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Gottfried Benn: Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke



Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke

Der Mann:
Hier diese Reihe sind zerfressene Schößeund diese Reihe ist zerfallene Brust.
      Bett stinkt bei Bett. Die Schwestern wechseln stündlich.
      Komm, hebe ruhig diese Decke auf. Sieh: dieser Klumpen Fett und faule Säfte das war einst irgendeinem Manne groß und hieß auch Rausch und Heimat.
      Komm, sieh auf diese Narbe an der Brust.
      Fühlst du den Rosenkranz von weichen Knoten?

Fühl ruhig hin. Das Fleisch ist weich und schmerzt nicht.
Hier diese blutet wie aus dreißig Leibern. Kein Mensch hat so viel Blut.
Hier dieser schnitt man erst noch ein Kind aus dem verkrebsten Schoß.
Man läßt sie schlafen. Tag und Nacht. - Den Neuen sagt man: Hier schläft man sich gesund. - Nur Sonntags für den Besuch läßt man sie etwas wacher.
      Nahrung wird wenig noch verzehrt. Die Rücken sind wund. Du siehst die Fliegen. Manchmal wäscht sie die Schwester. Wie man Bänke wäscht.
Hier schwillt der Acker schon um jedes Bett.
      Fleisch ebnet sich zu Land. Glut gibt sich fort.
      Saft schickt sich an zu rinnen. Erde ruft. -

Biographischer Kontext
Gottfried Benn, 1886 geboren, das zweite von acht Kindern eines protes- tantischen Pastors und einer Welschschweizerin, verbringt Kindheit und Jugend in Sellin in der Neumark . Das humanistische Gymnasium absolviert er in Frankfurt/Oder. Das nach dem Willen des Vaters 1903 zunächst begonnene Studium der Theologie und Philosophie gibt er auf, als er zwei Jahre später nach eigenem Wunsch in die Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärische Bildungswesen in Berlin aufgenommen wird. Das hier betriebene Medizinstudium ist eingebettet in eine vielseitige Ausbildung und umfasst auch eine halbjährige Dienstzeit beim Heer. 1912 wird er zum Doktor der Medizin promoviert. Bereits seit 1910 ist er als Arzt in unterschiedlichen Berliner Kliniken tätig. Er entscheidet sich damit für eine gesicherte bürgerliche Existenz und gegen den Versuch, sich als freischaffender Schriftsteller auf dem literarischen Markt zu profilieren. Gleichwohl pflegt er ab 1910 verschiedene Kontakte zu avantgardistischen Kreisen in Berlin. Er zeigt sich in der Ã-ffentlichkeit der Künstlercafes und verkehrt überdies privat mit wichtigen Personen des hauptstädtischen Expressionismus, vor allem mit Else Lasker-Schüler und

Herwarth Waiden, aber auch mit Alfred Döblin und Oskar Kokoschka . Benn ist somit zu dem Zeitpunkt, da seine erste selbstständige Publikation Morgue und andere Gedichte erscheint, die auch Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke enthält, in avantgardistischen Kreisen kein Unbekannter, gewiss jedoch nicht viel mehr als eine Randfigur.
     

Werkgeschichtlicher Kontext
Die Forschung geht mit guten Gründen davon aus, dass Benn sich be- reits während seiner Gymnasialzeit dichterisch betätigt. Frühe lyrische Ar- beiten versucht er seit 1904 erfolglos in diversen Zeitschriften unterzubringen. Die Zahl der in diesen Jahren entstehenden Texte dürfte, wie sich unter anderem aus Berichten von Zeitgenossen erschließen lässt, erheblich sein , auch wenn der Autor selbst seine ersten Arbeiten in späteren autobiographischen Aufzeichnungen verleugnet . Auf jeden Fall steht zwischen der frühen Lyrik und der Gedichtsammlung Morgue von 1912, die Benn retrospektiv als Beginn seiner poetischen Produktion bezeichnet, ein signifikanter ästhetischer Bruch. Der Schriftsteller orientiert sich in seinen Texten lange an den zentralen literarischen Vorbildern und Autoritäten der vorexpressionistischen Moderne, insbesondere an Detlev von Lilien-cron , Rainer Maria Rilke und Stefan George. Das belegen auch die drei vor Morgue entstandenen Gedichte, die durch Zeitungs- respektive Zeitschriftenpublikationen von 1910 und 1912 erhalten geblieben sind . Neben diesen lyrischen Arbeiten publiziert der junge Benn in jenen Jahren unter dem Titel Gespräch in der Zeitschrift Die Grenzboten auch einen poetologischen Prosadialog. Die Auseinandersetzung der beiden darin sprechenden Figuren kreist um eine zeitgemäße Kunst und Dichtung . Sie suchen 'nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten" der Literatur, 'nachdem die herkömmliche Metaphorik unglaubwürdig geworden ist" . Von hier aus plädiert der argumentativ stärkere der beiden Dialogpartner vehement für eine Poesie auf naturwissenschaftlichobjektivistischer Grundlage und appelliert emphatisch an das Vorbild des dänischen Schriftstellers und Botanikers Jens Peter Jacobsen . Ebenfalls in den Grenzboten veröffentlicht Benn 1910 und 1911 drei populärwissenschaftliche Aufsätze zur Geschichte der Medizin und der Psychologie . In diesem Genre jedoch wird sich der Autor künftig nicht mehr äußern. Vielmehr erprobt er in der Lyrik das im Gespräch erörterte dichtungstheoretische Programm, höchst erfolgreich und zugleich umstritten, wie sich zeigen wird.

     
Gedichte ist Entstehung
Die Genese der Texte in der Sammlung Morgue und andere nicht präzise zu datieren. Die Entstehung muss vor dem März 1912, dem Publikationsdatum, angesetzt und andererseits mit den letzten Jahren von Benns medizinischer Ausbildung in Zusammenhang gebracht werden. Ein späteres Selbstzeugnis verweist auf eine abendlich-private, wenig reflektierte Verarbeitung der Eindrücke eines ,,Sektionskurs[es]" .

     


Die eigenwillige Verbindung von Arztberuf hier und Lyrifizierung der Medizin dort thematisieren bereits die Zeitgenossen immer wieder . Allein aus diesem biographischen Bezug ergibt sich freilich keinerlei nennenswerte Perspektive für eine aktuelle literaturwissenschaftliche Interpretation. Gleiches gilt für den näheren lebensgeschichtlichen Kontext zu dem Gedicht Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke. Benns eigene Mutter nämlich leidet an Brustkrebs und verstirbt gerade im Jahr 1912 an den Folgen der Krankheit. Ãober die Frage, ob die Schmerzen der schwer Leidenden mit Morphium gelindert werden sollen, entstehen offenbar massive Unstimmigkeiten zwischen dem jungen Arzt und dem Pastorenvater, der eine solche Medikation aus theologischen Gründen strikt ablehnt . Die Forschung hat auf diesen lebensgeschichtlichen Hintergrund des Textes wiederholt hingewiesen . Die Bezüge zwischen Biographie und Gedicht erweisen sich bei detaillierter Analyse jedoch als weniger bedeutsam, als es auf den ersten Blick erscheinen mag . Die Morphiumgabe an Krebspatienten und ihre ethischen und religiösen Implikationen werden in dem Text nur am Rande angesprochen und keinesfalls differenziert problematisiert. Ãoberhaupt thematisiert das Gedicht ostentativ nicht das menschliche Leid der Sterbenden und ihrer Angehörigen und vernachlässigt fast vollkommen das Individuum und dessen einzelnes Schicksal. Demnach bildet die Todeskrankheit der Mutter einen möglichen, ja wahrscheinlichen Anlass für die Entstehung von Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke. Diese Vermutung kann allerdings für die Deutung der ästhetischen Gestaltung und der spezifischen Form der Literarisierung des Themas kaum fruchtbar gemacht werden.

     
Die Gedicht- sammlung Morgue
Unter dem Titel Morgue und andere Gedichte versammelt Benn neun kurze lyrische Texte. Die ersten fünf von ihnen, Kleine Aster, Schöne Jugend, Kreislauf, Negerbraut und Requiem, bilden den namengebenden, durchnummerierten Zyklus Morgue. Es folgen des Weiteren Blinddarm, Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke, Nachtcafe und Saal der kreißenden Frauen. Wie die Ãoberschriften bereits andeuten, sind die Texte mit einer Ausnahme im medizinischen Milieu situiert, in Leichenhallen und bei Sektionen, in Spitalssälen und Sterbezimmern. Allein Nachtcafe ist in einer Gastwirtschaft mit Musik zu lokalisieren. Gemeinsamkeiten aller Gedichte bilden unter anderem ein radikaler Bruch mit den metrischen Konventionen traditioneller Lyrik, der nahezu vollständige Rückzug des lyrischen Ich hinter die von ihm berichteten Eindrücke, der Verzicht auf die Mitteilung emotionaler Regungen der Sprecher der Texte, die Verbindung eines klaren, sachlichen Stils mit der Verwendung von oft abstoßendem medizinischem Vokabular, beispielsweise die Erwähnung von Ausscheidungsprodukten und inneren Organen, der massierte Einsatz von bestimmten rhetorischen Techniken wie der Metonymie und schließlich makabere Wendungen mit offensichtlich kalkulierten Tabuverstößen gegen den bürgerlichen Moralkodex und Wertekanon.

     

Diese Gestaltungsweisen werden weiter unten anhand des gewählten Beispieltextes näher erörtert.

     
Druckgeschichte
Im Frühjahr 1912 legt Benns Freund Adolf Petrenz , ein Publizist und Lyriker, dem Berliner Schriftsteller, Journalisten und Verleger Alfred Richard Meyer ein umfangreiches Konvolut mit poetischen Produkten des jungen Arztes vor. Meyer verwirft, wie er später berichtet, den allergrößten Teil der Texte als epigonal und für eine Veröffentlichung ungeeignet. An dem Zyklus Morgue und andere Gedichte findet er hingegen großen Gefallen und entschließt sich sofort zur Publikation. Die Texte sind nach seiner Erinnerung innerhalb weniger Tage gesetzt, korrigiert und gedruckt und kommen noch im März 1912 auf den Markt . Benns erste selbstständige Veröffentlichung erscheint in der von Meyer verlegten Reihe Das lyrische Flugblatt^ 907-1923). Es handelt sich dabei um ein Forum für die Publikation von Gedichten. Meyer, der um sich auch einen Kreis von Berliner Bohemiens schart, präferiert dabei avantgardistische Texte des Impressionismus, der Decadence und Lyrik in der Nachfolge des französischen Symbolismus. Der Expressionismus zieht erst mit Benn in die Reihe ein. Bald werden ihm jedoch als Autoren andere wichtige Repräsentanten der jungen Generation folgen, zum Beispiel Ernst Blass, Alfred Lichtenstein und Else Lasker-Schüler. Die Reihe wächst bis zu ihrer Einstellung auf 130 Nummern an. Es handelt sich bei den Publikationen jedoch, anders als der Name suggeriert, weder um einseitige plakatartige Blätter noch um billig vervielfältigte Massenware. Die Flugblätter umfassen einen Druckbogen, der broschiert ausgeliefert wird. Als Papier wird edles Bütten verwendet, der Satz ist sorgfältig. Ein wenig wohlwollender zeitgenössischer Rezensent kann daher urteilen, dass der Verleger durch diesen ,,buchtechnische[n] Luxus" das Publikum 'bestechen" wolle, 'faule Früchte" in 'kostbaren Schalen" zu kaufen . Den Preis dagegen versucht Meyer gering zu halten, im Falle von Benns Erstling beispielsweise beträgt er 50 Pfennige . Der Zyklus erscheint 1923 nochmals in einer bibliophilen Neuausgabe. Ferner nimmt ihn Benn immer wieder in Sammelausgaben seiner Lyrik auf.

     
Textvarianten
Von Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke ist, anders als bei den übrigen Texten des Zyklus, ein unsigniertes und undatiertes Manuskript erhalten . Es zeigt kaum Korrekturen und Ãoberarbeitungsspuren. Gegenüber dem Erstdruck ergeben sich nur eine graphische Veränderung, die Absetzung der Sprecherrolle durch den Zeilenfall, und drei orthographische Varianten. Auch die späteren von Benn autorisierten Ausgaben weisen neben Korrekturen in der Zeichensetzung nur zwei signifikante Eingriffe auf. Erstens ist das Adjektiv 'zerfressene" in der ersten Zeile der ersten Strophe durch 'zerfallene" ersetzt, das sich ja gleich in der nächsten Zeile wieder findet. Damit wird eine zentrale rhetorische Strategie, die den Text prägt, die Wiederholung, noch weiter verstärkt. Zweitens entfällt die graphische Hervorhebung der Parti-kel 'auch" in der vierten Zeile der zweiten Strophe, die in der Handschrift unterstrichen, im Erstdruck gesperrt wiedergegeben ist. Dieser Texteingriff hat ebenfalls Konsequenzen für die Lektüre. In der ersten Fassung distanziert sich der Sprecher von dem krebsbefallenen Geschlechtsorgan als früherem Anziehungspunkt männlicher Begierde entschieden durch das hervorgehobene 'auch". In der späteren Version hingegen wirkt die sexuelle Konnotation verstärkt .

     
Zeitgenössische Rezipierten Morgue und andere Gedichte wird von Alfred Richard Meyer in 500 Exemplaren gedruckt. Die Broschüre ist rasch ausverkauft. Dass dennoch keine Neuauflage hergestellt wird, ist symptomatisch für den Kreis der zeitgenössischen Rezipienten. Die breitere lesende Ã-ffentlichkeit scheidet als Publikum aus. Sie nimmt die Veröffentlichungen der Avantgarde kaum zur Kenntnis. Außerdem reichen die Distributionsmöglichkeiten der neuen Verlage, in denen die Expressionisten publizieren, nicht an größere Schichten von Leserinnen und Lesern heran. Das Bildungsbürgertum ignoriert vorderhand geradezu demonstrativ die Experimente der jungen Autorengeneration. Selbst innerhalb der professionellen Kulturszene ist nur von einem partiellen Interesse auszugehen. Viele der etablierten Künstler und Autoren des Naturalismus und der Decadence finden an den ästhetischen Innovationen der aufstrebenden Kollegen wenig Gefallen. Somit 'bleiben als potentielle Lesergruppen die zahlreichen kleinen Zirkel von revolutionär eingestellten jungen Literaten, die sich in den Großstädten gebildet hatten, vor allem natürlich in Berlin" .

     
Reaktionen der Literaturkritik Benns erste selbstständige Publikation erfährt in den Rezensionen der Tagespresse und der eingeführten Literaturzeitschriften größtenteils eine scharfe, ja aggressive Ablehnung. Die Wahl der Themen, die bislang kaum je den Gegenstand deutschsprachiger Dichtung gebildet haben, wird als 'Scheußlichkeit ohnegleichen" oder als 'Perversität" gebrandmarkt . Ferner wird den Texten auf Grund ihrer formalen Gestaltung wiederholt jeder poetische Wert abgesprochen . Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke figuriert dabei als besonders grausiges Exempel . Häufig verbinden sich mit dem negativen ästhetischen Urteil Denunziationen gegenüber der Person des Verfassers. Benn wird eine unzureichende Verarbeitung der Anforderungen seiner ärztlichen Ausbildung vorgeworfen oder wegen seiner ,,ekelhafte[n] Lust am Hässlichen" der Gang zum 'Psychiater" angeraten . Solche Reaktionen sind unausbleibliche Konsequenzen der extremen Konfrontation traditioneller ästhetischer Vorstellungen mit den provozierenden poetischen Innovationen Benns. Doch auch die Rezensionen aus avantgardistischen Kreisen erweisen sich nicht als einhellig positiv. Sie reichen von 'einer verlegenen Anerkennung, die das Befremden doch nicht ganz unterdrücken" kann, 'bis zu begeisterter Zustimmung" . Das Lob muss zwangsläufig schwer fallen, da es in der Zustimmung erst 'neue Ka-tegorien" für die Beurteilung ,,eine[r] bislang unerhörte[n] Lyrik zu entwickeln" hat . Die bekannteste literaturkritische Stellungnahme stammt von Ernst Stadler. Der Beitrag hebt die 'Neuheit" von Benns Gestaltungsweise hervor. Die Haltung, gesellschaftlich tabuisierte Themen wie den Klinikalltag aus der Dichtung ausschließen zu wollen, geißelt der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler als philiströs. Emphatisch nimmt er daher den Verfasser gegen den vielfach geäußerten Vorwurf, Morgue sei nicht der Poesie zuzurechnen, in Schutz. Hinter der 'unbeteiligtein] Sachlichkeit", welche Benns lyrische Gebilde präge, verberge sich 'ein starkes mitleidendes Gefühl, eine fast weibliche Empfindsamkeit und eine verzweifelte Auflehnung gegen die Tragik des Lebens und die ungeheure Gefühllosigkeit der Natur". Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke wird als das 'stärkste" Gedicht 'des ganzen Heftes" hervorgestrichen. Stadler lobt daran Benns Fähigkeit, 'Lebensvorgänge" mit höchster 'Knappheit und Wucht zu gestalten" und zu 'schicksalsvollen Gesichten auszuweiten" .

     
Weitere Wirkungsgeschichte
Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke ist das seit der Veröffentli- chung von Morgue über Jahrzehnte hinweg am häufigsten und heftigsten diskutierte Gedicht des Zyklus . Es scheint als derart charakteristisch für Benns Lyrik stehen zu können, dass es etwa in der ersten literaturgeschichtlichen Darstellung des Expressionismus prototypisch in voller Länge zitiert wird . Möglicherweise hat es sich sogar zum bekanntesten Gedicht des Autors entwickelt. Jedenfalls zählt es 'zu den klassischen Texten der Moderne" . Viele der bereits in den ersten Rezensionen geäußerten Einschätzungen werden dabei, auch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, immer wieder aufgegriffen, unter anderem der massive Tabubruch, die Schockwirkung bei der Lektüre, die radikal-innovative poetische Gestaltungsweise und die destruktiv-nihilistische Tendenz, hinter der unbefriedigte metaphysische Sehnsüchte vermutet werden . Selbst die negative Einschätzung der Persönlichkeit Benns, die aus dem Werk abgeleitet wird - wohlgemerkt: nicht etwa primär aus der zweifellos problematischen Biographie -, hält sich konstant, wenn auch abgemildert. So bezichtigt Norbert Blüm in seiner Morgue-n-terpretation den Autor eines kalten Intellektualismus . Einen neuen, aber keineswegs allgemein anerkannten Akzent setzt Peter Rühmkorf . Seiner knappen Deutung zufolge ist der Text als 'modernes Liebesgedicht" zu lesen. Es bringe das für das 20. Jahrhundert kennzeichnende 'Verlöschen der Liebe und der [...] Leidenschaften, auch der Nächstenliebe, der seelischen Anteilnahme", die Verdinglichung aller menschlichen Beziehungen poetisch zum Ausdruck . Fraglich bleibt, selbst wenn man dieser Interpretation nicht widerspricht, die Angemessenheit des Begriffs eines Liebesgedichts. Auch wären die von Rühmkorf nicht gelieferten, genaueren Rückbezüge von Benns Text auf die lange Tradition dieses lyrischen Genres noch zu analysieren,sofern dieser Auslegung größere Tragweite zugebilligt werden sollte denn einem mäßig geistreichen Gedankenspiel .

     
Titel und Text Titel und Text stehen im Falle von Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke in einem unauflöslichen Abhängigkeitsverhältnis zueinander. Jener ist ohne diesen nicht zu verstehen und umgekehrt. Einerseits konkretisiert der Titel die äußere Situation, in welche der Text durch den 'Mann" hineingesprochen wird. Auch weist er auf die 'Frau" als fiktive Rezipien-tin, die ihrerseits im Text nicht explizit, sondern nur als Angesprochene und Aufgeforderte präsent ist. Auf der anderen Seite entfaltet der Text selbst eine Fülle von Bildern, die in ihrer Radikalität durch den Titel nicht angekündigt werden. Das Wort 'Krebsbaracke" bezeichnet einen durchaus ungewöhnlichen Ort für die Situierung eines Gedichts, lässt freilich die Entsetzlichkeit der im Folgenden dargebotenen, grausigen Einzelheiten nicht einmal erahnen. Als Bindeglied zwischen Titel und Text fungiert die für Lyrik nicht weniger unübliche Benennung des Sprechers. Sie macht deutlich, dass hier einzig und allein ,,[d]er Mann" sich äußert. Der Rezi-pient hat es mit einem Monolog, nicht, wie in einem anderen frühen Gedicht Benns mit dem Titel Mann , mit einem wirklichen Dialog zwischen 'Mann" und 'Frau" zu tun . Der Text ist somit geprägt von einer maskulinen Perspektive, einem virilen Blick. Gleichzeitig rückt die anonyme Sprecherbezeichnung das Gedicht von seinem Autor ab. Es wird unübersehbar als Rollenlyrik markiert. Wer trotzdem den Sprecher mit dem Verfasser des Textes identifiziert, dies signalisiert die auffällige Geste, fällt weit hinter das Reflexionsniveau, auf dem das Gedicht sich bewegt, zurück. Zu erwähnen ist schließlich auch eine weitere Figur, die den Text begleitet, ohne dass dies innerhalb desselben ausdrücklich artikuliert würde. Das im Zyklus Morgue in der Erstausgabe voraufgehende Gedicht Blinddarm, die Fiktionalisierung einer beinahe mortal endenden Operation, schließt mit der Pointe, dass der 'mit den Backen [...] knirsch[ende ...] Tod" nunmehr 'in die Krebsbaracken [...] schleiche]" - und weist damit überdeutlich auf den direkt folgenden Text voraus.

     
Metrische Gestaltung Ãoberwiegend sind die Gedichte in Benns erster selbstständiger Veröffentlichung von offensiven Verstößen gegen die traditionellen äußeren Gestaltungsweisen von Lyrik geprägt, also in freien Rhythmen und zugleich reimlos abgefasst. In Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke dagegen lässt sich durchaus eine strenge und konsequente metrische Durcharbeitung erkennen. Dies signalisiert bereits das verkürzte 'gehn" im Titel. Es verweist nicht auf die Verwendung der Umgangssprache im folgenden Text, sondern ergibt sich aus der offenbar intendierten Einhaltung des fünf-hebigen Trochäus in der Ãoberschrift, der durch die nicht kontrahierte und korrekte grammatische Form 'gehen" gestört würde. Der Text selbst besteht mit einer Ausnahme aus dreizeiligen Strophen. Das gilt auch für die durch einen Absatz unterbrochene, dem Metrum nach aber dreizeilige vierte Strophe. Die Verse sind mit Ausnahme der überschüssigen' vierten

Zeile der zweiten Strophe durchgehend regelmäßig fünfhebig. Nach den Regeln der traditionellen Metrik handelt es sich somit um einen klassischen Blankvers. Auffällig ist dabei allerdings, dass die ersten Worte vieler Verse, die als Auftakte eigentlich unbetont sein sollten, einen deutlichen semantischen Akzent tragen. Dazu gehören einerseits die direkten Verweise auf die außersprachliche Redesituation, 'Hier", 'Komm", 'Fühl", andererseits stark bedeutungstragende Lexeme wie 'Bett", 'wäscht" oder 'Saft". Das Metrum des Textes ist somit weitgehend regelmäßig, aber von einigen starken Abweichungen geprägt, die jedoch gewissen Prinzipien folgen . Die formale Gestaltung kann somit durchaus Hinweise für die Interpretation des Gedichts liefern. Es stellt den Versuch dar, ein bisher von der Lyrik vollständig ausgeklammertes Thema menschlichen Lebens dichterisch zu gestalten, und zwar mit den traditionellen Mitteln der Lyrik. In den extrem sinnbetonten Auftakten jedoch, die gerade auf die grauenhaften dargestel Iten Zustände und Vorgänge deuten, sprengt der gewählte, bislang in der Poesie unerhörte Gegenstand die althergebrachten Darstellungskonventionen. Auf den Reim schließlich wird in dem Gedicht vollständig verzichtet. Die Stiftung von Harmonie innerhalb eines Textes und seiner fiktionalen Welt, die der auslautende Gleichklang seit Jahrhunderten zu leisten pflegt, ist mit dem Gang durch die Krebsbaracke nicht mehr vereinbar .

     
Rhetorische Gestaltung
Der präzise kalkulierten metrischen Gestaltung des Gedichts korres- pondiert eine überaus starke rhetorische Durchformung. Der Text ist ge- prägt vom massiven Einsatz einiger spezifischer Stilmittel. Einerseits kennzeichnet den Text eine Redeweise in einfachen, aneinander gereihten Parataxen, die den Eindruck von Nüchternheit und Sachlichkeit vermitteln. Auf der anderen Seite stehen aufwendige Techniken der Kunst der Beredsamkeit, die das Gedicht als ein außerordentlich streng durchgestaltetes lyrisches Gebilde erscheinen lassen. Hierzu gehören Parallelismen , Wiederholungen oder Anaphern . Diese Stilmittel sind in keinem Falle ein Selbstzweck, sondern allesamt bedeutungstragend. So hat auch dieser Text poetische Vergleiche, unverzichtbar für die herkömmliche Lyrik, aufzuweisen. Nur blutet hier eine Frau 'wie aus dreißig Leibern" und werden die Sterbenskranken ,,[w]ie [...] Bänke" gewaschen. Die traditionellen dichterischen Darstellungsmittel haben somit jede positive illusionsbildende Kraft verloren, und an die Stelle des schönen poetischen Vergleichs tritt der häßliche. Besonders auffällig sind die deiktischen Elemente des Textes, die Zeigegesten auf die imaginierte Wirklichkeit der durchschrittenen Krebsbaracke. Immer wieder wird hierdurch der fiktionale Raum, in dem sich die Figuren bewegen, sinnlich, ja synästhetisch evoziert. Der 'Mann" fordert nicht nur zum Betrachten, sondern auch zum Riechen, zum Fühlen und in den herumsurrenden 'Fliegen", die sich an den wund gelegenen Leibern der Sterbenskranken delektieren, möglicherweise sogar zum Hören auf. Die vermutlich auffälligste rhetorische Strategie, die in dem Ge-dicht zum Einsatz gelangt, ist die Synekdoche in unterschiedlichen Ausprägungen. Nicht die Patienten ,stinken', sondern die ,Betten', und diese wiederum beherbergen keine Menschen, sondern ,zerfressene Schöße' und verfallene Brüste' .

     
Expressionistischer Stil
Benns Frühwerk wird durch eifrige Apologeten regelmäßig mit großer Verve vom Expressionismus abgerückt, mit dem er ganz und gar 'nichts zu tun" haben soll . Die Frage der Zuordnung des Autors und seiner Texte zu der Epoche ist natürlich schlichtweg eine Frage ihrer Definition. Aus der Sicht der heutigen Forschung allerdings gehören die frühen literarischen Produkte des Arztschriftstellers eindeutig dem Expressionismus an. Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke liefert ein klares Beispiel dafür. Schon in der stilistischen Gestaltung, in der bevorzugten und konzentrierten Anwendung spezifischer rhetorischer Strategien, insbesondere der Synekdoche, zeigt sich die fraglose Zugehörigkeit zur Poetik des Expressionismus. Typisch sind ferner der markante Bruch mit den formalen Traditionen der konventionellen Lyrik und der starke Abstraktionsgrad, die extreme Verknappung des Gedichts . Daneben verbinden Benn mit anderen Autoren der Epoche die Wahl abseitiger Milieus als Schauplatz seiner Texte, die bewusste Provokation und der Verlust herkömmlicher Begriffe von Subjektivität. Benns Texte mögen sich in mancherlei Hinsicht, beispielsweise im Verzicht auf Pathos oder in ihren häufig zynischen und nihilistischen Pointen, von denen vieler seiner Kollegen unterscheiden. Das ist freilich kein triftiges Gegenargument. Denn jeder Dichter bewegt sich innerhalb der dominierenden poetischen Regeln und Usancen seiner Zeit mit einer gewissen individuellen Freiheit.

     
Das naturalistische Missverständnis
Ein anderes verbreitetes Fehlurteil betrifft den Wirklichkeitsbezug von Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke. Der Text ist - genau wie der gesamte Zyklus - vom Beginn seiner Rezeptionsgeschichte an immer erneut als Abbildung konkreter Verhältnisse in zeitgenössischen Hospitälern begriffen worden. Demgemäß ist von einem 'Abguss" der Wirklichkeit , von einem ,,schreiende[n] Naturalismus" , von einem 'Einblick in die Situation des Krankenhauses [...] mit schonungsloser Schärfe" die Rede. Nur eine kurze Betrachtung der intensiven rhetorischen Durchgestaltung von Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke genügt freilich bereits, um solche Behauptungen über das Gedicht als eklatante Missverständnisse zu decouvrieren. Die greifbaren Referenzen auf die zeitgenössische Wirklichkeit, die sich in dem Text dingfest machen lassen, sind denkbar gering. Statt von einzelnen Menschen ist von Betten die Rede, an der Stelle von Personengruppen stehen,Reihen', ein dermatologisches oder karzinogenes Krankheitsbild wird ohne jede Relativierung als 'Rosenkranz" tituliert. Das Gedicht ist demnach nicht allein außergewöhnlich stark rhetorisiert und somit fiktionali-siert, sondern auch in höchstem Grade abstrakt. Hinzu kommen inhaltliche Elemente, die man lediglich vordem Hintergrund eines gänzlich blauäugi-gen Geschichtsbildes für realistisch erachten kann. In der Krankenhauspraxis um 1910 sind ebenso wenig wie heute Fliegen in den offenen Wunden der Sterbenden die Regel wie rohe Pflegerinnen, welche die Patienten als leblose Gegenstände behandeln. Tatsächlich blutet auch kein Mensch 'wie aus dreißig Leibern". Fälschlicherweise also wird der Schock, den der Text seinen Rezipienten durch die Grauenhaftigkeit der evozierten Bilder zweifellos versetzt, immer wieder in eine Deutung umgemünzt, die ihn auf seine vorgeblichen mimetischen Qualitäten reduziert. Tatsächlich handelt es sich jedoch um ein in höchstem Maße poietisches Kunstwerk. Hier wird genauso wenig wie in irgendeinem anderen literarischen Text Wirklichkeit abgebildet, sondern allenfalls Wirklichkeitfiktional verarbeitet, und in diesem spezifischen Fall ist die Distanz der Poesie zur Realität gewiss besonders groß. Anders gesagt: Das Gedicht weist in seinem Sinnhorizont weit über die Darstellung irgendeines vermeintlichen historischen Milieus hinaus.

     
Das sozialkritische Missverständnis
Eine weitere ebenso geläufige wie fragwürdige Interpretation des Ge- dichts sieht darin eine Anklage gegen das gefühlskalte, unmenschliche System der modernen Krankenhausmedizin . Nun muss nicht jeder literarische Text, der einen gesellschaftlichen Missstand zum Objekt seiner Kritik oder gar zum Anlass für einen utopischen Gegenentwurf wählt, unbedingt jene Missliebigkeit detailliert und realistisch beschreiben. Insofern dürften die stark poietische Ãoberformung des Gedichts und seine konzentrierte Abstraktheit kein zwingendes Argument gegen seine mögliche sozialkritische Tendenz darstellen. Aber in Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke fehlt es, wenn man den Text präzise analysiert, eben auch am Kläger wie am beklagenden Gestus. Der Sprecher prangert nichts an, lamentiert nicht, gibt nirgendwo seiner Entrüstung über die äußere Situation der Krebskranken oder ihre Behandlung durch das Personal auch nur den leisesten Ausdruck. Seine Rede ist sachlich und nüchtern, und keine Spur eines Untertons von Auflehnung oder Kritik ist aus ihr herauszulesen. Die Empörung entsteht auf Seiten der Rezipienten, die durch die Inhumanität und den Zynismus der Wörter und Wendungen und der daraus erschließbaren Handlungen des Sprechers abgestoßen, ja schockiert werden und sich gegen ein medizinisches System mit solchen Repräsentanten zu ereifern bemüßigt fühlen. Dem Text selbst jedoch eignet kein gesellschaftskritischer Impetus. Das wird noch deutlicher, wenn man das Gedicht im Licht von Benns manifestartigen poetologischen Ãoberlegungen im programmatischen Gespräch betrachtet. Dort wird der Literatur keineswegs die Funktion aufgebürdet, gesellschaftliche Missstände aufzudecken. Im Gegenteil, die wörtlich verstandene Rede des Mannes entspricht in vielerlei Hinsicht genau dem ästhetischen Ideal des in dem Dialog dominierenden Kommunikationspartners. Sie ist nüchtern-objekti-vierend, größtenteils wissenschaftlich-präzise und frei von allen üblichen poetischen Metaphern. Auf diesem Hintergrund stellt sich der schneidende, unaufhebbare Kontrast zwischen der Hässlichkeit der dargestellten

Zustände und der unbarmherzigen Sachlichkeit des sprechenden Mannes gerade als die besondere Pointe des Textes dar. Die einen ertragen still und schicksalsergeben in der Krebsbaracke ihre unermesslichen Leiden, die anderen begleiten diesen Sterbeprozess mit kühler Professionalität. Niemand aber beklagt sich darüber, niemand setzt sich zur Wehr. Deshalb wäre es verfehlt, dem Text eine sozialkritische Tendenz zu unterstellen.

     
Literarische Bezüge
Sowohl der Zyklus als auch der hier zu deutende einzelne Text selbst verweisen nach Ansicht maßgeblicher Beiträge der vorliegenden Forschung auf diverse prominente Prätexte. Mit Morgue wird gleichermaßen an die Pariser Leichenhalle wie an ihre unterschiedlichen bekannten Literarisierungen erinnert, beginnend mit Edgar Allan Poes The Murders in the Rue Morgue bis hin etwa zu Rilkes Gedicht Morgue . Der Zyklus steht damit in einer längeren Tradition von Texten, welche in verschiedener Weise den makaberen Themenkomplex um die Aufbahrung von verstorbenen Körpern und ihre Sektion aufgreifen. Doch ist die spezifische ästhetische Gestaltung durch Benn ebenso gänzlich neuartig wie die Radikalität seiner Poetisierung von Krankheitsund Verfallsprozessen, von Leibesorganen und dem medizinischen Umgang damit. Die prätextuellen Bezüge sind somit wichtig, aber nicht vorrangig bedeutsam für die Interpretation . Zu Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke macht die Forschung zwei unmittelbare literarische Vorlagen namhaft, einerseits Goethes belehrend-naturkundliche Elegie Die Metamorphose der Pflanzen von 1796 , andererseits Georges Herbstgedicht Komm in den totgesagten park und schau von 1895 . Biographisch ist die Kenntnis der Texte nicht verbürgt. Dies kann freilich seine Ursache in der unzureichenden Quellenlage haben. Unleugbar gibt es in beiden Fällen Parallelen zwischen den Texten in Sprecherhaltung, Zeigegestus und einigen zentralen Begriffen. Aber die Geschichte von Gedichten, in denen ein Mann zu einer Frau spricht, in denen ein imperativisches 'komm" an prominenter Stelle eingesetzt und etwa der 'Schoß" thematisiert wird, ist lange und reich. Kritisch betrachtet sind die zwischen dem Text und seinen angeblichen Prätexten hergestellten Verbindungen derart allgemeiner Natur oder doch nur so wenig umfangreich und auffällig, dass allenfalls von möglichen Bezügen gesprochen werden kann. Eine Kontrafaktur liegt allerdings in keinem der beiden Fälle vor. Erstens müssten dann die Verweise auf die Vorlage eindeutig sein, da sich das Verständnis eines kontrafazierenden Textes ja zu wesentlichen Teilen aus seiner Transformation des Originals erschließt. Die wissenschaftliche Forschung hat aber bekanntlich erst nach vielen Jahrzehnten der Rezeptionsgeschichte die in Frage stehenden intertextuellen Bezüge herzustellen vermocht. Zweitens weisen die miteinander in Zusammenhang gestellten Gedichte thematisch weder überraschende Ã"hnlichkeiten oder evidente Gegensätze auf, sondern stehen einander inhaltlich relativ disparat gegenüber. Damit muss die Interpretation von Mann und Frau gehn durch die Krebs-baracke sich von den vorgeschlagenen Prätexten ab- und dem Text selbst erneut zuwenden.

     
Geschlechterrollen, Sexualität und Tod
Viele konstitutive Merkmale des Gedichts weisen auf die Sexualität als zentrales Thema . Das Spital ist der Schauplatz der lyrifizierten Geschehnisse, der Skopus des Textes richtet sich jedoch auf die Geschlechtlichkeit des Menschen. In dem dargestellten Krankensaal finden sich nicht irgendwelche zufälligen Patientinnen versammelt. Alle leiden ausnahmslos an unterschiedlichen Formen von Brust- und Unterleibskrebs, jedenfalls an Karzinomen der weiblichen Geschlechtsorgane . Dem Verfall derselben wird die Sexualität an prononcierter Stelle entgegengehalten, in der vierten Zeile der zweiten Strophe, die, wie beobachtet, als überschüssiger' Vers mit überdies nur drei statt fünf Hebungen aus der klaren und strikten metrischen Architektonik dieses lyrischen Gebildes herausfällt. Der Geschlechtsakt wird von den Menschen mit zentralen Werten, mit den 'größten]" Kategorien seines irdischen Daseins konnotiert, mit dem 'Rausch", in dem er in die Gefilde der höchsten Gefühle aufsteigen kann, und mit der 'Heimat", dem Ort von Herkunft, Geborgenheit, Sicherheit. Beides ist eine Täuschung, und dies führt das Gedicht in den verfallenen' Geschlechtsorganen drastisch vor. Letztlich setzen Krankheit und leibliche Auflösung doch immer jedem sexuellen Genussein Ende. Der Text, das ist erneut zu betonen, beklagt dies nicht. Hier wird ein Faktum konstatiert, präzise, wissenschaftlich, emotionslos. So wie der 'Mann" in der zweiten Strophe dazu auffordert, die Decke aufzuheben und sachlich den 'Klumpen Fett und faule Säfte" zu begutachten, deckt das Gedicht die Lächerlichkeit aller großen Worte über die Liebe, überhaupt allen menschlichen Größen- und Ãoberlegenheitsbewusstseins auf . Die Rolle des Sprechers kommt dabei freilich allein dem Mann zu. Seine im Titel genannte Begleiterin schweigt ebenso konsequent wie die kranken und sterbenden Frauen in den Bettenreihen und nicht zuletzt die Pflegerinnen. Der Mann verfügt über die absolute Deutungsmacht. In belehrendem Ton interpretiert er die Welt und ihre Phänomene. Das gilt keinesfalls nur in medizinischer Hinsicht, da die Worte des Sprechers weit über ärztliche Feststellungen hinausweisen. Der Mann ist dabei kalt, emotionslos und zynisch. Aber die Frauen, auch dies führt der Text uns vor, wehren sich nicht dagegen, nein, sie beklagen sich nicht einmal. Das Gedicht wird somit zu einer radikalen Diagnose der eingespielten Geschlechterrollen.

     
Die Welt als Krebsbaracke
Doch wäre es erneut verfehlt, diese provozierende Deutung mensch- licher Beziehungen in einem anklagenden Sinne oder als eine Form von Schuldzuweisung zu verstehen. Das Skandalon des Textes liegt eben darin, dass er von jeder Individualität und somit auch von jedweder persönlichen Verantwortung vollkommen absieht. Das betrifft die Patientinnen ebenso wie die 'Schwestern" und schließlich auch 'Mann" und 'Frau" in ihrer unspezifischen, gesichts- und artikellosen Allgemeinheit. Lediglichzwei Bettlägrige finden mit ihren hervorstechenden Krankengeschichten gesonderte Beachtung. Aber auch sie sind nur zwei,Fälle', an denen man letztlich achtlos vorübergeht. Der Text skizziert somit eine desaströse fik-tionale Welt. Die depersonalisierten Figuren darin weisen keinerlei emotionale Bindungen zueinander auf. Selbst im Geschlechtsakt wendet sich der Mann nicht liebend einer Frau zu, sondern befriedigt seine Lüste nach einem 'Rausch" und irgendwelchen metaphysischen Sehnsüchten. Die Menschen nehmen im Gegenüber nicht einen anderen Menschen, sondern ein Ding wie ein Bett wahr oder ein Fleischteil wie eine einzelne weibliche Brust mit Krankheitssymptomen oder einen holzähnlichen Gegenstand, der gewaschen werden muss. Am Ende des Lebens, dies signalisiert die Schlussstrophe, löst sich dieser depersonalisierte Mensch mit seinem Leib völlig auf und verwandelt sich ohne weiteren Rest, etwa eine als unsterblich gedachte Seele.

     
Das Ende religiöser Tröstungen Das Gedicht wäre dieser Interpretation zufolge eine lyrische Skizze der conditio humana, eine ebenso radikale wie kaltsinnig vorgetragene poetische Diagnose menschlichen Zusammenlebens, aus der jede Illusion humanistischer Werte, bürgerlicher Normen, sittlichen Pflichtbewusstseins und emotionaler Bindungen erbarmungslos verbannt ist. Die Grundlage für dieses Ergebnis der Analyse bilden sowohl die in vielerlei Hinsicht beobachteten Abstraktions- und Verallgemeinerungstendenzen, die den Text prägen, als auch seine letzte Strophe. Sie löst sich von der Darstellung der Krebsbaracke und ihrer Kranken und öffnet den Blick auf die kurz bevorstehende Auflösung der Patientinnen. Die sprachliche Gestaltung bleibt knapp und konzise wie bisher, nun freilich bedient sich der Sprecher mit einem Male mehrerer Metaphern und hochpathetischer Begriffe wie 'Acker", 'Glut" und 'Erde" neben den Bezeichnungen für den Leib und seine Verfallsprozesse. Damit erweitert sich die Perspektive eindeutig und auffällig von der Darstellung eines Krankenhauses zu einer Reflexion über menschliche Hinfälligkeit und Sterblichkeit . Eine metaphysische Richtung nimmt das Gedicht jedoch nicht. Der Mensch wird von der Erde gerufen und in ihr restlos aufgenommen . Die Religion gewährt keine Tröstungen. Sie ist in dem Text allenfalls noch in dem ,,blasphemische[n] Affront" vom 'Rosenkranz von weichen Knoten" oder im 'Acker" der letzten Strophe präsent, der an die Stelle eines Gottesackers getreten ist . Alle Hoffnungen auf eine christliche Transzendenz sind hier verabschiedet. Aber selbst dies wird nicht beklagt, vielmehr lediglich ganz lapidar konstatiert.
     

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Gottfried  Benn:  Mann  Frau  gehn  durch  Krebsbaracke    




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