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Strukturanalyse narrativer Texte



Die Struktur narrativer lexte, die das grundlegende Schema der erzählenden und der dramatischen Literatur ist, hat Karlheinz Stier-le 75a; I 977) beschrieben. Kr entwickelte im Anschluss an den französischen Strukturalismus und andere lexlthcorctikcr ein diflcrcnzicrtcs, handlungstheoretisch fundiertes Textebenenmo-dell. Mit dessen I lilfe können die in der Literaturwissenschaft gebräuchlichen Kategorien der Strukturanalyse, die Bauformen und Darstellungsweisen der erzählenden und dramatischen Literatur, übersichtlich geordnet und systematisch erörterl weiden.
      Der narrative Text ist die Manifestation der Sprachhandlung Erzählen: »|emand erzählt jemandem eine Geschichte«. Ich sehe in diesem Zusammenhang davon ab, dass es in der Realität viele unterschiedliche Können dieser Sprachhandlung gibt und unterscheide in ihr zunächst zwei Ebenen, Erzähltes und Kr/.ählvorgang, welche bei den französischen Theoretikern als Geschichte und Diskurs unterschieden werden. Sie sind bei Stiefle ergänzt durch die Kategorie Geschehen, so dass seine l'ormel lautet: »Geschehen, Geschichte, lext der Geschichte«. Diese liegt dem folgenden Modell zugrunde, dem ich die wichtigsten der hier benutzten literaturwissenschaftlichen Begriffe zur Orientierung hinzufüge:
Ausgehend von einer Erfahrung, einer Kolge von l'aeignissen, einem Stoff konzipiert der Autor eine Geschichte. Diese lässt sich systc-matisch entwickeln aus der elementaren Struktur der Erzählung: Aus einem Zustand A wird durch das Ereignis B der Zustand G. Dabei bezeichnen A und G die Endpunkte einer zeillich gerichteten Linie, die sich als begriffliche Opposition bestimmen lassen: im Prolog des Dreigroschenromnns z.B. »lebend« vs. »tot«. Sind solche initiativen Oppositionen geeignet, die zu einer Geschichte verknüpften Ge-schehensmomente auf der Linie der Diachronie zu ordnen, so haben literarische narrative lexte stets ein ganzes System von solchen Konzepten, welche in einer thematischen und molivlichcn Korrelation stehen. So ließe sich . Sie müssen durch eine Interpretation des lexts evident gemacht beziehungsweise als textadäquat begründet werden. Die aus dem Text herausgelöste Geschichte, etwa die Nacherzählung aul S. 126, ist ein Modell des Textes, bei dessen Konstruktion die thematische Struktur ausgelegt wurde -- das zeigt sich schon an der Kormulicrungsalternative »Bleibe« vs. »Anstellung«. Sicherlich geben viele literarische Werke ihre konzcpfuell grundlegende Opposition schon im Titel an ; man wird diese Aussagen jedoch nicht an die Stelle eigener Auslegung setzen dürfen.
      Das Konzept, nach dem die Geschichte eines Textes synthetisiert ist, wird zu seinem eigentlichen Thema. Im fiklionalcn Text hat dieses die Priorität vor dem Geschehen:
Der Sinn der 75a, *,$).
      Im Verhältnis zwischen Geschehen, Geschichte und Text der Geschichte sieht Sticrlc eine dreifache Relation, aus der sich einige Kolgerungen für die Auslegung narrativer Texte ergeben:
• Im Hinblick auf die Fundierungsrelation: wir setzen ein Geschehen voraus, imaginieren eine »Welt«, wo eine Geschichte erzählt wird und wir suchen eine Geschichte zu erkennen bzw.zu rekonstruieren, wo wir vermuten, dass erzählt wird. Das Letztere ist relevant bei narrativen Texten, in denen unmittelbar keine diachronische Achse erkennbar ist.
      In der hermeneutischen Relation ist der lext als eine Interpretation der Geschichte, diese als eine Interpretation des Geschehens definiert. Wir erhalten dadurch die Möglichkeit, dem Text gegenüber als literarische Person eine eigenständige Rolle zu übernehmen und z.H. uns oder den Erzähler zu fragen, ob man die erzählten Vorgänge nicht auch ganz anders wahrnehmen, deuten und werten könne.
      In der Dekodierungsrelation schließlich ist die Anweisung an die Rezipienten enthalten, bei solchen distanzierenden Rollenspielen aul dem Boden des Textes zu bleiben. Denn nur der
Text macht die Geschichte sichtbar und nur die Geschichte macht das Geschehen sichtbar; an den spezifischen Zusammenhang zwischen der Zeichenfolge und dem Sinn bleibt dielextauslegung gebunden, wenn sie begründbare Aussagen anstrebt.
     

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Strukturanalyse  narrativer  Texte    


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