Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literaturinterpretation

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Erzählsituation



In dem »Spielraum vielfältiger Formen des subjektiven Innehabens der Geschichte oder des Vcrlügens über sie«, den Karlhein/. Stierle als »Diskurs I« beschrieben hat, wählt und verwirklicht der Autor des narraliven lextes eine bestimmte Darbie-tungslorm. Diese unilasst vor allem die poetische Produktion der Vermirtlungssituation und der Vcrnülllungsinsianzcn /'/;/ lext, in der die zu erzählende , durch die Möglichkeiten und Grenzen des gewählten Frzählgenrcs und durch seine Fähigkeit, den Leser durch die besondere Kunst seiner Darstellung zugleich für deren >richtiges< Verständnis zu konditionieren. Unter diesem Aspekt erscheint die Kommunikation im Krzähltcxt als die zugleich komplexeste und schwierigste Form des kommunikativen Handelns überhaupt.
      Die Literaturwissenschaft hat diese Fragen eines »sekundären Gebrauchs« pragmatischer Sprachhandlungen vor allem in denjenigen Kategorien modellhalt beschrieben, welche die Position des Kr/.ählers im narrativen Text beschreiben. Sie behandelt die spezifischen Darbietungsprobleme literarischer Texte nicht zufällig vorzugsweise anhand derjenigen Gattung, in welcher sie am reinsten ausgeprägt sind. Denn der erzählende Text muss seine Kommuni-kationssituation anl der Basis der geltenden literarischen Konventionen vollständig immanent aulbauen, während der dramatische lext auf eine Realisierung durch andere, vom Autor getrennte Instanzen Regisseur, Schauspieler, Bühucnapparat - angelegt ist.
      Methodischer Ausgangspunkt einer Untersuchung der Darbie-tungsiorm von Lr/ählrcxrcn ist die Tatsache, dass der narrative Text verschiedene Konimunikationsebenen aufweist, tue je für sich und in ihrem Verhältnis zueinander beschrieben werden müssen. Zur Differenzierung und genaueren Kennzeichnung «fieser »Kommu-nikalionsniveaus« ff.) sind in der literaturwissenschaftlichen Diskussion eine ganze Reihe von teilweise divergierenden Ansätzen und Modellen entworfen worden, deren meist unterschiedlicher Begriffsgebrauch zusätzlich verwirrend wirkt . b.inigkcil besteht hinsichtlich einer Unterscheidung von textexterner Kommunikation mittels literarischer Werke und textinterner Kommunikation im literarischen Werk. Die letztere muss als eine Struklureigenschaft des ftktionalcn Textes beschrieben werden. Das Kommunikationsmodell des literarischen Erzählens wird sehr viel übersichtlicher, wenn man sich - im Blick von der literarischen Praxis her - da/u entschliefst, die tatsächlich vorhandenen Ebenen der Kommunikation von den Instanzen zu unterscheiden, die in den Texten vorkommen beziehungsweise zum Zweck bestimmter analytischer Operationen angenommen werden müssen. Unter dieser Voraussetzung spreche ich von drei verschiedenen Konimunikationsebenen im Erzähltext:
• der erzählende literarische lext ist eine poetische Sprachhandlung, durch die ein Autor eine reale Kommunikation zu einem Adressaten bzw. Publikum aufzubauen sucht, auf den bzw. das sich seine Intention bezieht;
• der erzählende literarische lext baut eine von dieser poetischen Sprachhandlung umgriffene fiktionale Kommunikationssituation auf, in der ein Erzähler einem Leser/Hörer eine Geschichte erzählt;
• im erzählenden literarischen Lext findet eine in vielfältigen Formen dargestellte fiktive Kommunikation zwischen Figuren statt.
      Wenn man die sinnvollcrwcisc zu unterscheidenden Instanzen einbezieht, ergibt sich etwa das folgende Bild :
/ur Erläuterung: Der Autor als Produzent ist eine Instanz im Diskurs der Literatur. Li schafft das literarische Werk, indem er den Text schreibt. Kr ist im Text anwesend durch die Buchstaben , ), sind abstrakte Instanzen. Die Begriffe wurden einwickelt, um innerhalb rezeptionsästhetischer Untersuchungen den »Aktcharakter des Lesens« und des Schreibens bezeichnen zu können. Sie stellen Hinsichten des Lesers auf den Text dar, und ihre Relation ist komplementär zu sehen in der Beziehung zwischen Autor und Adressat.
      Der Krzähler erzählt einem Leser oder Hörer die Geschichte und konstituiert dadurch den Krzählvorgang. Kr bewegt sich innerhalb der vom Autor eröffneten und er ist in diesem Lall nur indirekt, als ein Mediuni des Krzählvorgangs wahrnehmbar. Kr kann aber - wie der Leser - auch als fiktive Ligur auftreten und ist dann vertreten durch das Pronomen »ich« und die entsprechenden Verbformen .
      Die Kommunikationsebene, auf welcher der Krzähler eines nar-rativen literarischen Textes agiert, nenne ich die Erzählsituation und stelle die im bolgenden verwendeten Kategorien des Erzählens in der auf S. 1 53 abgedruckten Labelle übersichtlich zusammen.
     
In die zum Teil verwirrende Vielfalt der Begriffe, mit der die Literaturwissenschaft diese Kommunikationsebene beschreibt, hat Jürgen H. Petersen einige Ordnung gebracht. Ich folge daher seiner Darstellung, mit einer Ausnahme: das betrifft den Ausdruck Erzählsituation selbst. Petersen spricht vom »Erzählsystem« als einer »Verknüpfung bestimmter Erzählschichten, die das jeweilige Gesicht einer epischen Passage prägen« und verweist zu Recht darauf, dass die einzelnen Kategorien dieses Systems funktional aufeinander bezogen sind, jedoch nicht auseinander ableitbar . Hs ist ihm auch darin zuzustimmen , dass der Terminus »Erzählsituation« in einem solchen erzählthcoretischen Beschreibungssystem nicht verwendet werden soll; aber er wird, eben weil er so komplex ist, als Terminus für dieses in Präge kommen. Denn die handlungstheoretische Kategorie für diese Dimension des »Diskurs I«, das heißt diejenige Pbcne, auf welcher sich der Erzählvorgang abspielt, ist die Sprcchsituaiion: die Erzählsituation ist eine fiktionalisierte Sprechsituation des Erzählens.
      Erzählsituation meint also die aus dem Text erschließbare Gesamtheit jener Bedingungen, unter denen erzählt wird. Diese Situation ist entweder im Text vergegenständlicht, dann sprechen wir von Erzählergegenwart, oder sie ist nur in der sprachlichen Form erschlicßbar. Auf diese Weise lassen sich für die Zwecke der methodischen Interpretation die Kategorien des Erzählens als ein sachlich wie begrifflich präzises Instrumentarium verwenden. Denn sie haben ihren Maßstab nicht nur in der Brauchbarkeit für die Beschreibung der Texte, sondern auch in ihrer Iimdierung in handlungstheoretischen Kategorien. Diese lungieren, anders gesagt, als ein formales Paradigma, auf das die im lest gestaltete Erzählsituation analytisch bezogen werden kann.
      Wichtig für die exakte Untersuchung der Erzählsituation ist zunächst die Bestimmung ihres Verhältnisses zur erzählten Geschichte selbst. Ich habe darauf hingewiesen, dass das Verhältnis zwischen Erzähltem und Erzählen für die Kontur des epischen Vorgangs von erheblicher Bedeutung ist. Schematisch kann man für dieses Verhältnis zwei Pole angeben: Entweder wird der Erzählvorgang zu einer unergriffenen Möglichkeit; die Erzählsituation bleibt vollkommen implizit und der erzählte Vorgang steht beherrschend im Vordergrund. Oder es dominiert der Erzählvorgang über das Erzählte: Dies ist vorstellbar als eine »unmögliche Geschichte«, in der etwa die Unmöglichkeit des Erzählens und die Versuche der Ãœberwindung der dem Erzählen entgegenstehenden Hindernisse zum Erzählgegenstand werden . Das Verhältnis von Erzählvorgang und erzähltem Vorgang birgt alsounbegrenzte Möglichkeiten der Sanierung und Charakterisierung eines Erzählermcdiums beziehiuigswei.se eines Erzählers.
      Der folgende Versuch, die Elemente der Erzählsituation zu veranschaulichen, hat systematischen Charakter. Bei der Interpretation wird man sich von inhaltlichen Auffälligkeiten leiten lassen und die Elemente der Erzählsituation in ihrem Zusammenhang und ihrer Funktion für den Aufbau des epischen Vorgangs, der Perspektivierung und Sinngebung des erzählten Geschehens herausarbeiten. Vielfach empfiehlt es sich auch, die genauere Untersuchung der Erzählergegenwart mit einer Analyse der Schreibweise zu verbinden; denn die unterschiedlichen Darstellungsweisen wie Bericht, szenisches Erzählen, Kommentar, Figurenrede, innerer Monolog, erlebte Rede u.a. sind sehr eng an den Charakter der Erzählsituation geknüpft.
      Die Erzählform ist das personale Verhältnis Erzählcr-Erzähl-gegenstand, unabhängig davon, ob beides, eines von beiden oder keines fiktiv ist. Die Ich-Erzählung baut auf der Identität und der Differenz auf, die zwischen der Erzählcrgegcnwari und I landlungs-gegenwart, das heißt dem erzählenden und dem handelnden Ich besteht. Weil dies so ist, hat der Ich-Erzähler Personalität, unabhängig davon, wie ausdrücklich er sich im konkreten Text ins Spiel bringt, wie handlungsteich oder handlungsarm die Erzählergegenwart ausgestaltet ist. Der Ich-Erzähler ist Teilnehmer der dargestellten Paeignis.se und Erzähler zugleich, von ihnen entfernt aber doch mit ihnen verbunden. Deswegen ist jeder Satz seiner Rede »bipolar« , charakterisiert zugleich den Redenden und den Gegenstand der Rede.
      Die formale, etwas abstrakte Definition der »Personalität« des Ich-Erzählers lässt sich durch eine weitere Ãœberlegung inhaltlich konkretisieren. So wie der Ich-Erzähler Teilnehmer der dargestellten Ereignisse ist, so wird er durch diese als Person identifiziert und konturiert. Im Gegensatz zum Er-E.rzähler hat er eine eigene »Geschichte«. Zu dieser gehören auch die meist nicht erzählten aber voraussetzbaren Ereignisse zwischen dem erzählten Vorgang und der Erzählergegenwart. Der Ich-Erzähler erscheint in ganz spezifischer Weise als »historische Person« weil seine Erzählung - als Akt des Eingedenkens und Erzählens - in den Horizont der Erzählung - als erzählte Geschichte - gerückt und dadurch auf unvergleichliche Weise motivierbar ist. Was in der erzählten Geschichte spricht dafür, dass sich das Ich soundsoviel Jahre später auf diese besondere Weise an die Ereignisse erinnert?
Der Er-Erzähler hat keine Personalität und wird deswegen häufig auch als Erzähler-Medium bezeichnet.
     
Pcrsonalilälslosigkcit meini nieln Objektivität und Neutralität oder gar l'arblosigkcit, solidem die lätsachc, daß das erzählende Medium nicht als Person in das Bewußtsein des Lesers tritt, keine Charaktereigenschaften gewinnt, nicht als Figur vor das Auge kommt .
      Der Lr-Lrzählcr wird für den I-cscr als Person nur dort greifbar, wo er von sieh erzählt. Dann haben wir es aber mit zwei verschiedenen I landlungsebcnen zu tun, deren übergeordnete eine Ich-Lazählung ist. Die Erzählcrgcgcnwart wird in diesem Lalle zu einer eigenen I landhingsebene mir einem erzählenden und einem erzählten Ich. Der Lr-Lrzählcr erzählt nur von anderen, auch wo er »Ich« sagt, beziehungsweise sagen kann, etwa wenn der Lrzähler des Drcigroschcnrotndns von sich und seinen Adressaten als von »uns Bücherkäufern« redet . Lin solcher Lr-Lrzählcr setzt sich damit allerdings auch in ein kategorial anderes Verhältnis zur erzählten bezeichnet das räumliche Verhältnis des Erzählers zu den erzählten Vorgängen:
Wie nahe kommt der Erzähler den Gestalten und Geschehnissen, erblickt er die Ereignisse nur von weitem, erkennt er sie nur ungefähr, oder rückt er so eng an sie heran, dass er sie detailliert beschreiben kann? Bindet er sich an eine Figur, das heißt wählt er seinen Standort immer dort, wo sich eine bestimmte Person befindet, oder behält er einen Abstand, der ihn einen allgemeinen Ãœberblick verschafft? .
      In unserem Romankapitel befindet sich der Erzähler räumlich gesehen nahe bei der Eigur; er blickt mit ihr auf das Geschehen, allerdings mit zwei aufschlussreichen Ausnahmen. Der Anfang des Kapitels erscheint aus größerer Distanz, gesprochen; Lewkoombey wird zweimal auffallend allgemein als »der Käufer« und als »der Mann« bezeichnet und am Schlttss dieser ersten Handlungsphase fällt ein sehr panoramischer Blick gewissermaßen aus großer Höhe auf den »endlosen Zug der Elenden, den der 1 lunger Lag und Nacht durch die Straßen der Hauptstadt der Welt spült«.
      Vom Einsatz der zweiten Erzählphasc an, der aus diesem Grunde auch als besonders markierter Einschnitt bewusst wird, befindet sich der Standort des Erzählers stets nahe bei der Ligur. Dieser Eindruck wird zunächst durch die Einlässlichkcit und Detailliertheit der Darstellung vermittelt. Später heißt es, den Standort des Erzählers eindeutig fixierend, dreimal »hier«: Der Erzähler steht neben dem Soldaten und blickt in Richtung I lerrn Peachums. Zuvor war noch einmal eine Ortsbeschreibung aus größerer Distanz gegeben worden, wohl mit der Absicht, den Leser jetzt schon mehr über Peachums Unternehmen wissen zu lassen: »In dem alten Lachbau, der drei ganz geräumige Häuser mit zwei Holen umfaßte, waren ...«. Der Erzähler bemüht sich hier allerdings, seinen besseren Ãœberblick nicht als ein Besser-Wissen hervortreten zu lassen: »und vor allem gab es irgendwo hier eine Kartothek ...« .
      Der Eindruck der Nähe im Verhältnis Erzähler - Figur wird natürlich dadurch verstärkt, dass der Leser über die Gefühle, Einstellungen und Gedanken des Soldaten etwas erfährt. Mit der Erage nach der Vertrautheit bzw. Unvertrautheit des Erzählers mit den inneren Vorgängen der Eigur ist die Kategorie Erzählperspektive angesprochen. Perspektive und Standort des Erzählers gehören sehr eng zusammen, sind jedoch nicht dasselbe und auch nicht auseinander ableitbar. Nach dem Erzählcrstandort fragen wir: »Wo steht der Erzähler und was sieht er von dort aus?« Diesem Begriff entspricht in der Lihntcchnik der Begriff der Einstellung der Kamera auf das filmische Objekt, die Abbildungsgröße in Relation zum Bildrahmen . Was die Filmkamera nicht kann, nämlich durch die Oberfläche hindurch in die Figuren hineinsehen, kann der Erzähler; wir nennen es die Erzählperspektive der Innensicht im Gegensatz zur Außensicht.
      Durch die Wahl dieser Erzählperspektive ist es dem Erzähler in unserem Beispiel möglich, dem Leser einen lebendigen Eindruck vom Lernprozess des Soldaten Lewkoombey zu vermitteln:


Kr schämte sich |...| Das Beiteln wurde ihm schwer[...| Schuldbewußt wie er war|...| langsam ging es I'ewkoomhey auf [...] Kr verspürte jedoch keine besondere Kust |...| Kr wußte nicht |...| Kr kam zu der Ãœberzeugung |...| Kr lühlte [...] Kr hegrilf noch keineswegs.
      Nicht identisch mit der Innensicht, aber vom Erzähler gezielt eingesetzt zur Vermittlung eines Eindrucks von Vertrautheit mit der Hauptfigur ist das personale Erzählverhalten. Ks besteht darin, dass der Erzähler seine Aussagen an die Optik der Figur bindet; er sieht gewissermaßen mit ihren Augen: »Langsam ging es Fcwkoombcy auf, dass die Ubcrlälle mit seiner Bettelei zusammenhängen müßten«
— rein aus der Sicht des Erzählers müsste es heißen: »zusammenhingen«. Solche Indizien für das personale Erzählvcrhaltcn sind auch die anderen Unsicherheiten der Figur bei der Wahrnehmung und Einschätzung der .
      In der erlebten Rede gibt der Erzähler mir seinen eigenen Worten , aber aus der Optik der Figur deren Gedanken wieder: »Das Betteln wurde ihm schwer. Das war der Beruf für diejenigen, die nichts gelernt hatten ...«. Es wird an diesem Beispiel zugleich deutlich, dass das Identifizieren eines Fextabschnitts als erlebte Rede oft die Kenntnis des Kontextes voraussetzt. Der zitierte Satz muss identifiziert werden als zwar mit den Worten, aber nicht aus der Sicht des Erzählers gesprochen. Diese Interpretation wird zunächst nahe gelegt durch den direkt folgenden Satz: »Nur wollte auch dieser Beruf anscheinend gelernt sein« und gestützt durch den die - abweichende — Sicht des Erzählers markierenden Satz: »Es wurden keinerlei Versuche mehr angestellt, aus ihm einen einigermaßen leistungsfähigen Bertler zu machen. Die Fachleute hier hatten auf den ersten Blick erkannt, daß er es soweit niemals bringen würde«.
      Auktoriales Erzählverhalten besteht darin, dass sich die Sehweise des Erzählers geltend macht, indem dieser durch Kommentar
- »wie das in engen Wohnungen eben geht« -, Bezugnahme auf die Erzählsituation - »uns Bücherkäufern« - und in anderer Form
Stellung nimmt bzw. sich als »persönliches Medium« kundtut. Fan eindeutiges Indiz für auktoriales Verhalten ist die Erzählerreflcxion auf etwas Irreales: »Wäre Fcwkoombey von einem Volkszählungsbeamten gefragt worden ...«. In der gleichen Weise auktorial sind Urteile wie das folgende: »Dann sollte er auf eigentümliche Weise dieses spärlich gewordene Leben verlieren«. Es ist auffällig, dass sich der Erzähler bemüht, das auktorialc Erzählvcrhalten nicht zu sehr dominieren zu lassen: an einer ganz analogen Stelle ganz am Anfang versäumt er es nicht, durch Hinzufügen eines Nebensatzes die im Ansatz auktorialc ErzählerrcHexion in eine Darbietungsweise des neutralen Erzählverhaltens, den Bericht, zu verwandeln, der jede Kommentierung und Wertung vermeidet: »Der Käufer hätte das, wie man ihm sagte, aus den Büchern leicht erkennen können ...« . Generell verhält sich der Erzähler neutral, wenn er sich vollständig in der Darstellung zurücknimmt und weder die Sicht einer Figur noch die eigene Sicht auf die Dinge durchscheinen lässt.
      Die Erfahrung in Seminardiskussionen gibt Anlass, an den lor-malen Status der hier erläuterten Kategorien in der Strukturanalyse zu erinnern. Die Rede von »der Vertrautheit bzw. Unvertrautheit des Erzählers mit den inneren Vorgängen der Pigur« , ist streng genommen irreführend. Es kommt nämlich bei der Beschreibung der Erzählsituation nicht darauf an, was der Erzähler weiß, sondern auf das, was er seinen Adressaten mitteilt, beziehungsweise auf das, was er sie wissen lässt oder was er ihnen zu verstehen gibt. Auch tut man gut daran, den Ivr/.ähler nicht zu sehr zu substanzialisieren. Das gilt unbedingt für das F.rzählver-halten, aber auch schon für die Erzählform: Ist der Fazähler der Blechtrommel ein Ich-Erzähler oder ein Er-Erzähler? Indem wir die prinzipiell unbegrenzte Verfügbarkeit des Geschehens im Erzählen berücksichtigen, formulieren wir etwa: »Der F.rzahlcr verhält sich hier auktorial, hier personal; er tritt hier als Ich-Fazähler in Erscheinung, dort als Er-Er/.ähIer«.
      Als Erzählhaltung bezeichnen wir die Einstellung des F.rzählers gegenüber den Begebenheiten und Figuren, nun nicht im technischen, sondern im psychologischen Sinne. Sie kann sich implizit in einer besonderen erzählerischen Anordnung der Fabelelemente bzw. einer spezifischen Art der Darstellung äußern, die dann »für sich spricht«. Sie äußert sich jedoch auch explizit als besonderer Tonfall, als kritische, pathetische, ironische, affirmative Färbung der Erzählerrede. So erhält der Text unseres Romankapitels schon durch die Kombination von Ãœberschrift und Motto eine hintergründige, latent bedrohliche Note. Die bereits analysierten Wahrnehmungsunsicherheiten des Soldaten lassen die dargestellten Begebenheiten in einem zweideutigen Licht erscheinen, indem der Erzähler die Dilfcrcnz zwischen der tatsächlichen Lage des Helden und seiner Selbsteinschätzung zunächst versteckt, dann zunehmend deutlich markiert. Dies geschieht jedoch, wie wir sahen, nicht durch atiklorialen Krzählercingriff, sondern durch einen - vielleicht erst bei der zweiten Lektüre bemerkten - sarkastischen Unterton der Lrzählcrredc, besonders in den Mitteilungen über Lewkoombeys Gedanken: »Lr verspürte keine besondere Lust ... Kr fühlte, diese Stellung war ein Kortschrill ...«. Und während der Erzähler bei den Vorgängen in Pcachums I laus zunächst noch eine Krklärung für Pewkoombcys Selbsteinschätzung liefert »er war zu zermürbt, um nicht einzusehen, dass es ein Glück für ihn wäre, hier einzutreten« —, ist seine Distanz unüberhörbar, wo er das spärliche Leben unter den 1 lunden beurteilt, lür das der Soldat engagiert wird: »Kr hatte Glück gehabt«. Spätestens hier, am Knde des Prologs, hat sich der Erzähler des Ihrigroschmromtms seiner Haltung nach eindeutig als Satiriker identifiziert.
     

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