Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

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Kriterien der Angemessenheit



Methodisches Interpretieren geht von jeweils vorliegenden Lesarten aus und bemüht sich um deren Objektivierung und Ãœberprüfung, um ztt einer intersubjektiven Gemeinsamkeit hinsichtlich der Gehung des ermittelten Textsinns zu kommen. Es kann also verstanden werden als eine reflektierte, verschiedene Eragerichtungcn systematisch berücksichtigende »Lesartenkritik«, das heißt als eine Ãœberprüfung der Lesarten auf ihre Gegründetheit in den Eigenschaften des vorliegenden Textes. Hierbei haben wires, soweit ich sehe, mit drei Kriterien der Angemessenheit zu tun, die in einem spezifischen Zusammenhang stehen.
      I. Evidenz: Angemessen könnte eine Lesart bzw. Interpretation sein - und als angemessen gilt sie vielfach —, wenn viele Leser und Leserinnen ihr nachdrücklich zustimmen. Die Zustimmung kann dabei inhaltlichen Gegebenheiten entspringen, aber auch der besonderen Wirksamkeit des Textes, der ästhetischen Erfahrung, welche er vermittelt. Sie kann sich auf eine leichte »Anschliefs-barkeil« des Textes an die Erfahrungen und Rczcpiionsgewohnheilcn des Lesepublikums gründen. Beglaubigt ist sie zunächst einmal nur dadurch, dass sich das Textverständnis eines Einzelnen als das vieler Leser und Leserinnen erweist. Zugespitzt könnte man auch sagen: das individuelle Vorurteil über den Text erweist sich als weit verbreitet. Gegebenenfalls wird die eigene Lesart bezogen sein auf den »aktuellen Stand der ästhetischen Diskussion« , aber auch auf aktuelle politische, soziale, wissenschaftliche Auseinandersetzungen und die in ihnen gerade geltenden Maßstäbe, die man kritisch als Moden oder Trends bezeichnen kann. — Neutral gesprochen ist es tler Geschmack oder ein unreHcktien gegebener gesellschaftlicher Konsens, von dem her über Auslegungen geurteilt wird. Als unangemessen gelten von diesem Standpunkt aus solche Lesarten, die gegen die allgemeine Zustimmung formuliert sind.
      Evidenz in diesem Sinne ist ein primär subjektbezogencs und problematisches Kriterium; in der rezeptionsästhetischen und hcrmcncutischen Diskussion wird sie häufig auch entsprechend bewertet. Eine auf Evidenz, gegründete Rezeption erscheint dann als »subjektivistisch«, weil sie den Text an »privalistischc Normen« anschließe .
      Aber so plausibel die Abweisung subjektivistischer Textauslegungen auch ist, so wenig wird man das Kriterium der Evidenz prinzipiell als defizitär einstufen können. Denn es bleibt, wenngleich in unterschiedlichen I'Ornien, auf allen Stufen der Interpretation unentbehrlich und ist daher für die literaturwis-senschaftliche Arbeit von hoher praktischer Relevanz. Das hängt zunächst damit zusammen, dass die Auslegung literarischer Werke an die Konstitution des auszulegenden Sinns durch ästhetische Erfahrung gebunden bleibt, die sich ausschließlich im Modus der Evidenz verwirklicht. — Aber es spricht noch ein wichtigeres, methodologisches Argument für die Relevanz dieses Kriteriums in der Interpretation. Da das Verstehen eines Textes nicht nur in der Realisierung der syntaktisch-semantischen Verknüpfungen besteht, sondern nur als Sinnverstehen zu einem Ziel kommt, ist es von den subjektiven Voraussetzungen des Rezipienten nur um den Preis einer objektivistischen Reduktion abtrennbar. Sinnverstehen ist immer Positionierung des Verstandenen im Horizont einer Lebenspraxis. Diesen Sachverhalt hat Jürgen Habermas in die Feststellung gefasst, dass »das Verständnis kommunikativen Handeins eine strikte Trennung von Bedeutungs- und Gcltungs-fragen« nicht zulasse .
      Der vor allem in den Arbeiten von Hans Robert Jauß zugrunde gelegte Begriff der Horizontstruktut des Verstehens trägt der Tatsache Rechnung, dass Sinnverstehen ein Modus der Erfahrung ist , das heißt ein spontaner, nicht restlos zu objektivierender Vorgang der Integration von Bedeutung und Praxis in der Tätigkeit und in der Psyche des konkreten Individuums. Der Begriff des Horizonts, der »als geschichtliche Begrenzung und zugleich als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung« auch die Sinnkonstitution im Handeln und alltäglichen Verstehen begründet, beschreibt anschaulich das »System der Beziehungen des Individuums zur Wirklichkeit«, das in der zitierten Definition der Kategorie Sinn die Bedeutung mit der l.ebenspraxis des Individuums vermittelt. Horizont und Sinn sind also komplementäre Begriffe. — Die Interpretation literarischer Werke wird auf dieser Basis von Jauß erläutert als eine methodisch kontrollierte, dialogische Vermittlung von Leserhorizont und Autorhorizont, ein Arbeitsvorgang, in dem die Evidenz der ersten Lesart auf dem Wege einer bewussten Hori-zonfabhebung objektiviert und überprüft wird. Dieser Pro/.ess zielt darauf, den Gelrungsanspruch welcher sich mit dem Verständnis des I'extes verbindet, zu begründen und dadurch intersubjektiv zustimmungsfähig zu machen. Jauß spricht zu Recht von einer Dialogizität des Verstehens, weil sich - wie Jürgen Habermas ausgeführt hat - das Sinnverstehen grundsätzlich von der Wahrnehmung und Beurteilung physikalischer Gegenstände unterscheider:
Es erfordert die Aufnahme einer intelsubjektiven Beziehung mit dem Subjekt, das die Äußerung hervorgebracht hat. wiederum jeder für sieh, führt dieser Prozess unter verschiedenen, grundsätzlich beliebigen Beobachtern zu übereinstimmenden Aussagen, darf die Objektivität einer Beobachtung als hinreichend gesichert gelten. Sinnverstehen ist hingegen eine solipsistisch undurchführbare, weil kommunikative Erfahrung. Das Verstehen einer symbolischen Äußerung erfordert grundsätzlich die Teil-nähme an einem Prozeß der Verständigung. Bedeutungen, ob sie nun in Handlungen, Institutionen, Arbeitsprodukten, Worten, Kooperationszusammenhängen oder Dokumenten verkörpert sind, können nur von innen erschlossen werden .
      Der Verstehende befindet sich in der Rolle eines virtuellen Teilnehmers an dem Verständigungsprozcss, dessen Medium und Resultat der Text ist . Seine Subjektivität und die historischen Verstehensbedingungen, denen er unterliegt, lassen sich also auch in der methodischen Interpretation nicht aufheben, sondern müssen selbst zum Gegenstand einer hermeneutischen Reflexion gemacht werden. »Dieselben Strukturen, die Verständigung ermöglichen, sorgen auch für die Möglichkeiten einer reflexiven Selbstkontrolle des Verständigungsvorgangs« . Evidenz als Kriterium der Angemessenheit eines Verständnisses oder einer Interpretation lässt sich nicht überspringen, aber kritisch reflektieren.
      2. Als Kriterium für diese methodische Ãœberprüfung der Evidenz bietet sich die Frage nach der Textadäquanz der Lesarten bzw. Interpretationen an. In dieser Dimension wird eine objektive Erfassung von Tcxteigenschaften angestrebt, indem die Analyse sich einerseits auf die Autorintention, andererseits auf die Textstruktur richtet. Die Autorintention bzw. die intendierte Bedeutung des I'extes ist sicherlich die wichtigste der Instanzen, auf die sich ein Gültigkeitsanspruch der Lesarten berufen kann. Der Vergleich eines ausgearbeiteten und fixierten Textverständnisses mit der rekonstruierten Situation und Intention des Autors ist eine produktionsästhetische Untersuchung. Diese dient der Herstellung einer intersubjektiven Gewissheit, dass das erarbeitete I'ext-verständnis mit dem übereinstimmt, was der Autor gemeint hat. Textadäcjiiatheit bestünde unter diesem Blickwinkel dann, wenn sich auf der Basis der rekonstruierten Autorintention der Text in seinen wesentlichen strukturellen Eigenschaften begründen lässt . Klaus Weimar nennt diesen Vorgang eine »argumentative Sinnproduktion«:
Es ist der Versuch, unter den Bedingungen der Reflexion von einem zweifellos anderen Ausgangspunkt aus und auf einem wahrscheinlich anderen Wege doch zum möglichst genau gleichen Ergebnis zu kommen wie der Autor: zum Text .
      Die in den 1980er Jahren verbreitete These vom Verschwinden des Autors gibt Anlass, schon an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass bei der Auslegung von Texten vom Autorin zweierlei Hinsicht die Rede sein kann. Aufgrund einer methodischen Erwägung, die im Zusammenhang mit der produktionsästhetischen Analyse von besonderer Bedeutung ist, bezieht sich die Rede von der Autorintention oder von der im Text enthaltenen Botschaft nicht - jedenfalls nicht in erster Linie - auf den Autor als historische Person. Das Subjekt der Autorintention ist der Autor als Produzent. Man muss auf dieser Kbene nicht darüber entscheiden, ob diese Instanz als eine soziale Rolle des historischen Autors, also als ein Ergebnis der Alteration erkannt wird , oder als ein Subjekt-Effekt des Textes.
      In einer zweiten Richtung meint Tcxtadäquathcit die Ãœbereinstimmung der Lesart bzw. Interpretation mit der Textstruktur. Angemessen ist unter diesem Aspekt eine Auslegung dann, wenn sie, linguistisch gesprochen, »alle wesentlichen semantischen Vorgaben des Textes in seiner Lesart berücksichtigt und [...] die Lesart des Textes seinen semantischen Vorgaben nicht widerspricht« oder wenn, rezeptionsäsrhetisch gesprochen, »der Leser die implizite Leserrolle adäquat ausfüllt« . In dieser Untersuchungsrichtimg wird der Text als die Konstante seiner variablen Auslegungen ernst genommen. Subjektivität und Vorurteil - auch das von vielen geteilte Vorurteil - scheinen ausgeschlosssen. Auch ist es nicht mehr nötig - wie bei der Autorintention -, die Interpretation «'««Textes gegebenenfalls durch die Interpretation anderer Texte stützen zu müssen. Methodische Interpretation ist auf den Weg exakter strukturaler bzw. rezeptionsästhetischer Analyse verwiesen. Unbeantwortet bleibt dabei freilich die Trage, was denn in den zitierten Formulierungen »wesentlich« bzw. »adäquat« bedeutet. Auch das Kriterium der Textadäquanz, das eine weitreichende Objektivierung und Ãœberprüfbarkeit der Auslegungen zu gewährleisten scheint, erweist sich als eines, das keine abschließenden und keine .subjektunabhängigen Aussagen über das literarische Werk ermöglicht.
      3. Aus diesem Grund wird in der Literaturkritik und in der literaturwissenschaftlichen Praxis — in der Regel unausdrücklich - ein drittes Kriterium zugrunde gelegt, das wie das Evidenz-Kriterium ein praktisches ist, sich jedoch im Unterschied zu diesem nicht allein auf die einfache Zustimmung realer Leser stützt. Ich nenne es das Kriterium der Produktivität einer Lesart bzw. Interpretation. Der Text und seine aktuelle Bedeutung werden dabei kritisch auf die individuelle und gesellschaftliche Praxis bezogen. Angemessen ist eine Lesart bzw. Interpretation unter diesem Blickwinkeldann, wenn es ihr gelingt, die im Text vergegenständlichten Erfahrungen, Einsichten und Impulse im jeweils gegebenen Hand-lungszusammcnhang produktiv zu machen. Das klingt tautolo-gisch und verweist, ähnlich wie die formulierte Einschränkung der Textadäquanz, auf die Notwendigkeit, den Inhalt des Ausdrucks »produktiv« näher zu erläutern. Der Maßstab dafür ergibt sich aus der Standortgebundenheit und der praktischen Dimension jeder literarischen Tätigkeit. Es ist die Frage nach der Bedeutung der Lese-Erfahrung und der in ihr gewonnenen Einsichten und Impulse für die Verwirklichung der kulturellen, sozialen und politischen Interessen der Leser und Leserinnen. Es geht also nicht um die unmittelbare Ansehlicßung des Werks an die aktuellen Bedürfnisse der Rezipientcn, sondern um den Versuch, einen spezifischen Gebrauchswert dieses literarischen Werks und seiner Rezeption möglichst umfassend und mit dem Blick auf individuelle Lebensperspektiven und Lebensentwürfe zu realisieren. - Wissenschaftliche Interpretation ist damit auf ein Urteil über die Wahrheit des literarischen Werks verwiesen, die freilich nicht missverstanden werden darf als begrifflich hxierbarer, diskursiver Inhalt. Vielmehr geht es um die besondere ästhetische Wirksamkeit und Wirkung des Werks und um seine aktuelle Geltung, die ins Verhältnis gesetzt werden muss zur Frage nach dem Gewinn, den die Literatur und das Lesen für den Einzelnen und die Gesellschaft bringt und bringen könnte.
      Der Zusammenhang der drei Kriterien ergibt sich aus ihren Unterschieden. F^videnz ist die Basis jedes Sinnverstehens und jeder mit dem Anspruch auf Geltung vorgetragenen Lesart, zunächst für den einzelnen Leser. Sie ist ein Merkmal literarischer Praxis, in welche freilich die jeweils gegebenen Rezeptions- und Produktionsbedingungen der Literatur eingehen. Nur wer behaupten wollte, dass die Welt, so wie sie ist, bereits in Ordnung ist, würde sich mit diesem Kriterium begnügen, auf das Popularität sich vor allem gründet. Textadäquanz bildet die fixierte und wie immer umstrittene Lesart auf den vorliegenden Text ab und fragt nach deren Gegründetheit in der Autorintention und Textstruktur. Sie setzt Evidenz als solche also voraus, überprüft sie und expliziert dabei sowohl die Struktur des Gegenstandes als auch die Subjektivität des Verstehenden. Sie zielt darauf, den Autor wirklich als einen Anderen zu verstehen und im Vorgang der Horizontvermittlung die Geschichtlichkeit der eigenen Subjektivität zu erkennen. Das Kriterium der Produktivität, das 'Textadäquanz voraussetzt, um Evidenz gegebenenfalls kritisch zu korrigieren, steuert die Bestim mung der Erkcnntnisintcrcsscn, der F.inlässlichkcit und Reichweite der Interpretation und schließlich ihrer Adressaten. Es begründet Ausgangspunkt und Ziel der literarischen Tätigkeit; es zielt auf ihre Veränderung im Sinne einer Demokratisierung der I.esckultur und - durchaus in Ãœbereinstimmung damit auf die Erweiterung der individuellen Wahrnehmungsfähigkeit, der Urteilskraft und der kommunikativen Kompetenz .
      Aus diesen Ãœberlegungen ergeben sich die Arbeitsschritte und Untersuchungsebenen einer methodischen Interpretationspraxis.

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