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Sprache im Wandel - aktuelle Tendenzen



Sprache tendiert zwar zu Einheitlichkeit, sie ist aber einem ständigen Wandel unterworfen. Wortbedeutungen verändern sich, Wörter sterben aus, neue kommen dazu. Das kann man über die Jahrhunderte der deutschen Sprachentwicklung beobachten. Beispiele für die Bedeutungsverschiebung: »arabeit« bedeutete im Mhd. in erster Linie »Kampf« und wurde erst später zu »Arbeit«; »Dirne« bedeutete ursprünglich nur »junges Mädchen«; »Spießbürger« hatte ursprünglich nicht die Bedeutung von »engstirnig«, sondern bezeichnete nur den bewaffneten Stadtbürger.

      In anderen Fällen wird die Wortbedeutung beibehalten, aber der Wortlaut verändert, wie z.B. bei ursprünglich »walten«, dem späteren »verwalten«. Viele Wörter wurden komplett durch neue ersetzt: Aus dem »Windmonat« wurde der »November«, aus »bei-ten« »warten«, aus dem »Eigner« der »Besitzer«, aus »bändig« »zahm«, aus »Wahlkind« »Adoptivkind«, aus »Afterkind« »uneheliches Kind« und aus »Scheidekünstler« »Chemiker«. Einige Wörter sind ersatzlos ausgestorben, wie »Haarwachs«, das aus der Metzgersprachc stammt und das sehnige Ende eines Muskels bezeichnet, »beschmausen«, was so viel bedeutet wie sich bei einem Freund auf dessen Kosten durchfuttern, oder »bekrauten«, was »Kraut auf einem Ackerabschneiden« meint. Wörter verschwinden
US der Sprache, weil sie infolge eines Bedeutungswandels unklar
"erden oder weil sie durch soziale, religiöse oder kulturelle Ent-xklungcn überflüssig bzw. durch Wörter aus einer anderen Spra-he verdrängt werden. Neue Wörter hingegen werden meist aul derrundlage des vorhandenen Wortmaterials gebildet. Oft sinds Zusammensetzungen , wie z.B. »Eisschrank«,
»Untertasse« oder Ableitungen, wie »stehen« - »der Stand«

»ständig«.
      Zusammensetzungen begegnen wir heute vor allem in so genannten Fachsprachen. Vor allem Technik und Naturwissenschaften haben im 20. Jh. auf den deutschen Wortschatz nachhaltig eingewirkt, die Kombinalionskunsl kennt scheinbar keine Grenzen. Die Wortchemie verschmilzt deutsche und/oder fremdsprachliche Wörter in gleicherweise: Atomenergie, Solarkraftwerk etc. Fachleute verständigen sich in ihren Fachsprachen weitgehend problemlos, während der Ottonormalverbraucher im Alltag schon des Ã-fteren Schwierigkeiten hat, das Fachchinesisch einer Gebrauchsanleitung zu verstehen - kein Wunder, denn insgesamt wurde ein gewaltiges Volumen von Fachwörtern au fgenommen, die etwa ein Zehntel des gesamten deutschen Wortschatzes ausmachen, und ein Ende ist nicht abzusehen. Einen Boom erlebt heute auch die Werbesprache, die mit immer neuen Sprachkreationen das Neue und Besondere von Produkten oder Dienstleistungen herauszustellen sucht. Sie gehört allerdings wie die Jugendsprachen zu den sprachlichen I'roduktionsstätten, deren Erzeugnisse oft genauso schnell veralten wie sie geschaffen wurden.
      Einer der auffälligsten Trends heute ist die Ãoberwucherung des Deutschen mit Anglizismen. Seit Kriegsende 1945 erleben wir eine englische Entlehnungswelle, die sich gegenwärtig zu einer verbalen Springflut auszuwachsen scheint.
      Die deutsche Sprache hat sich so genannter »Lehnwörter« allerdings schon immer bedient -warum auch das Rad neu erfinden, wenn es bereits brauchbare Wörter in anderen Sprachen gibt? In der Vergangenheit hat es drei lateinische und zwei französische Fnllchnungwellen gegeben. Man findet allerdings nicht nur praktische Gründe für die Hinbürgerung fremder Wörter. Die fremde Sprache galt oll als feiner oder gebildeter, was natürlich das Prestige latinisierender oder französisierender Sprecher aufwertete.
      Weniger Bildung als Prestige scheint bei der gegenwärtig zu beobachtenden Anglisierung des Deutschen eine Rolle zu spielen. In derAlllagswell isl ein Wettbewerb im »Denglisieren« ausgebrochen: In den Fußgängerzonen locken der »I lair Designer« mit »City Cut«, der »Back-Shop« mit »Coffee lo go« und die Kaufhäuser mit »Fashion für Kids«, »Advenlure Hemden« oder »I lighlandcr Trckking Rucksäcken«. Kaum zu überbieten isl die Platzierung einer «City Toilel McCIean« neben einem »McDonald's«-Reslaurant, womit es der Deutschen Bahn gelingt, den Gang der Dinge durch Magen und Darm »denglischsprachlich« auf den Punkt zu bringen.
      Bisher wurden Lehnwörter immer in das deutsche Regelsystem integriert. Aus einem »Hobby« wurden mehrere »Hobbys«, die Mehrzahl von »Lady« auf Deutsch ist »Ladys«. In vorauseilendem Gehorsam verleibt sieh der anglophile Deutsche inzwischen aber nicht nur zahllose englische Wörter, sondern auch die entsprechende englische Grammatik ein und schreibt selbstbewusst »Parties« und »Babies«. Kiner dieser Auswüchse ist die Ãobertragung des englischen Genitiv-Apostrophs auf deutsehe Genitive wie Opa's Schuppen. Inzwischen muss man an einigen Orten CD's undT-Shirt's kaufen, Kid's versorgen und Pizza's essen.
      Line weitere Ã"nderung verdankt sich der »Political Correct-ness«, die man aus den USA importiert hat. Es wird unterstellt, dass Sprache eine diskriminierende Funktion hat. Während man in den USA immer neue Wörter für ethnische Bevölkerungsteile erfindet, um Diskriminierungen zu vermeiden, bemüht man sich in Deutschland, dem scheinbar durch die Sprache diskriminierten weiblichen Bevölkerungsteil gerecht zu werden, indem man Wörterfeminisiert. Keine Ansprache, in derniehtauch die »Bürgerinnen«, »Zuhörerinnen«, »Mitarbeiterinnen« oder »Parteifreundinnen« angesprochen werden.
      In den Amtssprachen haben die Gleichslellungsbeauftragten häufig das große I durchgesetztem Männer und Frauen in gleicher Weise zu berücksichtigen: »Geschäftsführerin«, »Mitarbeiterin«, »Chefin«, »Antragsslellerln« etc., was allerdings dazu führt, dass die Wörter, wenn sie ausgesprochen werden, ausschließlich weiblich geworden sind. Vorsicht isl auch in der Anwendung dieser Regeln geboten, denn die politische Korrektheil erstreckt sich nicht auf Wörterwie »Schlägerinnen«, »Betrügerinnen«, »Faulenzerinnen« usw.
      Wolf Schneider hat zudem darauf hingewiesen, dass auch noch keine Frau auf einem sinkenden Schiff beleidigt ertrunken ist, nur weil sie sich vom Alarmruf des Kapitäns »Alle Mann von Bord!« nicht angesprochen gefühlt hat.
      Heute scheinen wir wieder einer Vereinfachung der Grammatik entgegenzugehen. Schon unsere mittelalterlichen Vorfahren hatten es geschafft, sich einiger für sie offenbar lästiger grammatikalischer Fälle zu entledigen, wie beispielsweise dem im Lateinischen gebräuchlichen »Ablativ« und der »Lokativ«. Inzwischen geht es dem Genitiv an den Kragen: In »wegen des ...«wur

Zum Weiterlesen
Astrid Stedje: >Deutsche Sprache gestern und heute. Einführung in
Sprachgeschichte und SprachkundeKleine deutsche Sprachgeschichten München , 2004.
      Bastian Sick: >Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den
Irrgarten der deutschen Sprachen Köln , 2004.
      Nabil Osman: >Kleines Lexikon der untergegangenen Worten. München
, 2002.de der Genitiv umgangssprachlich schon durch den Dativ »wegen dem ...« verdrängt, und der Duden hat seinen Segen dazu erteilt. »Wegen dir« statt »deinetwegen« wurde in den 80er Jahren durch Schlager populär gemacht. »Pauls Bruder« oder »seine Mutter« wird häutig durch »der Bruder von Paul« oder »die Mutter von ihm« ersetzt.
      Auch der Konjunktiv II der starken Verben, z.B. »hülle«, »gäbe«, »läge« ist auf dem Rückzug - ganz zu schweigen von dem Konjunktiv I der indirekten Rede , der in der Alltagssprache so gut wie gar nicht und selbst in der Medienberichterslaüung immer seltener verwendet wird. Auch der Satzbau wird einfacher und kürzer: Die Anzahl der Nebensätze geht zurück, die Sätze werden weniger logisch gegliedert, eher an einander gereiht. Stattdessen werden die »Nominalphrasen«, also die Wörter, die vom Nomen oder Substantiv abhängen, immer umfangreicher. Hin Beispiel: »Im Bereich deranwendungsbezogenen, in das Sozialmilieu integrierten Sprachfördermaßnahmen...«
»Wie hältst du's mit der ürthografie«, lautet die Gretchenfrage heule nach der deutsehen Rechtschreibreform. Der aufwändige Eingriff in die deutsche Rechtschreibung hat gegen den Willen der Kultusbürokratcn eines geschafft: Es ist wieder mehr erlaubt. Alte, neue Rechtschreibung und verschiedene individuelle Zeitungsrechtschreibungen existieren bunt nebeneinander.
      Aber schließlich ist es ja noch nicht so lange her, dass das geschriebene Wort orthografisch diszipliniert wurde. Noch Goethe, der große lirneuerer der deutschen Sprache, hat sich je nach Laune »Göthe« oder als Hesse möglicherweise so geschrieben, wie er sich wahrscheinlich selber aussprach: »Gethe«. Bei den Engländern war es noch wilder, Shakespeare schrieb sich auch »Shak-spere«, sein Vater gar: »Shackesper«, »Shackespere«, »Shakspyr«, »Shaxpcr«, »Chacspcr« oder »Shaxbcrd«. Goethes Meinung zum Thema: »Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an, sondern darauf, dass die Leser verstehen, was man damit sagen wollte.«

Wie auch immer man heule die Entwicklungen in der deutschen Gegenwartssprache beurteilt: In Anbetracht der verschlungenen Pfade, auf denen sich die deutsche Sprache bisher entwickelt hat, wird man sich wohl an die Vorstellung gewöhnen müssen, dass wir keineswegs am Endpunkt der Sprachgeschichte angelangt sind.
     

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