeilszusammenhang, dem er entstammt, zugleich >ähnlich< und >iinähnlich< fF). Fr bietet die Möglichkeit, diesen Zusammenhang für den Leser lebendig zu vergegenwärtigen und zugleich durchschallbar zu machen, sofern dieser bereit ist, sich auf die Spielregeln - und auf den F.rnst - der fiktiven Welt gleichermaßen einzulassen. Die Figenschaften der Fiktion, welche aus dieser ihrer besonderen modellbildenden Funktion resultieren, gewinnen zusätzliche Attraktivität für den Leser gerade aus dem dynamischen Spannlingsverhältnis zwischen der literarischen Darstellung und der in ihr >gcmcintcn< Wirklichkeit:
Ihrem Wesen nach meint Fiktion Differenz, nicht Identität von Sachverhalt und Sachlage , sei es nur partiell. Doch hat dann gerade die partielle Abweichung, wenn sie nicht als Versehen eliminierbar ist, die Chance, zum springenden Funkt der konstruktiven Intention und der poetischen Motivation zu weiden .
      All dies muss uns als Lesenden natürlich nicht eigens gesagt werden. Wir wissen es, weil wir schon vorab in eine bestimmte Leserrolle eingewiesen sind. Sobald wir auf dem Titelblatt des Buches lesen: Dreigroschenroman, stellen wir uns auf eine fiktionale Kommuni-kationssituation ein - unangesehen, wovon der Text reden mag. Wir beziehen das Gelesene auf ein vom Autor benutztes Handlungsschema: nämlich das einer poetischen Sprachhandlung und darüber hinaus auf ein uns vertrautes Textschema, nämlich das des

Erzählens. Wir erwarten eine Geschichte, ohne noch zu wissen, wovon diese handeln wird.
     

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