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Lektüre - Kritik - Interpretation: Formen der Aneignung



Lektüre, Kritik, Interpretation sind Formen der Literaturaneignung, die in unterschiedlicher Weise, aber in untrennbarem Zusammenhang miteinander, die literarische Tätigkeit und die litcra-turwisscnschahlichc Arbeit bestimmen. Ihre Erörterung zu Beginn dieser Einführung verfolgt den Zweck, den praktischen Stellenwert der Interpretation zu verdeutlichen, von deren Verwissenschaftlichung ich gesprochen habe. Dass dabei zugleich ein erster Umriss der »Institution Literatur« sichtbar wird, hängt mit der Tatsache zusammen, dass die einzelnen Formen und Stufen der literarischen Praxis nicht nur als individuelle, sinnproduzierende Handlungen begriffen werden dürfen, sondern in einen übergreifenden Punkti-onszusammenhang integriert sind. Die Lektüre literarischer Werke, die dem einzelnen Teilnehmer als ein »Dialog« zwischen Autor und Leser vorkommen mag oder auch als Selbstvergewisserung und Seihstgenuss, steht in einem funktionalen Zusammenhang mit der Entwicklung der Produktionsverhaltnisse einer Gesellschaft und ist weitgehend abhängig von ideologischen Institutionen und ihren sozialen Trägern . Auf die institutionellen Aspekte der literarischen Kommunikation will ich im Abschnitt 1.3 noch näher eingehen; hier kommt es mir zunächst darauf an, den historisch sich wandelnden Zusammenhang einer alltäglichen, in unserer Gesellschaft den meisten Menschen vertrauten und gewohnten Tätigkeit so zu entfalten, dass deren einzelne Stufen anschaulich werden. Heide Aspekte, der lebenspraktische und der institutionelle, sind dabei gleich wichtig.
      Man hat sich seit den 1980er Jahren daran gewöhnt, für die hier gemeinten institutionellen Gegebenheiten und praktischen Tätigkeiten der literarischen Kommunikation den Begriff »Diskurs« zu verwenden. Diskursanalyse, die seit den 1960er Jahren vor allem in Frankreich entwickelt wurde , ist die Untersuchung »regelbestimmter Sprachspicle« mit ihren Voraussetzungen und Folgen im jeweils gegebenen institutionellen Zusammenhang. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf »die
Materialität sowie die Macht- und Subjekteffekte von historisch je spezifischen Aussageformationen« . Der Nachdruck liegt also auf der wirklichkeitskonstitutiven Funktion der Rede: Wieweit erzeugt, belästigt oder verändert sie das zwischen den Kommunikationspartnern bestehende Gefüge von Herrschaft und Unterordnung? Wie werden soziale .
      Wenn es auch richtig ist, dass der in der Vorstellung fremden Lebens verstrickte Leser »nicht ganz bei sich« ist und gegebenenfalls »von sehr weit her« gerufen werden muss , so steht doch die Lese-Erfahrung stets in einem unauflöslichen Zusammenhang mit der Lebenserfahrung des Lesers und der Leserin. Anders: »Ästhetische Erfahrung ist primär Erfahrung« . Auf dem »Buch-Theater, auf dem die Szenen eines fremden Lebens aufgeschlagen sind« , agieren wir immer in eigener Sache und im eigenen Lebenszusammenhang; und weil das so ist, können die Lese-Erfahrungen zu »Orienticrungszentrcn eigener Erfahrungen werden« .
      Sind Lese-Erfahrungen auf diese Weise immer Ergebnis einer Vermittlung von literarischem Text und subjektiver Tätigkeit des bzw. der Lesenden, so sind für ihr Zustandekommen und für ihre Qualität zahlreiche außertextliche, sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Bedingungen verantwortlich. Das Was und Wie des Lesens ist Ergebnis eines Lernprozesses, der sich immer innerhalb staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen abspielt.
      »Lesenkönnen« bedeutet zunächst Alphabetisierung; darüber hinaus meint der Begriff den Sinn verschiedener Texte erfassen, sie verarbeiten und nutzen können .
     
Es gibt eine »Geschichte des Lesens« , die vor allem eine des Kampfes um das Lesen-Lernen und dann um die Lesestoffe ist, um die Lesekultur und die Teilhabe der verschiedenen Klassen und Schichten an ihr. Denn das Lesen von literarischen Texten ist ja nicht nur Flucht aus dem Alltag, Abenteuer, Zerstreuung, sondern vor allem anderen ein Weg zur Erkenntnis, ein Zugang zur Wirklichkeit und zur Möglichkeit ihrer Veränderung durch kollektives Handeln.
      Im Blick auf den Gcsamtzusanimcnhang der gesellschaftlichen Entwicklung ist dies die wesentlichere und jedenfalls die produktivere Seite der literarischen Kommunikation, die Seite auch, auf der die Auseinandersetzung um die - und in den - Institutionen geführt wird, die über Lesestoffe und Lcscweiscn mitentscheiden: die Schule, die Medien und Bibliotheken, die Literarurkritik und die Wissenschaft. So sind sich die Literatursoziologen, die Fachdi-daktiker und die Schulverwalrungen durchaus darüber einig, dass das Leseverhalten und die Lektürewahl der erwachsenen Leser und Leserinnen ganz entscheidend vom Lileraturunterricht geprägt werden. Und es ist kein Zufall, dass über die Rahmenpläne und den Lektürekanon für den Deutschunterricht seit der Mitte der 1960er Jahre weitaus heftiger öffentlich gestritten wurde als je über literarische Neuerscheinungen. Das hat sich im weiteren Verlauf- und besonders seit der Zäsur von 1989 - gründlich geändert. Mehr als je zuvor in der Moderne grundiert ein anything goes den Diskurs der Literatur, wobei sich in den Rahmenplänen eher eine Rückkehr zum klassischen Bildungskanon vollzogen zu haben scheint. Zudem hat sich der Stellenwert der Literatur im gesellschaftlichen Leben doch einigermaßen verändert. Dennoch wird auch heute weitaus heftiger über den gesellschaftlichen Gehalt der Bücher gestritten als über ihren Unrerhaltungswert; man denke nur an das Thema »Luftkrieg und Literatur« im Anschluss an Winfried G. Sebalds Essay von 1999.
      Der oder die Einzelne ist also bei der Lektüre, so einsam sich diese selbst vollziehen mag, immer schon einbezogen in die ideologischen Institutionen und sozialen Auseinandersetzungen, von denen der literarische Diskurs bestimmt ist. Die Objektivität der Situation, in der wir uns die Welt und unser Selbst lesend anzueignen suchen, steht ebenso wenig zur Disposition wie die Subjektivität dieses Aneignungsvorgangs selbst. Beides können wir nicht als gegeben annehmen, sondern nur verdrängen oder bewusst reflektieren und mitzugestalten versuchen. Nicht zuletzt dazu erscheint die eingreifende Teilnahme der Leserinnen und Leser an der literarischen Kommunikation als notwendig und sinnvoll.
      Es ist eine Eigenart der Lektüre, dass sie sich zwar in einsamer Versenkung oder ekstatischer Zerstreuung in der Welt des Gelesenen des fremden Lebens zu bemächtigen sucht, dass sie aber- einmal zurückgekehrt in die Wirklichkeit außerhalb der Bücher - zur Kritik wird.
      Der Begriff der Kritik bezeichnet, ebenso wie der des Lesens und der Interpretation, einen praktischen und einen institutionellen Aspekt. In praktischer Hinsicht kann Kritik als die Äußerung einer reflektierten, wertenden Stellungnahme verstanden werden, die als Mitteilung über die ästhetische Erfahrung in kommunikativer Absicht erfolgt. Kritik ist also ein Bestandteil einer jeden Lektüre und nicht nur eine professionelle Tätigkeit. Der Leser führt seine Aufnahme des Werks vor und begründet aus ihr ein ästhetisches und moralisches Urteil. Er formuliert zu diesem Zweck einen Textsinn, den wir als ein objektiviertes Korrelat der ästhetischen Erfahrung betrachten können. In diesem Vorgang zeigt sich, wie weit Lektüre und Kritik auf Aneignung eines fremden Sinns zielen und nicht auf bloßen Selbstausdruck. Kritik ist eine Äußerung über die eigene Lese-Erfahrung ah Äußerung über den Text. Das bedeutet: sie ist eine Teststellung über den Wahrheitsgehalt des Werks. Auch wo sie sich interesselos gibt, nimmt sie Interessen wahr und macht diese gegenüber dem Werk geltend, welches seinerseits Interessen zur Wirkung bringt.
      Als eine Aussage über den Wahrheitsgehalt des Werks ist Kritik - so entschieden sie sein kann und in der Regel ist - nur relativ: Sie setzt die eigene Lese-Erfahrung und den konstituierten 'Textsinn ins Verhältnis zu den Interessen und Bedürfnissen, von denen die Lektüre motiviert ist. »>Was bedeutet der Text für mich selbst und meine Lebenspraxis?< fragt der Kritiker in Vertretung seines Publikums« . Im kritischen Urteil über das Werk verzeichnet er oder sie zugleich einen Standort in der Wirklichkeit.
      Ereilich ist das nur ein möglicher Maßstab der Kritik, wenngleich sicher der reellste. Unter dem institutionellen Aspekt, der hier in den Blick kommt, sind weitaus vermitteitere und auch weniger sachangemessene Kriterien der literarischen Wertung denkbar und im Schwange. Mit ihnen hat der literarische und literaturwissenschaftliche Unterricht zu rechnen. Angefangen von der bloßen Illustrierung der aktuellen Bestseller-Listen oder Förderung von gerade in Mode gekommenen Autoren bzw. Trends über die interessierte Kolportage literarischer oder politischer Vorurteile bis zur versteckten Selbstdarstellung des Kritikers finden sich in der institutionalisierten Literaturkritik vielfältige Formen und Maßstäbe kritischer Wertung. Sie prägen die Rrwarrungshal-tungen und Leseweisen, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. Der Insider-Jargon und die scheinhafte Sicherheit des Urteils, die man zuweilen auch dort antrifft, wo in der Sache informativ argumentiert wird, verstärken die institutionelle Distanz zwischen dem Lcsc-1'ublikum und denjenigen, welche stellvertretend für es die literarische Kntwicklung beobachten und fördern sollen. Der I.eser, die Leserin, die sich im Buchladen begegnen - Italo Calvino hat das in Wenn ein Reisender in einer Wintert/acht eindrucksvoll inszeniert -, sehen sich mit der Institution Literatur in einer Weise konfrontiert, die eher davon abschreckt, die eigene Neugier atif Bücher und Lese-Erfahrungen unbefangen zu äußern und sie gegebenenfalls in ein zustimmungsfähiges Urteil über den Text umzusetzen.
      Ich kenne Leser und Leserinnen, deren Kompetenz im kritischen Umgang mit Literatur all das weit übersteigt, was man in literaturwissenschaftlichen Zeitschriften und Monographien zuweilen als Interpretationen angeboten bekommt. Die meisten dieser Leser und Leserinnen haben dabei ein ausgeprägtes >Laien-bewusstseiiK. Sie trauen sich nicht zu, über ihre Lese-Lrfahrungen und die Werke mitzureden, wo die auch im literarischen Diskurs latenten Machteffekte wirksam sind oder, durch einen anwesenden Literaturwissenschaftler oder Kritiker, gar ausgespielt werden. Die selbstbewusste Hochschätzung und Äußerung der eigenen Lese-Erfahrung und der individuellen Lese-Interessen könnte durch einen Abbau dieser institutionellen Barrieren sicherlich wesentlich gefördert werden. Hier hat auch die Literaturwissenschaft eine Aufgabe.
      Dabei ginge es wohl zunächst um eine verständige Erläuterung der Haltung, von der her im Lese-Alltag eine literarische Verständigung in hat in einer systematischen Skizze zwei »historische Grundkonzepte« der Literaturkritik erläutert, die eine erste Systematisierung in diesem Sinne erlauben,
. die realistische Haltung, die sich primär auf die Objektivität der Werke und auf ihren geschichtlichen Gehalt bezieht und
. die romantische Haltung, die sich primär auf die Subjektivität des I'roduktions- und Verstehensprozesses bezieht.
      Vormweg hat auch gezeigt, wie eine Literaturkritik, auf dem literarischen und literaturtheoretischen Anspruchsniveau unserer Gegenwart, anknüpfend an Vorschläge Bertolt Brechts und Walter Benjamins diese Fragerichtungen in einer Orientierung an der rea-listischen Funktion der Werke zusammenführen könnte. Es dürfte deutlich geworden sein, dass die Frage nach dem Realismus auch in diesem Zusammenhang nicht die Bauform und Schreibweise prä-judiziert, sondern auf eine kritische Stellungnahme zur Wirklichkeit zielt. Auf der Basis der reflektierten Subjektivität des Kritikers ginge es dabei um eine Erweiterung der »äußersten Grenzen des literarisch Möglichen« zum Zweck einer »Realisierung neuer Erkenntnisse im öffentlichen Bewußtsein« . Hinzuzufügen bleibt, dass damit selbstverständlich auch die Realisierung neuer Wahrnehmungen und Wahrnehmungsformen gemeint ist.
      Kritik als Erarbeitung und Äußerung einer Meinung über den lext, die seinen aktuellen Sinn expliziert, zielt immer auf Eindeutigkeit. Aussagen über Wahrheit haben es an sich, dass sie zwar zur Diskussion gestellt werden können, aber nicht als unverbindlich vorgetragen werden, sofern die Aussagenden sich und ihre Adressaten ernst nehmen. Kritische Urteile sind bezogen auf den Standpunkt des Kritikers; sie formulieren einen möglichen Sinn des Textes, diesen aber mit dem Anspruch auf Geltung. Das heißt nicht, dass sie unveränderlich, wohl aber, dass sie verbindlich sind. Aufeinanderstoßende kritische Urteile, auseinander gehende Meinungen über den Sinn eines und desselben Textes, erzeugen im Verständigungsprozess das Bedürfnis nach einer objektivierenden Begründung der je individuellen Lese-Erfahrung aus dem zugrunde liegenden Text. Wieder zeigt sich, dass die kritische Äußerung ihren Geltungsanspruch auf den Text stützt und nicht auf die Evidenz der ästhetischen Erfahrung allein. Über literaturkritische Auffassungen kann und muss vielfach gestritten werden, weil sie den Anspruch erheben, Urteile über etwas objektiv Vorhandenes, nämlich die Meinung des Textes sowie die Kunst und Moralität seines Verfassers zu sein , welche ihrerseits zur Orientierung in der eigenen Lebenswelt dienen. Solche Verständigungsprozesse führen - jedenfalls der Möglichkeit nach - zur Differenzierung, Vertiefung und Veränderung der ästhetischen Erfahrung und damit auch der kritischen Äußerung und des in ihr ausgedrückten Interesses.
      Literaturkritische Aussagen sind begleitet von Urteilen über die Wirklichkeit. Sie tendieren dazu, ein Einvernehmen über Erfahrung und FXahrungsweisen im Alltag der Lesenden herzustellen. Das gelesene fremde Leben ist in der ästhetischen Erfahrung das imaginierte wirkliche und eigene. Es steht zur Debatte, wo Lektüre sich ernst nimmt. Der Austausch von Eindrücken und Urteilen über die ästhetische Wirkung sowie über die Subjektivität, die sich im Text ausspricht, gehört nicht immer, aber in der Regel zu dieser Verständigung hinzu. Dies entspricht einem spezifisch literarischen Interesse, mit dem sich die Frage nach der besonderen Darstellungsweise des gelesenen Werks und ihrer die Wirklichkeit erschließenden Leistung verbinden mag. Wie sich Aussagen über das ästhetisch angeeignete Wirkliche derart auf die subjektive und individuelle Lese-Erfahrung stützen, so zielen sie dem Anspruch nach auf intersubjektive Übereinstimmung, auf neue, veränderte Lektüre und auf Interpretation.
      Interpretation ist, mit einem glücklichen Ausdruck von Leo Kreutzer , eine Inszenierung der eigenen Lese-Lrfahrung. Das sagt zunächst, dass Interpretation als eine Form des sprachlichen Handelns betrachtet werden muss. So wie das Lesen eine Keimform der Interpretation, so ist diese eine analytisch agierende, auf Darstellung der Lese-Frfahrung und Verständigung mit anderen Lesern und Leserinnen zielende Form der Lektüre. Sie versieht die Lese-Frfahrung und die kritische Stellungnahme mit Begründungen, fragt nach den Ursachen der literarischen Wirkung und vermittelt so den Text mit der Wirklichkeit des Autors und der Leser . Das ist ein Arbeitsprozess, in dem der Vorgang des Verstehens - und mit ihm der gelesene Iext - methodisch rekonstruiert werden. In zweifacher Richtung soll in diesem Arbeitsprozess ein Inneres, der imaginierte Textsinn, vergegenständlicht werden:
. einerseits wird das Verstandene auf die Textstruktur bezogen und erweist sich dabei oft als das als fremd verstandene Eigene;
. andererseits wird die im Text enthaltene Botschaft des Autors in Beziehung gesetzt zum Standort und den aktuellen Interessen der Leser, dargestellt als eine historische Konstellation von Vergangenheit und Gegenwart beziehungsweise von Fremdem und Eigenem.
      Interpretation entfaltet und vermittelt auf diese Weise das im literarischen Werk vergegenständlichte Sinnpotential in praktischer Absicht. Sie ist Definition des Textes und gleichzeitig eine Selbstdefinition des Interpretierenden , indem sie die Übereinstimmung und die Distanz von Text und Leser wechselseitig auslegt. Ihr Wahrheitskriterium ist ihre die Wirksamkeit der Werke aufschließende Fähigkeit: Sie bleibt der ästhetischen Erfahrung nicht gegenüber, sondern ist deren methodische Entfaltung. Indem sie in einer prinzipiell unabschließbaren Reflexion überdie »Natur« des Textes und seiner je aktuellen Wirksamkeit den ästhetischen Genuss reflektiert, weckt sie die Lust und die Fähigkeit zu mehr und komplexerem , möchte ich die bedeutsamste Funktion der literarischen Werke und des Gesprächs über sie sehen.
      Ks zeigt sich in diesen Überlegungen darüber, was Interpretation im Zusammenhang von Lektüre und kritischer Verständigung - sein kann, dass diese nicht ohne eine theoretische und herme-neutische Reflexion auskommt. Das hängt vor allem mit dem zusammen, was man den hermeneutischen Status literarischer Texte nennt: ihre stets neue Auslegungsfähigkeit und Auslcgungs-bedürltigkeit auf ein bestimmtes praktisches, in einen gegebenen Diskurs eingefügtes Interesse hin. Tatsächlich ist eine Vorstellung vom »Wesen« der Literatur und ein Konzept des Verstehens in aller literarischen Tätigkeit stets schon implizit vorausgesetzt. Die literaturwissenschaftliche Arbeit macht diese Prämissen explizit und entwickelt sie zu einer Theorie des Gegenstandes und einer des Verstehens . Sie muss das, weil eine Reflexion auf die eigene, verstehende Tätigkeit und ihre Voraussetzungen notwendig zum Verstehen dazugehört, wenn dieses - in der Interpretation - zu intersubjektiv gültigen bzw. überprüfbaren Ergebnissen kommen will.
      Mit der Frage nach der Wissenschaftlichkeit von Interpretationen ist eine weit ausgreifende, lange und zuweilen heftig geführte Diskussion angesprochen, die auch heute keineswegs beendet ist. Das hängt damit zusammen, dass mit dieser Frage ein wesentlicher Aspekt in der grundlegenden Auseinandersetzung über das Verhältnis von Theorie und Praxis, Wissenschaft und Gesellschaft berührt ist. Es geht, vereinfacht gesagt, um die Frage nach einem möglichen Widerspruch zwischen der Subjektivität der ästhetischen Erfahrung und des Verstehens literarischer Werke, und der geforderten Objektivität ihrer Auslegung und Kategorisicrung. Dem einzelnen Leser, der einzelnen Leserin tritt dieser Objektivitätsanspruch als institutionalisierte Literaturwissenschaft entgegen, mit Bibliotheken voller »Sekundärliteratur«, einer kaum mehr überschaubaren Zahl von Methoden und »Ansätzen«, mit Handbüchern und Leselisten. Innerhalb des Fachs geht es, wieder vereinfacht gesagt, um die wissenschaftliche Relevanz und Zulässigkeit der Frage nach der Wahrheit der Werke und um die Frage nach dem Geltungsbereich verschiedener Methoden. Wenn die ästhetische Erfahrung und das Textverstehen unaufhebbar an die Subjektivität gebunden sind, muss die wissenschaftliche Interpretation dann nicht auf ein Urteil über das Werk verzichten bzw. dieses Urteil allenfalls als ein unverbindliches >Angebot< formulieren? Gibt es nicht Möglichkeiten, literarische lexte wissenschaftlich zu analysieren, ohne dass man sich mit der Standort- und Intcressengebundenheit der Textproduktion wie der Textrezeption auseinandersetzen muss?
Die Antwort auf diese und andere Grundsatzfragen der Literaturwissenschaft kann nach meiner Auffassung nur in der Entwicklung einer Methode selbst liegen, in der eine kontrollierte Vermittlung von Subjektivität und historischem beziehungsweise literarischem Prozcss geleistet werden kann. So wie die ästhetische Erfahrung der Ausgangspunkt und das unverzichtbare Evidenzkriterium der Interpretation ist, so ist die Standortgebundenheit der Lektüre und der Interpretation ihre unhintergehbare Voraussetzung. Das Wahrheitskriterium der Auslegungen ist die - literarische - Praxis. Es ist »nicht nötig, die Gegenstände des ästhetischen Diskurses an ihm vorbei zu objektivieren. An ihm haben sie ihre Objektivität« .
      Auch methodische Positionen wie die Dekonstruktion oder die Diskursanalyse im Sinne Eoucaults, die von der »Unlesbarkeit« der lexte ausgehen, deren Art der Lektüre den »hermeneutischen Drang zum Sinn auf Schritt und Tritt absichtlich frustriert« , rechnen mit der objektiven Gegebenheit der ästhetischen Erfahrung und mit einer - wie immer als »negative Dialektik« entfalteten - Wahrheit ihrer diskursiven Praxis. Dass es »so gut wie unmöglich [ist], Nichtsinn als Nichtsinn zu markieren« , ist ebenso wahr wie die Erfahrung, dass es eine »harmoneutische« , das heißt wohl: prästabilierte Beziehung von Interpretation und Konformität nicht gibt. Wie sollte die »Unbegreiflichkeit der Kunstwerke« anders begriffen werden als durch eine Kritik, die bei ihrer »Suche nach dem Andern des subjektiv gemeinten Sinnes« etwas zu finden hofft?
Das bedeutet: Literaturwissenschaft, die sich und ihren Gegenstand ernst nimmt, ist auf die Verbindlichkeit ihrer Aussagen angewiesen. Das gilt auch und gerade für Interpretationen. Das Problem selbst spielt im literaturwissenschaftlichen Unterricht und Arbeitsprozess eine bedeutsame Rolle, etwa wenn ein Leser bzw. eine Leserin äußert: «... aber das kann man natürlich auch ganz anders sehen.« - Interpretation, die sich ernst nimmt, sagt: »... ich sehe das so und so.« Sie macht eine Aussage über die eigene Stel-lung zum lext und untermauert gegebenenfalls durch überprüfbare Argumente deren Gültigkeit. Literaturwissenschaftliche Interpretation ist ein sprachliches Handeln, ein srellungnchmendes Agieren in der gesellschaftlichen Realität, auch wo sie sich dessen nicht bewusst ist oder es ausdrücklich negiert. Im literaturwissenschaftlichen Seminar, wo das Interpretieren ja tatsächlich um seiner selbst willen, vornehmlich zu Ausbildungszwecken stattfindet, wird diese Tatsache leicht übersehen. Nicht nur weil die meisten Büchcrlcser ihre Lektüre im Horizont ihrer Lebens-Erfahrung erleben und reflektieren, sondern weil sie sich nach meiner Auffassung andernfalls als Wissenschall selbst annulliert, sollte die Literaturwissenschaft ihr Tun als einen Beitrag zur Erforschung der Wirklichkeit begreifen, freilich in vielfach vermittelter form: Interpretation erarbeitet Einsichten über die Wirklichkeit im lext, über die Manifestation oder die Herstellung von Wirklichkeit durch den Lext und über die »Wirklichkeit, das heißt die aktuelle Wirksamkeit des Textes.
     
Mit methodisch gebotener Notwendigkeit und nicht aufgrund eines moralischen Appells wird deswegen die lucralurwisscnschaft-liche Interpretation eine mehr oder weniger explizite theoretische und hermeneutische Reflexion einschließen. Wertende Aussagen über literarische Wirkungen setzen einen Literaturbegriff - was ist Literatur und was kann sie sein? - und ein Konzept literarischen Verslehens voraus. Eine Vorstellung davon, was Literatur ist und sein kann, bestimmt die literarische Tätigkeit im Ganzen, sie bildet gewissermaßen ihr Woraufhin: die Wahl des zu lesenden Werks, den Erwarfungshorizonr der Lektüre und nicht zuletzt die Darstellungs- und Vermittlungsform der Lese-Erfahrung und des kritischen Urteils. Auch literarurwissenschaftliche Tätigkeit hat, bewusst oder unbewusst, stets eine gesellschaftliche Punktion; sie hat als privilegierter Partner des literarischen Diskurses Teil an dessen Machtspielen und Subjekt-Effekten. Sofern Interpretation eine ihrer selbst bewusste Tätigkeit ist, werden sich die Interpretierenden als Teilnehmer und nicht als Betrachter des literarischen Prozesses begreifen und verhalten.
     

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Lektüre  -  Kritik  -  Interpretation:  Formen  der  Aneignung    


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