Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Textauswahl und Textkritik



Der in der Struktur der Methoden-Ãœbersicht zugrunde gelegte systematische Zusammenhang von Gegenstandswahl, F.rkcnntnis-interesse und Untcrsuchungsvcrlahren gilt auch für die literarische Behandlung eines Themas; es ist repräsentativ oder in diesem halle besser: typisch — für einen Autor. Im zweiten balle geht der Auswählende von der Feststellung, der Annahme oder Behauptung der Aktualität aus, die sowohl vom Thema als auch von der Wirksamkeit des Textes her begründet sein kann. Man muss sich dabei der Tatsache bewusst bleiben, dass solche Feststellungen den Charakter von Interpretationen haben: sie sind nicht beweisbar, müssen im Arbeitsprozess disponibel und korrigierbar bleiben. So ist etwa die Auswahl von Texten Brechts als Demonstrationsgegenstände dieser Finführung die Folge einer bewussten Srellungsnahme weniger für eine bestimmte Schreibweise als für eine außerordentlich produktive, verbindliche und klare Art des Umgangs mit den Fragen der Ästhetik und des literarischen Diskurses.
      Bei der Auswahl der Gegenstände literaturwissenschaftlicher Arbeit geht man also legitimerweise von individuellen Interessen, Erfahrungen und Vorlieben aus. Wer zum Beispiel für den Literaturunterricht in Schule oder I lochschule einen Text zur Bearbeitung vorschlägt, wird sich, wenn er am praktischen Sinn der vermittelnden Tätigkeit interessiert ist, gegenüber seinen Dialog-partnern als Leser verhalten und diese als Leser ansprechen. Dieses Interesse am gewählten Werk und an der Verständigung darüber verbindet sich dann mit einer vorgängigen Reflexion auf das eigene Lrkenntnisinteres.se, das sich aufgrund dieser Verständigung und durch die Arbeit am Text auch erst konkretisieren oder verändern mag. Nicht nur in Bezug auf den l.iteraturbegriff und das Ver-stehenskonzept ist Interpretation nicht voraussetzungslos. Schon mit der Hinwendung zu einem bestimmten Autor oder Werk stellt sie sich in die literarische Tradition und den Kampf um sie - seidiese Hinwendung nun eigens begründet, also bewusst, oder nicht. Die Literaturwissenschaft ist - etwa in der Literaturgcschichts-schreibung - durch die Wahl und Anordnung ihrer Gegenstände wesentlich an der 1 lerausbildung, Veränderung und Legitimierung des jeweils geltenden Kanons beteiligt. Bertolt Brecht ist ein repräsentatives Beispiel für einen Autor, an dessen Rezeption und Ãœberlieferung die ideologischen Fronten bis heute immer wieder besonders deutlich hervortreten.
      Die Textkritik wird für die literaturwissenschaltliche Interpretation in doppelter Weise bedeutsam:
1. Textsicherung besteht zunächst in der Vergewisserung, dass man den gewählten Text in einer dem Willen des Autors oder den geprüften Frgebnissen der Uberlicfcrungsgcschichlc entsprechenden, authentischen Textgestall vor sich hat. Dabei kommt es selbstverständlich auf >den Buchstaben^ oft sogar auch auf die Druckform beziehungsweise etwa bei mittelalterlicher Ãœberlieferung - auf das FrschciiHingsbild der Handschrift an. Dass alle am Arbeitsprozess Beteiligten sowie die Adressaten der interpretierenden Darstellung den gleichen Text zugrunde legen , sichert man gegebenenfalls durch Angabe einer leicht greifbaren Ausgabe, während man für die wissenschaftliche Argumentation möglichst eine kritisch geprüfte Textfassung benutzt. Die Frage danach, welchen Text ich beim Interpretieren vor mir habe, ist auch bei neuzeitlichen Autoren nicht überflüssig. So beruht etwa die Interpretation der Werke Bertolt Brechts bis zum Lrschcinen der »Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe« auf einer höchst unsicheren Tcxtgrundlagc; Atiswahl, Anordnung und Darbietung der Texte in den vorher greifbaren Ausgaben waren vielfach fragwürdig oder erwiesenermaßen falsch. Auch wenn man der Intention des Autors keine Bedeutung für die Interpretation des Textes zumisst, wird man sich also vor der Arbeit darüber Gedanken machen, ob der vorliegende Text den Absichten des Autors entspricht.
      2. Aufklärung über die Textgeschichte kann oft zum Verständnis und zur historischen Interpretation des Werks beitragen oder dafür sogar unentbehrlich sein. Das betrifft sowohl die Fntstc-hungsgeschichte - von der Niederschrift erster Fintwürfe bis zum >vollendeten< Werk bzw. der so genannten »Ausgabe letzter Hand« - als auch die Uberlicferungsgcschichte von der ersten Veröffentlichung bis in die Gegenwart. So erleichtert es zum Beispiel das Verständnis des Gedichts »1940« von Bertolt Brecht , wenn man erfährt, dass der Abschnitt IV in einer früheren Fassung die Ãœberschrift »Flandern« trägt.
      Solche Lesarten der Ãœberlieferung helfen Deutungsprobleme lösen, müssen aber stets selbst sorgfältig interpretiert werden . Sie erölfnen -zugleich Fernblicke in den Arbeitspro-zess - in diesem Fall der bewussten Verknappung und »Verrätse-lung« des Gcdichtinhalls. Der Vergleich von in Prosa gefassten Gedanken Brechts mir deren späterer Ausarbeitung zum Gedicht ermöglicht ein genaueres Studium der für seinen lyrischen Stil so wesentlichen »gestischen« Sprache. Wieder anders liegt der Fall bei Textfassungen, deren Unterschiede auf die veränderten Umstände - zeitliche Verschiebung, ein anderes Publikum - zurückgeführt werden müssen . Solche vom Autor vorgenommenen Veränderungen an einem Werk können so tiel greifend sein, dass man nicht mehr gut von verschiedenen Fassungen sprechen kann, sondern von unterschiedlichen Bearbeitungen des gleichen Stofls bzw. Themas . Man wird also in jedem Fall vor dem Beginn der eigentlichen Analyse eine kommentierte oder historisch-kritische Atisgabe des betreifenden Werks zur Hand nehmen.
      Es geht in der Textkritik zumeist um die Authentizität des Textes, das heißt um die Frage, ob und wie weit der vorliegende Textbcfund der Intention des Autors entspreche. Hierbei ergeben sich erhebliche Unterschiede zwischen der mediävistischen und der sog. »neueren« Literaturwissenschaft. Hie im Bereich der mittelalterlichen Literatur lange Zeit vornehmlich geforderte Rekonstruktion des »Originals« wurde seit den 1960er Jahren ergänzt durch das Prinzip der Leithandschriften, das heißt den literatursoziologisch begründeten Bezug auf diejenige Werkgestalt, auf deiche Uberlieferungs- und Rezeptionsgeschichtc faktisch beruht. Die von Karl Lachmann, dem Begründer der modernen Textkritik, aufgestellte Forderung, »daß das ursprüngliche Werk des Verfassers möglichst, so wie er es verfaßt hat, hergestellt werde« , behält in jedem Falle ihre Gültigkeit. Ist die Herstellung eines authentischen Tcxts oder die Rekonstruktion der Textgenese aufgrund handschriftlicher Fassung vielfach bereits eine Frage der Interpretation , so wird die Frage nach der Intention des Autors ergänzt durch die Frage nach der wirklichen Ãœberlieferungsgeschichte, wie sie sich aus den Textzeugen — auch den unvollständigen, verderbten oder >falschen

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Textauswahl  Textkritik    


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