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Bruch mit der Bürgerlichkeit



Der Bruch des Expressionismus mit der älteren Moderne ist des Weite- ren alsradikale Abkehr von einer bürgerlichen Kunst zu verstehen. Die in jenen Jahren etablierten Schriftsteller gehen zur Subsistenz ihres Lebensunterhaltes häufig einem gesellschaftlich hoch geachteten Brotberuf nach, etwa als Arzt oder als Beamter, und arbeiten nur nebenbei literarisch. Andere Dichter, denen die Einkünfte aus ihren Publikationen ein ausreichendes Einkommen bescheren, pflegen eine durchaus bürgerliche Existenz. Unter den Expressionisten hingegen sind eine Reihe von Künstlern zu finden, die trotz hervorragender Ausbildung programmatisch auf ein gesichertes Dasein in einem akademischen Beruf, auf die Gründung eines Hausstandes verzichten und einen massiven sozialen Abstieg be-wusst in Kauf nehmen . Andere Autoren treten nach dem Studium in einen bürgerlichen Beruf ein, fiktionalisieren jedoch Wunschbilder einer völlig anderen Lebensweise in ihren Texten. Dabei lassen sich drei dominante Rollenbilder im Selbstverständnis der Dichter erkennen. Erstens stilisieren sich viele Expressionisten literarisch zu Narren, die in ihrem unangepassten und karnevalesken Verhalten kompromisslos die Spießbürgerlichkeit verneinen. Zweitens zeichnen viele Autoren ein Bild des Künstlers als tragisches Genie und Ausnahmemensch, der an den starren Konventionen der philiströsen Gesellschaft und in der Folge auch am mangelnden Publikum für seine Werke scheitert. Drittens sehen viele von ihnen sich in der Rolle eines Tatmenschen, der auf revolutionäre soziale Veränderungen zielt . Trotz aller bewusst inszenierten Diskontinuitäten zwischen den älteren bürgerlichen Schriftstellern und der jüngeren Generation von Autoren lassen sich doch manche Ã"hnlichkeiten und Ãobereinstimmungen in der öffentlichen Darstellung und in den Formen der Vergesellschaftung erkennen. So bleibt das Cafe in den Metropolen des deutschsprachigen Raums nach wie vor ein wichtiger Ort der literarischen Kommunikation und Netzwerkbildung .


      Bei allen Differenzen hat sich in der Forschung doch ein Konsens über Expressionismus und eine Reihe von Bestimmungsstücken im Verhältnis von Expressionismus Avantgarde und Avantgarde herauskristallisiert . Wie auch immer die Avantgarde im Einzelnen definiert wird - dies ist zuallererst festzuhalten -, der Epochenbegriff des Expressionismus ist durch die Einbindung in diese größere Periode der Literaturgeschichte vorderhand nicht verabschiedet. Seine Zugehörigkeit zur Avantgarde ist im Widerspruch zu älteren, gegenteiligen Positionen nicht mehr zweifelhaft. Der Expressionismus ist fraglos als ein Teil jener vielfältigen Strömungen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts zu begreifen, welche sich radikal gegen die ältere bürgerliche Kultur und ihren ästhetischen wie ideologischen Normenkanon wenden . Der Terminus der Avantgarde - ursprünglich ein militärischer Begriff zur Bezeichnung der Vorhut einer Kampftruppe - umfasst theoretische Reflexionen wie auch die kreative Praxis auf allen Gebieten der Kunst von der Malerei über die Musik bis hin zur Dichtung. Avantgardistische Bewegungen lassen sich in nahezu allen europäischen Staaten von Portugal bis zum Russischen Zarenreich nachweisen . Der Begriff Expressionismus bezieht sich dagegen vor allem auf die Phänomene der bildenden Kunst und der Poesie in Mitteleuropa, zwischen denen sich vielfältige Parallelen in Werkgestaltung wie öffentlicher Inszenierung beobachten lassen . Die deutschsprachige Literatur dieser Epoche ist somit als ein wichtiges Moment einer internationalen kulturellen Erneuerungsbewegung zu begreifen . Sie bleibt freilich ebenso kurzlebig wie die vorangehenden Perioden der ästhetischen Moderne und wird alsbald von wiederum anderen Innovationstendenzen überholt. Kaum ein Jahrzehnt nach dem vehementen Bruch des deutschen literarischen Expressionismus mit den älteren Strömungen in Kunst und Poesie erklären ihn die Vertreter einer erneut jüngeren Generation von Schriftstellern für verbraucht und nicht mehr zeitgemäß - so beispielsweise Richard Huelsenbeck in seinem Dadaistischen Manifest . Vertreter nahezu jeder neuen avantgardistischen Bewegung setzen sich massiv, teils sogar rabiat von ihren Vorgängern ab und führen gleichwohl in vielerlei Hinsicht deren ästhetische Innovationen fort. So sind die für den Dadaismus unter anderem typische antibürgerliche und antihumanistische Polemik, seine Verherrlichung der Kräfte des natürlichen Lebens, sein Kult der Unvernunft in gewisser Weise als eine radikalisierte Fortführung der Ideen des Expressionismus zu sehen. Ã"hnliches gilt für den seitdem Ende der 1910er Jahre vor allem im frankophonen Raum hervortretenden Surrealismus und dessen Interesse für die irrationalen Anteile der menschlichen Psyche, für das Unbewusste sowie für dessen antimimetische Ã"sthetik und die Tendenz zur Aufhebung der Differenz von Kunst und Leben. Dennoch sind die Unterschiede in der Ã"sthetik und in den weltanschaulichen Positionen markant genug, um diesediversen Strömungen der Avantgarde hinreichend scharf voneinander trennen zu können. So wäre es etwa den allermeisten Expressionisten bei aller Skepsis gegenüber der bürgerlich erstarrten und von der Werbung missbrauchten Sprache unmöglich gewesen, so wie die Dadaisten alle gewohnten Regeln und Konventionen der Grammatik und Syntax in ihren literarischen Texten völlig hinter sich zu lassen.
     

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