Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Lesarten



Methodisches Interpretieren ist in der Regel ein kontrolliertes »Hin-und-Ider« zwischen kritischer Verständigung über den Wahrheitsgehalt und die Wirksamkeit des Textes, analytisc-her Ãœberprüfung der in kritischen Äußerungen getroffenen Feststellungen und methodischer Reflexion. Aus dieser Feststellung folgt
• erstens, dass literaturwissenschaftliche Interpretation als ein kommunikatives Handeln angewiesen ist auf den lebendigen Austausch von Meinungen, Fragen und Stellungnahmen;
• zweitens, dass es keine verallgemeinerbare Anweisung dafür gibt, wann und in welcher Form die Ãœbergänge zwischen den verschiedenen Frage-Ebenen jeweils erfolgen sollen; und
• drittens, dass die Verständigung über Lese-Erfahrungen unabdingbar der erste Arbeitsschritt ist und dass die Interpretation den steten Rückbezug auf diese Erfahrungen nicht ohne Schaden versäumen kann. Dies ist ausdrücklich gegen all diejenigen Modelle der Interpretation gesagt, in denen die »einfache Beschreibung des 'Textbefundes«, also ein analytisches Handeln, an erster Stelle im Arbeitsprozess steht.
      Lesarten als Ziel und Gegenstand der ersten Verständigung entstehen, indem die am Arbeitsprozess Beteiligten redend oder schreibend — oder auch agierend — Erfahrung freisetzen, gewissermaßen ausstellen und gegebenenfalls bewerten. Es geht dabei um die Erzeugung und Fixierung einer ersten kritischen Stellungnahme imoben ausgeführten Sinn. Das macht Arbeit und geht gelegentlich - im I.iteraturunterricht in der Regel - nur gegen bestimmte Widerstände. Deren bedeutendster ist die Schwierigkeit von Studentinnen und Studenten, ihre subjektiven Erfahrungen mit dem Text, ihre durch diesen ausgelösten Gefühle, Phantasien und Gedanken freimütig mitzuteilen. Hin Grund für diese »Verweigerung« ist sicherlich die Ãœbergröße der Seminare bzw. Arbeitsgruppen; ein in/derer, nicht minder bedeutsamer ist das vorgängige Verständnis von Literaturwissenschaft, dessen entschiedenen Abbau ich für eine der dringendsten Aufgaben der literaturwissenschalrlichen Einfüh-rungskurse halte. Die wissenschaftliche Methodik und Sprache wird als sind nach meiner Erfahrung geeignet, die Motivationen zu dieser Arbeitsphase und ihren Ertrag noch wesentlich zu steigern.
      Entscheidend für diesen ersten Schritt der Interpretation ist, dass die oft nur vage - und zuweilen gar nicht - voraussehbaren spontanen Reaktionen auf die Lektüre durch die vorgegebenen Aufträge oder Fragen nicht präjudiziert, eingeschränkt oder gar unterbunden werden. Deshalb sollen Fragen in dieser Phase nicht auf bestimmte Texteigenschaften zielen oder gar analytische Operationen verlangen, sondern möglichst eine Äußerung der subjektiven Betroffenheit gleich welcher Art provozieren. Die im alltäglichen

Leseverhalten nach den Forschungen der Literatursoziologie relevantesten Anknüpfungspunkte für individuelle Lese-Interessen sind — neben auffälligen oder unverständlichen Details - die Bedeutung des Textes, als der ganzheitlich aufgefasste Mitteilungsgehalt, seine Bedeutsamkeit als die von ihm ausgehende aktuelle Wirkung, sein >AppelI< im weitesten Sinne sowie der je nach dem individuellen Rezeptionsvermögen als stärker oder schwächer empfundene Widerstand, den der Text aufgrund seiner Darbietungsweise dem Verständnis bietet . An diesen Kriterien können einleitende Fragestellungen sich orientieren, bei deren Formulierung im aktuellen Fall jedoch die Eigenschalten des zu lesenden Werks berücksichtigt werden sollten.
     

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