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Ulysses (I9I4-I92I) - Roman von James Joyce



Viele kennen deN )ahrhundertroman von James Joyce, aber nur wenige haben ihn gelesen - und vor allem verslanden. Denn nach Empfehlung des Verfassers müsse man das 800-Seiten-Opus mindestens zweimal gelesen haben, um es einigermaßen zu erfassen. Der Knthusiasmus der Eingeweihten sollte allerdings auch Neulinge auf das Werk neugierig machen: Linmal im Jahr feiert eine weltweite Pan-Gemeinde den 16. Juni, den »Bloomsday«.

      Exakt am 16. Juni 1904 spielt die Handlung des Romans in Dublin, Es wird ein normaler Alltag aus dem Leben des Leopold Bloom geschildert. Unter Ulysses hätte man sich allerdings eine heroischere Pigur vorgestellt. Anders als der junge genialische Stephen Dedalus, ein Schriftsteller und Shakespeare-Enthusiast, ist Bloom ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsbürger, er wurstelt sich durchs Leben, macht seinen langweiligen Job als An/.eigenagent, ist ansonsten ein Genießertyp, der zwar oft zu kurz kommt, im Großen und Ganzen aber zufrieden ist - bescheiden und eigentlich eine gutmütige Natur. Umso mehr muss es verwundern, dass es zahlreiche Parallelen zu Odysseus' Irrfahrten gibt.
      Joyce hatte ursprünglich die Kapitel mit den einzelnen Episoden der >Odyssee< überschrieben. Sie bezeichnen die Stationen auf seinem Weg durch Dublin. Zwischen den Stationen liegen die Routen, die er an diesem Tage abläuft. Sie sind so exakt beschrieben, dass man mit ihrer Hilfe das historische Dublin auf dem Reißbrett exakt nachkonstruieren könnte. Wie die einzelnen Stationen haben auch die Figuren, denen Bloom auf scincrOdysscc begegnet, eine doppelte Bedeutung. Stephen Dedalus - Dedalus ist der Fr-bauerdes bekannten Labyrinths in Knossos - ist alsTclemach der Sohn des Odysscus, Blooms Frau Molly ist üdysseus' Frau Pcnelo-pe und zugleich Kalypso. Die Amüsierdamen hinter dem »Thekenriff« einer Bar sind die Sirenen usw.
      Auch die Handlung orientiert sich am Muster der Odyssee: Blooms Frau Molly hat wie Penelope Verehrer, die die Fhe bedrohen. Bloom findet in dem zusammengeschlagenen und besoffenen Stephen seinen verlorenen SohnTelemach, den erväterlich bei sich zu Hause aufnimmt. Dieses doppelbödige Beziehungsgeflecht wird noch verkompliziert durch Anspielungen auf christliche und jüdische Traditionen. So ist Bloom auch jüdischen Ursprungs, womit ihn die Dubliner Gesellschaft immer wieder konfrontiert und zum
Außenseiter macht. Auch als Fremdling ist er ein moderner Odysscus auf Irrfahrt.
      Der Roman besitzt zahlreiche Fbenen, welche die verschiedensten Schichten der menschlichen Geschichte einbeziehen. Selbst die Menschwerdung wird anhand eines Geburlsvorganges sprachlich nachvollzogen oder menschliche Organe werden in das Bedeutungsgeflechl einbezogen.
      Warum das alles? )oyce wollte nach dem Vorbild der >Odyssee< ein l^pos schaffen, das entlang der Frzählung einer alltäglichen Irrfahrt die Grunderfahrungen und -probleme des menschlichen Daseins schilderl, mit Dublin als Nabel der Welt. Fr bewerkstelligt dies mit den Mitteln von Sprachexperimenlen und ausgefeilten Fr-zähllechniken. Die Figuren, ihr Frleben und ihre Frfahrungen werden von innen heraus beschrieben. Ungefiltert sprudeln die Gedanken im berühmten inneren Monolog der Molly Bloom auf fünfzig Seiten ohne Funkt und Komma.
      All diese menschlichen Frlebnisebenen bilden miteinander Zusammenhänge, deren Frschließung durch viele indirekte Hinweise im Text oder die Wiederholung quasi-musikalischer Leitmotive ermöglicht wird. Die Bedeutungen liegen also nicht auf der Hand, sondern können erst im Nachhinein erschlossen werden. Das klingt alles sehr mühsam, wird aber durch die sich ständig erweiterten Finsichten in wissenschaftliche und philosophische Welten belohnt, ganz zu schweigen von der Faszination der Sprache mit ihren Lautmalereien, ihrem Wortwitz und ihrer Ironie.
     

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Ulysses  (I9I4-I92I)  -  Roman  James  Joyce    





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