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Text und Kontext



Erwartungshorizont und lnteressenstruktur als leserseitige Voraussetzungen der je konkreten Lese-Erfahrung und Sinnkonstilution lassen sieh kaum direkt, sondern nur in Bezug attl gleichzeitige und historische Wissens- und l'raxishorizontc methodisch reflektieren. Solche für die rezeptionsästhetische Analyse wesentlichen Hinsichten sind allein greifbar zu machen als unterschiedliche Kontexte der aktuellen Lese-Erfahrung, deren Atiswahl, Kontur und Ausarbeitung wiederum von dieser Erfahrung selbst sowie den erkenntnisleitenden Interessen der Interpretation mitgeprägt werden. Der unausgesprochene, die Lektüre vorgreiflich bestimmende Zusammenhang von individuellem Leseverständnis, Lese-Haltung und Rezeptionssituation wird einer Reflexion teilweise zugänglich, indem der Leser sein Textverständnis in den f lorizont der eigenen und eines geschichtlichen Ãœberlieferungsprozesses der Literatur. Von diesem her sind im Einzelfall sowohl die Rezeptionsbedingungen als auch der Erwartungshorizont und die Interessenstruktur des Lesers mit determiniert. In der Eingebundenheit der Literarurrezeption in gesellschaftlich-geschichtliche Bedingungen ist ebenso gut wie in den gegenständlichen Eigenschaften der Rezeptionsvorgaben die Tatsache begründet, dass Interpretationen literarischer Werke zwar historisch und sozial variabel, aber dennoch nicht vollkommen beliebig sind. Eine Untersuchung des Rczeptionshorizonts kann also neben den Voraussetzungen der Lese-Erfahrung zugleich die Grenzen des Deutungsspielraums klären helfen. Die synchronen und diachronen Vermittlungen der Lese-Erfahrung lassen sich durcheine Kontextanalyse teilweise aufklären. Zu ihnen gehören in erster Linie die gesellschaftlich bedingten und geschichtlich wirksamen Verstehens-, Deutungs- und Wertungsmuster der Literatur, aber auch lebensweltliche Normen und Praxisformen. Die rezeptions-orientierte Analyse hat es entsprechend mir zwei unterschiedlichen Kontexten der eigenen Lektüre-Erfahrung zu tun:
• Mit dem literarischen und literaturgeschichtlichen Kontext: dem Diskurs der Literatur, den Literaturverhältnissen, der literarischen Ãœberlieferung generell und der Wirkungsgeschichte des jeweils behandelten Werks;
• mit dem geschichtlich-gesellschaftlichen Kontext: der gesellschaftlichen Praxis, der Ideologie, den historischen Entwicklungen und politischen Auseinandersetzungen der eigenen Gegenwart.
      Die Frage, wer warum wie versteht, bestimmt also auch den zweiten Aspekt der rezeptionsorientierten Analyse in der Literaturinterpretation. Und auch hier gilt, dass das Interesse an den involvierten Interessen die pragmatische Achse der Untersuchung darstellt. Nachdem durch den Vergleich des eigenen Tcxtvcrständ-nisses mit dem im Text >programmierten< Lese-Verhalten eine teilweise objektivierende Beschreibung des »Wie« erfolgte, geht es jetzt um die frage nach dem »Warum« und damit indirekt nach dem »Wer«. Auch hier haben wir es mit einer hermeneutischen Reflexion zu tun, die vor allem dem »Selbstverstehen im Fremdverstehen« dient und nicht etwa einer systematischen Fixierung von vorgreiflichen Rezeptionsbedingungen. Die Klärung des eigenen Standorts und der eigenen Interessen im Blick auf das interpretierte literarische Werk bedeutet zugleich deren Veränderung und ist eine der wesentlichsten Voraussetzungen dafür, dass das Werk in der Rezeption überhaupt eine Wirkung entfalten kann.
      Unter der Historisierung des lesenden Subjekts verstehe ich den Versuch, die eigene Lese-Erfahrung und den eigenen Erwartungshorizont im Verhältnis zu anderen - zeitgenössischen oder geschichtlich früheren - zu identifizieren. Sie ist nicht denkbar ohne eine bewusste Weiterentwicklung der literarischen Kommunikation, der Verständigung über Lese-Erfahrungen und Texte. Denn wenn ich mich als lesendes Subjekt - in den jeweils gegebenen Grenzen — historisieren will, muss ich mich ins Verhältnis setzen zu umgreifenderen Horizonten oder zu anderen Subjekten und deren Verstehens- und Kommunikationsvoraussetzungen. Das kann zunächst der Autorhorizont sein und dessen, durch die produktionsästhetische Analyse und Kontextanalyse herauszuarbeitenden, geschichtlichen Bedingungen. Auf diese Weise identifiziere Hie Rezeptions- bzw. Wirkungsgeschichte wird konstituiert durch die historische Lolgc der nacheinander- und in vielfältigen Relationen zueinander - realisierten aktuellen Bedeutungen und Wirkungen der Texte, wie sie in den überlieferten Rezeptionszcugnis-sen indirekt greifbar sind. Sie gehen in den jeweils gegenwärtigen Erwarrungshorizont und damit in die potentielle Bedeutung und Wirkung des Textes ein, auf deren Grundlage der gegenwärtige Rezipient einen aktuellen Textsinn konstituiert. Dieser Re/.i-pient ist mit den Irüheren Lesern des Werks jedoch noch anders verbunden als allein durch tue Wirkungsgeschichte des Werks. Kr steht als lesendes, handelndes Subjekt im gleichen historischen Pro-zess; und die in der Clegenwart gegebenen Rezeptionsbedingungen sind auch von dieser geschichtlichen Kontinuität mit bestimmt. So sind etwa die heutigen Leser und Leserinnen Raul Celans die Knkcl der zeitgenössischen Rezipienten , die das zeitgenössische Publikum des Autors bildeten. Ihre Krlahrungcn, Erwartungen und Interessen sind auch auf aufserliteiarische Weise mit denen früherer Rezipienten verbunden. Diese durchaus auch methodisch rekonstruierbare, Widersprüche und Brüche einschließende Kontinuität, wird in rezeptionsorientierten Untersuchungen gerne unterschlagen oder in den Hintergrund gedrängt. Will man jedoch mit der Aufgabe ernst machen, die Interessen und den Standort des Interpreten jeweils mit zu explizieren, so wird man gerade ohne diese geschichtliche Identifikation nicht hinkommen.
      Indem wir die eigenen Rezeptionsvoraussetzungen zu reflektieren suchen, beschreiben wir sie also zunächst als eine wirkungsge-schichtlich gesättigt literarische Gegenwartssituation.
      Hierzu kann man die folgenden I''ragen stellen:
• Welche Bedeutung hat der Autor/die Gattung im gegenwärtigen literarischen Leben
• Von welchem Publikum wird er gelesen?
• In welchen Medien und Präsentationsformen wird sein Werk verbreitet?
• Wie ist er in der Literaturkritik besprochen und gewertet?
• Welche Rolle spielt er in der Literaturwissenschaft und im schulischen Unterricht?
Bei der Beschreibung der literarischen Rezeptionssituation in diesem umfassenden Sinn wird in der Regel der wirkungsgeschichtliche Aspekt im Vordergrund stehen. Ãœberlieferungsgeschichtliche Ermittlungen sind -abgesehen von den Aufgaben der Textkritik im engeren Sinne — nur insoweit unmittelbar relevant, als sie die jeweilige Präsentationsform des Autors/Werks und damit eine für die ästhetische Erfahrung ja nicht unwichtige Seite des Lesevorgangs erhellen können.
      Mit diesem Hinweis ist schon die Notwendigkeit angesprochen, im Rahmen einer Reflexion der gesellschaftlich-geschichtlichen Rezeptionssituation auch die aktuelle Kommunikationssituation zu thematisieren, in der die Lektüre und Interpretation jeweils stattfindet. Mit dieser Ãœberlegung verbindet sich ggf. eine Besinnung auf die individuellen Voraussetzungen der Lektüre, vorangegangene Lese-Erfahrungen, persönliche Situation, tatsächlicher Abiaul des Lese-Vorgangs usf. Bezogen auf den einzelnen Lese-Vorgang können sich die folgenden Kragen als nützlich erweisen:
• Welche Vermittlungsinstanz hat den Text zur Lektüre ausgewählt/bereitgestellt?

• In welcher äußeren form ist er präsentiert ?
• Was ist der Lese-Anlass ?
• Gab es, beispielsweise in Verbindung mit einem Lektüre-Auftrag, Vorinformationen, Wertungen?
• Wie hat sich die individuelle Lese-Situation auf den Lesevorgang ausgewirkt ?
• Gab es eine vorab formulierte Anweisung für die Erstellung einer Lesart ?
Die interpretierende Vermittlung der aktuellen Rezeption mit der Wirkungsgeschichte und der eigenen gesellschaftlich-geschichtlichen Gegenwart überschreitet das Gebiet literaturwissenschaftlicher Methoden. Historische, psychologische, soziologische, kulturwissenschaftliche und psychoanalytische Untersuchungen umgreifen die literaturwissenschaftliche Interpretation auch unter rezeptionstheorerischcr Perspektive. Ihre Einbeziehung und damit die inhaltliche Kontur des gesamten Untersuchungsergebnisses wird wesentlich von dem praktischen Interesse abhängen, dem die interpretierende Tätigkeit entsprungen ist. Das mag ein Interesse an der Wirkungsgeschichtc als solcher sein, ein litcraturthcorc-tisches - etwa an der sinnkonstiluierenden Leistung bestimmter Textstrukturen bzw. Tcxtformanten - oder ein praktisches an der Weiterentwicklung von Rezeptionskompetenz und literarischer Kommunikation. Setzt man ein Interesse voraus an der Aneignung von künstlerisch vergegenständlichter JTfahrung und an der Verständigung über das Gelesene und das Lesen, welche beide als unverzichtbare Bestandteile einer entwickelten Lesekultur gelten müssen, so wird das erläuterte Kriterium der Produktivität auch die Form bestimmen, in der die Arbeitsergebnisse tiargeboten werden. Das hieße, die interpretierende Tätigkeit wird im Blick auf einen konkreten Adressaten und auf den praktischen Sinn des Lesens und der Lrkenntnis perspektiviert. Sie mündet schließlich in einen Vorgang des Schreibens, dessen Ziel die Vermittlung geschichtlicher arlahrting und eine Anweisung auf neue Lektüre ist.
     

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