Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


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Der Sagenschatz und die Welt der Märchen -Literatur ohne Zeit und Autor



Mit der Nibelungentreue können wir heute nicht mehr viel anfangen, und auch der alle Kyffhäuser, Kaiser Barbarossa, der in einem Berg verborgen daraufwartet, Germania zu befreien, ist uns heute suspekt. Unsere Sichtweise der altgermanischen Sagen ist eben nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr unbelastet, wofür die Sagen, die über 1000 fahre vorher entstanden, aber weiß Gott nicht viel können. Immerhin war es ein Deutschlandkritiker jüdischer Abstammung, Heinrich Meine, der eine alte deutsche Sage, die >Loreley< populär gemacht hat.

      Die Faszination an der Sagenwelt hat auch heule nicht nachgelassen. Die Suche nach dem Nibelungenschatz etwa ist großen Zeitschriften Tilelgeschichten wert, auch in der großen Nachfrage nach Fantasy-Literalur kommt ein scheinbar sehr menschliches Bedürfnis zum Ausdruck. Schon in den vergangenen Epochen neigten Menschen offenbar dazu, sich in andere Zeiten und Räume hineinzuträumen.
      Oft war es der Traum von Welten, die vollkommener als die Gegenwart waren. Man träumte sich damals in die allerl'emsten Vergangenheiten, die Helden waren größerund stärker, die Böscwichter und Ungeheuer erschreckender, je weiter man in die Vergangenheit zurückging. Dort sind auch Zaubereien und jenseitige Wesen angesiedelt. In Sagen und Märchen herrschen andere, eigene Wirklichkeiten, Sagen sind aber nie ohne Wirklichkeitsbezug: Sie berichten von Freignissen und Frlebnissen, als wären sie wirklich geschehen, denn nur so können sie die Verbindung von der Gegenwart zum Jenseitigen herstellen. Die Sage erzählt von der Begegnung mit Unterirdischen, mit Wald- und Wasserwesen, Riesen und Zwergen. Sie weist auf Bedeutendes und Merkwürdiges hin und macht den Zuhörern oder Lesern den Abgrund unter dem dünnen Fis der Realität bewusst. Sie haben daher auch eine warnende Funktion. So können wir die verheerende Nibelungengeschichte auch lesen.
      Die Sagenmenschen, ob sie nun der fernen Vergangenheil entstammen oder der Gegenwart, laden zur Identifikation ein, weil sie sehr menschlich fühlen und handeln. Man identifiziert sich mit ihnen auch dann, wenn sie sich für die falschen Lösungen entscheiden oder gar ihrem Verderben entgegenlaufen. Man möchte wohl den Film zurückdrehen, die Neugier aber fesselt hiergenauso wie bei einem Krimi oder I lorrorfilm.
      In früheren Zeilen, als es noch keine Autorenrechte gab, war wichtiger, was erzählt wurde, als die Frage, wer der Urheber war oder wann sie entstanden sind. Sagen lebten wie die Märchen vom Weitererzählen. Im Unterschied zum Volksmärchen haben sich in den Sagen Handlungsstränge,
Figuren und Motive nach und nach ausgebildet. Die Sage scheint daher ihren Stoffen nach ehereine Schöpfung des Volkes als eine FJnzclleistung zu sein, auch wenn sie wie im Fall des Nibelungenliedes von einem Autor zu einem Stück Literatur verarbeitet wurde.
     
Die deutsehe Romantik wurde von diesen ursprünglichen Stoffen inspiriert. Das Sammeln von Volksliedern, Sagen und Märchen, aber auch das Weiterdichten wurde zur Mode. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gehörte vor allem die Sagensammlung Gustav Schwabs zum Bücherbestand von Jugendlichen. Weniger bekannt ist die von den Brüdern Grimm herausgegebene Sagensammlung. Warum ist das Erzählen von Märchen so schwierig? Die Figuren lassen sich schwer beschreiben, in der Handlung sind Details wichtig, und es gelingt kaum, den richtigen Stil zu treffen. Märehen sind eine sehr hochentwickelte Kunstform, was man oft unterschätzt, wenn man sie als »Kinderliteratur« betrachtet. Sie sind nicht auf Ländergrenzen beschränkt, sondern fanden in ganz Europa Verbreitung, einen Ãoberblick hierzu bietet Max Lülhi in >Das europäische Volksmärchens
Dennoch zeichnet sie etwas Gemeinsames in der Form aus, was man auf Anhieb als »märchenhaft« wiedererkennt. Märchen verbinden mit einer geradezu kindlichen Selbstverständlichkeit das Wunderbare mit dem Realen, das Nahe mit dem Fernen. Sie schaffen dabei eine Welt mit eigener Prägung. So sind die Wunderdinge nicht einfach nur da, sondern sie haben eine bestimmte Funktion, etwa dem Märchcnhelden bei der Bewältigung seiner Aufgaben zu dienen. Auch Zahlen, meist die Dreizahl der Aufgaben oder Gaben, strukturieren die Erzählung. Märchen lieben bestimmte Motive, die Lösung schwieriger Aufgaben oder den Kampf mit dem Ungeheuer ebenso wie bestimmte Figuren: Könige, Prinzessinnen, Waisen und Stiefkinder. Bei all ihrer Wirklichkeilsferne sind sie uns doch nah.
      Die Wissenschaft hat versucht, Märchenelemente psychologisch zu deuten, ähnlich wie Träume, mit denen sie auffallend ähnliche Strukturen haben. Die Volkskunde nimmt Märchen als wichtige kultur- und geistesgeschichtliche Zeugnisse früherer Zeiten ernst, von ihrgibtesauch einen Erklärungsversuch, warum sie heute vor allem die Kinder faszinieren. Ursprünglich waren sie demnach nicht für Kindergeschaffen worden, sondern entstammen auseiner sehr frühen Kulturstufe der Menschheitsentwicklung, deren Denken sie reflektieren. Die zeitlichen Einordnungen der Ursprünge reichen von der indogermanischen Kulturbis zurück in die jüngere Steinzeit. Dass die Märchen noch heute auch Erwachsene faszinieren können, ist ein Beleg ihrer Kunstfertigkeit.
      Generalionen von Dichtern in ganz Europa waren mit der Sammlung und Herausgabe von Volksmärchen beschäftigt. Charles Perrault hat 1696/97 damit angefangen, die Ãoberlieferungen in Frankreich populärzu machen. Im 18. Jh. schreibt Wieland die ersten Kunstmärchen, in der Klassik verfasst Goethe Märchendichtungen. Für die Romantiker schließlich wird das Märchen zur vorbildhaften Literaturform.
      Das Sammeln von Märchen wurde zur Mode, es machte auch die Brüder Grimm bekannt, die 1812 und 1815 eine Sammlung herausbrachten, welche zur Grundlage der >Kinder- und Hausmär-chen< wurde.
     

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