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Hermeneutischer Exkurs



Es gibt ein im Alltag vielfaltig ausgewiesenes Interesse des Einzelnen und der Gesellschaft an der Frage nach der rationalen Begründung und Begründbarkeit von Textauslegungen. Wer ein literarisches Werk liest, artikuliert die bei der Lektüre gewonnenen Einsichten und Erfahrungen nicht nur für sich selbst, sondern versieht sie mit einem allgemeinen Gehungsanspruch, legt ihnen also intersubjektiv vermittelbare und gegebenenfalls überprüfbare Maßstäbe der Beurteilung zugrunde. Spontane Interpretationen sind in der Regel als Tatsachcnbchauptungen über den Text bzw. den Autor formuliert und zielen darauf, ein bestimmtes Verständnis des lextes als begründet durchzusetzen; für literaturwisscnschaflliche Interpretationen und auf sie gegründete literarhistorische Darstellungen gilt das ohne Ausnahme.
      Ein Blick auf die Rechtsprechung — aber auch auf die politische Öffentlichkeil - kann darüber belehren, dass der Streit um die richtige Auslegung von Texten sehr wohl gesellschaftliche Bedeutung hat und aktuelle Dimensionen. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf die Interpretationsinstanzen und die Macht ihrer Verlautbarungen und zeigt, dass die Auseinandersetzungen in den — und um die - staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen immer auch um gegensätzliche Auslegungen zentraler Begriffe oder Texte geführt werden. Hierbei wird in der Regel Rationalität der eigenen Textauslegung von beiden Seiten behauptet bzw. der jeweils gegnerischen Seite abgesprochen. Ähnliches gilt — mutatis mutandis - auch für die Literaturwissenschaft und ihre Interpretationen, wenngleich diese natürlich - entsprechend dem geringeren institutionellen Stellenwert der Literatur — längst nicht so scharf umkämpft sind wie etwa die von Gesetzestexten und ihre Anwendung durch die Gerichtsbarkeit.

     
Der in den alltäglichen wie in den wissenschaftlichen Interpretationen gleichermaßen vorausgesetzte Anspruch auf intersubjektive Gültigkeit gründet sich auf einen Sachverhalt, den Jürgen Habermas als die »rationale Binnenstruktur des verständnisorien-tierten 1 landelns« analysiert hat:
Habermas' 'Fliese: »Kommunikative 1 landlungcn verlangen stets eine im Ansatz rationale Deutung« gilt auch für die Literaturinterpretation, weil sowohl die Produktion als auch die Rezeption Texte kommunikative Handlungen sind. Die Frage ist also, welche Folgerungen sich lür die methodische Praxis der Interpretation aus diesen Feststellungen ergeben.
      Den Sachverhalt, dass es von einem literarischen Werk legitimerweise unterschiedliche, mit dem gleichen Anspruch auf Geltung vorgetragene Lesarten geben kann, fasst die Hermeneutik in die Fliese: Auslegungen literarischer Texte sind historisch und sozial variabel. Die Ursachen für diese Variabilität liegen einerseits in der Fägenart des literarischen lextes und der literarischen Kommunikation, andererseits in dem besonderen Gharaktcr sinnverstehender Tätigkeit:
Die Anwendung der Kommunikationstheorie auf die Phänomene der Kunstwirkung und -rezeption hat evident gemacht, dass die Kommunikation durch poetische Texte nicht primär als Ãœbermittlung von Informationen von einem Sender an einen Kmpfängcr zu verstehen ist, sondern die geistige Reproduktion des Produkts poetischer Text als einer ganzlieitlichen Struktur durch einen einzelnen Leser zur Voraussetzung hat. Was unter quantitativem kultursoziologischcn Aspekt als Rezeption im ursprünglichen Sinne des Wortes erscheint, erweist sich in ästhetischer Hinsicht als das Hinbringen der Subjektivität des Rczipienten. Dazu sind sein Vermögen zur Analyse und Synthese, Aulnahmebereitschaft und Vorstellungsgabe, das Ernstnehmen fremder Erfahrungen und die Aktivierung eigener, seine Sensibilität, betroffen zu werden und seiner Kraft zu eingreifendem Urleil gleichermaßen gefordert. |...| Die Aneignung des lextes durch den Leser ist also historisch, politisch, soziologisch, kulturell, subjektiv bedingt .

     
Literarische Texte haben einen »Eigensinn« , der mit dem vom produzierenden Subjekt gemeinten und dem vom rezipierenden Subjekt aufgefassten Sinn nicht übereinstimmt. Den spezifischen, prinzipiell unautliebbaren Unterschied zwischen Intention und Verständnis, der hier sichtbar wird, nenne ich die hermcncutischc Differenz. Der Begriff bezeichnet den Sachverhalt, dass der literarische Text nicht nur eine Bedeutung hat, sondern - der Möglichkeit nach •- viele sich unterscheidende, von denen eine als die vom Autor intendierte und eine andere mit dieser nur partiell übereinstimmende als die jeweils von einem Leser- auch von einem gleichzeitigen! realisierte Bedeutung gedacht werden kann. Verschiedene Auslegungen ein und desselben literarischen Werks ersclieineii daher als variable Realisierungen einer Konstanten: des Textes, dessen unveränderte und vollständige Ãœberlieferung dabei vorausgesetzt ist.
      Diese Differenzierung der Kategorie Bedeutung lässt sich schemalisch veranschaulichen. Aus . Das ist ein Sachverhalt,den die Kommunikationstheorie aus der Nicht-Ãœbereinstimmung von Sender- und Lmpfängcrkode erklärt . Die viel besprochene Mehrdeutigkeit des literarischen Textes verträgt sich darüber hinaus sehr gut mit der Tatsache, dass der Autor gegebenenfalls etwas Eindeutiges und Verbindliches meint und dass der Leser ebenso auf einer eindeutigen Auslegung und ihrer Gültigkeit bestehen kann. Ich unterscheide mich in diesem Punkt von Jürgen Landwehr , in dessen Modell intendierte und potentielle Bedeutung zusammenfallen. Nach meiner Auffassung »weiß« der Text immer mehr As sein Autor. Uneingeschränkt bleibt durch diese Feststellung die Möglichkeit, dass ein Autor sein Werk hewusst vieldeutig, widersprüchlich oder rätselhaft anlegt; denn auch die kunstvolle Organisation von Dunkelheiten und Ambivalenzen nuiss und kann in der Regel als Ausdruck einer vergleichsweise deutlich umrissenen Wirkungsabsicht gedeutet werden. Manfred Trank hat darauf hingewiesen,dafs ilie Mannigfaltigkeit der Aspekte, unter denen ein literarisches Werk .seinen Interpreten sieh darbietet, kein Argument ist gegen die bcdeiiliiiigs-mälsige Einheit seiner Botschaft .
      Die Ursachen für die hier schematisch veranschaulichte Variabilität der Textauslegungen sollen noch einmal übersichtlich zusammengestellt werden .

     
Im Hinblick auf den literarischen Text gilt:
• Kr ist situationsunabhängig, das heißt er dient nicht der Kommunikation in einem gegebenen, pragmatischen I lanil-lungskontext; seine Entstehung ist zudem meist zeillich und räumlich von seiner Rezeption getrennt.
      • Kr ist fiktional, das heißt er bezieht sich nicht auf konkret vorhandene, sondern auf mögliche, denkbare, vorstellbare Wirklichkeiten.
      • Kr ist infolgedessen notwendig-unbestimmt, das heißt er kann weder im Blick auf eine Komnnmikationssitiialion und gegebene Adressaten noch - in der Regel - durch Rückgriff auf außertextliche Sachverhalte vereindeutigt werden.
      • Kr ist komplex und partiell strategisch-unbestimmt, das heißt es werden nicht Informationen über identifizierbare Sachverhalte vermittelt, sondern der ganzheitliche Kindruck verwickelter und zuweilen bewusst mehrdeutiger und undeutlicher Sinnzusammenhänge.
      Im Hinblick auf die Rezipienten gilt:
• Das Verständnis ist abhängig von Standort und Interessen der Leserin bzw. des Lesers, die sich von denen anderer Re/.ipienten mindestens teilweise unterscheiden.
      • Tür den einzelnen Rezeptionsvorgang gelten konkrete, z.T. sehr unterschiedliche Rezeptionsbedingungen, die ihrerseits die Rezeptionshaltung und Rezeptionsweise bestimmen.
      • Die individuellen Lebenserfahrungen, an die der Text >an-geschlosseiK wird, führen zu unterschiedlichen I'crspcktivie-rungen.
      Die hcrmcncutischc l'hcoric geht, ebenso wie die Semiotik , von der Tatsache aus, dass das Verstehen sich in unterschiedlichen Dimensionen bewegt. Wir verstehen beim Lesen zunächst die Wörter und Sätze eines Textes sowie ihre syntaktisch-semantische Verknüpfung als Mitteilung eines oder mehrerer Sachverhalte . Den einheitlichen Zusammenhang des Textes, seine Bedeutung als Text, können wir jedoch erst verstehen, wenn wir ihn auf einen der sprachlichen I landlung vorausliegenden Grund und einen ihr immanenten Zweck beziehen. Die je konkrete Beziehung zwischen Grund und Zweck nennt man Sinn ; einen Sinn des Textes müssen wir vorgreifend entwerfen, wenn wir ihn in der Lektüre verstehen wollen. Der Begriff >Sinn< bezeichnet einen pragmatischen Bezug der Bedeutung zur Lebenspraxis der Individuen und lässt sich linguistisch definieren:
Sinti ist das Verhältnis des Motivs zum Ziel, ein besonders geartetes Äquivalent der Bedeutung in der konkreten Tätigkeit des konkreten Individuums, die T.xislen/.foini der Bedeutung in der individuellen Psyche, die stets durch das System der Beziehungen lies Individuums zur Wirkliehkeil vermittelt wird .
     

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