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Prostituierte



Eine der gesellschaftlich marginalisierten Gruppen, denen sich viele Ex- pressionisten in besonderer Weise zuwenden, sind die Prostituierten, so etwa Alfred Lichtenstein in seiner so genannten 'Dirnenlyrik" . Käufliche Frauen werden zum Gegenstand vielfältiger literarischer Projektionen und Phantasien der zumeist männlichen Autoren und erfüllen eine Reihe unterschiedlicher Funktionen. Innerhalb einer als weitgehend erstarrt betrachteten bürgerlichen Gesellschaft figuriert die Prostituierte als Prototyp des nicht in den gesellschaftlichen Konventionen befangenen Lebens. Dem toten Bürger wird die lebendige,Dirne' als Personifikation von Vitalität, Wahrhaftigkeit, Lebenserfahrung und existentieller Menschlichkeit gegenüber gestellt . Sie repräsentiert in einem degenerierten Umfeld das Wilde, Ungebändigte, Zügellose im Menschen . Darüber hinaus steht sie für die Entdeckung des Leiblichen, des Sinnlichen, des Sexuellen in einer von sittlichen Normen und Vorschriften fast erstickten bürgerlichen Umwelt . Zugleich aber erscheint die Prostituierte als das typische Opfer des kapitalistischen Wirtschaftssystems, als der arme geknechtete Mensch, der von den Reichen, den Herrschenden zur Ware degradiert und herabgewürdigt wird. Der Bürger bedient sich in seiner zynischen Doppelmoral der,Hure', die er verachtet, zur Befriedigung der Triebe wie eines toten Gegenstandes - und auch dies bringen zahlreiche Expressionisten in teils krasser Form literarisch zum Ausdruck . Schließlich gilt die,Dirne' auch als typische Repräsentantin eines modernen Großstadtmenschen, als potentielle Verbün-dete politisch radikaler Gruppierungen und nicht zuletzt als sakralisierte, heilige Leiderin, Dulderin und Märtyrerin unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen - oder es werden gar Erlösungshoffnungen in sie projiziert. Forschungen hingegen, in denen behauptet wird, käufliche Frauen seien deswegen zum bevorzugten Gegenstand expressionistischer Dichtung geworden, weil die Autoren tiefes Mitleid mit ihnen empfunden hätten , können heute nicht mehr überzeugen.


     

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