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Literatur des expressionismus

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Literaturkritik



Viele Expressionisten legen zahlreiche literatur-, aber auch theater-, mu- sik- und filmkritische Arbeiten vor . Auch diese werden jedoch von der Forschung vor allem inhaltlich ausgewertet, das heißt zum Beispiel mit Bezug auf die darin verarbeiteten ästhetischen Diskurse. In der Regel werden diese Beiträge aber nicht innerhalb der jeweiligen Gattungsgeschichte kontextualisiert, also in den größeren historischen Rahmen der Medien der Literaturkritik und der charakteristischen Argumentationsmuster, Stereotype oder Klischees von Besprechungen gestellt . Die spezifischen Qualitätskriterien, mit denen einzelne Rezensenten der Bewegung Neuerscheinungen beurteilen, sind in Einzelfällen, zum Beispiel bei Otto Flake, aufgearbeitet , aber noch nicht hinreichend genau und detailliert untersucht, um ein Epochenprofil des expressionistischen Rezensionswesens erstellen zu können. Bekannt ist, dass die poetischen Publikationen der Expressionisten in den etablierten Zeitschriften lediglich in Auswahl wahrgenommen werden sowie in der Tagespresse kaum Resonanz finden, und mithin die Motivation für eine Besprechung in den einschlägigen Organen der Bewegung selbst sehr hoch ist . Das Rezensionswesen in den Blättern der Epoche avanciert mithin zum Korrektiv der etablierten bürgerlichen Publizistik . Klar ist des Weiteren, dass die Besprechungen von Neuerscheinungen in avantgardistischen Zeitschriften häufig von den Autoren selbst initiiert und organisiert werden , auch im Freundes- und Bekanntenkreis, ja es gibt sogar Beispiele für Selbstrezensionen. Literaturkritik, Werbung und Vermarktung einer kommerziell noch nicht erfolgreichen kulturellen Bewegung gehen also manchmal ununterscheidbar ineinander über . Ã"sthetisch gesehen teilt das Besprechungswesen des Expressionismus - soweit bislang in Umrissen erkennbar - viele Merkmale mit der Dichtung der Epoche selbst. Dazu gehören unter anderem die starke Rhe-torisierung der Texte im Dienste einer affektiven Rezeption, die ausgeprägte Appellfunktion, die verbreitete Selbstreflexivität und Selbstreferentiali-tät und die aggressiven Angriffe auf alle künstlerischen wie gesellschaftlichen Traditionen. An wichtigen Genres der Literaturkritik sind neben der Besprechung eines einzelnen Textes die Sammelrezension, das Autorenporträt und die Glosse zu nennen. Dabei verschwimmen bei allen diesen publizistischen Formen immer wieder die Grenzen zu ästhetischen Programmen und politischen Manifesten.

      Die expressionistische Literatur ist in allen ihren Gattungen auf Wirkung Drama in der menschlichen Praxis hin angelegt, sei es auf einen Schock bei der Lektüre über die Darstellung von Grausamkeiten, sei es auf eine durchgängige Erneuerung der europäischen Gesellschaften. Die Dramatik der
Epoche unterscheidet sich jedoch von der Lyrik, von der Erzählprosa und von den Gebrauchsformen prinzipiell dadurch, dass sie zusätzlich auf eine fundamentale Veränderung ihres Trägermediums - des Theaters -zielt. Eine praktische Realisierung des expressionistischen Schauspiels ist freilich mit den konventionellen dramaturgischen Mitteln und der althergebrachten Bühnentechnik ausgeschlossen. Die Aufführung dieser Stücke, auf welche hin diese ja letztlich immer angelegt sind, ist mithin selbst schon eine Kunstrevolution. Zu den einschneidendsten Neuerungen des avantgardistischen Theaters zählt die synästhetische Vervielfältigung der dramatischen Elemente und Darstellungsmittel. Handlung und Figurenrede als traditionelle Hauptträger des Bühnengeschehens müssen zurücktreten zugunsten eines komplexen Zusammenspiels von Licht, Bewegung, Farbe und Klang. Musik, Tanz und Bildende Kunst avancieren somit zu wichtigen Bestandteilen der Dramengestaltung, so zum Beispiel bei Ernst Barlach. In manchen Stücken wie etwa der Szene Der gelbe Klang von Wassily Kandinsky wird sogar ganz auf die Verwendung von Figurenrede verzichtet, um einen größtmöglichen Eindruck der nicht-sprachlichen Gestaltungselemente, unter anderem der expressiven Körperbewegungen und der Wechselwirkung von Dekoration und Ton zu erzielen. Die althergebrachte Guckkastenbühne, in deren Gehäuse die Illusion eines realistischen Geschehensablaufes hergestellt wird, ist damit verabschiedet. Das expressionistische Theater setzt stattdessen auf antimimeti-sche Abstraktion und auf intensiven Ausdruck, derauf alle Sinne des Publikums wirken und dessen Affekte stimulieren soll . Konsequenzen daraus sind unter anderem die Abkehr von einer in sich geschlossenen Handlungsstruktur, die Ersetzung von individuellen Figuren durch typisierte Ideenträger, die Einführung von Menschenmassen als handelnden Personen, welche auch durch spezifische visuelle und auditive Effekte simuliert werden können, und die Etablierung gänzlich neuer Raumkonstruktionen auf der Bühne wie etwa Hallen in der modernen Großstadt oder Fabrikanlagen. In allen denkbaren Hinsichten ist hier der Experimentierfreudigkeit der Autoren keine Grenze gesetzt.

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