Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Moderne (I900-I950) und Expressionismus (I9I0-I920)



Die Geburtsstunde der Moderne wardic Jahrhundertwende. In den Dichter- und Künstlerkreiscn Wiens, Berlins und Münchens wurden die Grundlagen für die moderne Literatur, Malerei und Musik geschaffen.

      Für das künstlerische Selbstverständnis hatten französische , englische und italienische Dichter mit ihrem Kult der Schönheit Pale gestanden: Schön war vor allem das, was sich nicht der Nützlichkeit unterwarf und für sich selbst Bestand halle. Kunst sollte gelebt werden und nahm im Dandy Geslall an. Auch das Hässliche und Dekadente konnte schön sein, wenn es sich nur nicht der gesellschaftlichen Moral unterordnete. Nur durch die Kunst, glaubte man, könnten der Abscheu und die Gleichgültigkeil gegenüber der bürgerlichen Welt überwunden werden. Kunst sollte sinnlich sein und der Körper ästhetisch - dies waren die Motli der neuen Jugendbewegung.
      Eine neue künstlerische Bewegung machte ernst damit, die Kunst ins Leben zu führen, ihre Vertreter wurden als Expressionisten, als Ausdruckskünstler, bezeichnet. Der Begriff stammle aus der Malerei. Line Ausstellung der Wiener Sezessionisten 1895 warf die Frage auf, ob Bäume rol gemalt werden dürften. Notwendigerweise, meinte Hermann Bahr, wenn dies dem seelischen Ausdruck entspreche.
      Das wenige Gemeinsame, das die expressionistischen Zirkel verband, waren die Abkehr von den Nachahmungstheorien der Naturalisten und die Entwicklung neuer Ausdrucksformen. Die jungen Maler und Dichter - Akademiker aus gutbürgerlichen Elternhäusern - revoltierten nicht nur gegen das bürgerliche Leben, sondern wollten die Gesellschaft durch den »neuen Menschen« revolutionieren.
     
Unter dem Titel >Menschhei, >Die Aktion« , >Die Revolution* , >Das neue Pathos« waren die ausdrucksstarken Titel der Zeitschriften, um die sich die Künstlersammelten. Die Künstlergruppen, die eine Gesellschaft in der Gesellschaft bildeten, trafen sich in Berliner Clubs und Cafes . Auch in anderen deutschen Großstädten, vor allem in München und Leipzig, aber auch in Wien und Prag bildeten sich expressionistische Lileralurzirkel.
      Die nervöse Erfahrungswelt der Großstadt mit ihren lläuser-massen, ihrem Lärm und den rauchenden Schloten war für viele Dichter die zentrale Inspirationsquelle. Für die Mediziner unter ihnen, Gottfried Benn, Alfred Döblin und Ernst Weiß, waren es der körperliche Zerfall und die psychischen Störungen. Visionär, religiös und rauschhaft wardic Bildersprache der neuen Lyrik, die die Abgründe und das Jenseitige in der Alltagswelt aufspürte. Georg Trakl, der dichtende Apotheker, der am Kauschgift starb, erfasste mit seiner Sprachkunst Gottesahnung und Gottesferne, die Jüdin Else Lasker-Schüler, die selbst im exaltierten Berlin als Paradiesvogel galt, hatte sich in ihrer melancholischen Liebeslyrik eine orientalische Märchenwelt erschaffen. Prophetisch ist Georg Heyms bekanntes Gedicht >Dcr KriegFackelDic letzten Tage der Menschheit* .
      Der Ausbruch des Krieges markiert einen Einschnitt, von vielen wird er sogar als Ausweg aus dem dumpfen bürgerlichen Leben beschworen. Zu Kriegsbeginn versucht sich August Stramm mit Wortexperimenten, die den Gebrauchscharakter der deutschen Sprachesprengen. Zu den seltenen expressionistischen Prosawerken gehört Alfred Döblins China-Roman >Die drei Sprünge des Wang-LunMörder, Hoffnung der ErauenDcr gelbe KlangCas l/llBerlin Alexanderplalz< am populärsten, in dem ein Individuum, Eranz Biberkopf.an der Gewalttätigkeit derGroKsladt scheitert. Der moderne Roman schildert Geschehensabläul'e, montiert Wirklichkeilselemente und bildet Assoziationsketten, ohne dass ein Ich-Erzähler erklärend oder deutend eingreift. Der große, aber schwierige Romanschriftsteller I lermann Broch wurde vielleicht deshalb nicht so populär, weil er seinen Eesem eine erkenntniskritische Mitarbeit abverlangt. Seine Romantrilogie >Die Schlafwandlers die mit James Joyces >Ulysses< verglichen wurde, handelt vom Werteverfall und erschafft einen Mikrokosmos der Geistesgeschichte.
      Philosophisches findet sich auch im Lebenswerk des Ã-sterreichers Robert Musil, v. a. in seinem Roman >Der Mann ohne Eigenschaften^ Die ironisch geschriebene Bilanz der 1818 untergegangenen Donau-Monarchie erprobt auch neue Wege des Denkens und der Wirklichkeilsinterprctation. Wie Musil, so gestaltet auch Joseph Roth literarisch den Niedergang der österreichen k.u.k.-Monarchie.
      Welche internationale Wirkung die deutsche Literatur jener Zeit hatte, wird schon damit belegt, dass zwei deutsche Dichter,

Hermann I lesse und Thomas Mann , mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurden, llesses Romane, die nach seinem Tod in den 60er und 70er Jahren die Jugendkultur prägten , führen lief in die seelischen Konflikte des vereinsamten künstlerischen Menschen. Hesse ging schon früh in die Schweiz , während Thomas Mann, sein Bruder Heinrich und viele andere führende Schriftsteller erst nach der Machtergreifung der Nazis 1933 ins Exil flüchteten.
      Heinrich Mann hatte schon um die Jahrhundertwende Romane geschrieben, die ihn zum Vorbild der namhaften Vertreter neuer Prosa machten. Anders als sein Bruder Thomas bezog er insbesondere in dem Roman >Der Unlertan< einegesellschaliskritischc Position.
      In Prag schrieb der Jurist Eranz Kafka neben Erzählungen Romane. Nur kurze Zeit blieb dem einsam lebenden und früh Verstorbenen für sein dichterisches Lebenswerk, das er zum größten Teil nie veröffentlicht sehen wollte. Immerwieder sucht er Antworten auf die Erage nach dem Sinn der menschlichen Existenz in einer gotlfemen Well. Die Parabel des Türhüters im Roman >Der Prozess< , ein dunkles Gleichnis des menschlichen Lebens, wird bis heute immerwieder neu gedeutet.
      Wenig bekannt ist das Werk des rätselhaften Schweizer Schriftstellers Robert Walser, der mit seinen kurzen Prosastücken und den Romanen >Jakob von Gunten< und der >Gehülfe< Bedeutendes für die moderne Literatur geschaffen hat. Die heitere, aber hintergründig pessimistische Prosa des zurückgezogenen Einzelgängers wurde von Kafka, Musil und Hesse bewundert.
      Unterschätzt wird in Deutschland auch der in Wien und Zürich aufgewachsene Roman- und Dramendichter Elias Canctti, der Sinnentlecrung und Humanitätsverlust mit grotesken Mitteln dargestellt hat. Der Roman >Die Blcndung< , der mit eindrucksvollen sprachlichen Mitteln die katastrophalen Kolgen von Wirklichkeitsflucht vor Augen führt, brachte dem international bekannten Schriftsteller spät den Nobelpreis.
      Von der deutschen Nachkriegsöffentlichkcit lange Zeil als Nationalkonservativer verfemt, wurde Krnst jünger in l;rankreich -auch wegen seiner Nähe zum Surrealismus - hoch geschätzt. Seine stilisierende Prosa trägt antibürgerlieh anarchische, aber auch analytische Züge und dringt oft in Grenzbereiche des menschlichen Erlebens vor.
     

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