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Rezeptionsbedingungen fiktionaler Texte



Die konstitutiven Rezeptionsbedingungen fiktionaler Texte sind in den 1970er Jahren im Zusammenhang mit der sich entwickelnden rezeptionsästhetischen und der wirkungsgeschichtlichen Diskussion in der Literaturwissenschaft eingehender untersucht worden. Das hängt damit zusammen, dass die »rezeptive Aktivität« im Lesevorgang, wie gesagt, durch die besonderen Eigenschaften der Rezeptionsvorgabe determiniert ist.
      Die Fiktion ist ein Modus der Aneignung von Wirklichkeit, der durch keine andere Aneignungswei.se ersetzbar ist. Ihre produktionsästhetischen Möglichkeiten wurden bereits skizziert. Sie bestehen darin, dass der Schreibende seine Erfahrungen in einer Weise inszenieren kann, in der die ihnen inhärenten Widersprüche als lösbar erscheinen oder doch auf die Chancen auf die Lösbarkeit hin durchgespielt werden können. Rezeptionstheoretisch lasse Fik-tionalität sich definieren als die Fähigkeit einer bestimmten Sorte von Texten, bzw. einer bestimmten Art der Sprachverwendung, durch die Schaffung imaginärer Spielräume dem Leser Erfahrungen zu vermitteln, in denen der Bereich seiner Alltagserfahrung in markanter Weise überschritten wird. Die fiktionale Literatur erweitert den Bereich der Exfahrbarkeit für den Leser zunächst auf das hin, »was sich seiner Erfahrung noch oder bereits entzieht« , kann also neben der Erfahrung des räumlich oder kulturell Entfernten vor allem das geschichtlich Vergangene oder das Zukünftige, das Utopische, zugänglich machen. Sie ermöglicht jedoch auch eine Erfahrung, die sich ihrer Struktur nach von lebensweltlicher Erfahrung unterscheidet und dadurch die Er-fahrungsfahigkeit des Lesers erweitern kann. Dieses vermag sieaufgrund ihrer besonderen kommunikativen und modellbildenden Eigenschaften.
      Fiktionalität beruht, nach einer Formulierung von Rainer War-ning im Anschluss an Jean-Paul Sartre, auf einem »Kontrakt zwischen Autor und Leser«, welcher ein grundlegender Bestandteil der Cattungskonvention literarischer Texte ist und daher systematisch nicht abgeleitet werden kann. Daraus ergeben sich für die Pragmatik und Poetik der Fiktion einige wichtige Folgerungen:
• Die Fiktion als eine spezifische Form sprachlichen Handelns ist nicht im Gegensatz zur Wirklichkeit zu definieren, der fiktionale Text ist nicht das »ganz andere« des pragmalischen. Daraus folgt u.a., dass die »traditionelle Diskussion über Wirklichkeit und Wahrheil fiktionaler und pragmatischer Texte« für die li-tcraturwisscnschaftlichc Interpretation erheblich an Bedeutung verliert . Das heißt, für die Frage nach der »Wahrheit und Wirklichkeit der Fiktion« werden andere Kriterien relevant als die Ãœbereinstimmung von dargestellter Sachlage und aufscrtextueller Wirklichkeit, obwohl natürlich auch fiktionale Texte vielfach reale Sachverhalte abbilden.
      • Die Fiktion ist prinzipiell eine »Setzung« , welche nicht aufgrund von semantisch-syntaktischen Texteigenschaften definiert und erkannt werden kann, sondern vor allem von der Situation her, in der die Texte geschrieben und aufgenommen werden, sowie durch die von Amor und Re-zipient vertretenen Ansprüche . Fiktionale Texte können Fiktionalitärssignale enthalten, müssen dies aber keineswegs; ebenso wenig müssen literarische Texte immer fiktionale sein oder als fiktional aufgefasst werden.
      • Der literarische Text ist konstituiert aul der Crundlagc einer Situationsspaltung, von der im Zusammenhang mit der Erörterung der Kommunikationsebenen im Erzähltext schon die Rede war. Er baut stets eine »interne Sprechsiruation« auf , welche von der »externen Rezeptionssituation« umschlossen und determiniert wird. Autor und Leser begegnen sich im Text auf einer Kommunikationsebene, welche funktional auf die Wirklichkeit der Entstehungssituation und der antizipierten Rezeptionssituation bezogen ist, ihrer Struktur nach jedoch eine fiktionale ist. Das lässt sich etwa daran veranschaulichen, dass die vom Autor mit der kommunikativen Handlung verbundene Handlungserwartung keineswegs mit dem vom Leser realisierten Textsinn identisch sein muss, damit die literarische Kommunikation gelingt, dass der Leser jedoch in der Lage sein mnss, zwischen »interner Sprechsituation« und Dargestelltem einen konsistenten Zusammenhang herzustellen, damit er den Text verstehen kann.
      Aus dieser spezifischen Form der >Wiederholung< der Kotn-miinikationssituation des literarischen lextes im Iext ergibt sich die Möglichkeit des hktionalen Rollenspiels von Autor und Leser. Beide agieren je für sieh und miteinander als »sie selbst und ein anderer« . Genauer müsste es wohl heißen: und viele andere. Der Autor kann seine Deutung und Wertung des Dargestellten, sein subjektives Verhältnis zu ihm oder seine Wirkungsabsic.hr auf viellache Weise, etwa im Vorwort, als fiktiver I letausgeber, als P'rzählcr oder in der Perspektive einer literarischen Figur ausdrücken. Ebenso kann der Leser, als Spieler vielfaltiger Rollen, seine eigenen Probleme bei der Lektüre ausagieren, sofern sie mit dem Dargestellten perspektivisch verbunden werden können. Die Tatsache, dass die im Iext vergegenständlichten Lrlahrungcn des Autors, die denen des Lesers in einer bestimmten Hinsicht entsprechen mögen, in dem vom Iext eröffneten imaginären Spielraum eingebunden bleiben, ermöglicht eine Anschauung dieser Konflikte und Katastrophen, Interessengegensätze und Widersprüche aus der Distanz des beobachtenden, in die Konflikte nicht tatsächlich verwickelten Teilnehmers. Der Leser kann sich also in den nach seinen Bedürfnissen wechselnden Rollen des Mitspielers, Spielleiters, Zuschauers usf. im Iext selbst als Agierender, Parteinehmender in der dargestellten Situation verhalten. Ls handelt sich dabei um ein Spiel mit dem Iext und den von diesen bereitgestellten Rollenschemata, Bewusstseins- und Vorstellungsmodellen, aufgrund dessen wir eigene L.rfahrungen, Probleme, Herausforderungen und ihre Einbettung in die ihnen entsprechende imaginäre Welt reflektieren können. Dies isr ein Zusammenhang, der in der psychoanalytischen Literaturwissenschaft intensiv reflektiert wird und dort unter anderem zu der Forderung nach einem »szenischen Verstehen« geführr hat .
      Die fiktionale Literatur isr aufgrund dieser Eigenschaften in der Texttheorie als ein sekundäres modellbildendes System beschrieben worden. Der einzelne Iext ist stets das Analogon eines wirklichen Gegenstands - übersetzt in die Sprache der literarischen Kunstmittel. Er ist etwas der Wirklichkeit zugleich >Ähnliches< und >Unähnlichescrzcugt< wird, wähle ich den Begriff literarische Darstellung. Kr erscheint mir weniger vorbelastet als der der Illusion , klarer als der des Imaginären . Fs wird im literarischen Text etwas dargestellt, was der lext nicht bezeichnet, auf das er aber verweist. Man kann dieses Dargestellte bestimmen als den vorauszusetzenden Horizont einer äußeren oder inneren »Welt«, vor dem die erzählte ihren Platz hat und zum Thema wird, [^ly Aufbau der literarischen Darstellung im Lektüre-Vorgang ist sowohl von den Icxtcigenschaftcn als auch durch die Disposition des Rezipienten determiniert. Fr vollzieht sich vor allem durch Konsisten/.bildung und Perspektivierung der im lext entwickelten Sachlage. F.bcnso wie der Autor des literarischen Textes - nach dem oben zitierten Ausspruch von Umberto Fco — »eine Welt erfindet«, in der sich dann die 81, 83).
      Dieser Vorgang beruht auf einer »referenziellen Illusion« , weil der Leser in der Lektüre den Lext mit eigener Frfahrung, Phantasie, Interessen >besetzt< und dadurch das Dargestellte so wahrnimmt, als ob eine reale Wirklichkeit dadurch bezeichnet sei. Das bedeutet, dass der Leser zwischen der Darstellung und einem von ihm imaginierten Wirklichkeitshorizont eine bestimmte Beziehung vergegenwärtigt. Sofern jedoch durch den literarischen
Text diese Beziehung nicht eindeutig vorgegeben ist, sondern aufgrund der Unbestimmtheiten in der Darstellung mehrere, unterschiedliche Perspektivierungen ermöglicht werden, ist der Leser frei oder, aufgrund der Machart des Textes, sogar dazu genötigt, verschiedene Relationen zwischen den im Lext dargestellten sowie zwischen diesen und wirklich gegebenen Sachverhalten, etwa des eigenen Lebens, durchzuspielen .
      Die Möglichkeit, die literarische Darstellung als ein Analogon der eigenen Wirklichkeit aufzufassen, ist nicht bei allen literarischen Werken in gleicher Weise gegeben. So treten uns moderne lirzähI-texte und Gedichte — aber auch Werke aus fremden Kulturen und nicht mehr lebendigen Traditionen - in einer Form entgegen, die von den uns gewohnten Darstellungsweisen erheblich abweichen. Sie setzen daher der konsistenzbildendcn und perspektivierenden Vorstellungstätigkeit einen Widersrand entgegen, zu dessen Ãœberwindung eine intensivierte sinnkonstituierende Aktivität erforderlich wird. Die Figenschaft fiktionaler Texte als Rczcptionsvorgabc wird an solchen widerständigen Texten besonders deutlich.
      Es ist die Besonderheit der literarischen Fiktion, dass die mit ihrer Hilfe aufgebaute »Welt« zurückgebunden bleibt - und vom Leser zurückbezogen werden muss - auf den Text, welcher die literarische Darstellung konstituiert. Dieser wird dadurch potentiell zum Erkenntnismodell, dass er nicht nur den Aufbau einer Darstellung fordert, die - wie vermittelt auch immer — als Modell unserer Febenswelt rezipiert wird, sondern mehr noch dadurch, dass er die Konstitutionsregeln der von ihm dargestellten »Wirklichkeit« selbst enthält - als die Spielregeln des von ihm ermöglichten imaginären Spiels. »In die durch Fiktion erzeugte Vorstellung ist der Charakter der Fiktion selbst eingeschrieben« .
      Dies bedeutet nun nichts anderes, als dass die Fiktion als sekundäres modellbildendes System sich auf die Bcwusstscinstätig-keit des Subjekts selbst bezieht. Modellbildend ist der literarische Text unter diesem Aspekt nicht in Bezug auf gegebene Objekte in der Wirklichkeit, sondern in Bezug auf die wahrnehmende und denkende I'ätigkeit selbst, die er im wahrsten Sinne des Wortes »zur Sprache bringt«. Aul diesen Sachverhalt zielt die Feststellung Michail Bachtins, dass der literarische Diskurs ein »Bild der Sprache« gibt . Hierin manifestiert sich auch die unvergleichliche Bedeutung der Fiktion für die Wahrnehmung und Erhellung des Unbewussten:
Die Funktion der Künste, d.h. auch der Literatur ist es, die unbewußten Praxisfiguren und Erlebniserwartungen in sinnlich-unmittelbare Symbole zu überführen, um so neue Lebensentwiirlc in der sinnlichen Erfahrung zur Debatte zu stellen H8, 60).
      Die pragmatische Funktion der Fiktion realisiert sich in dieser Dimension darin, dass sie die lehensweltlichen Praxisformen durch deren >F,ntpragmatisicrung< belragl und befragbar macht.
      Die rezeptionsorientierte Analyse des lextes und die hermeneu-tische Reflexion des Lesevorgangs bestehen vor allem darin, in einem reflektierten Durcharbeiten des lextes sowohl das Rezept i-onsrepertoire als auch die Rczeptionskompctcnz zu erhöhen und damit zugleich das Verständnis liir die besondere Leistung der Literatur zu vertiefen. Die Lesefähigkeit des Linzclncn wird gefördert durch das Wissen über das, was im Lese-Vorgang geschieht, was im individuellen Fall das Lesen motiviert, das Verstehen ermöglicht und lenkt, irritiert oder verbinden. Soweit die sinngebende Tätigkeit von den gegenständlichen Eigenschaften des lextes abhängt, ist sie durch minutiöse Analyse aus der Perspektive des Lesers ein Stück weit der Linsicht zugänglich. Die konstitutive Funktion der exponierten Sachlagen für die Entstehung der literarischen Darstellung, die Bedeutung und Bedeutsamkeit dieser Darstellung und der literarischen Kunstmittel für das Weit- und Kunstverständnis der Lesenden können durch eine solche Auseinandersetzung mit dem eigenen Hin partiell objektiviert werden. Die Durcharbeitung der I.csc-Hrfahrung, welche auf ein Verstehen des Verstehens zielt, verändert indirekt die Rezeptionshaltimg und Rezept ionsweise des Lesenden und kann, sofern sie mit der intersubjektiven Verständigung über Texte und ihre Bedeutung kontinuierlich verbunden ist, eine den Diskurs der Literatur prägende Funktion erhalten.
      Die rezeptionsästhetische Analyssepraxis geht von zwei Ansatzpunkten aus:
• Sie fragt aus der Perspektive des realen Lesers nach der Wirksamkeit der Texte, indem sie ihren Inhalt und ihre Struktur unter funktionalem Aspekt interpretiert; hierbei spielen die Kategorien impliziter Leser, Konsistcnzbildung und Pcrspck-tivierung eine zentrale Rolle.
      • Sie fragt nach der Wirkung literarischer Iexte, in dem sie Rezeptionszeugnisse interpretiert, die ihrerseits Medium einer öffentlichen Verständigung über Texte und die mit ihnen gemachten ästhetischen Erfahrungen sind. F.s handelt sich dabei um eine Historisierung des lesenden Subjekts, das heißt den Versuch, den eigenen Frwartungshorizont im Verhältnis zu anderen Horizonten zu identifizieren.
     

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