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Literatur des expressionismus

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Sprengung tradierter Erzählmuster



Ã"hnlich wie bei der Lyrik kann als gemeinsames Merkmal der fiktiona-len prosa des Expressionismus die Verabschiedung tradierter Konventionen der Narration gelten. An erster Stelle rangiert hierbei der allwissende und sozusagen omnipotente auktoriale Erzähler. Die Avantgardisten geißeln ihn als Ausdruck der arroganten Allmachtsphantasien des überkommenen bürgerlichen Subjekts. Sie ersetzen ihn entweder durch einen gänzlich personal konstruierten Berichterstatter in Ich-Form oder durch eine Fiktion, die sich gleichsam selbst erzählt. Auch die traditionellen, psychologisierenden Erklärungen der Handlungen von Figuren durch den Erzähler lehnen die Expressionisten strikt ab - sie verbieten sich vor dem Hintergrund der Einsichten der Psychoanalyse in die unbewusste, oft durch Sublimationen oder Verschiebungen bestimmte Steuerung des menschlichen Verhaltens. Die üblichen rationalisierenden Explikationen sitzen dem trügerischen Schein der bürgerlichen Moral und Wohlanständigkeit auf und werden für die Literatur untragbar. In vielen Texten wird daher auf den Blick in das Innere der Figuren konsequent verzichtet, auch in Anlehnung an die Darstellungsweisen des Stummfilms. In anderen Fällen eröffnet die literarische Introspektion bislang poetisch nicht thematisierte Abgründe der menschlichen Seele, Perversionen, Abnormitäten und Geisteskrankheiten ebenso wie Lächerlichkeiten und Abstrusitäten. Freilich enthält sich die Narration dabei in der Regel programmatisch jeder Erklärung oder psychologisierenden Erläuterung, und für die adäquate Präsentation der inneren Zustände werden ganz neue Gestaltungsweisen wie extrem gewagte Metaphern und ungewöhnliche Kombinationen anderer auffälliger rhetorischer Strategien entwickelt. Zu den weiteren traditionskritischen Erzähl Innovationen expressionistischer Prosa gehören unter anderem die Abkehr von einer Handlungsführung, die teleologisch auf eine klare Lösung am Ende hin organisiert ist, und die Abwendung von einer Narration, die sich in eindeutige Zeit- und Raumbezüge oder in stringente kausale Zusammenhänge eingebunden präsentiert. Der Experimentierfreude der Autoren ist hier kaum eine Grenze gesetzt. Eine besondere Vorliebe entwickeln viele expressionistische Prosaisten schließlich für das Fragment, das schon rein äußerlich für die Zersetzung von herkömmlichen Usancen des Erzählens und von traditionellen ästhetischen Kategorien wie Abgeschlossenheit, Kohärenz und Einheitlichkeit steht. Wenn demnach die Romane Franz Kafkas allesamt Torsi bleiben, so ist dies nichtzu beklagen, sondern als Signatur der Epoche zu begreifen. Schon gar nicht braucht die Forschung sich in Spekulationen darüber zu verlieren, wie der Autor möglicherweise die Handlungsabläufe dieser Texte vollendet haben würde, wo doch der Schriftsteller sogar seine zweite Buchveröffentlichung, die Erzählung Der Heizer , bemerkenswerter Weise mit dem Untertitel Ein Fragment versieht. Bei aller Antitraditionalität beziehen sich die Expressionisten in ihrer Prosa-Poetologie dennoch auf eine Reihe von Romanen und Erzählungen des späten 19. Jahrhunderts, vor allem aus dem europäischen Ausland und aus den USA, die für sie als Vorläufer der Avantgarde prototypische Geltung erlangen. Hierzu zählen unter anderem Texte von Gustave Flaubert , August Strindberg, Gabriele D'Annunzio und Jack London .

     

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