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Erzählprosa



Die erzählende Literatur der Bewegung hat in der Forschung über Jahrzehnte hinweg nur geringes Interesse gefunden. Als paradigmatisches Argument dafür gilt eine Formulierung aus der ersten literarhistorischen Ãoberblicksdarstellung zur Epoche: 'Expressionismus ist lyrischer Zwang, dramatischer Drang, nicht epischer Gang." Dabei wird kurioser Weise übersehen, dass einige der bedeutendsten und wirkungsreichsten Lyriker der Epoche wie Gottfried Benn oder Georg Heym auch maßgebliche Prosawerke vorlegen, ja etliche der zentralen Repräsentanten, etwa Alfred Döblin oder Franz Kafka, fast ausschließlich auf dem Feld der erzählenden Dichtung tätig sind. Ein Grund für die lange forscherliche Zurückhaltung mag in der Vielfalt und Inhomogenität der Erzählliteratur des Expressionismus zu suchen sein. Die Prosa der Bewegung ist nur schwer mittels Kate-gorisierungen und Typenbildungen zu ordnen, da sie eine mindestens genauso große Bandbreite an Themen und typischen Gestaltungselementen aufweist wie die Lyrik. Die Inhalte reichen von der Darstellung menschlicher Extremsituationen über die Literarisierung von problematischen Künstlerexistenzen, Albträumen, Sexualität, Gewalt, Wahnsinn und Tod bis hin zu phantastischen Handlungselementen. So entwickelt sich zum Beispiel in Franz Kafkas Bericht für eine Akademie ein Affe zu einem Menschen oder verfault in Hans Kaltnekers Novelle Gerichtet! Gerettet! ein Gymnasiast bei lebendigem Leibe. Historische Sujets sind eher selten, aber nicht ungebräuchlich, etwa bei Alfred Döblin oder bei Klabund, der einige seiner Romane im Spätmittelalter und in der Renaissance ansiedelt. Stets bleiben dabei jedoch der historische Konflikt und die geschichtlichen Kulissen Projektionsflächen für die Abhandlung aktueller Fragen und Probleme. In der Frühzeit der Bewegung ist eine Tendenz zur kleinen Form, also zu unterschiedlichen Ausprägungen der Kurzprosa, unverkennbar. Dies hängt einerseits mit den eingeschränkten Publikationsmöglichkeiten der jungen Autoren zusammen, die anfangs ihre Erzählungen primär nur in Zeitschriften, Jahrbüchern und Anthologien erscheinen lassen können . Auf der anderen Seite gehört die Verknappung der Narration zu den herausragenden poetischen Innovationen der Bewegung . Die Expressionisten lassen ostentativ einen breiten, weit ausholenden Stil der Prosa des 19. Jahrhunderts hinter sich, in dem sich der Narrator viel Raum für die von ihm erzählte Geschichte, ihre Ausschmückung und nicht zuletzt für sich selbst und seine Kommentare und Betrachtungen nimmt. Die avantgardistischen Autoren antworten darauf provokativ mit einer extrem verkürzten und dichten Prosa und einem hohen Erzähltempo. Der Dominanzder kleineren epischen Formen während der frühen Jahre stehen jedoch, was nicht vergessen werden darf, in der weiteren Entwicklung der expressionistischen Literatur zahlreiche umfangreiche Romane, beispielsweise von Franz Kafka oder Ernst Weiß, gar einige Monumentalwerke gegenüber wie etwa Alfred Döblins Die drei Sprünge des Wang-lun und Wallenstein . Da allerdings auch hier die Strategie der Komprimierung und Konzentration der Narration keineswegs aufgegeben wird, handelt es sich bei solchen Texten um Prosa von höchstem stilistischem Anspruch und enormer Darstellungsintensität.
     

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