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Periodisierungdes Expressionismus



Obwohl sich bereits während der 1910er Jahre mit dem Dadaismus und dem Surrealismus avantgardistische Nachfolge-Bewegungen des Expressionismus formieren und sich mit der Neuen Sachlichkeit eine dezidierte Gegenströmung zu ihm ausbildet , gelten im Allgemeinen die Jahre 1910 und 1925 als die untere und die obere zeitliche Grenze der Epoche. Diese Periodisierung ist mit guten Argumenten zu begründen. In dieser Zeit entstehen und erscheinen die zentralen literarischen Texte, die dem Expressionismus zugeordnet werden können, und finden die wichtigsten dramatischen Werke der Epoche ihren Weg auf die Bühnen. Gleichzeitig handelt es sich hier um die Kernjahre des Bestehens ihrer bedeutendsten Zeitschriften und Buchreihen. Der Erfolg reißt mit dem Aufkommen neuer ästhetischer Tendenzen nicht ab, im Gegenteil. Die zweite Hälfte dieser Periode der deutschsprachigen Literatur erst bringt - auch mit weiteren Neuerscheinungen - den kommerziellen Erfolg für die Expressionisten und ihre breitere Wahrnehmung bei Kritikern, Publikum und in der Wissenschaft. Gerade deswegen ist die geläufige und immer wieder aufgegriffene Rede von einem expressionistischen Jahrzehnt, das rechnerisch ja nur bis 1919 dauern dürfte, problematisch und wird in der neueren Forschung zumeist vermieden.

      Die Epochenschwelle zum Expressionismus ist nach dem einhelligen Urteil der Forschung um das Jahr 1910 festzusetzen. Als konkrete Kandidaten für den Beginn der Epoche sind die Erscheinungsdaten einer Reihe von außerordentlich wirkungsmächtigen Texten namhaft gemacht worden. Dazu zählen insbesondere die Herausgabe von Filippo Tommaso Marinettis Manifest des Futurismus am 20. Februar 1909 und die Veröffentlichung des Gedichts Weltende durch Jakob van Hoddis in der Zeitschrift Der Demokrat am 11. Januar 1911. Die enorme Wirkung dieser Texte auf die jungen Intellektuellen jener Zeit ist unbestritten und durch entsprechende autobiographische Aufzeichnungen gut dokumentiert. Als eines der zentralen Zeugnisse über die Anfänge des Expressionismus gilt Gottfried Benns berühmt gewordene Rede Probleme der Lyrik von 1951 . Allerdings sind solche Retrospektiven aus der Distanz von vier Jahrzehnten immer auch kritisch auf mögliche Mystifizierungen, Gedächtnislücken und Geschichtsfälschungen hin zu befragen. Anders gesagt, die späteren Erinnerungen von Zeitzeugen, der eine oder andere Text habe dazumal als die eine und absolute Initialzündung für eine ganze literarische Bewegung gewirkt, können lediglich bedingt überzeugen. Vielmehr ist davon auszugehen, dass eine ganze Reihe von
ästhetisch neuartigen und wegweisenden Texten, die seit 1910 erscheinen, auf bestimmte Kreise von jungen Intellektuellen eine enorme Wirkung ausüben und auch als Beginn einer neuen Ã"ra von Kunst und Literatur empfunden werden. Entscheidend ist dabei das Veröffentlichungs-, nicht das Entstehungsdatum. Einige maßgebliche Texte, die in der Frühzeit des Expressionismus publiziert werden, sind schon Jahre zuvor entstanden, so etwa Alfred Döblins erste Erzählsammlung . Mindestens ebenso wichtig wie das Erscheinen, die Wirkung und die produktive Rezeption einiger prototypischer Texte sind für die Fixierung der unteren Epochengrenze die massiven Veränderungen im Sozialsystem Literatur um 1910, welche durch die junge Generation von Schriftstellerinnen und Schriftstellern veranlasst werden. Innerhalb kürzester Zeit entwickeln sich an diversen Orten im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger stark organisierte und institutionalisierte, teils auch bloß informelle Kreise junger Autoren mit ähnlichen innovativen Vorstellungen. Im selben Moment entstehen neue Verlage, die sich des Vertriebs und der Verbreitung der Texte dieser Bewegung annehmen, neue Buchreihen, neue Zeitschriften -und mit alledem ein ganz neues Netzwerk von gleich gesinnten Avantgardisten in der Kulturszene. Gleichzeitig beginnt sich ein - wenn auch vorerst kleines, teils selbst künstlerisch produktives - Publikum zu formieren, das sich für die neuen Veröffentlichungen interessiert, vielleicht sogar mehr als für die Publikationen der älteren Modernisten, und somit den weiteren Bestand dieses jungen Sektors am Buchmarkt sichert. Erst in der Zusammenschau all dieser Faktoren ergibt sich eine adäquate Rekonstruktion der Epochenschwelle zum Expressionismus, die nicht allein durch das Erscheinen einiger weniger Texte zu definieren ist.
     

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