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Expressionismus als literarische Bewegung



In manchen Epochenbegriffen der Literaturgeschichtsschreibung werden außerordentlich heterogene Autoren und Werke zusammengefasst. Solche Kategorien, zum Beispiel Literatur der Reformationszeit oder Exilliteratur, vereinigen teils sehr widersprüchliche ästhetische Formen und ideologische Tendenzen in sich. Sie verbinden Schriftsteller miteinander, die niemals in Kontakt gestanden oder gar gemeinsame poetologische Ideen vertreten, sich vielleicht auch öffentlich auf Grund unterschiedlicher Ansichten heftig befehdet haben. Andere Epochenkategorien beziehen sich auf Gruppierungen von Autorinnen und Autoren, die gemeinschaftlich mit einem bestimmten innovativen ästhetischen Programm an die literarische Ã-ffentlichkeit getreten sind, so etwa die Romantiker. In einem solchen Fall stehen das Selbstverständnis der Schriftsteller und die literarhistorische Konstruktion in einem engen Wechselverhältnis zueinander. Der Expressionismus nun lässt sich nicht als eine einzelne Gruppe von Dichtern und Theoretikern mit einer gemeinsamen Programmatik und einem sie verbindenden, kohärenten poetischen Formwillen konstituieren. Vielmehr ist diese Epoche von einer Reihe von unterschiedlichen Zentren mit durchaus nicht gänzlich übereinstimmenden ästhetischen und politischen Zielen geprägt, sogar von einzelnen Personen, die sich demonstrativ keiner der vielfältigen Gruppierungen anschließen. Dennoch lassen sich, wenn man nur ein wenig von den jeweils im Detail divergierenden Bestrebungen dieser oder jener Schriftsteller und der sie umgebenden Zirkel abstrahiert, die Konturen einer literarischen Bewegung mit vielen Gemeinsamkeiten erkennen. Zahlreiche Autoren greifen ab einem be-stimmten Zeitpunkt zu denselben innovativen Gestaltungsmustern bei der Abfassung ihrer Texte, denen ähnliche ästhetische und ideologische Vorstellungen zugrunde liegen. Sie organisieren sich darüber hinaus in zumindest vergleichbaren Kreisen, verbinden sich zu Netzwerken und nutzen spezifische Foren, um an die Ã-ffentlichkeit zu treten. Der Expressionismus ist daher als eine Epoche der deutschsprachigen Literatur zu begreifen, deren personelle und textuelle Umrisse zu wichtigen Teilen, wenn auch keineswegs ausschließlich, einer zumindest relativ homogenen dichterischen Bewegung entsprechen.

      Programme und Manifeste des Expressionismus
Texte aus vielen Epochen der Literaturgeschichte, insbesondere im 19. und 20. Jahrhundert, sind in hohem Maße von der Programmatik ihrer frü- hesten Repräsentanten bestimmt. Der literarischen Praxis geht in solchen Fällen eine poetologische Reflexion voraus. Autoren entwerfen in Programmen und Manifesten eine neue Ã"sthetik, um diese dann anschließend in dichterischen Texten umzusetzen. Dies ist gerade für unterschiedliche Ausprägungen der europäischen Moderne und Avantgarde kennzeichnend, etwa für den italienischen Futurismus und für den Dadaismus . Auch zur literarischen Produktion des Expressionismus legen wichtige Vertreter der Epoche eine große Zahl von programmatischen Essays und proklamatorischen Abhandlungen vor . Dabei handelt es sich allerdings eher um theoretische Texte, welche die Bewegung und ihre ästhetischen Innovationen und Experimente begleiten, als um Manifeste, auf deren vorgängiger Grundlage die Autorinnen und Autoren erst eine literarische Praxis ausbilden . Zwar liegen aus der Zeit um 1910 durchaus einige programmatische Aufsätze von Repräsentanten der sich eben entwickelnden, neuen literarischen Bewegung vor. Kurt Hiller zum Beispiel veröffentlicht eine Reihe von Artikeln - etwa über Die jüngst-Ber-linerund den Begriff Expressionismus-, in denen er eine Selbstverständigung der jungen Schriftstellergeneration über ihre Anliegen und Ziele zu unternehmen versucht . Andere Autoren beschäftigen sich in kunsttheoretischen Traktaten mit der jüngsten italienischen Avantgarde, die sich selbst den Namen des Futurismus gegeben hat . Auch liegen Manifeste zu einzelnen Neugründungen von poetischen Zirkeln oder publizistischen Organen der Bewegung vor, beispielsweise Franz Werfeis Werbetext zur Eröffnung der Buchreihe Der jüngste Tag . Die zentralen theoretischen Ã"ußerungen expressionistischer Dichter zur Ã"sthetik und zu den ideologischen Grundlagen ihrer dichterischen Texte datieren jedoch aus den späteren Jahren der Bewegung, unter anderem von Kasimir Edschmid, Paul Hatvani , Yvan Goll , Kurt Pin-thus oder Rene Schickele . Die Epochenschwelle, mit welcher der Beginn des Expressionismus angesetzt werden kann, wird daherweniger von programmatisch-poetologischen als vielmehr von ästhetisch innovativen dichterischen Texten sowie von der Etablierung neuer Organi-sations- und Publikationsformen durch die jungen Autoren der Bewegung im Sozialsystem Literatur markiert. Es ist daher typisch, dass es sich bei einem der wirkungsreichsten Dokumente des frühen Expressionismus, der 1912 von Kurt Hiller publizierten Anthologie Der Kondor, um eine Sammlung von 97 Gedichten handelt, die den neuen ästhetischen Formwillen der jungen Generation praktisch illustrieren .
     

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