Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

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Arbeitsschritte einer methodischen Interpretation



Als Arbeits- und Darslclhingsformen im Zusammenhang einer methodischen Interpretation lassen sich Textbeschreibung, Textanalyse und Interpretation unterscheiden. Diese drei Möglichkeiten, sich über das literarische Werk zu verständigen, hängen eng miteinander zusammen und es ist nicht daran gedacht, eine reinliche Trennung der Begriffe oder der in ihnen bezeichneten Arbeitsweisen vorzuschreiben. Trotzdem halle ich es für sinnvoll, sich der unterschiedlichen Haltungen bewusst zu sein, mit denen man im Prozcss der Icxtauslcgung zu tun bekommen kann.
      1. Die Textbeschreibung hält Beobachtungen fest, wie sie sich in einer von praktischer und theoretischer Erfahrung geleiteten Lektüre machen lassen. Sic arbeitet weitgehend mit Hegriffen der Alltagssprache, sucht das Gelesene >in eigene Worte< zu fassen und dabei gegebenenfalls nach grundlegenden Fragcrichtungen zu systematisieren. Ihr Ausgangspunkt ist der Gesamteindruck des Textes, ihr mögliches Ziel eine Paraphrase der in ihm erzählten Geschichte, eine Charakterisierung der Haltung des Autors/Erzählers oder des sprachlichen Cestus. Sie schließt vielfach eine erste Hypothese über die Aurorintention und eine Äußerung über die spezifische Wirksamkeit des Textes ein. Unter Umständen muss man sich schon auf dieser Stufe um die Aulklärung unverständlicher Ausdrücke oder ungewöhnlicher sprachlicher Formen bemühen.
      2. Die Textanalyse richtet sich auf die Erklärung der Textstruktur. In produktions- bzw. rezeptionsästhetischer Perspektive fragt sie nach den Bedingungsverhältnissen zwischen Entstehungssituation, Texteigenschaften und Wirkung. In systematischer Einstellung erläutert sie die Texteigenschaften und die Textbedeutung durch den Bezug auf die dem Text zugrunde liegenden Schemata und Kodes. Sie besteht in einer den Text
'*._,'■•■■'â–  .-.- .'-.-â–  ,..... '.-.-â– ..•'''..•und seine Kontexte zergliedernden Tätigkeit und bedient sich zur exakten Erfassung der Texteigenschaften und zur kontrollierten Verständigung der linguistischen und literaturwissenschaftlichen Kategorien und Verfahren auf dem jeweils fortgeschrittensten Stand der Forschung.
      3. Interpretation im engeren Sinne ist die darstellende Vermittlung eines praktischen Interesses am Werk mit den in der Analyse gewonnenen Erkenntnissen. Sie geht, wie angedeutet, von der in der Textbeschreibung entfalteten Iwidenz der ästhetischen und intellektuellen Erfahrung über die exakte Analyse zur Frage nach dem Sinn des Ausgelegten für den aktuellen Handlungszusammenhang der wissenschaftlichen Arbeit. Sie zielt also auf die Darstellung der Einheit von lextverständnis, Verstehcnsvorgang und methodischer Reflexion und schliefst die historische und ästhetische Wertung des interpretierten Werks ein.
      Der Arbeitsprozess methodischer Interpretation besteht nicht in einem schematischen Nachvollzug der im Folgenden dargestellten Untersuchungsschritte, sondern wird sich vom Gegenstand wie vom eigenen Pa'kcnntnisintcresse leiten lassen.
      1. In der Lese-Krfahrung äußert sich ein >erstes Verständnis< des Textes, welches geprägt sein mag durch ein besonderes inhaltliches Interesse, Auffälligkeiten der Darsrellungsweise oder auch bestimmte Aspekte der ästhetischen Wirksamkeit. Die Gegenwärtigkeit und Ganzheitlichkcit der literarischen Darstellung führt in der Regel zu einem »Trugschluß der Unmittelbarkeit«, in dem die prinzipiell vorhandene »Spannung zwischen dem Text und der Gegenwart« mehr oder weniger bewusst vernachlässigt wird. »Das erste Verständnis eines Textes ist und enthält Missverständnis und Unverständnis« : der Leser glaubt, eine fremde Sprache bzw. Erfahrung zu verstehen und versteht in Wirklichkeit die eigene.
      Der Interpret scheint die Sätze des Autors zunächst zu verstellen, macht aber im weiteren Verlan! die beunruhigende Erfahrung, den lexi doch nicht so gut zu verstehen, daß er dem Autor gegebenenfalls auf Fragen antworten könnte. Der Interpret nimmt dies als ein Anzeichen dalür, daß er den Text irrtümlich in einen anderen Kontext eingebettet hatte und von anderen Tragen ausgegangen ist als der Autor seihst .
      Die F'orderung geht also dahin, dass der Interpretierende das eigene Kontextverständnis, das er zunächst mit dem des Autors zu teilen glaubte, von diesem zu unterscheiden lernt. Diesem Ziel kann schon die Frarbcitung eines >zweitcn Verständnissen dienen, insofern in ihm die zunächst üherlesenen Widerstände und Unklarheiten des lextes zutage treten.
      2. Die Lesart ist eine entfaltete und damit im Ansatz auch schon gedeutete, mündlich oder schriftlich fixierte Lese-Erfahrung. Sie artikuliert zugleich mit einer Vorstellung vom Fextinhalt - oft implizit das vorgängige Wissen und die P'instcllungen, von denen das meist mitgelieferte kritische Urteil bestimmt ist. In einer Lesart sage ich etwas aus über die Bedeutung des Werks und seine Bedeutsamkeit für mich sowie über die bei der Lektüre eingenommenen Leserollen. Dieses zweite Verständnis des Lextes zielt auf Subjektivität und Hypolhesenbildung, das heilst, ich erläutere esunter Umständen schon in Bezug auf strukturelle Ligenheiten - als mein Verständnis und zugleich als eine Vermutung über den Sinn des lextes in seiner Lntstchungssituation. Daraus kann sich schon eine l'erspeklivierung des weiteren Arbeitsprozesses ergeben, etwa in der Formulierung eines Unlersuchungsprogramms, das von bestimmten Beobachtungen, im Text relevanten Problemen oder durch die Lektüre aktualisierten eigenen Lrfahrungen ausgehen kann, /war ist grundsätzlich eine historische Funktionsbestimmung und eine Ivrörterung und Wertung der aktuellen Bedeutung des Werks das Ziel der methodischen Interpretation; oft werden jedoch ganz spezielle Aspekte des Werks ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken. Ls ist erfahrungsgemäß sinnvoller, diesen sich aufdrängenden Fragen nachzugehen als ein systematisches Untersuchungsprogramm zu verfolgen.
      3. Die Analyse dient der Ãœberprüfung, Modifizierung oder Falsifizierung der Lesart bzw. der Auslcgimgshypothe.se. Sie rekonstruiert den lext aus seiner Knistclumg, erklärt seine Wirkung aus seiner Struktur. Dabei werden auch die subjektiven Voraussetzungen des Sinnverstehens reflektiert und teilweise intersubjektiv vermittelbar. [Expliziert werden die Bedingungen, Normen und Systeme, in denen der lext und seine Wirksamkeit unter historischem und aktuellem Aspekt verstanden werden können. Diese Bedingungen sind objektiv, jedoch ausnahmslos historisch: Kommunikation, Sprache, literarische Tradition, Kunstmittel; historische und soziale Determinanten der Produktion und Rezeption des zu interpretierenden Werks.
      Die Analyse zielt in der Regel auf die Grundlegung einer historischen Interpretation und fragt dabei - in produktionsästhetischer


Perspektive — nach dem Autorhorizont und - in rezeptionsästhe-tischer Perspektive — nach dem Leserhorizont. Die Frage nach der Genesis und der zeitgenössischen wie aktuellen Geltung dient der Historisierung, das heilst einer bewussten I lorizontabhebung: Das Verstandene soll als Fremdes erkannt werden und tritt dadurch in eine spezifische Konstellation zur eigenen Gegenwart. Fs bedarf vielleicht eines I linweises darauf, dass das »Verstandene« hier nicht nur Diskursives, Inhaltliches meint, sondern ganz ausdrücklich die besonderen ästhetischen Figeuschaften und Wirkungen der Werke einschließt. Die besondere Bedeutung dieser Dimension, etwa die Wirksamkeit der Bilder, wird durch die F.ntwicklung neuer litera-turwissenschaftlichcr Sichtweisen nachdrücklich unterstrichen. Sie zeigen, dass gerade die nicht-diskursiven Fbcnen und Wirkungen der Literatur durch historische Analyse dem Verständnis erschlossen werden können. Geschichtliches Verstehen

Produktionsästhetisch untersuchen wir die Beziehung zwischen Autor, Werk und zeitgenössischen Lesern im Kontext der Fnt-srehungszeir, rezeptionsästhetisch fragen wir nach dem Verhältnis von lextstruktur und aktueller Sinnkonstitulion im Kontext unserer Gegenwart. Die zweite Perspektive eröffnet den Zugang zur ersten, die erste vermittelt das geschichtliche Verständnis der zweiten. Beide Dimensionen sind jedoch auch objektiv, durch die Wirkungsgeschichte des Werks, miteinander vermittelt .
      Aus der zentralen Stellung des lextes im Schnittpunkt dieser beiden Deurtingsperspektivcn ergibt sich der Stellenwert der systematischen Analyse. Sie dient der Objektivierung und Ãœberprüfung sowohl produktionsästhetischer als auch rezeptionsästhetischer Aussagen und Hypothesen. Sofern sie unter der Prämisse einer heuristischen Abstraktion von Fragen der Paitstehung und Wirkung steht, konstituiert sie keine eigenständige Perspektive der Sinngebung; das tut ihrer grundlegenden Bedeutung für den Ar-beitspro/.ess der methodischen Interpretation keinen Abbruch.
      4. Die ausformulierte Interpretation als Synthese zielt auf eine Vermittlung des analytisch objektivierten Textverständnisses mit der Lebenspraxis des Interpreten und seiner Adressaten. Sie besteht in einer Horizontvermittlung durch die Verbindung der historischen und aktuellen Textbcdcutiing mit den Interessen und den Bedürfnissen, welche sich für den Interpreten mit der Wirksamkeit des Werks verbinden. Mögliche Kategorien einer solchen Synthese sind vor allem Wirklichkeitsverhältnis, Menschenbild und Perspektive; der Vorgang selbst ist ein Prozcss der bewussten Aktualisierung. Die historische und ästhetische Wertung, welche sich in einem Urteil über den Realismus des Werks zusammenfassen mag, gründet sich wesentlich auf die Darstellung und Diskussion der Ergebnisse, aber auch der Schwierigkeiten der historischen und systematischen Analyse. Sie zielt auf Zustimmung nicht nur zum vorgetragenen Textverständnis, sondern auch zum formulierten Auslegungs- und Aneignungsinteresse. Interpretation ist schließlich Textproduktion für einen Adressaten, dem sie gegebenenfalls eine Veränderung der Rezeprionshaltung und der Einstellung gegenüber dem im Werk vergegenständlichten Ausschnitt der Wirklichkeit zumutet. Im günstigen ball findet sie intersubjektive Zustimmung und greift auf diese Weise ein in den l'rozess der gesellschaftlichen Umverteilung individueller Erfahrung.
      Zusammenfassend formuliere ich thesenartig die Prinzipien und die allgemeinen Ziele der literaturwissenschaftlichen Interpretation.
      Die Prinzipien:
• Gegenstand der Interpretation ist der literarische Text nicht als System von Buchstaben, Wörtern und Sätzen, sondern insofern er entstanden ist und wirkt.
      • Er ist Bestandteil einer spezifischen - der literarischen — Kommunikation, das heißt als sinnhafte Äußerung produziert und nur durch Sinnverstehen wirksam: er hat einen hermeneu-tischen Status.
      • Seine Bedeutung ist historisch und sozial variabel und seine Sinndeutung in der Interpretation ist nur praktisch, das heißt historisch begründbar.
      • Der Sinn des literarischen Textes ist nicht realisierbar außerhalb der individuellen ästhetischen und geistigen Erfahrung;das heißt der Interpretierende ist selbst ein Bestandteil des zu interpretierenden Zusammenhangs.

      Die allgemeinen Ziele:
• Literaturwissenschaftliche Interpretation zielt auf eine Objektivierung des Sinnverstehens und damit auf eine Verwissenschaftlichung des Umgangs mit Literatur; das schließt die Absage an das Vorurteil ein, Subjektivität und Wissenschaftlichkeit seien notwendig C iegensätze.
      • Interpretation versieht Verständigung über literarische Werke mir Begründungen und macht sie dadurch intersubjektiv überprüfbar; hierbei muss der Interpretierende sowohl seine Deutungen als auch seine Wertungen begründen und dadurch diskutierbar machen.
      • Interpretation entfaltet zu diesem Zweck die Ursachen literarischer Wirkungen; sie formuliert Einsichten und Hypothesen über das Woher der ästhetischen und geistigen Erfahrung - als Urteil über Struktur und Wirksamkeit des Textes - und über das Woher des Textes - als Urteil über die Entstchungsbcdin-gungen des Textes sowie über die moralische und ästhetische Kompetenz des Autors.
      • Interpretation vermittelt auf diese Weise den literarischen Text mit der geschichtlichen Wirklichkeit: mit der des Autors und seiner Zeit und mit der des Lesers ; dies umfasst immer auch eine Bestimmung über den Ort des Textes in der literarischen Entwicklung.
      • Interpretation zielt praktisch auf die Veränderung von Rezeptionsweisen und Lektüreverhalten. Verwissenschaftlichung des Umgangs mit Literatur bedeutet nicht die Ersetzung der spontanen Interessennahme für ein Werk durch interessenlose Distanz, sondern die Ausbildung der Fähigkeit — bei sich selbst und anderen -, die in den literarischen Werken der Vergangenheit und Gegenwart aufgehobene Erfahrung und Erfahrungsfähigkeit immer umfassender und intensiver sich anzueignen.
     

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Arbeitsschritte  einer  methodischen  Interpretation    


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