Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literatur des expressionismus

Index
» Literatur des expressionismus
» Epochenbegriff
» Epochenüber- lappungen um I9I0

Epochenüber- lappungen um I9I0



Manche literarhistorische Epochen dominieren einen größeren Zeitraum der Geschichte der Poesie, zum Beispiel das Barock oder der Bürgerliche Realismus. Andere Epochen überschneiden sich oder laufen nebeneinander her. Das hängt entweder mit den extremen, jedenfalls im Moment nicht zu vereinbarenden Gegensätzen zwischen unterschiedlichen Texten einer gewissen Zeit und ihren Merkmalen zusammen, etwa im Falle der Exil- und der NS-Literatur. Oder aber die Literaturgeschichtsschreibung hat noch nicht den notwendigen historischen Abstand zu den einzelnen Texten, Programmen, Ideen, Gestaltungsweisen und Personen gewonnen, um stark genug von ihnen abstrahieren und größere, übergreifende Einheiten bilden zu können. So sind für die unterschiedlichen Ausprägungen des literarischen Lebens um 1900 zahlreiche Epochenkategorien gängig, unter anderem Jugendstil, Decadence, Fin de siede oder Symbolismus - und nicht zuletzt auch der Begriff Expressionismus. Zwar ist in der Forschung versucht worden, diese Epoche in das größere Konzept einer Literatur der Lebensphilosophie zu integrieren. Diesem Modell zufolge ist die Dichtung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu weiten Teilen von einer Verherrlichung der vitalen Kräfte der Natur und des kreatürlichen Lebens geprägt . Allerdings hat sich dieser bemerkenswerte Vorschlag nicht durchsetzen können. Es wird also vermutlich noch lange Zeit dauern, bis die Geschichtsschreibung mit dem erforderlichen zeitlichen Abstand für das 20. Jahrhundert Epochenkonzepte entwickelt, in denen, wie im Falle der Termini Mittelalter oder frühe Neuzeit, immens inhomogene und zeitlich weit ausgedehnte Perioden der Historie zusam-mengefasst werden.
      Die gegenwärtige Auseinandersetzung mit dem Expressionismus als einer Epoche von vielleicht anderthalb Jahrzehnten verdankt sich demnach maßgeblich dem Unvermögen des Menschen, das nahe Liegende mit ausreichender Distanz zu betrachten. Daraus ergibt sich auch die Konsequenz, dass keinesfalls alle Autoren, die während der 1910er und der frühen 1920er Jahre literarisch in der Ã-ffentlichkeit präsent sind, dem Expressionismus zugerechnet werden können, im Gegenteil. Ein großer Teil der in jenen Jahren abgefassten und publizierten literarischen Texte, die heute noch dem Kanon angehören, wird üblicherweise nicht dem Expressionismus subsumiert. Diese Epoche ist eben eine unter mehreren ihrer Zeit, die nebeneinander herlaufen und sich überlappen. Gerade diese Jahre sind in der Literaturgeschichte von einer außerge-wohnlichen Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen gekennzeichnet. So ist zum Beispiel der bedeutendste Vertreter des Naturalismus Gerhart Hauptmann , dessen skandalumwitterte, ästhetisch wegweisende literarische Anfänge in die Zeit um 1890 zurückreichen, nach wie vor in der kulturellen Ã-ffentlichkeit präsent und erhält 1912 den Nobelpreis für Literatur. Mehr noch, das breitere publike Bild der aktuellen Dichtungwird in den Jahren nach 1910 nicht von Expressionisten dominiert oder auch nur maßgeblich geprägt, sondern von den Autoren der vorangehenden Epochen, etwa von den Decadence-Schriftstellern Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal , von Hermann Hesse, Heinrich Mann oder Rainer Maria Rilke . Der Expressionismus dagegen findet lange beinahe keinerlei Beachtung in der verbreiteten Tagespresse und in den etablierten literarischen Zeitschriften . Die Resonanz auf die ästhetischen und ideologischen Neuerungen der jungen Künstler ist im eingespielten Kulturbetrieb gering, weil diese eine eigenständige, nach außen hin relativ abgeschlossene Rand-, Sub- oder Gegenkultur ausbilden . Die überragende Bedeutung, die der Epoche und ihren Repräsentanten in der heutigen Literaturgeschichtsschreibung zukommt, steht somit in scharfem Kontrast zur zeitgenössischen, kaum vorhandenen Wahrnehmung der Bewegung in der größeren Ã-ffentlichkeit.
      Darüber hinaus sind zwar viele Autoren des Expressionismus Angehöri- ge der zwischen ungefähr 1885 und 1890 geborenen und um 1910 nach keiten zur geistiger und materieller Eigenständigkeit strebenden Generation. Aber keineswegs sind alle Schriftsteller dieser Jahrgänge mit ihren poetischen Werken und deren ästhetischen und ideologischen Grundlagen der Epoche zuzuordnen. Zahlreiche wichtige Autoren genau dieser Generation gehen poetisch, politisch und persönlich gänzlich andere Wege als ihre expressionistischen Zeitgenossen. Hierzu zählen beispielsweise die Romanciers Lion Feuchtwanger und Arnold Zweig , der Journalist, Essayist, Erzähler und Lyriker Kurt Tucholsky oder der klassizistische Lyriker und Dialektdichter Josef Weinheber . Ferner sind auch partielle Affinitäten zur Programmatik des Expressionismus oder eine bloß zeitweilige Teilnahme einzelner Autoren an der Bewegung zu beobachten. So steht etwa Ernst Blass während seiner Berliner Jahre bis 1913 in intensivem Kontakt und Austausch mit unterschiedlichen avantgardistischen Kreisen und veröffentlicht poetisch wie ideologisch radikale Lyrik in einschlägigen neuen Zeitschriften des Expressionismus. Nach seiner Ãobersiedlung nach Heidelberg schließt er sich jedoch dem Ã"sthetizismus eines Stefan George und dem Klassizismus eines Paul Ernst an, kehrt also zu einer zu diesem Zeitpunkt durch die jüngere, nämlich Blass' eigene Autorengeneration längst überholten Ã"sthetik zurück und wird dafür von früheren Weggefährten in der preußischen Metropole weidlich verspottet . Hans Fallada , nach seinem Welterfolg Kleiner Mann, was nun? der wohl populärste Repräsentant der Neuen Sachlichkeit, verfasst in jungen Jahren eine Reihe von erzählenden Texten, die unzweifelhaft dem Expressionismus zuzurechnen sind. Dazu zählt beispielsweise seine erste selbstständige Publikation, ein Pubertäts-Roman mit dem Titel Der junge Goe-deschal , der den Abstieg eines Jünglings aus besten bürgerlichen Verhältnissen in Kriminalität und Wahnsinn darstellt. Schließlich ist die Zugehörigkeit einiger wichtiger Autoren zur Epoche seit Jahrzehnten heftig umstritten. Hier ist vor allem an den Prager Schriftsteller Franz Kafka zu erinnern, der von manchen Literarhistorikern als zentraler Repräsentant des Expressionismus angesehen wird, während andere eine solche Einordnung strikt ablehnen. Wenn man freilich Epochenbegriffe ernsthaft als heuristische Konstrukte begreift, verliert dieser Dissens seine Schärfe. Die Texte Kafkas unterscheiden sich in einigen Aspekten signifikant von poetischen Erzeugnissen anderer Vertreter der Bewegung. So mangelt es ihnen fast durchgängig an der für die Epoche typischen hypertrophen Rhetorik. Dennoch tragen sowohl das Werk als auch die spezifische Positionierung Kafkas innerhalb des literarischen Lebens deutliche Züge des Expressionismus. Der Schriftsteller verkehrt in den Kreisen der zentralen Repräsentanten der Bewegung innerhalb Prags. Gleiches gilt für den verlegerischen Kontext der von ihm selbst zu Lebzeiten veröffentlichten Texte. Auch die Themen seiner Werke sind charakteristisch für die Epoche, etwa der Vaterkonflikt in Das Urteil , die Unmenschlichkeit der entfremdeten modernen Existenz in Die Verwandlung oder die Macht der wuchernden Bürokratien in Das Schloß .
     

 Tags:
Epochenüber-  lappungen  um  I9I0    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com