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Was macht der Leser, der einen Text liest?



Als elementare Rezeptionsleistung bei der Aufnahme auch nicht-fiktionaler Texte hat Karlheinz Stierle die Konstitution und Per-spektivierung von Sachlagen herausgearbeitet. Dieser Vorgang geschieht sukzessiv, ist aber stets sinnbezogen und ganzheitlich. Das heißt: Der einzelne, beim Lesen aufgenommene Salz, die einzelne Sachlage, wird aufgefassr im Horizont einer Vollständigkeit, welche sowohl Abgeschlossenheit der Bedeutung als auch deren pragmatischen Sinn als eine sprachliche Handlung umgreift. Wir verstehen einen Text nur, sofern wir ihn als Rede und als Handlung verstehen. Der einzelne Satz, die einzelne im Satz exponierte Sachlage eines Textes, wird also immer nicht nur als solcher aufgefasst, sondern stets auch als Baustein einer antizipierten Ganzheit.
      Das »Vorschreiten« und »Rückschreiten« , das alles Textverstehen bestimmt, kann methodisch in der Figur des hermeneutischen Zirkels gefasst werden: Das Ganze ist nur aus seinen Teilen, diese sind jedoch nicht ohne Antizipation des Ganzen verstehbar. Im Lektürevorgang wird dem jeweils gelesenen Satz bzw. Icxtrcil ein aktueller Sinn unterlegt, der hypothetisch bleibt, ollen für Veränderungen, die sich aus der Kenntnisnahme weiterer Sätze und Sachlagen ergeben können. - Es ist dabei nicht ohne Bedeutung, dass die vorauszusetzende Bereitschaft des Lesers, den je gebildeten Sinn wieder zu suspendieren, unter der Prämisse einer prinzipiell erreichbaren relativen Abgeschlossenheit steht.
      Es entsteht also an jedem Punkt der Lektüre eine charakteristische »Durchgangsfigur«, in der die Entfaltung der Tcxtbcdcu-rtmgen, ein steter Wandel der aktuellen Sinnhorizonic und ein wandernder Blickpunkt« miteinander korrelieren. In einer fiktionalen Geschichte arrangiert der Leser an jedem Punkt der Lektüre einen sinnvollen Abiaul , von dem aus weitere Vorblicke auf das Geschehen möglich werden. Dillerenzcn zwischen diesen Prospektionen und dem tatsächlichen Textverlauf bieten u.a. die Möglichkeit, das Phänomen der »Spannung« im Lese-Vorgang näher zu untersuchen.
      Die dem Leser eines jeden lextes abverlangten Rezeptionsleistungen und die Struktur, in denen sie sich vollziehen, sollen an einem Beispiel veranschaulicht werden; ich wähle dazu einen Auszug aus einem narrativen Text, von dem zunächst nur der Anfang mitgeteilt wird:
Wir waren gut vorangekommen. Aber da war es schon wieder ans. Wir mußten im Kreis gegangen sein.
      Als Ausgangspunkt der Analyse fixieren wir eine »Momentaufnahme« in der Sukzession des Lese-Vorgangs. Sie stellt die >wandernde Struktur« von Horizonten dar, welche sich aus der kontinuierlichen Veränderung in den Beziehungen zwischen bereits realisierten und noch antizipierten Bedeutungen ergibt. Unter rezeplionsäs-thetischem Aspekt kommt es darauf an, die einzelnen Sachlagen gegeneinander zu spiegeln, um diese Erwar-tungs-Erfahrungs-Struktur konkret sichtbar zu machen: Welche Erwartung weckt der erste Satz; wie verhält sich zu diesen der zweite? Wie steht der erste Satz im Lichte des zweiten; wie der erste und zweite im Lichte des dritten usf.? Das ist ein Analysevorgang, der sich rasch verzweigt und daher mit jedem Schritt unabsehbar an Komplexität zunimmt. Man wird das Verfahren daher nur an jeweils kurzen Texren bzw. Textauszügen anwenden können. Hier ist es jedoch in der Lage, über die Eigenschaften des Textes und die bei seiner Lektüre sich vollziehende rezeptive Tätigkeit in ihrem Zusammenhang Auskunft zu geben. Wenn mandabei einen Textanfang auswählt, verringern sich che Schwierigkeiten etwas, insofern es keinen Kontext mach links« gibt. Unter den vielfältigen Unbestimmtheiten, die der erste Satz unseres Beispiels enthält, erscheinen drei als besonders relevant: Wer war gut vorangekommen, wobei und zu welchem gegenwärtigen Ergebnis? Die Vorvergangenheit spannt die Erwartungen aul einen Zeitpunkt hin, an dem sich die Erzählung sozusagen »einholt«. Die vom hier vorerst nur behaupteten — . Auch hierbei werden natürlich mannigfache Unbestimmtheiten aufgefüllt. Sie resultieren jedoch nicht aus unabgeschlossener Lektüre, sondern aus der unaufhebbaren Abstraktion, welche sich aus dem
Charakter der Sprache ergibt. Jeder Leser wird sich unter dem »nassen Grün« etwas anderes vorstellen; aber die Inhaltlichkeit dieser Vorstellung bzw. lllusionsbildung ist für den erzählten Vorgang, die erzählte Geschichte, nur Hintergrund. • Zugleich aber sind diese Vorstelhmgsleisfungcn sowohl gefordert als auch in gewisser Weise gelenkt durch den Stil der Darstellung, das heißt durch die Wirkungsstraiegie des Autors. Wir gehen beim Lesen davon atis, dass er weiter Wesentliches weglässt, noch ohne Absicht so unbestimmt redet. Das heißt: Wir realisieren im lext eine strategische Unbestimmtheit. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich deswegen gerade nicht MÃœ die mannigfaltigen Vorstellungen, welche sich lür uns mit Begriffen wie Regenzeit, Lagerfeuer, Papageien usw. verbinden, sondern auf den in lakonischen Sätzen mitgeteilten Geschehensablauf selbst.
      Hierbei wird nun deutlich, dass die einzelnen Sachlagen des lextes eine Perspektivierung erfahren im Hinblick auf die Sachlage, welche wir als sein Thema bezeichnen können . Wir stellen uns einen Augenblick vor, es handele sich bei dem vorliegenden Auszug um einen vollständigen Text, etwa eine »Kürzestgeschichte«. Ein mögliches Schema des Vorgangs wäre dann - je nachdem, welche Chance der Leser den Figuren IL, F. und dem Erzähler geben will - »der Stärkere siegt« oder: »Einer kommt durch«. Wir haben jedenfalls die Darstellung eines ziemlich mitleidlosen Uberlebenskampfcs vor uns, mitsamt verhinderter Kommunikation - als Ursache?
Wenn es sich bei unserem lext um eine abgeschlossene Geschichte handelte, dann fände der dargestellte Prozess der Proten-tionen und Rctentionen an diesem Punkt ein vorläufiges Ende. Der Leser schließt den lext dadurch zu einer Ganzheit zusammen, macht ihn konsistent, dass er die einzelnen Sachlagen und die mit ihnen verbundenen Vorstellungskomplexc auf die Vollständigkeit und relative Abgeschlossenheit einer Geschichte bezieht.
      Perspektivieren wir auf diese Weise die einzelnen Sachlagen des Textes im Innenhorizont einer erzählten Geschichte, so gibt es in dieser natürlich noch vielfältige andere Perspektivierungen, die ebenfalls die Rezeption des Lextes lenken und die sich vor allem auf der Ebene der Konnotationen bewegen. Die wichtigste von ihnen ist die Erkennbarkeit einer Erzählsituation und eines Erzählers. Dessen vom berichteten Geschehen merkwürdig abweichende Erzählhaltung verweist darauf, dass die die Geschiente bildenden Sachlagen des lextes auf einen Außenhorizont hin perspcktiviert sind. Mit diesem BcgriH"bezeichnet die Rczcplionsthcorie all das, »was in der Weh der Fall ist, aber thematisch uncrgriffcn bleibt« . Wir konstituieren als Leser des vorliegenden Textes eine »Welt«, in der der Erzähler - etwa ein davongekommener Expcdilionsieilnchmcr - uns mit leicht ironischem Unter-ton von seinen Erlebnissen berichtet. Von ihm könnten wir uns gegebenenfalls nähere Auskünfte über die beteiligten Personen, deren weiteres Schicksal, über /weck und Erfolg der Reise erhoffen.
      Wir stoßen hier auf eine weitere, in der Analyse methodisch zu reflektierende Rezeptionsleistung des Lesers, die als Modalisierung bezeichnet wird, das heilst, »die Zuordnung der durch sprachliche Steuerung konstituierten und perspektivierten Sachlage zu einem vorauszusetzenden Sachverhalt« . Spätestens hier haben wir zu realisieren, dass unser narrativer l'ext ein jiklumtäer Text ist; denn im Hinblick auf die Modalisierung unterscheidet sich der liktionalc lex! grundlegend vom pragmatischen:
Das Verhältnis von Sachlage und Sachverhalt ist nicht wie im pragmatischen lexl ernsthalt und verbindlich lestgelegl, die Sachlage des lextes ist dem fiktinnalcu Äquivalent eines Sachverhalts zugeordnet, und zwar so, dass diese Zuordnung sieh durchspielen läßt, ohne dass sich daraus unmittelbare Folgen für das 1 landein des Rczipicntcn ergehen .
      Der vorgestellte Außcnhorizont unserer . Die den Wortlaut des lextes weit übersteigende Konkretheit der beim Lesen konstituierten literarischen Darstellung verdankt sich zum großen Teil einer pseudopragmatischen Rezeption, das heißt einer Vorstellungsaktivität, in der die vom Text exponierten Sachlagen an die eigene Erfahrung angeschlossen werden: Wir haben den Text so gelesen, als ob sich die , wechseln wir den 'Textblickpunkt: Aus einem Leser der , nur im je aktuellen l.esevorgang vergegenwärtigt werden, der nach einer solchen Durcharbeitung des likti-onalen Textes allerdings unter gewandelten Voraussetzungen sich vollziehen würde, aber immer wieder darauf angewiesen bleibt, eine literarische Darstellung in der ästhetischen Krfahrung zu vergegenwärtigen.
      Der Prozcls der Rezeption fnulel seine Grenzen nur .in der Fähigkeit des Rezipicntcn, den rezipierten Iext als eine unendliche Menge von sinn-konsiituierenclen Relationen klar und disünkl zu erlassen ,das heiKt subjektiv: innerhalb der gibt Auskunft darüber, wie weit der Frlahrungsinhalt und die gegenständlichen l'ägenschalten der Rezeptionsvorgabe vom einzelnen Leser für die Sinnkonstitution wirksam gemacht werden können. Wenn die »Durcharbeitung« des Textes darin besieht, seine konstitutiven Leistungen nicht nur wahrzunehmen, sondern zu erkennen, so bedeutet das eine Ãœbersetzung der Sukzession im Leseverlauf in die Simultaneilät der Text-Schichten und Text-Klemente im Text-Raum. Das ist ein doppelter Reflexions- und Lrkenntnisprozess: Wir erkennen das Sukzessive als die Knt-faltung einer Gleichzeitigkeit und wir erkennen die imaginäre Vorstellung als gebunden an ihr materielles Zeichensubstrat.
      • Hierbei wird nun die Frage relevant, wie sich in der Durcharbeitung des Textes das Verhältnis des Lesenden zum impliziten Leser entwickelt. Diese Frage ist die nach der Aktualität des Textes; sie markiert einen grundlegenden Zugang zur Wertungsproblematik. Fs ist klar, dass das möglichst genaue Kr-fassen der Handlungsrolle des impliziten Lesers zum adäquaten Textverstehen wesentlich beiträgt; jedoch bleibt es nicht dabei, sondern dieses Verhältnis selbst kann sich, in der historischen und ästhetischen Wertung als Ãœbereinstimmung, Differenzoder Spannung realisieren . Ks kommt, so gesehen, also nicht darauf an, sich mit dem impliziten Leser zu identifizieren, sondern, als historische Person, im Verhältnis zu ihm.
      Wenn die beiden in diesem Zusammenhang gebrauchten Kategorien Lesbarkeit und Anschliefsbarkeit und ihre Unterscheidung einen Sinn haben sollen, so müssen sie als subjektive und objektive bezogen werden auf die Differenz von Bedeutung und Sinn.
      • Die Lesbarkeil eines Textes würde dann die objektive und subjektive Möglichkeit einer Realisierung seiner l'cxtbcdeulung sein. Das hat, auf der Seite des lesenden Subjekts, mit der Rezeptionskompetenz, der Fähigkeit zum Aullassen und l'erspektivieren komplexer Sachlagen in Texten zu tun. Icxtscitig ist es die Frage nach der Transparenz der Rezeptionsvorgabe, das heißt der Frkcnnbarkcil der im Text angeeigneten hrfahrungen, Realitätsebenen etc. Ks ist ja gar nicht ausgemacht, ob - und wie beispielsweise ein mittelalterlicher
Iext heule noch verstanden werden kann. Lesbarkeit ist also eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung der Anschlielsbarkeit.
      • Anschließbarkeit bedeutet die objektive und subjektive Möglichkeil einer Aktualisierung des Textes und seiner Krfahrung. Das hat leserseitig mit der Möglichkeit der kritischen Standortbestimmung im Blick auf den Iext zu tun, mit der Frage also, wie weil die vom 'Text vergegenständlichten Probleme und Antworten liir den Lebenszusammenhang des Lesers relevant sind. Soweit die in der aktuellen Rezeption vom Leser konstituierte Textbcdcuiung im zeitgenössischen Horizont, das heilst über das einzelne Individuum hinaus, Aktualität gewinnt, ist eine objektive Anschlielsbarkeit gegeben. Der Text wird dadurch an einen überindividuellen Rczeptionshorizont anschliefsbar, dass seine Probleme wie seine Antworten in ihrer Aktualisierung durch den einzelnen Rezipicntcn zugleich einen »Fängriff« in intersubjektive gesellschaftliche Kommunikationszusammenhänge und die in ihnen jeweils aktuellen Konstellationen bedeuten wie fordern. Wesentlich hierdurch realisiert sich die Wirkung des literarischen Werks.
      Verweist uns die Frage nach der Lesbarkeit textseitig auf die strukturelle und historische Untersuchung und leserseitig auf die Veränderung des Rezeptionsrepertoires und der Rezeptionskompetenz, so führt die Erörterung ihrer Anschließbarkcit auf die Untersuchung des Rezep-tionskontextes, dessen Entfaltung indirekt auch der Historisierung des lesenden Subjekts dienen kann.

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