Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Kategorien der Inhaltsanalyse



Die Inhaltsanalyse antwortet auf die Frage: Wovon redet der Text? Sie dient der Verständigung über Lese-Erfahrungen, entwickelt sich aus einer genauen Lektüre und ist eine ausgearbeitete Ã"ußerung über den Milteilungsgehah des Textes. Inhaltswiedergaben literarischer Texte haben im Analyscprozcss zwei verschiedene Funktionen: Sie machen einerseits den Charakter verschiedener Lesarten und ihrer Abweichungen voneinander sichtbar; und sie lenken andererseits die Aufmerksamkeit auf diejenigen Higenschaftcn des Textes, von denen seine aktuelle Wirkung bestimmt ist. Das können im Einzelfall sehr unterschiedliche Faktoren sein; erfahren und beschrieben werden sie als prägnante Punkte, Spannungsmomente, Auffälligkeiten und/oder spezifische Widerstände, die der Text dem Verständnis entgegensetzt. Sie bilden den Ausgangspunkt für die weitergehenden ['ragen und Untersuchungen. Die Standortgebundenheit der Lesarten sollte in der Textanalyse nicht vernachlässigt werden, sondern ist als deren Bezugspunkt fruchtbar zu machen. F.s muss daran erinnert werden, dass alle, auch die scheinbar >bloß be-schreibendeiK Aussagen über Textbchinde einen interpretierenden Charakter haben. Sie implizieren stets eine Deutung und Wertung des Textes und der durch seine Lektüre vermittelten F.rfahrungcn und machen damit auch verborgene Voraussetzungen auf Seilen der Leser greifbar. An ihnen lässt sich also nicht nur etwas über die spezifische Wirksamkeit des Textes ablesen, sondern auch über die Rezipienren. In Aussagen über Textinhalte verbindet sich die Subjekrivität individueller Lese-Erfahrung mit einer mehr oder weniger expliziten Hypothesenbildung für die anschließende Analyse von Darstellungsweise und Kontext.
      Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine Zusammenfassung des ausgewählten Romankapitels:
Der Soldat Fewkoombey wird nach dem Burenkrieg als Invalide aus der Armee entlassen und scheitert bei dem Versuch, mit Hilfe seiner
Abfindung in London eine Existenz als Gastwirt zu begründen. Fr verwickelt sich in der Folge beim Betteln in Auseinandersetzungen mit anderen Bettlern, steht eine Woche lang im Dienst eines Bettlers namens Smithy und findet schließlich eine Anstellung als Hundeplle-ger in der Firma J.J. Pcachum, die mit Utensilien für Straßenbettcl handelt.
      F'.ine solche Textparaphrase oder Nacherzählung, an deren Stelle man in der praktischen Arbeit auch einen kritisch zu lesenden Auszug aus einem Romanlührer bzw. Scbauspiellührer setzen kann, sagt etwas aus über Ort, Zeit und Verlauf der Handlung, über die handelnden Figuren sowie über die nagenden Konflikte. Handlung, Figur und Raum sind die wichtigsten Kategorien zur Erfassung der so genannten pragmatischen, das heilst handlungsbczogcncn Gattungen: der Epik, der Dramatik sowie erzählender Genres der Lyrik. Die den Handlungsverlauf bestimmenden und gliedernden Geschehnisse lassen wir als die Entwicklung eines Konflikts. Dieser ist in unserem Falle als ein ökonomisch begründeter erkennbar. Während es keine entscheidende Rolle zu spielen scheint, dass der Soldat im Krieg ein Bein verloren hat, fungieren seine wirtschaftliche Lage und die aus ihr folgenden Anstrengungen als auslösende und vorwärts folgen einige Szenen, die jeweils durch Reflexionen und Kommentare ergänzt sind. Sie führen die sich zuspitzende Kollision Fcwkoombcys mit der »großen, mächtigen und geheimnisvollen Organisation« vor, welche das Geschäft mit dem Betteln beherrscht , und münden schließlich in die Schilderung der Aufnahme des entlassenen Soldaten in dieses Unternehmen . Der Vorgang ist zügig, ohne epische Breite erzählt.
      Als Episoden, das heißt als eingeschaltete Nebenhandlungen ohne notwendigen Zusammenhang mit den Geschehnissen, können allenfalls die im Text kursiv gesetzten Reden der Herren Smithy und Pcachum bezeichnet werden, in denen Fewkoombey über die im Konkurrenzkampf und im Bettelgewerbe geltende Normen und Anforderungen belehrt werden.

     
Die Kondiktgestaluing in literarischen Werken bestellt in der Darstellung, Umwicklung und Lösung von individuell oder gesellschaftlich begründeten Gegensätzen und Widersprüchen zwischen den Figuren bzw. zwischen deren Subjektivität und der objektiven Wirklichkeit. Das ist nicht immer so einheitlich und übersichtlich wie in unserem lextbeispiel; vielmehr sind die Bewegungen der Figuren besonders in der modernen Literatur vielfach uneinheitlich, verborgen oder in sich widersprüchlich. Oft verbinden sich mehrere Reihen von »abschließenden« Verwandlung der problematischen Situation, durch welche die Bewegungen der Figuren angestoßen wurden. Der Verlauf und Ausgang der I landlung hat natürlich mit der Iniention des Autors nur sehr mittelbar zu um. Das ist bei dem hier behandelten Romankapitel, in dessen Faule der Triumph des großen Geschäfts auf Kosten des »kleinen Mannes« stein, durch die distanzierende ITzählweise ohnehin unübersehbar, gilt aber prinzipiell. Die Frage nach der vom Autor intendierten Wirkung oder dem aktuellen Textsinn mag vom jeweils dargestellten I landlungsverlaul angestoßen werden, zu beantworten isi sie allein im I linblick auf ihn nicht. Fän Amor kann die von ihm dargestellten Lösungen als praktikable Vorschläge, utopische Antizipationen, ironische bzw. satirische Verkehrungen formulieren. Fr kann diejenigen Faktoren zeigen, in denen die reale Lösbarkeit der dargestellten Konflikte sichtbar wird; er kann aber auch die Lösung ganz aussparen. Solche »offenen Schlüsse« sind, ebenso wie verborgene Konflikte, aus denen sich kein äußeres Geschehen entwickelt, eine Herausforderung an das Selbst- und Weilerdenken.
      Die Beschreibung dessen, was in dem Romankapitel vorgeht, fördert auch nähere Auskünlle über die Figuren zutage. Der Soldat Fewkoombey macht eine »innere« Fältwicklung durch, er ist freundlich bis zur Naivität, unerfahren im Geschäft, ohne große F.ntschlusslreudigkeit und besieht auf seiner Selbständigkeit. Sein Bewusstsein geht seiner sozialen Lage deutlich hinterher. Fr muss sich immer wieder von den anderen Figuren und den Verhältnissen fühlbar belehren lassen und kommt erst gegen Ende auch nicht ganz freiwillig zu der Fänsicht, dass es ein Glück ist, für das

Haus Feachum zu arbeiten. All diese Eigenschaften und inneren Veränderungen des »Flelden« erfahren wir sowohl direkt durch den Erzähler: »Der Soldat begriff noch keineswegs«, als auch aus dem Verhalten und Redexionen der Figur: »Seiner Meinung nach schuldete keiner keinem etwas«.
      Die »Gegenspieler« F'ewkoombeys, die Mitarbeiter der Firma Peachum, sind im Gegensatz zu dem Soldaten professionell und effektiv. Sie erscheinen ihm zwar als abgerissen und ungebildet, sind aber freundlich, soweit es geboten scheint, und darüber hinaus von entschlossener Härte. Die Figurcnkonstcllation ist bestimmt durch die unterschiedliche Stellung der Einzelnen im Geschäftsleben; sie sind Angestellte oder kleinere bzw. größere Unternehmer. Ihr Verhältnis zueinander regelt sich durch ihre Stärke oder Ohnmacht im Konkurrenzkampf, nicht zuletzt beruhend auf der Kenntnis der im Gewerbe herrschenden Regeln. Die Charakterisierung dieser anderen Figuren erfolgt hauptsächlich durch ihr Verhalten und ihr Ã"ußeres sowie durch ihre Redeweise.
      F.ine Eigenart des geschilderten Vorgangs wird wesentlich erzeugt und verstärkt durch die Zweideutigkeit des Milieus. Der Schauplatz der I landlung, London, wird als eine »große und geordnete Stadt« charakterisiert, die Atmosphäre ist jedoch bestimmt durch den »endlosen Zug der Elenden, die der Hunger lag und Nacht durch die Straßen der Hauptstadt der Welt spült«, durch die Enge der Arbeiterwohnungen, die Dunkelheit und Schmierigkeit der Gassen und Hinterhöfe. Die den Eindruck von Genauigkeit erzeugenden Ortsangaben sind knapp, stichwortartig: »Newgale«, »eine der »Thcmsebrückcn«, »an den Docks«, »Stehbierhalle«, »Schiffsschuppcn«. Näher beschrieben ist einzig das geheimnisvolle Etablissement des J.J. Peachum. Die Straßenbettelei erweist sich als ein geordnetes, von einem Großunternehmer beherrschtes Geschäft, in denen die Fägenschaften, die einem zum Bettler machen können - Arbeitslosigkeit, Invalidität, Krankheit und I lunger -, gerade nicht zum Erfolg prädestinieren. Der Arbeitsplatz in der Old Oakstraße ist nach allem eine höchst fragwürdige Bleibe. Der Leser, die Leserin hat dies, im Unterschied zu Fewkoombey, bereits geahnt, denn es wird in Kapitelüberschrift und Motto andeutend vorweggenommen und vom FT/.ählcr hintergründig kommentiert. All dies macht, weil es im Ton größter Selbstverständlichkeit dargeboten wird, gespannt auf den Fortgang der Geschichte - ebenso wie die das Kapitel abschließende Vorausdeutung auf eleu »eigentümlichen« Tod des sympathischen Soldaten.

     
Mit der exemplarischen Charakterisierung von Handlung, Figuren und Atmosphäre des Textes sind wir bereits über die Inhaltswiedergabe hinausgegangen zu einer ersten Kennzeichnung des epischen Vorgangs, das heißt des spezifischen Zusammenhangs von erzähl lern Geschehen und Krzählvorgang. Bestimmte strukturelle und stilistische Eigenschaften des ausgewählten Textes perspekti-vieren das Cescliehen auf eine Weise, die den Versuch fragwürdig erscheinen lässt, den Darsrcllungsinhalr >neutral< wiedergeben zu wollen. 1 )ie Zusammenfassung des Textes, sei es als Nacherzählung eines Vorgangs oder als Beschreibung einer Figur oder der Atmosphäre, ist bereits verbunden mit Annahmen über die Verknüpfung, Deutung und Wertung des Geschehens oder der Situation durch einen Erzähler. So nuiss man sich z.B. dafür entscheiden, entweder aus der Perspektive der Mittelpunktshgur von »Anstellung« zu sprechen oder aus der Perspektive des Frzählers von einer »Bleibe«. Darüber hinaus ist es keineswegs gleichgültig, wie man über den Konkurs des Soldaten als Castwirt redet. Vorhandene Varianten »er scheitert«, »er wird ruiniert«, »er ruiniert sich« - unterstellen implizit ein verschiedenes Mals an Verantwortung der Figur für ihr ökonomisches Schicksal. In der Inhaltsbeschreibung stehen Deutung und Wertung des dargestellten Vorgangs durch den F>zähler und durch den Leser zur Debatte.
      Inhallsbeschreibungen nicht-erzählender Lyrik gehen meist von einer Bestimmung der zugrunde liegenden Motive aus. Das Motiv wird in der Literaturwissenschaft definiert als das Schema einer typischen bzw. bedeutungsvollen Situation. Die unterschiedlichen Bedeutungen, die das Wort hat, verweisen auf die morphologischen und funktionellen Aspekte, unter denen es als literaturwissenschaftliche Kategorie verwendet wird.
      1. In der bildenden Kunst und der Fotografie bezeichnet der Ausdruck Motiv einen charakteristischen Ausschnitt der Wirklichkeit. Dabei werden in der Fotografie die das Motiv bildenden Gegenstände in der Regel in der vorgefundenen Form und Anordnung abgebildet, gegebenenfalls modifiziert durch die Einstellung, die Aufnahmetechnik und die Beleuchtung. Malerei und Grafik dagegen haben die Möglichkeit, Form und Anordnung der Gegenstände zu verändern, weit entfernte Dinge zusammenzustellen, eine von den »Formen des Lebens« vollkommen unterschiedene Wirklichkeit zu montieren. Dem ersten Verfahren entspräche in der Literatur ein Motiv als bildhafte Vorstellung, wie sie z.B. in dem folgenden Abschnitt des Gedichts »1940« von Brecht vergegenwärtigt wird:
Nebel verhüllt Hie Straße Die Pappeln Die Gehöfte und Die Artillerie
Das in der Malerei und Grafik mögliche montierende Verfahren findet sich besonders in der modernen Lyrik. Lin Beispiel aus Hrich Frieds Gedichtband und Vietnam «W:

Einbürgerung
Weiße Hände rotes Haar blaue Augen

Weiße Steine rotes Blut blaue Lippen
Weiße Knochen roter Sand blauer Himmel
Manche Texte der so genannten »konkreten Poesie« kann man als Entfaltungen ornamentaler Motive beschreiben, von typischen Figurationcn also, die auf ihr eigenes Geformt-Sein verweisen und auf das Material, in dem sie geformt sind.
      2. In der Musik bezeichnet der Ausdruck Motiv eine charakteristische'Tonfolge. Literaturwissenschaftlich können wir vom Motiv als Vorgangsgestalt sprechen. Hin Beispiel hierfür ist Brechts Gedicht »Zeitung lesen beim Thcekochen« :

Zeitung lesen beim Theekochen
Frühmorgens lese ich in der Zeitung von epochalen Plänen
Des Papstes und der Könige, der Bankiers und der Ã-lbarone.
      Mit dem anderen Auge bewach ichden Topf mit dem Theewasser
Wie es sich trübt und zu brodeln beginnt und sich wieder klärt
Und den Topf überflutend das Feuer erstickt.
      3. In der Psychologie bezeichnet der Ausdruck Motiv den Beweggrund einer Handlung, auch im weiteren Sinne. Unter diesem funktionellen Aspekt kann man es litcraturwisscnschaftlich als widersprüchliche beziehungsweise labile Konstellation zwischen Personen oder zwischen diesen und der Realität beschreiben. Solche Motive sind die Vergegenständlichung eines Problems, einer problematischen Situation. Sie verweisen auf ein Geschehen und sind geeignet, Spannung aufzubauen, die nach Lösung verlangt. So ist im Ausdruck »Bleibe« die Prägen impliziert: Wie kam es dazu, dass jemand I lilfe braucht? Kann ihm gehollen werden? Im handlungslhcorctisch fundierten Begrill des narrativen lexts von Karlheinz Stierle ist das Motiv in dem hier ausgeführten Sinne als Konzept deliniert .
      Das Verbrechen verlangt nach Aufklärung, die Liebe nach Fr-füllung. Der als Geist wiedcrcrschcincndc lote verweist zurück auf sein Leben, in dem etwas nicht in Ordnung ist, und lordert Rache oder Rehabilitation. Der Fluch erzeugt eine Spannung auf seine Verwirklichung oder P'ntzaubcrung. In diesem Sinne wird das Motiv in dramarischen und epischen Texten zum Baustein der Handlung, erhält die Funktion, das Verhalten der Figuren auszulösen und zu begründen. So wird das Motiv der »Bleibe« zum Kern des Dreigroscbenromitn-VroVigs, trägt die 1 landlung des ganzen Kapitels. Fs ist seinerseits gerade nicht motiviert durch Güte oder Freundlichkeit derer, die dem Soldaten eine Zuflucht bieten, sondern durch Geschäftsinteressen. Das Motiv des Kamples zwischen Ungleichen - Goliath und David - wird hier zu einem zentralen Handlungsmoment, satirisch verkehrt, indem der scheinbar Schwächere sich als der Stärkere erweist und sich dabei auf die »Gleichheit der Mittel« beruft. Dieses Motiv, das auch in vielen Märchen auftaucht, kehrt bildhaft verwandelt in Brechts »Legende von der Fntstehung des Buches Taotc-king auf dem Weg des Laotse in die Verbannung« als die Lehre wieder, »daß das weiche Wasser in Bewegung/mit der Zeit den harten Stein besiegt« .
      Das Motiv ist die kleinste, relativ selbständige Finheit im stofflichen Gefüge eines literarischen Werks. Strukturbestimmend wird es in den »einfachen Formen« aller Gattungen: der Kurzgeschichte, dem Kinakter, dem kurzen Gedicht. Innerhalb der Motivkomplexe größerer Werke kann funktional unterschieden werden nach der Bedeutung, welche die einzelnen Motive für den Darstellungsinhalt bzw. für den Handlungsfortschritt haben. Im ersten Fall können wir von Kern-, Rahmen- und Füllmotiv sprechen, im zweiten von Haupt- und Nebenmotiven sowie von blinden

Motiven. Roland Barlhes unterscheidet diese beiden Gruppen als Indiees und Funktionen . Das Kernmotiv trägt die Fabel eines Werks und bestimmt die gesamte Konzeption; so beim Drcigrosclienrtiman das Motiv der Metamorphose von Bürger und Verbrecher. Als handlungsbestimmende Rahmenmotive in diesem Roman werden durch die Ãoberschriften der ersten beiden Bücher Liebe und Verbrechen angekündigt: »Liebe und Heirat der l'olly Peachum« und »Die Frmordung der Kleingewerbetreibenden Mary Swayer«. Der Kampf zwischen J.J. Peachum und Macheath hat jetloch, entgegen diesen die f landlungsobcrlläche bestimmenden Motiven, eine geschäftliche Grundlage und Ursache. Als das Hauptmotiv des Romans muss daher die Konkurrenz der beiden Geschäftsleute bestimmt werden, welche sich in der Auseinandersetzung um Kredit und Kreditwürdigkeit bis atds Messer verfeinden und wieder vertragen.
      Als Nebenmotiv werden der Betrug im Geschäft mit Schiffen und die Frmordung des Maklers Goax sichtbar; eine strukturelle Beziehung zur Fpisodc ist häufig, aber nicht zwingend. Fs ist eine besondere F.igenarl dieses satirischen Romans, dass sich zahlreiche Handlungen der Figuren und manche Ausführungen des Frzäh-lers bei genauerem Hinsehen als vorgeschobene Aktivitäten oder desorientierende Meinungsäußerungen erweisen. Man könnte sie von daher als blinde Motive definieren, denn die Handlung wird in Wirklichkeit von den Regeln und dem Gang der Geschäfte vorangetrieben. Deren Motto durchzieht als Leitmotiv den gesamten lext und wird des Olleren direkt oder indirekt erinnert: »Der starke Mann ficht, der kranke Mann stirbt!«
Auf diese Weise kann die genauere Beschreibung der Motiv-und Motivalionskomplexe eines literarischen lextes schon zu recht weit reichenden Aussagen über die Bauform und die Darstellungsweise führen.
      Anders als der Inhalt eines lextes existiert der Stoff unabhängig von seiner Verarbeitung im literarischen Werk. Fr ist ein in der Geschichte oder der Ãoberlieferung vorhandener, sprachlich ge-fasster Fcbcnszusammcnhang, den der Autor aufgreift, um ihn von seinem Standpunkt aus im Sinne seiner Wirkungsabsicht mittels spezifischer Kunstnüttel zu gestalten. Der Stoff ist im Unterschied zu Motiven an bestimmte Figuren gebunden und vorgangsmäßig, zeitlich und räumlich mehr oder weniger fixiert. So sind in Brechts Dreigraschenroman, der schon im Titel auf seine stoffliche Grundlage, die Drcigriischcnapcr, verweist, die tragenden Figuren J.J. Peachum, Macheath und Polly sowie das Motiv der heimlichen Heirat wieder aufgenommen, während die Fabel des Romans von der der Oper wesentlich abweicht. Die Untersuchung des Stoffs eines literarischen Werks und vor allem der wichtigen [''ragen der Stoffwahl und der Stofrverarbeitung gehört in die Kontextanalyse. Die Frage, ob die stoffliche Grundlage bei lyrischen Texten für deren Interpretation eine Bedeutung hat, ist vor allem von Vertretern der so genannten »immanenten Wcrkinrerprctaüon« oft verneint worden. Diese Auffassung ist jedoch zu relativieren.
      So findet sich z.H. in den dem Gedichtzyklus Svendborger de-dichte von Brecht vorangestellten Mottoversen der ausdrückliche Hinweis: »Vergilbte Bücher, brüchige Berichte / Sind meine Unterlage« . Wieweit solche auch in der Gegenwart nicht so seltenen dokumentarischen Gedichte authentisch sind, bedarf natürlich jeweils einer besonderen Kontcxtunlersucliung.
      Im Blick auf die Stoffwahl, vor allem aber im Hrkennen bestimmter Prinzipien der Stoffbearbeitung, der Akzentuierung spezifischer Motive oder Figenheiten des Gegenstandes fassen wir den thematischen Ansatz des Textes. Das Thema eines literarischen Werks bildet dessen gedankliche Grundlage, das Problem, um welches der lext kreist, auf welches die Aufmerksamkeit des Lesers gelenkt werden soll. Die Frage nach dem Thema und seinem Verhältnis zum Stoff ist für die Klärung des Verhältnisses von Aktualität und Historizität eines literarischen Werks von erheblicher Aufschlusskraft: Der Stoff als ein Bestandteil der Geschichte oder Ãoberlieferung ist, bezogen auf die lextsituation, immer historisch; das Thema ist, bezogen auf den gleichen Zeitpunkt, immer aktuell. Die Stoffwahl und Stoffbearbeitung folgt bestimmten thematischen Gesichtspunkten; sie ist Mittel zum /weck. Die thematische Stellungnahme unterwirft den Stoff und die Motive einer bestimmten Frklärungsweise im Sinne der Tendenz oder der Parteilichkeit des Autors.
      Das Thema wird auf diese Weise als ein wichtiges Vermittlungsglied zwischen dem lext und der historischen Situation zur Entstehungszeit erkennbar. F,s bildet vom Standpunkt des Autors aus die geschichtlich-gesellschaftliche Herausforderung gedanklich ab, in der der Autor durch die Produktion des Textes Stellung bezieht. Im Dreigroschenroman ist es die Frage, wie sich bürgerliche Kultur und faschistische Barbarei zueinander verhalten: als kategoriale Gegensätze oder als gegensätzliche Bewegungsformen derselben Grundlage. Was der Autor durch die Textproduktion zum Thema zu sagen versucht, können wir als die Aussage des Textes bezeichnen. Ist das Thema der Frage bzw. Herausforderung gleichzusetzen, welcher der Autor sich stellt, so kann man die Aussage als eine Antwort des Autors auf diese Frage-zu verstehen suchen. Auch diese lässt sich oft schon in einer ersten Wiedergabe des Inhalts hypothetisch formulieren; im Dreigroschenroman ist es der nachdrückliche Hinweis auf die jeweils berührten materiellen Interessen. Auf sie wird bereits im Motto beziehungsreich angespielt: »Weh! Was habt Ihr mit mir vor?!«
Fs ist sinnvoll, bei der Inhaltsbeschreibung das Thema des Textes - wie vorläufig auch immer - möglichst konkret zu fassen und sich nicht mit einer allgemeinen Formel »Freundschaft«, »Fiebe und 'Ibd«, »Individuum-Gesellschaft« oder ähnlichem zufrieden zu geben. Nur eine konkretere Formulierung des thematischen Ansatzes sowie des gedanklichen Aussagegehalts kann eine für die weitere Untersuchung produktive Funktion haben. Denn von ihnen her, beziehungsweise aul sie hin, rekonstruieren wir etwa die Konzepte, nach denen eine Geschichte organisiert ist . Dabei ist es nicht ratsam, die Aussagen über das Thema mit solchen über die zeitgenössische oder aktuelle Geltung des Textes zu verwechseln. Ahnlich wie bei der Frage nach Motiv und Fabel abstrahieren wir vom konkreten Inhalt und Hindruck des Werks, wo wir nach seinem Thema und seiner Aussage fragen. Literarische lexte lassen sich in ihrer Wirkung nur als symbolische Handlungen verstehen, in deren Realisierung die Rede von bestimmten Hrklärungsweiscn der Wirklichkeit einen gegebenenfalls begrenzten Effekt macht. Anders ausgedrückt: Der Aufklärung über das Verhältnis von Geschäft und Gewalt können auch lexte dienen, in denen von beiden gar nicht gereder wird. Orientierung im Widerstand gegen Faschismus und Krieg können nicht nur lexte anstoßen helfen, welche von Faschismus und Krieg sprechen. Insofern halte Brecht guten CIrund, gerade auf dem Höhepunkt des Krieges auch von Bäumen zu sprechen ). Freilich bildet die jeweils aktuelle Bedeutung und Bedeutsamkeit des Themas oft einen wesentlichen Ansatzpunkt literarischer Wirkungen. Schließlich wird man sich auch davor hüten, einzelne Ã"ußerungen, sentenzhafte Formulierungen etc. unumwunden mit der Aussage des Textes gleichzusetzen. Die >Antwort< des Autors auf eine individuelle bzw. gesellschaftliche Herausforderung lässt sich nicht ohne weiteres an Figurenreden oder Hrzählerkommentaren ablesen, sondern sie wird in einer gedanklichen Integration der Textstruktur ermittelt.

     

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