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Erneuerungs- ideologie



Der rationalismusfeindliche und modernekritische Affekt, der in den Texten des Expressionismus literarisiert erscheint, ruht auf einem ideologischen Fundament, das die Autoren der Epoche mit Intellektuellen anderer Strömungen und Bewegungen der Zeit teilen. Die Grundlage dafür bildet der Vitalismus, die Rückbesinnung auf die kreatürlichen Kräfte der Natur, die durch das in seinen spießigen Normen und seiner Arbeitsmoral leblos gewordene Bürgertum unterdrückt werden . Der Vitalismus ist gleichermaßen die ideologische Grundlage der seit 1900 weite Kreise ziehenden Lebensreformbewegung wie auch der literarischen Bewegungen des Expressionismus und des Dadaismus. Der Mechanisierung, Technisierung und Maschinensteuerung der modernen Welt werden die urtümlichen Kräfte des Lebens gegenüber gestellt, dem lauten, schmutzigen, verwirrenden Lebensraum der Großstadt die undomestizierten Räume der Natur, dem vernünftigen, rechnenden und kalkulierenden Denken die spontane, ungebändigte Irrationalität und die Hingabe an das augenblickliche Gefühl. Insbesondere für die Expressionisten ergibt sich daraus ein drängendes Interesse an der Vormoderne und ein fast adorativ-neidischer Blick auf außereuropäische, vorzivilisatorische Kulturen. Die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenswirklichkeit provoziert Projektionen einer lebendigeren, natürlicheren Existenz in die Vergangenheit der eigenen Nationoder in die räumlich ferne Gegenwart fremder exotischer Völker. In beiden Fällen jedenfalls setzen die Expressionisten dem eigenen Dasein die Utopie von einem neuen, ganz anderen Menschen entgegen, der die Ketten bürgerlicher Normen und die Zwänge der Moderne zugunsten einer freien Entwicklung seiner Lebenskräfte sprengt. Der direkte oderindirekte Bezug zum Nihilismus und zur Ãobermenschenlehre des außerordentlich wirkungsmächtigen Philosophen Friedrich Nietzsche ist in solchen literarischen Erneuerungsideologien stets präsent. Gleichzeitig ist der Widerspruch zur Ich-Dissoziation unübersehbar. Es ist schwer vorstellbar, wie ein völlig aufgelöstes Subjekt aus sich selbst heraus wieder zur Einheit und noch dazu zu einer höheren, lebensvolleren neuen Existenz gelangen soll . Zur Lösung dieses Problems beschreiten die Expressionisten sehr unterschiedliche Wege. Manche von ihnen verfolgen zum Beispiel urchristlich inspirierte, messianische Erlösungsideen, andere favorisieren eine Erneuerung der europäischen Gesellschaft aus einer anderen Kultur, viele schließlich wählen den - häufig radikalen - politischen Aktivismus.

     

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