Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

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Modell der literarischen Kommunikation



Was wir summarisch »die Literatur« nennen, tritt dem Einzelnen im Alltag auf mindestens drei verschiedene Weisen entgegen, die alle für die Interpretation von Werken ihre eigene Bedeutung bekommen können: als Institution, als Tätigkeit und als Menge von Werken, Inhalten, Kunstmittcln, das heilst als Material.
      Beschreibung der Literatur als Institution zielt auf die Gesamtheit der Verhältnisse und Bedingungen, unter denen in einer konkreten historischen und gesellschaftlichen Situation literarische Werke produziert, vermittelt und rezipiert werden. Xu diesen Pak-toren und Beziehungen, welche man auch im Bcgrill der Litera-turverhältnisse zusammenfassen kann, gehören im Finzclnen:
• die Institutionen der Produktion und Distribution und die in ihnen tätigen Personen und Gruppen: Schriftsteller, Verleger, Setzer, Drucker; Buchhandel, kommerzielle Leihbüchereien usw.;
• die Institutionen der Literatlirvermittlung im engeren Sinne, die liierarische Werke und nicht die Buchware vermitteln: Li-leraturkritik, Wissenschalt und Unterricht; Theater, Rundlunk und Fernsehen, Film, Fresse; Bibliotheken;
• die gesellschaftlichen und staatlichen Instrumente und Institutionen der Literattirlenkung: Kuhurverwaltungen, Verleger- und Schriftstellerverbände; Stillungen, Literaturpreise; Xensur;
• die liierarische Ideologie als die gellenden allgemeinen Vorstellungen über Kunst in ihrer sozialen Bedingtheit |...]. Dabei wird angenommen, dass diese funkli-onsbestimmungen an materiellen und ideellen Bedürfnissen der Träger festgemacht sind und in einem bestimmbaren Verhältnis zu den materiellen Bedingungen der Kunstproduklion und -rezeption stehen. Die Ausdilfcrenzicrimg der l'unkiionsbestimmungen erlolgl, vermittelt über ästhetische Normen, auf der ProduzeiUcnscilc durch das künstlerische Material auf der Re/.ipientenseile durch die Festlegung von Rezepiions-haltungen .
      Der Begriff bezieht sich auf den seit dem Faule des LS. Jahrhunderts zu beobachtenden Prozcss der Autonomisicrung der Kunst in der bürgerlichen Ciesellschaft:
Die verschiedenen Künste wurden aus ihren Lcbcnsbc/.ügcii herausgelöst, als ein verfügbares Ganzes zusammengedaefu [...], und dieses Ganze wur-de als Reich des zweckfreien Schadens und interesselosen Wohlgefallens gegcnübergestelli der Gesellschaft .
      Im Unterschied zum Begriff der Liieralurverhaltnis.se und in Anlehnung an die Auslühruiigen Bürgers bezeichnet also der hier gebrauchte Begriff der Institution eine historisch ganz bestimmte Stellung der Literatur in der gesellschaftlichen Wirklichkeil, nämlich ihre tendenzielle Abtrennung von der Lebenspraxis, die in der Aulononiicvorslcllung ihre klassische Ausprägung erfuhr. Ich denke aber, dass es sinnvoll ist, inner den Begriff alle hier genannten Faktoren und Beziehungen der Literatur zu subsumieren und nicht nur die Vorstellungen, welche Klassen und Schichten von der Funktion der Literatur bzw. Kunst haben.
      Auf einer zweiten F.bene lässl sich Literatur beschreiben als eine diskursive Praxis. Literatur als Tätigkeit ist eine spezifische Form des kommunikativen, das heilst sinnproduzierenden und sinnverstehenden I landelns. Schreiben und Lesen als die vorherrschenden Formen dieses I landelns - auch die mündliche Verständigung über Literatur gehört dazu — zielen aul produktive Aneignung von fremden Frfahrungcn. Diese Funktion einer Verständigung über Lebenswelten im Bezug zueinander oder Abstand voneinander erfüllen literarische Werke in ganz besonderer Weise, indem sie Frkcnntnis und Impulse in der Form ästhetischer Frlahrung vermitteln. Die spezifische Leistung und Ligenart literarischer Texte gegenüber anderen Texten besteht darin, dass sie niclil nur Medien kommunikativen I landelns sind, sondern dieses in ihrer Form aufheben. Sie bringen die Gegenstände, Personen, Faeignisse der Wirklichkeit in einer Weise zur Sprache, die der alltäglichen F'.rfah-rungsbildung der Subjekte formal entspricht . Aus diesem Grund ist die Rezeption literarischer Werke immer Aneignung künstlerisch vergegenständlichter Pafah-rung und Ausbildung der eigenen Frfahrungsfähigkeit und Wabr-nehmungsweise zugleich. Von dieser grundlegenden Bestimmung der Funktion des Ästhetischen und der Kunst her kann die Bedeutung der Werke und ihrer Aneignung jeweils historisch-konkret bestimmt werden.
      Die Beschreibung der Literatur als Material erfasst diese unter systematischem Aspekt als eine strukturierte Menge von künstlerischen Mitteln und Verfahren sowie, unter historischem Aspekt, als Tradition.
      Die Gesamtheit der literarisch verarbeiteten Gegenstände, Stoffe und Themen, der überlieferten Werke, Gattungen, Genres und Darstellungsweisen bildet das »Arsenal von Mitteln«, dessen sich Autor und Publikum beim Schreiben und Lesen versichern - und sei es in der bewusslen Negation der Ãœberlieferung. Potentiell kann dabei die gesamte Wirklichkeit und Ãœberlieferung zum Material werden; praktisch ist jedoch in jeder Epoche und konkreten Situation das Material eingegrenzt auf die jeweils >li-teraturfahigen« Stoffe, Themen und Schreibweisen. Die zumindest aus der neueren Literaturgeschichte nicht wegzudenkenden Auseinandersetzungen über literarische Methoden, Inhalte und Techniken sind für den Charakter des literarischen Diskurses jeweils von großer Bedeutung. Rezeption und Wirkung der Werke sind - ebenso wie ihre Produktion - abhängig vom Geschichts-vcrsiändnis und Traditionsverhältnis einer gegebenen Gesellschaft oder Gesellschaftsklasse. Aber überlieferte Darstcllungswcisen sind, als vergegenständlichte diskursive Praxis der Vergangenheit, auch für sich genommen schon inhaltlich bestimmt und werden deswegen für die Sinnkonstitution in der Lektüre und Interpretation aktuell bedeutsam.
      Die drei erläuterten Aspekte der Literatur lassen sich als ein funktionaler Zusammenhang im Begriff Diskurs der Literatur sinnvoll zusammenfassen. Die Vielfalt und der Wandel der literarischen Formen und Tätigkeiten sind abhängig von den jeweils gegebenen kommunikativen Bedingungen, diese haben einen institutionellen Charakter, der nicht aus den kommunikativen Handlungen der Individuen und sozialen Gruppen direkt resultiert, sondern primär aus den jeweils bestehenden Produktionsverhältnissen 2fF).
      Ich stelle im folgenden ein Modell der literarischen Kommunikation vor, in dem der Prozess der Literaturproduktion und -rezepti-on mit seinen verschiedenen Instanzen und Faktoren übersichtlich dargestellt ist und das zugleich einen ersten Ãœberblick über den Zusammenhang der folgenden Kapitel erlaubt. Die kommunika-tionstheoretische Formel:
Wer spricht wann und wo warum worüber zu wem und mit welcher Wirkung ,zählt die wesentlichen Positionen des Schemas auf, an denen die Untersuchung jeweils ansetzen kann. Ks sind dies: der Autor, die Situation , die Wirkungsabsicht, der Gegenstand, der Adressat und die Wirkung der Mitteilung. Angebracht ist vielleicht der Hinweis, dass es in der literaturwissenschaftlichen Arbeit zumeist nicht so sehr um diese Instanzen und Faktoren als solche geht, sondern eher um die Beziehungen zwischen ihnen.

     
Bevor ich das Modell in seinen wesentlichen Zügen erläutere, füge ich eine Bemerkung über den wissenschaftstheoretischen Status und den heuristischen Wert derartiger Modelle ein. Lin Modell isteine einfache, übersichtliche künstliche Anordnung |...|, die durch die An ihrer Konstruktion in einem Analogieverhältnis zu einem komplexen, unübersichtlichen Sachverhalt stehen und per Analogie Aufschluß über Verhaltensweisen und Struktur des Originals geben kann .
      Ein Modell ist also keine wissenschaftliche F.rklärung des Originals, sondern eine schematisierte Abbildung, die der Veranschaulichung der jeweils zu thematisierenden Funktionen oder Strukturen dienen soll . Infolgedessen werden auch hier nur diejenigen Faktoren und Instanzen hervorgehoben, welche für den gegenwärtigen Argumentationszusammcnhang relevant sind; die beiden Seiten des Modells werden ja auch im Modell der Textproduktion und der Tcxirczcption noch weiter ausdifferenziert.
      Das Schema auf Seite 51 zeigt, gegen den Uhrzeigersinn gelesen, einen Produktions- und Rezeptionsvorgang, der seinen Ursprung und sein Ziel in der gesellschaftlichen Wirklichkeit hat. Der literarische Diskurs wird auf diese Weise als eine Tätigkeit definiert, in der die Lebenspraxis des Autors mit der des Lesers sich vermittelt. Die beiden sind im Prozess wechselseitig aufeinander bezogen:
• der Leser ist interessiert an Gegenstand und Problem des
Tex res,
• der Autor will gegebenenfalls Einsichten und Impulse vermitteln,
• der Vermittler ist in der Regel ein Produzent, der das Produkt des Autors professionell auf den Markt bringt und auf diese Weise einen Tauschwert realisiert.
      Dabei ist im Modell davon abgesehen, dass sich die gesamte Kommunikation natürlich stets im Rahmen einer konkreten gesellschaftlichen Situation abspielt. Was als »gesellschaftliche Wirklichkeit« durch Entgrenzung hervorgehoben ist, könnte man die vielleicht die gemeinsame Lebenswelt von Autor, Vermittler und Leser nennen, aus der heraus - und in die hinein - die Aneignung, Auswertung und Umverteilung von F.rfahrungen durch das literarische Werk stattfindet. Was der Ausdruck »Lebenswelt« bedeutet, läßt sich intuitiv durch I finwcisc auf diejenigen symbolischen Gegenstände klären, die wir, indem wir sprechen und handeln, hervorbringen: angefangen von den unmittelbaren Äußerungen über die Sedimente dieser Äußerungen bis zu den indirekt hervorgebrachten, organisationsfähigen und sich selbst stabilisierenden Gebilden .
      Die Beziehungen von Autor und Leser zu dieser I.ehenswclt lassen sich produktionsscitig als Autorhorizont, rezeptionsscitig als Leserhorizont ausdifferenzieren. »Vielleicht gemeinsam« habe ich die Ix'benswelt beider deswegen genannt, weil sie sich de facto natürlich oft in verschiedenen /.cirhorizonten befinden. Sie können sich in diesem Falle natürlich nicht, wie es die durchbrochenen Linien andeuten, als biographische Personen wirklich begegnen, sondern nur virtuell, als literarische Personen. Die hier angedeutete Unterscheidung, die ich bei der Behandlung der Kommtini-kationsebenen wieder aufnehmen will, besagt vor allem, dass der Autor für seinen Leser nur als der Produzent des eben gelesenen Werks - und eventuell seiner früher gelesenen - wahrnehmbar ist, während der Rezipicnt für den Autor nur als der Adressat des eben zu schreibenden Werks erscheint.
      Die Tätigkeit des Schreibens und Lesens, aber auch der Litera-turvermittlung ist bestimmt durch den sozialen und ideologischen Standort und die materiellen und geistigen Interessen der jeweils betroffenen Personen. In diese Kategorie fasse ich alle individuellen und gesellschaftlichen Handlung*- und Wertnormen, mit Ausnahme der ästhetischen, die, zusammen mit der literarischen Tradition, wegen ihrer besonderen Bedeutung als eigener Faktor angezeigt sind. Auch sie sind bei den Beteiligten innerhalb der gleichen historischen Situation nicht identisch, sondern können sehr weit auseinander gehen. Der Doppelpfeil an der entsprechenden Linie für den Leser soll auf den Sachverhalt aufmerksam machen, dass der Leser sich den literarischen Text von seinen Interessen her aktiv wählt und auch die entsprechenden F.rwartungen an ihn heranträgr, die mit der Wirkungsabsicht des Autors und seinen Vorstellungen vom Adressaten keineswegs übereinstimmen müssen. Trotzdem kann die Kommunikation durch das literarische Werk natürlich ohne ein gewisses Maß an Ãœbereinstimmung nicht gelingen.
      Im Begriff Vermittler fallen drei institutionell unterschiedene Personengruppen zusammen, deren F.inHuss auf die Produktion und Rezeption jeweils gesondert eingeschätzt werden muss. F's sind dies die »Mitproduzenten« , die »Verteiler« und die »Sichtungsinstanzen« . Diese letzteren wirken als Kritik, Wissenschalt und Unterricht besonders nachhaltig auf das literarische Leben ein, indem sie die Auswahl der Lektüre , die Lese-Haltung und die Krwariungcn steuern und damit die Wirkung der Literatur aul das gesellschaftliche Bcwusstsein beeinflussen.
      Dass und wie sich die literarische Kommunikation von anderen Formen kommunikativen I landelns unterscheidet, ist einerseits jedem Leser, jeder Leserin unmittelbar präsent, bildet andererseits eine immer wieder zu neuen Ãœberlegungen herausfordernde Frage der Literaturtheorie. Gefragt ist nach dem Kriterium der »Litera-rizität« — so lautete der Terminus bei den russischen Formalisten. Der Unterschied zwischen einem literarischen und einem nicht-literarischen Text scheint ein Phänomen der kommunikativen Praxis selbst zu sein:
Als gesichert kann heute die Annahme gelten, dals es keine rein linguistischen Kriterien gibt, mit deren Hilfe poetische 1 exte von nicht-poetischen abzugrenzen sind, >Pnctizitäi< ist vielmehr eine Tcxtcigcnschafl, die dem I lörer oder Leser während des Rezeptionsvorgangs zunächst durch spezielle, nicht rein linguistische Signale zu erkennen gegeben wird .
      Man kann also davon ausgehen, dass der Leser bzw. die Leserin einen bestimmten Text aufgrund historisch sich verändernder, über längere Zeiträume hinweg jedoch institutionell gesicherter Konventionen als literarisches Werk erkennt und das eigene Lese-Verhalten automatisch darauf einstellt. Literarische Kommunikation und literarischer Text bedingen sich gegenseitig und können daher je im Verweis aufeinander definiert werden. Fine mögliche Bestimmung dessen, was die literarische Kommunikation und den literarischen Text ausmacht, hat Klaus Weimar formuliert:
Literatur schreibt und liest man als man selbst und als ein anderer, als biographische Person und als literarische Person. Die literarische Person ist also eine Rolle, welche Autor und Leser spielen, und zwar, wie es sich gehört, im Bewußtsein, dtiß&w eine Rolle spielen. Dieses Rollenspiel heim Schreiben und Lesen macht die Figenart der Literatur aus .
      Es ist dies sicherlich keine abschließende Definition, aber doch wohl eine einleuchtende Begründung der in Frage stehenden Diffe-renz. Die Feststellung, dass Fexte als »geschriebene Reden« von der ursprünglichen Kommunikationssiruation abgelöst sind und dass sich der Leser infolgedessen nicht auf den wirklichen Kommunikator -- den Autor — beziehen kann , ist zweifellos zutreflend. Sie bietet jedoch keinen Anlass, »das Friptychon Autor-Text-Leser« , mit der F.rgänzung des beiderseitigen Wirklichkeitsbezugs, als systematischen Kern eines Modells literarischer Kommunikation aufzugeben. Fs kommt dabei allerdings darauf an, die Fbcnc zu bestimmen, atif der man sich bewegt. Das Schreiben und Lesen literarischer Werke - konstituiert zuerst eine Kommunikation zwischen literarischen Personen, die »literarische Rede« kommt zur Bedeutung in einer virtuellen Dimension . Aber sie ist auf dieser Lbene zweigeteilt: als »Dialog« des biographisch-literarischen Autors mit der literarischen Leser-Person und als »Dialog« des biographisch-literarischen Lesers mit der literarischen Auiorperson . Der Abstand zwischen beiden Vorgängen konstituiert die hermeneutische Differenz. Auf die Kommunikation im Text gehe ich im Zusammenhang mit der Strukturanalyse erzählender Texte näher ein.
      Auf der P'bcnc des literarischen Diskurses, wie sie im vorliegenden Modell abgebildet ist, gibt es zwischen Autor und Text, Text und Leser zahlreiche Vermittlungsinstanzen. Auf dieser Kbene kann die literarische Kommunikation daher nicht in Analogie zum verständigungsorientierten I landein von Individuen beschrieben werden, sondern erscheint als ein prekäres Verhältnis von individueller Tätigkeit und gesellschaftlicher Institutionalisierung .
     

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