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Der Text als Struktur



Strukturanalysen literarischer Texte antworten auf die krage: Wie ist der Text gemacht?
Sie abstrahieren heuristisch von den historischen Zusammenhängen der Entstehung und Wirkung des Werks und zielen auf eine exakte F.rfassung der Textbedculung und ihres Zustandekommens. Hierzu zerlegen sie den Text in seine verschiedenen Ebenen und Elemente und suchen eine hierarchische Ordnung aufzudecken, durch welche die Lauheit des Textes, das lieifst seine Kohärenz und Abgcgrenzlhcil, konstituiert wird. Hie Kategorie Struktur ttmfasst dabei inhaltliche und formale Eigenschaften; sie ist das Organisationsprinzip des Textes, ein System von Bedetilungsaspekten, die sich zu einer 'lextbedeutung - oder zu einer Mehrzahl unterschiedlicher Textbcdeutungen - zusammenschließen lassen.
      Die Strukturanalyse verlährt nach dem Kriterium der T'cxta-däquanz. Sic dient einer l'räzisierung, Überprüfung und Begründung von Lesarten durch systematische Kiufaltung der Bedeutungszusammenhänge im Text. Ihr Ausgangspunkt ist immer ein vorliegendes Text Verständnis, etwa eine ausgearbeitete Lesart als Hypothese über die Lextbedeutung. Dabei ergeben sich jedoch, je nach den Eigenschaften des zu interpretierenden Werks, ganz unterschiedliche Attsgangssituationen und damit auch spezifische Fragestellungen. Gegenüber dem >cingängigcnvoraussetzungslos< beginnt, gibt es in jedem Text Wörter, Saehzusammenhängc, Strukturen, die nicht verstanden, womöglich nicht einmal wahrgenommen werden ohne die Aktivierung lebensweltlicher Erfahrungen und Kenntnisse. Darüber hinaus gilt:
Der Interpret vor dem >Text< muß Fragen stellen: wie aber kommt er zu ihnen? Was ihm an > lext< auffällt, hängt zweifellos vom Umfang seiner Erfahrung mit >Textcn< ah. Aber es hängt auch ah von seinem theoretischen Wissen über alternative poctologische Möglichkeiten. Und was er mit seinen diesen Befunden anzufangen weiß, ist durch die ihm verfügbaren methodischen Möglichkeiten bedingt .
     
Schließlich kommt es auf die Art und die Behandlung der vorauszusetzenden Deutungshypothese an: Je prägnanter diese als ein subjektives Textverständnis artikuliert wird und je entschiedener sie auf dieser Stufe der Arbeit zur Diskussion gestellt wird, desto fruchtbarer kann die Auseinandersetzung mit der lextstruktur sich entwickeln. Denn deren Maßstab und Richtung - und auch ihre Relevanz für den ganzen Interpretationsvorgang - sind nicht objektiv vorgegeben, sondern werden wesentlich mitbestimmt von dem Erkcnninisintcrcssc der Beteiligten.
      Die Frage: Was will ich vom Text wissen? lässt sich diesem Interesse entsprechend im Hinblick auf ein konkretes Unterstich ungsprogramm differenzieren; etwa:
. welche Aspekte meiner Deutungshypothese sind unklar bzw. strittig?
. welche F'igcnschallcn des Textes könnte ich gegebenenlalls begründen, welche nicht?
. wie sehe ich den Zusammenhang des Textes; gibt es Brüche oder Widersprüche?
. welche Aussagen in meiner Deutungshypothese lassen sich durch den Hinweis auf Tcxtcigcnschafrcn begründen?
. gibt es Texteigenschaften, die auf der Grundlage meiner Deutungshypothese nicht erklärt werden können?
Der Strukturanalyse gehl also sinnvollerweise die Formulierung konkreter Erkenntnisinteressen und eines aus ihnen abgeleiteten Untersuchungsprogramms voraus, von denen her sich dann auch die Verfahren der Analyse begründen lassen. Unter den genannten Voraussetzungen ist diese selbst textimmanent, insofern möglichst alle interpretalorischcn Aussagen über den Text sich aul dessen sprachliche Eigenschaften stützen müssen und »die Relevanz text-externer Daten für eine Analyse aufgrund textinterner Daten nachgewiesen sein muß« .
      Textanalyse gründet sich auf die Prämisse, dass der Textsinn auf eine prinzipiell erkennbare und rekonstruierbare Weise mit der Zeichenfolge zusammenhängt. Die Rede von der »Erlösung des Sinns aus der Zeichen-Synthesis« und tbe Behauptung, der 'Text stelle den Sinn »zur Disposition« , reißt diesen gewiss höchst vermittelten und in der Moderne prekär gewordenen, objektiven Zusammenhang auseinander. Es ist in der Fat kaum möglich, Nichtsinn diskursiv darzustellen . Nach meiner Auffassung kann jedoch die »Unbegreiflichkeit der Werke« in ihrer semantischen Bestimmtheit und/oder im Bezug auf die lexproduzierende beziehungsweise textrezipierende Subjektivität als Sinnzusammenhang verstanden werden. Anders ausgedrückt: Wo Textanalyse die Geltung der genannten Prämisse nicht annimmt, wird sie zum Glaspcrlenspiel.
      Mit diesen Bemerkungen ist auch die Stellung der Strukturanalyse im Prozess einer methodischen Interpretation angedeutet. Sie steht, systematisch gesehen, zwischen Textbeschreibung und Kontextanalyse, sie präzisiert, überprüft, korrigiert die hypothetischen Aussagen über die Autorinlention und die Rolle des impliziten Lesers, soweit dies aul der Basis des Textes allein möglich ist. Strukturanalysen lür sich, also ohne den Kontext interessierter Lektüre und interessengeleiteter Auslegung, haben nur theoretisches oder didaktisches Interesse; sie dienen der systematischen Krforschung von Textformanten und ihren spezifischen Leistungen oder De-monstrationszwecken.
      Die wissenschaftlich folgenreichste und zugleich konsequenteste Formulierung eines Programms der Iextanalyse ist der litcratur-wisscnschaltliche Strukturalismus, als dessen bedeutendste Vertreter Roman Jakobson, Roland Barthes und Algirdas J. Greimas genannt werden sollen. Der »strukluralc Theorietyp« und seine literaturwissenschaftliche Anwendung haben, trotz zahlreicher, zum Ieil sicherlich berechtigter Einwände und Korrekturen, eine fortdauernd hohe praktische Bedeutung für die Interpretationspraxis. Der Strukturalismus geht von der Prämisse aus, dass die Bedeutung eines Textes und anderer sinnhafter Objekte im Sinne der oben definierten »Lebenswelt« erkannt wird, indem man die Regeln seines Zusammenhangs herausarbeitet. Der lext wird in dieser Theorienicht als eine mechanische Ansammlung, sondern als eine strukturelle Einheit behandelt, als ein System, und eine fundamentale Aufgabe ist es, die dem System inhärenten statischen und dynamischen Gesetze zu linden .
      Man kann das hier vorgeschlagene Verfahren eine Modellierung auf der Meta-Ebene nennen: Wir entwerfen ein Modell des Textes, das heißt eine schematisierte Abbildung der relevanten Beziehungen zwischen seinen Elementen. Roland Barthes hat diesen Vorgang als »strukturalistische Tätigkeit« beschrieben. Deren Ziel sei es,ein »Objckn derart zu rekonstituieren, daß in dieser Rekonstitution zutagetritt, nach welchen Regeln es funktioniert . Oie Struktur ist in Wahrheit also nur ein simuLicrum des Objekts, aber ein gezieltes, >interessieries< Simulacrum, da das imitierte Objekt etwas zum Vorschein bringt, das im natürlichen Objekt unsichtbar oder, wenn man will, unverständlich blieb .
      Die wichtigste Operation in der strukturalistischcii Tätigkeit bestellt in einem Zerlegen und Wicder-Zusammensctzen, das gelegentlich - ohne kritische Absicht - als »Bastelei« mit den Elementen des Textes beschrieben worden ist . Der Interpret teilt den lext in einzelne, voneinander unterscheidbare Elemente und errichtet aus diesen ein Schema, das deren tatsächliche Stellung und l lierarchie im lext entsprechend wiedergibt .
      Eine Begründung und das Muster dieser Verfahrensweise ergeben sich aus einer Eigenschaft der Sprache selbst, die Roman Jakobson in seiner Zweiachsen-Theorie der Sprache herausgearbeitet hat. Diese erläutert, dass es in der Sprache zwei grundlegende Möglichkeiten der Verknüpfung gibt, aus deren Anwendung jede Art des Bcdeuumgsaufhaus in Zeichenkomplexen abgeleitet werden kann. Es sind dies die >vertikale< Achse paradigmatischer und die >horizontale< Achse syntagmatischer Beziehungen, denen die Tätigkeiten der Selektion und Kombination als Grundoperationen des sprachlichen Handelns zuzuordnen sind:
Wer spricht, vollzieht vorab zwei I landlungcn. Er wählt sprachliche Lauheiten aus einem Arsenal zusammengehörender Einheiten aus und verbindet sie zu verständlichen Syntagmen .
      Da die Begriffe Paradigma und Syntagma in allen strukturalen Textanalysen eine wichtige Rolle spielen, füge ich ihre Definition hier an:
Ptirudigrmi bezeichnet eine Klasse von Einheiten, die sich unter bestimmtem Aspekt gleichen , unter mindestens einem Aspekt unterscheiden . Ein Paradigma gleicht einem Vorrat von ähnlichen und doch unterschiedenen Tennen, aus dem im aktuellen Diskurs ein lerm benutzt ist ; es verbindet Terme in absentia in einer virtuellen Gedächtnisreihe, das heißt'Terme, die aktuell nicht realisiert, aber virtuell vorhanden, nämlich unbewußt mitgedacht [...] sind, |...] Oie aus dem Paradigma ausgewählten leime werden zu einer horizontalen Reihe, zu komplexen Formen und ganzen Sätzen angeordnet, den Syntagmen .
     

Syntagma bezeichnet eine Klasse von leimen, die im aktuellen Diskurs aufeinander folgen. Ihre lernte sind in praesentia vereinigt und gewinnen ihren Wert nicht wie im Paradigma in Opposition zu den ähnlichen, virtuell vorhandenen lernten, sondern in Opposition zu den Tennen, die ihnen tatsächlich folgen oder vorangehen .
      Die frage: »Wie ist der Text gemacht?« könnte nach diesen Erläuterungen timformulicn werden. Aufgabe ist, ein Schema zu entwerfen, in dem die hierarchische Anordnung der durch den Text aktualisierten Paradigmata hinreichend genau und möglichst übersichtlich angeordnet bzw. abgebildet ist.
      Nun ist es an dieser Stelle weder möglich noch beabsichtigt, die Strukturalistischen Texttheorien und Analysemethoden im Einzelnen darzustellen. Die Aneignung des Strukturalismus durch die Literaturwissenschaft hat sich trotz aller Kritik seit den 1 960er Jahren als außerordentlich fruchtbar erwiesen. Seine verschiedenen Fra-gerichtungen, Modelle und Verfahren haben das Wissen über die Konstitutionsbedingungen sprachlicher Bedeutung und poetischer Sprachhandlungen ganz erheblich erweitert und die literaturwissenschaftlichen Analyse-Instrumente wesentlich geschärft. Aus dieser Feststellung ergibt sich freilich keine generelle Entscheidung für eine bestimmte Methode der Icxtanalyse. Die im folgenden erörterten Konzepte und Verfahren gelten für unterschiedliche Ebenen und Bedeutungsdimensionen des literarischen Werks, sind aber prinzipiell gleichrangig. Sie schließen daher einander nicht aus, sondern ergänzen sich und können, je nach der Eigenschaft des ■zu interpretierenden Textes und entsprechend den Erkcnntnisin-teressen, auch kombiniert angewandt werden.
      Bei der systematischen Inhaltsanalyse wird der lext mit Blick auf die Darstellung bzw. der evozierten Vorstellungen von »Welt« erschlossen. Das Verfahren ist in den meisten fällen morphologisch: Wir beschreiben den Text und seine Elemente mit Begriffen, welche den »formen des Lebens« entsprechen. Das heißt, die Paradigmata, denen die Tcxtelcmenlc zugeordnet werden, sind der Wirklichkeit entnommen, die uns umgibt bzw. die wir uns vorstellen . So sind die Figuren eines Romans, die im Syntagma der Erzählung als Helden und Antipoden, als Hatipt-und Nebenfiguren fungieren, beispielsweise den sozialen Klassen, Schichten zuzuordnen. Handlungen dieser Figuren, welche im Syntagma vorwärts treibend oder retardierend wirken, können wir - etwa nach der Einteilung bei Habermas - als zweck rational, normengebunden, expressiv qualifizieren. In der Analyse des Raums sehen wir - etwa im Heimatroman - Stadt und Landgegeneinander gestellt oder die »bei etage« und das Hinterhofmilieu, die im Syntagma vielleicht den Ausgangs- und Endpunkt einer Lebensgeschichte markieren. Angelehnt an die Alltagssprache beschreiben wir in der Regel auch die Gegenständlichkeit bei der Inhallsanalysc lyrischer Texte.
      Die oberste Untcrsuchungscbenc bei der Strukturanalyse ist die Ebene der Poetik. Noch bevor ein lext als die sprachliche Manifestation einer Mitteilung verstanden werden kann, wird er wahrgenommen als die historisch-konkrete Realisation eines Textschcnias, »das der Produktion wie der Rezeption als verbindlich vorausliegt« . Dieses Icxlschcma ist bei literarischen Werken durch die Wahl von Gattung und Genre gegeben. Diese sind leile eines historisch variablen semioiischen Codes, das heißt eines Paradigmas von literarischen Bauformen und Darstellungsweisen, aul das sich Autor und Rczipientcn gemeinsam beziehen müssen, wenn die Kommunikation durch den literarischen lext gelingen soll. Die Strukturanalyse thematisiert aul dieser Ebene die Tcxtclemcntc also nicht mehr im Hinblick aul die Wirklichkeit schlechthin, sondern auf" die unterschiedlichen Schemata sprachlichen 1 landelns unter den Bedingungen des literarischen Diskurses. Kein halbwegs kompetenter Leser wird in einem Roman Figurenrede und Erzählcrkommcntar, in einem Drama dialogische Rede und Bühnenanweisung verwechseln. Ihre Differenz wie ihre Verknüpfung im Syntagma können nur als sinnvoll wahrgenommen werden, weil der Leser das Paradigma kennt, dem sie zugcliören. E.s ist das des »sekundären Gebrauchs« von Schemata pragmatischer Sprachhandlungen im fiktionalcn Text , genauer: es ist die Gesamtheit der möglichen formen der Sprachverwendung in Texten, im 1 linblick auf die etwa die meisten Formen der Verfremdung im »epischen« Theater, aber auch solche Erscheinungen wie die »zukunfisgewisse Vorausdeutung« analysiert werden können. Die thematische Struktur und Kohärenz von Geschichten erkennen wir als eine syntagmatische Entfaltung paradigmatischer Oppositionen, zum Beispiel der von Geschäft und Verbrechen im Dreigroschenroman Brechts.
      Die Analyse poetischer Textbildungsverfahren behandelt den literarischen lext nicht mehr als die historisch-konkrete Verwirklichung eines Sprachhandlungsschemas, sondern als ein auflösbares, hierarchisch gegliedertes Bündel von Bedeutungselementen, das einen festen denotierten Kern und eine tendenziell unbegrenzbare Sphäre von konnotierten Bedeutungen aufweist. Strukturanalyse kann auf dieser Untersuchungsdimension darin bestehen, den Text als eine Anordnung von Bedeutungsebenen zu rekonstruieren, die aufgrund sprachlicher, das heißt lautlicher, metrisch-rhythmischer, morphologischer und syntaktisch-semantischer Paradigmata konstituiert sind und unterschieden werden können. Bei der Untersuchung narrativer Texte können die Bedeutungsebenen auch durch »Codes« konstituiert sein, welche - etwa in Roland Barthes' viel zitierter Analyse von Balzacs Erzählung Sarmsine - als die Erzählung strukturierende »Funktionen« und »lndices« aufgefasst sind. Sowohl bei der Analyse konnotativer Bedeutungsebenen als auch bei der Frage nach der thematischen Kohärenz geht jedoch die Erörterung einer »Crammatik der Poesie« schon in die historisch konkretere Frage nach der Poetik des liierarischen lextes über.
      Die Wahl des Untersuchungsverfahrens wird vornehmlich von den Eigenschaften des jeweils zu interpretierenden Werks abhängen. Die heuristisch voneinander getrennten Untersuchungsebenen stehen nämlich ebenso wie die einzelnen Kategorien und Verfahren in einem systematischen Zusammenhang, der auch ein Zusammenhang mit der »Eogik der Sache« ist. Literaturwissenschaftliche Interpretation hat die Aufgabe, im Blick auf die Eigenart des behandelten Werks und die eigenen, aus der Lese-Erfahrung und der kritischen Stellungnahme entwickelten Erkenntnisinteressen eine reflektierte Auswahl des Verfahrens zu .
      Man wird sinnvollerweise die stärker formalisierendcn Analyseverfahren nur dann anwenden, wenn entweder ein theoretisches Interesse an verallgemeinerbaren Ergebnissen vorliegt oder wenn der Bedeutungszusammenhang sich anders nicht ermitteln lässt. Zudem besteht ein historischer Zusammenhang zwischen den Analyseverfahren und der literarischen Evolution, insofern die Werke der modernen Literatur aufgrund ihrer widersprüchlichen und bewusst rätselhaften Darstellungsweise die Fintwicklung immer genauerer, aber auch abstrakterer Interpretationsverfahren nach sich zogen. Die Forderung, dass Untersuchungsmethoden praktikabel sein sollen und ihre Ergebnisse auf verständliche Weise vermittelbar, verbietet es nach meiner Auffassung, Kategorien und
Verfahren eines höheren Abstraktionsgrades anzuwenden, wenn der Bedcutungs- bzw. Strukturzusammcnhang des betreffenden lextes auch auf einer konkreteren Beschreibungsstufe durchsichtig werden kann. Es lässt sich vielleicht als allgemeine Regel formulieren: |e komplizierter bzw. unverständlicher ein literarischer Text ist, desto grundlegender und materialbezogener - also auch abstrakter - werden die angewandten Interpretationsverfahren sein müssen.
      Bevor ich die einzelnen Untcrsuchungsvcrfahrcn systematisch vorführe, gebe ich einen Beispieltext, den Prolog aus Bertolt Brechts Dreigroschenrommi .
      Die Bleibe

Und er nahm, was sie gaben, denn hart ist die Not
Doch er sprach :

Warum gebt Ihr mir Obdach? Warum gebt Mir mit Brot?
Weh! Was habt Ihr mit mir vor?!

Kin Soldat namens George Fewkoombcy wurde im Burcnkricg ins Bein geschossen, so daß ihm in einem Hospital in Kaptown der Unterschenkel amputiert werden mußte. Er kehrte nach London zurück und bekam 75 Pfund ausbezahlt, dafür unterzeichnete er ein Papier, worauf stand, daß er keinerlei Ansprüche mehr an den Staat habe. Die 75 Pfund steckte er in eine kleine Kneipe in Newgatc, die in letzter Zeit, wie er sieh aus den Büchern, kleinen, mir Bleistift geführten, bierfleckigen Kladden, überzeugen konnte, ihre reichlich 40 Schilling abwarf.
      Als er in das winzige Hinter/immer eingezogen war und den Schankbctrieb zusammen mit einem alten Weih ein paar Wochen geführt hatte, wußte er, daß sein Bein sich nicht besonders rentiert hatte: die Kinnahmen blieben erheblich unter 40 Schillingen, obgleich es der Soldat an Höflichkeit seinen Gästen gegenüber nicht fehlen ließ. Er erfuhr, daß die letzte Zeit durch im Viertel gebaut worden war, so daß die Maurer für Betrieb in der Kneipe gesorgt hatten. Der Bau war aber jetzt fertig und damit war es mit der vielen Kundschaft aus. Der neue Käufer hätte das, wie man ihm sagte, aus den Büchern leicht erkennen können, da die Einnahmen an den Wochentagen entgegen allen Erfahrungen des Gastwirtsgewerbes höher gewesen waren als an den Feiertagen; jedoch war der Mann bisher nur Gast solcher Lokale gewesen und nicht Wirt. Er konnte das Lokal knapp vier Monate halten, umso mehr, als er zuviel Zeit damit verschwendete, den Wohnort des früheren Besitzers ausfindig zu machen, und lag dann mittellos auf der Straße.
     

Eine Zeitlang fand er Unterkunft bei einer jungen Kriegerfrau, deren Kindern er, während sie ihren kleinen Laden versorgte, vom Kriege erziilihe. Dann schrieb ihr Mann, er komme auf Urlaub, und sie wollte den Soldaten, mit dem sie inzwischen, wie das in engen Wohnungen eben geht, geschlafen hatte, möglichst rasch aus der Wohnung haben. Kr vertrödelte noch ein paar'läge, mußte dennoch heraus, besuchte sie noch einige Male, als der Mann schon zurück war, bekam auch etwas zu essen vorgesetzt, kam aber doch immer mehr herunter und versank in dem endlosen Zug der Klendcn, die der Hunger lag und Nacht durch die Straßen der I fauptstadt der Welt spült.
      Eines Morgens stand er auf einer der Themsebrücken. Kr hatte seit zwei "lagen nichts Richtiges gegessen, denn die Leute, an die er sich in seiner allen Soldatenmontur in den Kneipen herangemacht hatte, bezahlten ihm wohl einige Getränke, aber kein Essen. Ohne die Monlur hätten sie ihm auch keine Getränke bezahlt, er hatte sie deshalb eigens angezogen gehabt.letzt ging er wieder in seinen Zivilkleidern, die er als Wirt getragen hatte. Denn er hatte vor zu betteln und schämte sich. Er schämte sich nicht, daß er eine Kugel ins Bein bekommen und eine unrentable Wirtschaft gekauft hatte, sondern daß er darauf angewiesen war, wildfremden Leuten Geld abzuverlangen. Seiner Meinung nach schuldete keiner keinem etwas.
      Das Betteln wurde ihm schwer. Das war der Beruf für diejenigen, die nichts gelernt hatten; nur wollte auch dieser Beruf anscheinend gelernt sein. Kr sprach mehrere Leute hintereinander an, aber mit einem hochmütigen Gesichtsausdruck und besorgt, sich den Angesprochenen nicht in den Weg zu stellen, damit sie sich nicht belästigt fühlen sollten. Auch wählte er verhältnismäßig lange Sätze, die erst zu Ende kamen, wenn die Angeredeten schon vorüber waren; auch hielt er die Hand nicht hin. So hatte, als er sich schon an die fünf Mal gedemütigt halte, wohl kaum einer gemerkt, daß er angebettelt worden war.
      Wohl aber hatte es jemand anderes gemerkt; denn plötzlich hörte er von hinten eine heisere Stimme sagen: »Wirst du dich wohl hier wegschwingen, du Hund!« Schuldbewußt wie er war, sah er sich gar nicht um. Er ging einfach weiter, die Schultern eingezogen. Erst nach einigen Hundert Schritten wagte er sich umzublicken und sah zwei zerlumpte Straßenbettler niederster Sorte beieinander stehen und ihm nachschauen. Sie folgten ihm auch, als er forthinkte.
      Erst einige Straßen weiter sah er sie nicht mehr hinter sich.
      Am nächsten Tage, als er in der Gegend der Docks herumlungerte, immer noch ab und zu Personen der niederen Klasse durch seine Versuche, sie anzusprechen, in Erstaunen versetzend, wurde er plötzlich in den Rücken geschlagen. Gleichzeitig steckte ihm der Schläger etwas in die lasche. Er sah niemand mehr, als er sich umblickte, aber aus der Tasche zog er eine steife Karte, vielfach eingebogen und unsäglich verdreckt, auf der eine Firma gedruckt stand: J.J. Peachum,

Old Oakstraße 7, und darunter, mit Bleistift geschmiert: »Wen dir deine Gnochcn was Wehrt sinn, dann adresse wie obig!« Es war zweimal unterstrichen.
      Langsam ging es Fewkoombey auf, daß die Überfälle mit seiner Bettelei zusammenhängen müßten. Er verspürte jedoch keine besondere Lust, in die Old Oakstraße zu gehen.
      Nachmittags, vor einer Stehbierhalle, wurde er von einem Bettler angesprochen, den er als einen der zwei vom vorigen läge erkannte. Et schien heute verträglicher. Er war noch ein junger Mann und sali nicht eigentlich schlimm aus. Kr faßte Fewkoombey am Rockärmel und zog ihn mit sich.
      »Du verdammter Dreckhund«, begann er mit freundlicher Stimme und ganz ruhig, »zeig deine Nummer!«

»Wts für eine Nummer?« fragte der Soldat.
      Neben ihm herschlcndernd, weiter freundlich, aber ihn keinen Augenblick loslassend, erklärte ihm der junge Mann in der Sprache dieser Schichten, daß sein neues Gewerbe ebenso geordnet sei wie jedes andere, vielleicht noch besser; daß er sich nämlich in keiner wilden, von zivilisierten Menschen verlassenen Gegend belinde, sondern in einer großen und geordneten Stadt, der Hauptstadt der Welt. Für die Ausübung seines neuen Handwerks brauche er also eine Nummer, eine Art Krlaubnismarke, die er da und da bekommen könne - nicht umsonst, es gab da eine Gesellschaft mit dem Sitz in der Old Oakstraße, der er rechtmäßig angehören müsse.
      Fewkoombey hörte, ohne eine einzige Frage zu stellen, zu. Dann erwiderte er, ebenso freundlich sie gingen durch eine menschenreiche Straße - er freue sich, daß es eine solche Gesellschaft gebe, genau wie bei den Maurern und den Friseuren, er zöge aber für seinen Teil vor, zu tun was ihm beliebe, da ihm in seinem Leben schon eher zuviel Vorschriften gemacht worden seien als zu wenige, was sein Holzbein beweise.
      Damit reichte er seinem Begleiter, der ihm mit einer Miene zugehört hatte, als höre er eine ihn außerordentlich interessierende Ausführung eines erfahrenen Mannes, der er nur nicht ganz beistimmen könne, die Hand zum Abschied, und der schlug ihm lachend wie einem alten Bekannten auf die Schultet und ging über die Straße. Fewkoombey gefiel sein Lachen nicht.
      In den nächsten 'lagen ging es ihm immer schlechter.
      Es stellte sich heraus, daß man, um einigermaßen regelmäßig Almosen zu bekommen, an einer bestimmten Stelle sitzen mußte , und das konnte er nicht. Kr wurde immer vertrieben. Er wußte nicht, wie es die andern machten. Irgendwie sahen sie alle elender aus als er. Ihre Kleider waren richtige Lumpen, durch die man die Knochen sehen konnte . Auch ihr körperliches Aussehen war schlimmer; sie hatten mehr und ärgere Gebrechen. Viele saßen ohne Unterlagen auf dem kalten Roden, so daß der Passant wirklich die Sicherheit hatte, daß sich der Mensch eine Krankheit holen mußte. Fewkoombey hatte sich gern auf den kalten Boden gesetzt, wenn es ihm nur erlaubt worden wäre. Der entsetzliche und erbarmungswürdige Sitz war aber anscheinend nicht Allgemeingut. Polizisten und Bettler störten ihn immerfort auf.
      Durch das, was er durchmachte, holte er sich eine Erkältung, die sich auf die Brust schlug, so daß er mit Stichen in der Brust in hohem lieber herumlief.
      Kines Abends begegnete er wieder dem jungen Bettler, der ihm sogleich folgte. Zwei Straßen weiter hatte sich diesem noch ein anderer Bettler zugesellt. Er fing an zu laufen, sie Helen auch.
      Er bog in einige kleinere . Da ist jeder auf den andern angewiesen, wenn das Bein weg ist? Unbestreitbar! Aber ebenso unbestreitbar, daß keiner gern etwas hergibt! Kriege, das sind Ausnahmefälle. Wenn ein Erdbeben stattfindet, dafür kann keiner was. Als ob man nicht das Schindluder kennte, das mit dem Patriotismus der Patrioten getrieben wird! Zuerst melden sie sich alle freiwillig und dann, wenn das Bein weg ist, will es keiner gewesen sein! Ganz abgesehen von den unzähligen Fällen, wo ein Bierkutscher, dem beim gewöhnlichen Gelderwerb, eben dem Bierfahren, das Bein abhanden kam, von der Schlacht bei Dingsda daherfaselt! Und noch etwas, die Hauptsache: darum gilt es doch als so verdienstvoll, für das Vaterland in den Krieg zu ziehen, darum überhäuftman doch eben diese Braven so mit Ehren und Beifall, weil dann das Bein weg ist! Wenn nicht dieses kleine Risiko dabei wäre, also gut, dieses große Risiko, wozu dann die tiefe Dankbarkeit der ganzen Nation? Im Grunde sind Sie ein Antikriegsdemonstranl, leugnen Sie schon erst gar nicht! Sie wollen, indem Sie so herumstehen und sich itir keine Mühe geben, Ihren Stumpf zu verbergen, zum Ausdruck bringen: ach, was sind Kriege für furchtbare Dinge, man verliert sein Hein dabei! Schämen Sie sich, Herr! Kriege sind so notwendig, wie sie furchtbar sind. Soll uns alles weggenommen werden? Sollen aU)'dieser britischen Insel fremde Leute herumwirtschaften, /rinde? Wünschen Sie etwa, inmitten von Feinden zu leben? Sehen Sie, Sie wünschen es nicht! Kurz Sie sollen nicht mit Ihrem Elend hausieren gehen, Mann. Sie haben das /.eng nicht dazu...«
Als er ausgesprochen halte, ging er, ohne den Soldaten anzusehen, an ihm vorbei in der Kontor hinter der Blechtür. Aber der Dicke kam heraus und führte ihn, des Beines wegen, wie er sagte, durch einen Hof in einen zweiten Hof, wo er ihm einen Hundezwinger übergab.
      In der Folge trieb sich der Soldat zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem einen Hofe herum und kontrollierte die Blindenhunde. Davon gab es eine ganze Anzahl; sie waren nicht nach der Fignung, blinde Leute zu führen, ausgesucht , sondern nach anderen Gesichtspunkten, nämlich danach, ob sie genug Mitleid hervorriefen, das heißt billig genug aussahen, was zum Feil allerdings auch von der Fütterung abhängt. Sie sahen sehr billig aus.
      Wäre Fewkoombey von einem Volkszähltmgsbeamtcn gefragt worden, was für einen Beruf er ausübe, wäre er in Verlegenheit gewesen, ganz abgesehen von allen Bedenken, vielleicht der Polizei aufzufallen. Kaum hätte er sich einen Bettler genannt. F.r war Angestellter in einem Unternehmen, das Utensilien für Straßenbettel verkaufte.
      F.s wurden keinerlei Versuche mehr angestellt, aus ihm einen einigermaßen leistungsfähigen Bettler zu machen. Die Fachleute hier hatten auf den ersten Blick erkannt, daß er es so weit niemals bringen würde. F.r hatte Glück gehabt. Fr besaß keine von den Eigenschaften, die einen Bettler ausmachen, aber er besaß, was nicht jeder hier von sich sagen konnte, ein echtes Holzbein und das genügte, ihm ein Engagement zu verschaffen.
      Ab und zu wurde er in den Laden gerufen und mußte einem Beamten der nächsten Polizeistation sein Holzbein vorzeigen. Zu diesem Zweck hätte es gar nicht so echt zu sein brauchen, wie es leider war. Der Mann sah kaum hin. F.s war da fast immer zufällig Fräulein Polly Peachum, die Tochter des Chefs, im Laden, die mit Beamten umzugehen wußte.
      Im großen und ganzen aber lebte der frühere Soldat das halbe Jahr, das ihm noch vergönnt war, unrer den Hunden. Dann sollte er auf eine eigentümliche Art dieses spärlich gewordene Leben verlieren, einen Strick um den Hals, unter dem Beifall einer großen Volksmenge.
      Der kleine Mann, den er am ersten Morgen seiner Anwesenheit in diesem interessanten Hause am Schaufenster hatte stehen sehen, war Herr Jonathan jeremiah Pcachum gewesen.
     

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