Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

Index
» Literaturinterpretation
» Text - Leser - Wirklichkeit: Rezeptionsästhetische Analyse
» Modell der Textrezeption

Modell der Textrezeption



Die Rekonstruktion von Rezeptionsbedingungen auf der Grundlage eines aktuellen Rezeptionsvorgangs setzt voraus, dass es einen Komplex notwendiger und erkennbarer Beziehungen zwischen den Rezeptionsbedingungen, den gegenständlichen Eigenschaften der Rezeptionsvorgabe und dem Rezep-tionsresultaf gibt. Diese Bezicluingskomplcxc kann man in einem Modell der Rezeption abbilden.
      Für das hier vorgestellte Modell gilt, was beim Modell der Textprodukliou gesagt ist: Modelle sind nicht die Sache selbst, aber bilden einen Zugang zu ihrer Untersuchung. Fin Modell der Textrezeption muss :
• Die Beziehungen und Determinationsfaktoren im Verhältnis TEXT ITSLR WIRKLICHKEIT hinreichend differenziert und durchsichtig darstellen;
• ein genügend übersichtliches Schema der im Lese-Vorgang und seiner Analyse relevanten Kategorien und Fägenschaften deslextes abbilden.
      Das Modell spiegeh also keinen realen Rezeptionsprozess. Die unabsehbaren Zufälligkeiten, Widersprüche und Inkonsistcnzen im wirklichen Lese-Vorgang, in denen sich unter anderem auch gesellschaftliche und individuelle Konflikte, Besonderheiten und Bedingungen widerspiegeln, können natürlich nicht schematisch gefasst werden. Vielmehr bietet das Modell gerade einen Rahmen für die nähere Untersuchung des je historisch-konkreten Vorgangs, zeigt einige der >Griffefremdmachcnden Blick« gegenüber dem Text, der sich beim kulturellen Abstand auch zeitgenössischer Autoren meist ohnehin einstellt, man denke an Dschingis Aitmatow oder Gabriel Garcia Märqucz u.a. - werden kompetentere Leser und Leserinnen nach Möglichkeit einüben. Kr erlaubt es, einen Autor und sein Werk aus seinen eigenen Voraussetzungen zu verstehen. Dass hiermit kein historistisches Verfahren vorgeschlagen werden soll, versteht sich von selbst.
      Indem auf diese Weise das reflektierte Verhältnis von Autorhorizont und Leserhorizont zum Ausgangspunkt gemacht wird, ist daran zu erinnern, dass wir den zu interpretierenden Text nicht in gleicher Weise zum Thema im eigenen Krwariungshorizont machen können wie in dem des Autors und seiner Kntstehungszeit.
      Die Blickrichtung der Interpretation geht immer vom Rezipi-enten zum Autor. Sie lässt sich nicht umkehren und in ihr lässt sich der Autorhorizont als ein vorausgesetzter Hintergrund des Textes und seines Verstehens und Krkennens nicht aussparen. Anders ist es mit dem Blick auf den eigenen Horizont. Dieser ist Implikation des eigenen Verstehens und nicht des Textes. Der Leser aktualisiert, indem er liest, Momente des eigenen Krwartungshorizonts, welche durch eine Reflexion des Rezeptionsresultats teilweise in den Blick kommen und intersubjektiv kommunizierbar gemachtwerden können. Dieser Vorgang ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass der Interpret, auch der Interpret fremder Rezeptionszeug-nisse, seinen Standort definieren solle. Kbcnso wenig wie wir die Blickrichtung umdrehen können, um elwa vom Autor her den lext zu erläutern, können wir davon absehen, dass alles Interpretieren stets umgriffen ist vom Horizont unserer eigenen Wirklichkeit. Alle Erfahrung von Vergangenheit erlolgt in einem Augenblick der Gegenwart, und das Verstehen, das diesen l lori/onl durch Vermittlung mit dem eines vergangenen Subjekts überschreitet, verändert damit diesen I lorizont, macht ihn dadurch aber nicht weiliger gegenwärtig.
      Wie im Modell der 'Istproduktion lassen sich auch in dem der Textrezeption zunächst zwei Ebenen unterscheiden: der Re-zeptionsprozess und die Rezeptionsbedingungen. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Modellen liegt allerdings in der Stellung, welche der lext in ihnen jeweils hat. Kr ist Text als Vorgabe, das heißt Gegenstand der textrezipierenden Tätigkeit, und Text als Aufgabe, das heilst Ziel der rextproduzicrenden Tätigkeit. In der lextrezeption gehört der fertige Text also zu den Voraussetzungen und steuert die rezeptive Aktivität von Anlang an, während er in der Produktion allenfalls in seinen bereits vorliegenden oder konkret konzipierten Teilen aul die Aktivität des Autors zurückwirkt.
      Die formale Rezeptionstheorie beschreibt den Lesevorgang als eine Vermittlung zwischen Appellstruktur des Textes und Interes-senstruktur des Lesers. Es handelt sich um die Konstitution eines Textsinns auf der Grundlage einer ästhetischen Erfahrung. Die pragmatische Achse dieses Vorgangs ist im Modell als imaginäre Linie von Standort und Interessen des Lesers über dessen lextblickpunkt zum Iextsinn erkennbar. Mit dem Begrill Texlblickpunkt bezeichne ich den virtuellen, durchaus nicht starr festliegenden Fokus der in der Lektüre ablaufenden Versrchcnsprozcssc. Kr kann mit dem Blickpunkt des »impliziten Lesers« zusammenfallen, muss es aber nicht. Kr ist — metaphorisch gesprochen der Fluchtpunkt der Linien, welche der Leser durch den vom Text eröffneten imaginären Spielraum legt und kann sich ggf. in der Realisierung einer Leserrolle konkretisieren.
      Wenden wir uns zunächst den textseitigen Voraussetzungen der Rezeption zu, so wird der Lext als eine aus heterogenen Schichten aufgebaute, komplexe Struktur sichtbar, deren »Durcharbeitung« dem Leser im Lesevorgang und erst recht in der Interpretation abverlangt wird. Diesen Arbeitsvorgang, der sich in den Stillen Konstituierung, Perspektivicrung und Modalisicrung beschreiben lässt , werde ich im folgenden Abschnitt genauer besprechen, liier sollen zunächst die im Modell angedeuteten Ebenen des Textes kurz charakterisiert werden, wie sie in der rezeptionstheoretischen Diskussion — ausgehend von den Ãœberlegungen Roman Ingardens —, meist zugrunde gelegt weiden. Es sind dies:
• die Schicht der Lautgestalten einschließlich der metrischen und rhythmischen Gegebenheiten, die als eine zeitliche Strukturierung des konkreten Eesevorgangs realisiert werden;
• die Schicht der Bedeutungen, die als eine vom lext exponierte Folge von Sachlagen erfasst werden;
• die Schicht der schematisierten Ansichten , nach denen die vom Text exponierten Sachlagen perspektiviert werden;
• die Schicht der literarischen Darstellung, die im Lesevorgang als eine ganzheitliche Gestalt aulgebaut wird, einschließlich der Symbol- und Modellbczüge.
      Kein der Bedeutung eines literarischen Textes ist die Bc/.ichbarkcit einer lolge von Xcichcngcsiallcn auf eine literarische Darstellung .
      Diese ist definiert als eine »»Schilderung durch den , die in der Rezeption als gegenwärtig, wirklich, lebendig gelten kann« . Die literarische Darstellung ist deswegen im Modell besonders hervorgehoben, weil ihr Aufbau das primäre Ziel der Lektüre ist. Wir sagen: Der Roman erzählt eine Geschichte und baut dabei eine »Welt« auf, in der sich die Figuren bewegen, handeln, leiden, kämpfen usl. Diese »Welt« als literarische Darstellung existiert nicht in der /.eichenkette, welche der Text ist, sondern wird in der Vorstellung des Lesers aufgebaut . Um diesen Aufbau leisten zu können, muss der Leser die im Text exponierten Bedeutungen, welche in ihrer Gesamtheit das Textrepertoire bilden, zu einer Folge von Sachlagen konstituieren. Diese werden im gleichen Vorgang perspektiviert, das heißt, aus einer sukzessiven l'olge zu raum-zeitlichen Vorstellungsgestalten umgeformt, und schließlich modalisierr, das heißt auf vorauszusetzende Sachverhalte bezogen. Ausgangspunkt und Grundlage dieser Aktivität bilden neben den exponierten Satzbe-deurungen vor allem diejenigen semantischen und semiotischen Eigenschaften des Textes, welche die Rezeption lenken und zu-sammengefasst als Textstrategie bezeichnet werden können. Der Aufbau der literarischen Darstellung schließt eine Realisierung der Symbolfunktion und der Modellfunktion ein, welche der literarischen Darstellung stets inhärent sind.
      Die literarische Darstellung ist insofern Symbol, als in ihrem Aufbau eine ganzheitliche, diskursiv nicht zu fassende Gestalt vorausgesetzt und konstituiert wird. Diese Gestalt ist im Text nicht bezeichnet, sondern mitgemeint: Er verweist als »Relevanzfigur« auf sie, als auf ein »Inneres, Allgemeines, Höheres« . In der Darstellung sind zugleich Analogien zur Wirklichkeit enthalten. Dadurch wird sie zu einem »Modell objektiver und subjektiver Beziehungen und Prozesse« und spricht so die tatsächlichen Beziehungen des Lesers zur Wirklichkeit an.
      Die im Schema bezeichneten Funktionen, sowohl die Darstellungsfunktion des Texfes als auch die Symbol- und Modellfunktion der Darstellung, beruhen auf der Beziehbarkeit der einzelnen Textebenen auf gesellschaftliche Systeme und Fähigkeiten: auf »die Sprache, die Darstellungsweisen, das gesellschaftliche Bewusstsein in seinen kognitiven und axiologischen Aspekten« . Das bedeutet:
• Wir können aus der Zeichenkette nur einen lext konstituieren, soweit wir über Lese-Fähigkeit im weiteren Sinne verfügen;
• wir können auf der Grundlage des Textes nur eine literarische Darstellung aufbauen, soweit wir unsere Kompetenz, zur Sprachverwendung sowie zur Identifikation und Verwendung der literarischen Darstellungsweisen mobilisieren;
• wir können in dieser Darstellung nur Symbol- und Modellbezüge realisieren aufgrund unserer Wirklichkeitserfahrung und unserer je konkreten Beziehung zu den Konventionen und Normen unserer Lebenswelt.
      Mit diesem Hinweis auf die Standort- und Interessengebundenheit der Sinnkonstitution kommen die leserseitigen Rezeptionsvoraussetzungen in den Blick.
      Der im Modell angezeigte Erwartungshorizont ist der Horizont eines reuten Lesers, auf den sich im Zusammenhang einer Textinterpretation rezeptionsästhetische Aussagen zunächst beziehen. Dieser individuelle, gegenwärtige Erwartungshorizont steht stets in einem synchronen, dialektischen Verhältnis zu anderen individuellen und kollektiven Erwartungen und Normen, als deren Gegenüber und Bestandteil er erfahren wird. Und er steht im diachronen Verhältnis zu eigenen früheren Lesc-Prfahrungen und Erwartungen kundiger literarischer Praxis, sofern wir die l.ektürehiographic eines Lesers als einen lebensgcschichtlich fundierten Wandel von I lorizonlcn beschreiben können. Nicht zuletzt tun »unseren Horizont zu erweitern« lesen wir ja.
      Lektüre-Erwartungen und -Interessen richten sich aul Unterschiedliches im und am lext. Da sie selbst unübersehbar vielfältig sind, können sie nur vereinfacht als Erwartungsklassen ins Modell eingehen. Als einprägsame Pormcl für diese denkbaren Intcrcsscn-riclittingen gilt: Wir wollen etwas aus Literatur erfahren, etwas durch Literatur erfahren, etwas über Literatur erlahren. Hierin artikulieren sich ein inhaltliches, ein funktionales und kommunikatives Interesse, die im konkreten Lall selbstverständlich nicht getrennt voneinander existieren, sondern jeweils zusammen, wobei es dann darauf ankommt, die jeweiligen Präferenzen herauszuarbeiten:
• Interessiert am Inhalt des Textes fragt der Leser nach der dargestellten Wirklichkeit, nach der Subjektivität des Autors bzw. nach der Lntsrchungssituation;
• interessiert am F.flekt der Lektüre thematisiert der Leser die Punktionen, welche das Lesen für ihn haben kann; deren umfassendste Gruppierung ergibt sich aus der klassischen Pormcl »prodesse aut dclectare« ;
• im I linblick auf die Eormbestimmtheit der Lektüre interessiert sich der Leser zunächst für das Verhältnis zwischen den Dar-stellungsweisen des Textes und seiner eigenen Lcse-Pähigkcit; er fragt nach dem Verhältnis der literarischen Techniken zu seiner Lese-Kompetenz, nach ihrer Bedeutung lürdie literarische Praxis, in die er lesend einbezogen ist.
      Im Begrill des Erwartungshorizonts sind also, abweichend von der Definition etwa bei I lans Robert Jaufs, nicht nur literarische Normen und Erwartungen angesprochen, sondern alle lebensweltlichen Normen überhaupt, soweit sie als Erwartungen den konkreten Lese-Vorgang mitbestimmen.
      P'rwartungcn und Interessen, mit denen der Lesende an den lext herangeht, lassen sich beschreiben als ein Code von Normen, ein Regelsystem, von dem her der lext rezipiert wird. Unter diesem Aspekt erscheinen die Rezeptionsvoraussetzungen als ein Interpretationssystem, zu dem in der rezeptionsästhetischen Analyse das beschriebene Werksystem ins Verhältnis gesetzt wird. Dieses System von »Sprachen«, aufgrund derer der Rezipient den Lext versteht, ist primär fundiert in der Alltagssprache zum Zeitpunkt der Rezepti-on, umfasst aber darauf aufbauend, weitere Dialekte, Soziolekte, sowie die literarischen und lebensweltlichen Normensysteme aller Art, welche in der gegenwärtigen literaturwissenschaftlichen Diskussion, zuweilen etwa ausufernd, allesamt als »Texte« bezeichnet werden.
      Wird der Lrwartungshorizonl aul diese Weise sichtbar als eine Momentaufnahme des aktuellen »Wissens von Welt«, vor welchem der Lese-Vorgang sich abspielt, so ist dieser doch faktisch in : Geseilschaftliche Bedeutung der Literatur und des Lesens, institutionelle Voraussetzungen der Literaturproduktion und -distribution; Vermittlung und Präsentation des jeweils konkreten Werks und Autors in den und durch die Institutionen . Dabei ist selbstverständlich davon auszugehen, dass der einzelne Leser diesen Bedingungen nicht zwingend unterworfen ist, in ihnen nur >reagierte Kr kann sich in ihnen vielmehr relativ eigenständig verhalten, wobei die Grenzen seiner Bewegungsfreiheit wiederum von den gegebenen individuellen Voraussetzungen abhängig sind.
      Schließlich ist bei der rezeptionsästhetischen Untersuchung die gegebene Rezeptionssituation von erheblicher Bedeutung. Das betrifft sowohl die vorauszusetzende Lese-Haltung und die tatsächlich gegebene Lese-Weise als auch das Zustandekommen und den konkreten Status der Lesarten, welche ja immer sowohl situations- als auch adressatenbezogen geäußert werden. Von den Schwierigkeiten, institutionelles und privates Lesen zu vermitteln, das heißt, innerhalb der Institutionen die für das Interpretieren unabdingbare Subjektivität der Lesarten und Interpretationshy-porhesen zu sichern, können Deutsch-Lehrer umfangreiche, z. I. deprimierende Mitteilung machen.
      Kine Interpretation, die am praktischen Sinn der Lektüre, der Aneignung von Wirklichkeit durch das Lesen und die literarische Kommunikation sowie dem Ziel einer »Didaktik der Rezeption fiktionaler Texte« interessiert ist, wird die gesellschaftlichen und individuellen Voraussetzungen der Rezeption im Untersu-chtingsprozess stets mitreflektieren.
     

 Tags:
Modell  der  Textrezeption    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com