Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literatur als vermittlung

Index
» Literatur als vermittlung
» Utopie und Allotopie
» Fremde, in die Pflicht der Vernunft und der Idee der Welteinheit genommen

Fremde, in die Pflicht der Vernunft und der Idee der Welteinheit genommen



Seit dem 13. Jahrhundert gibt es in Europa zahlreiche faktenorientierte Berichte über den Nahen, einige sogar über den Fernen Osten. Zu nennen sind besonders die Schriften Plan de Carpinis und Rubrucks, das IIMilione des Marco Polo, die ethnographischen Darstellungen von Hyton und Pordenone. Aus solchen Berichten, die Informationen nun auch über Indochina und sogar Zentralasien lieferten, konnte dann ein Autor wie Sir John Mandeville für sein Reisebuch Kapital schlagen, indem er das faktisch Vorgegebene fiktiv überformte. Dessen Schiffermärchen fanden dann beim Publikum mehr Glauben und Anerkennung als die vorangegangenen informierenden Berichte. Die Tendenz, daß die Bedeutung der östlichen Fremde, trotz aller neueinströmenden Informationen darüber, in Europa mehr in den eigenen Vorstellungen gewohnter Wunderdinge als in tatsächlicher ethnischer Andersheit gesucht und gefunden wurde, blieb auch während der Renaissance erhalten.
      Erst das Zeitalter der Entdeckungen, das die Möglichkeit erschloß, Außereuropa nicht nur zu betrachten, sondern auch in Besitz zu nehmen, verschaffte der faktischen ethnischen Fremde eine neue Geltung. War die Grundlage für die Eroberung der Welt durch Europa am Ende des 15. und im 16. Jahrhundert gelegt worden, so kam dieser Prozeß in der zweiten Phase der großen maritimen Entdeckungsreisen, an der sich nun vor allem Engländer und Franzosen beteiligten, im 18. Jahrhundert auf seinen Höhepunkt. Die erobernde Entdeckung der Welt durch europäische Nationalstaaten hat zwei Tendenzen der Annäherung an das Fremde ausgeprägt. Einmal lag es nahe, Eroberung, wirtschaftliche Ausbeutung und Missionierung der überseeischen Bereiche durch den Nachweis zu legitimieren, daß die ,Heiden' noch unvollkommene Geschöpfe im Sinne der christlichen Weltordnung und des christlichen Heilsplanes seien, daß nur Bekehrung und Unterwerfung sie vor der Verdammnis retten könnten. Nur wenige verantwortliche Europäer, wie z.B. Las Casas, haben sich in der Frühphase der Kolonialisierung gegen diese Einschätzung der Nichteuro-päer gestemmt. Die andere Tendenz war das Zulassen und Ernstnehmen empirischer Erfahrung. Nicht nur in Fragen der Navigation und der Geographie nahm die Qualität naturwissenschaftlicher Erkenntnis seit dem 15. Jahrhundert rapide zu; auch das Interesse an den fremden Völkern und ihrer Lebensart wurde umso detailfreudiger, je mehr der aufklärerische Grundsatz, den schon Francis Bacon formuliert hatte, sich durchsetzte, daß Wissen Macht sei. Urs Bitterli beschreibt die Entwicklung der Berichterstattung, wie sie die Entdeckungsreisen im 15. Jahrhundert ermöglichten, bis hin zu den detaillierten Forschungsaufträgen, die den Seefahrern des 18. Jahrhunderts von ihren Souveränen und den gelehrten Akademien ihrer Länder mit auf den Weg gegeben wurden. Fruchtbar wie nie zuvor wurde das Motiv der kulturellen Fremde in der Literatur der europäischen Aufklärung. Fremdkultur wurde als Darstellungs- und Orientierungsraum begriffen. Die Allotopie begann, ihre Möglichkeiten zu entfalten. Mit dem Abbau irrational behaupteter Traditionen und Dogmen wurde das In-der-Welt-Sein des Menschen in vielerlei Dimensionen neu diskutierbar. Die Frage der Abstammung bzw. Entwicklung des Menschen wurde neu aufgerollt. Montesquieu, Kant, Voltaire behaupteten die einheitliche Abstammung des Menschen, andere die vielfältige, die Polygenie: Peyrere, David Hume, Long. Winckelmann und Herder griffen in die anthropologische Diskussion ein, indem sie die Abhängigkeit der körperlichen und seelischen Bildung der einzelnen Völker von deren natürlicher Umgebung hergeleitet und geprägt sein ließen. Indem man die physiologischen Unterschiede innerhalb der Erscheinungsformen der Völkerstämme zuordnen und zu systematisieren begann, sah man sich dem Phänomen der 'Rasse" konfrontiert und versuchte, diesen Begriff physiognomisch und anthropologisch zu definieren. J.-C. Lavater und Meiners versuchten, so etwas wie einen abendländischen Idealtypus zu beschreiben. Immanuel Kant und Johann Friedrich Blumenbach kommt das Verdienst zu, den Rassebegriff entdämonisiert, die latente Abwertung aller ,farbigen' Rassen in ihren irrationalen Ursprüngen aufgedeckt zu haben.

     
   Als besonders ergiebig aber erwies sich das Paradigma Außereuropa für die Bereiche der Sozialanthropologie und der Gesellschaftstheorie. Während von der Antike bis in die Renaissance hinein die Außereuropäer in erster Linie als 'Heiden", Barbaren, als unerlöster Teil der Schöpfung begriffen worden waren, erscheinen sie - vor allem nun in Gestalt der Südseeinsulaner, deren körperliche Attraktivität in Europa bewundert wurde -als 'edle Wilde", als zivilisatorisch unverdorbene Menschen, als natürliche Menschen. Hierzu lieferten die Reisedarstellungen von Bougainville, Vater und Sohn Forster und James Cook die benötigte Anschaulichkeit.
      All dieses neue Wissen über das Jenseits zu Europa, das exakt bearbeitbar und wissenschaftlich anerkannt war, konnte als Demonstrationsmate-rial in einer kritischen Bestandsaufnahme europäischer Sozialstaatlichkeit eingesetzt werden. So gingen in der Zeit der europäischen Aufklärung Utopie und Allotopie ein funktionales Bündnis miteinander ein. Schon von Thomas Morus weiß man ja, daß er sich vor Abfassung seines Utopia im Jahre 1515 in Antwerpen bei einem Weltreisenden über Details von seiner Erfahrung außereuropäischer Fremde hatte informieren lassen. Wieviel von diesen Fakten im einzelnen in die Fiktion eingegangen sind, muß dahingestellt bleiben. Es wird aber für möglich gehalten, daß bestimmte Organisationsformen des Nirgendwo-Reiches Utopia sich um Erfahrungskerne gruppieren, die als fremdkulturelles Faktenwissen geeignet waren, die Kavernen in der Vorstellung von der allgemeinen besseren Welt zu füllen. So könnte es sein, daß Thomas Morus Nachrichten spanischer Kolonisten über den Staat der Azteken verwendet hat .
      Das Ineinandergehen von Utopie und Allotopie, wobei meistens die Südsee das Vorstellungsmaterial der Allotopie zu liefern hat, läßt sich in nahezu allen utopischen Romanen des 17. und 18. Jahrhunderts feststellen. Nur einige Titel sollen genannt sein: Campanellas Citta del Sole, La terre australe connue von Foigny, die Histoire des Severambes von Vairasse d'Allais , die Aventures de Telemaque von Fenelon .

     
   Nicht weniger aufschlußreich sind für diesen Zusammenhang die eigentlichen Robinsonaden. Hier darf die außereuropäische Welt nur den Naturraum zur Verfügung stellen, in dem sich dann europäische Menschlichkeit, Lebensart und Kultur entfaltet. Dieser Umstand wird nicht so sehr im Robinson Crusoe des Daniel Defoe deutlich, dem Urbild aller Robinsonaden, wo die Einsamkeit des Helden zur Grundfabel gehört, sondern mehr in einem Text wie der Insel Felsenburg von Schnabel. Außereuropa als von Menschen besetzter Raum wird dort nur in den das eigentliche Inselgeschehen umgebenden Erzählpartien veranschaulicht, wobei die Allotopie, sei es die in Südostasien, sei es die in Südamerika, von phantastischen Vorstellungsklischees, wie sie für frühere Jahrhunderte kennzeichnend waren, überwuchert bleiben. Ã"hnliches gilt für die Robinsonade am Ende des Sim-plicius Simplicissimus von Grimmeishausen.
      Mit dem Fortschreiten aufklärerischen Denkens in Europa wurde die Begegnung mit Außereuropa immer bedeutungsvoller: gleichzeitige kulturelle Alterität, der Ausblick mithin auf andere Varianten von Kulturgeschichte, die Anerkennung der Gleichwertigkeit menschlicher Andersheit, die Einsicht schließlich, daß - um eine Formulierung von Fritz Kramer aufzunehmen - 'die anderen Gesellschaften über Lebens- und Kunstformen, Weltbilder und Erfahrungsweisen verfügen, die wir nicht hätten erfinden können,"i führten schließlich zu einer Kritik an der eigenen Kulturposition Europas insgesamt, ja, zu einer ersten Problematisierung der Fremdheitserfahrung als solcher. Zu nennen sind hier vor allem Voltaires L'ingenu, Diderots Supplement au voyage de Bougainville und La Hontans Voyage dans l'Amerique septentrionale. Die Positionalität und Reziprozität der Fremdheitserfahrung ist in besonderer Schärfe in Montesquieus Lettrespersanes herausgearbeitet worden.
      Allerdings sei hier schon folgende Einschränkung gemacht: für die gesamte europäische Aufklärung und ebenso für die Philosophie des deutschen Idealismus mit ihren Ausläufern im 20. Jahrhundert gilt, daß, bei aller Infragestellung der eigenen Kulturposition, die im Hinblick auf ein künftiges Weltbürgertum gesuchten Lösungen von Allgemeinmenschlichkeit durchweg monozentristisch, man könnte sagen erkenntnis-imperiali-stisch, allein in europagewachsenen Konzepten aufgesucht wurden.
      Wenn im folgenden in zwei Werken deutscher Vorklassik bzw. Klassik, in Lessings Nathan der Weise und in Goethes West-Ã-stlichem Divan, das Ineinandergehen von Utopie und Allotopie im Detail betrachtet werden soll, dann ist vor allem nach dem Prinzip gefragt, das der Eigendynamik der Allotopie seine Grenzen setzt.
      Lessing schrieb seinen Nathan im Jahre 1779. Das Versdrama in fünf
Akten war seine Antwort darauf, daß man ihm das Argumentieren in Form von theologisch-philosophischen Streitschriften verboten hatte. Der Nathan ist die Fortsetzung eines weltanschaulichen Disputes auf der Bühne. Den Fabelhintergrund bildet der dritte Kreuzzug, der 1192 abgeschlossene Waffenstillstand zwischen Sultan Saladin und den Kreuzfahrern. Schauplatz der Handlung ist Jerusalem. Den Vertretern des Christentums, dem Tempelherrn, Daja, dem Patriarchen und dem Klosterbruder, treten Angehörige der anderen Weltreligionen gegenüber: Saladin und Sit-tah als Vertreter des Islam, Nathan als Vertreter des Judentums. Kulturelle Differenz ist als religiöser Unterschied entfaltet. Darüberhinaus ist jede einzelne der Figuren auf ein bestimmtes europäisches Vorurteil hin angelegt. Dieses jeweilige Vorurteil wird erst einmal bestätigt. Nathan, der Jude, ist Kaufmann und extrem reich; er kommt eben von einer Reise zurück, auf der er Schulden eingetrieben hat. Also ein Mann, der vom Wucher lebt, ein Geizkragen und Ausbeuter? Saladin ist ein orientalischer Herrscher und daher despotisch und grausam. Seine Unbarmherzigkeit ist hervorgetreten, indem er die gefangenen Tempelherren, wie berichtet wird, einen nach dem anderen hat hinrichten lassen. Er hat auch keine Skrupel, Nathan eine Falle zu stellen, um ihn dann, wenn er sich ihm, dem Sultan gegenüber ins Unrecht gesetzt hat, zu erpressen. Der Tempelherr schließlich ist stürmisch, jugendlich vorschnell, nicht frei von Standesdünkel und, als europäischer Christ, voll von Vorbehalten gegenüber allem ethnisch Fremden. Aber keine dieser zentralen Figuren bleibt vor den Augen des Zuschauers dort stehen, wo sie eingeführt worden ist. Nathan erweist sich als gütig und weise, und das Geld spielt für ihn gar keine Rolle. Der Sultan zeigt sich ritterlich, großmütig und aufrichtig. Der Tempelherr ist fähig, seine Vorurteile zu überkommen. Nur der Patriarch, der repräsentative Vertreter des Christentums, ist unveränderbar, von keinem Gefühl anrührbar und hoffnungslos intolerant. Er ist die einzige Figur, die in diesem Stück nicht in Bewegung kommt. So bleibt er denn auch ausgeschlossen von der allgemeinen Versöhnung am Schluß, in der alle drei Religionen sich zusammenfinden.
      Aber was ist es denn, was, über alle Religions-Kulturschranken hinweg, die Harmonie ermöglicht? Die Lösung wird in der Erzählung von der Ringparabel vorbereitet, ja vorweggenommen. In dieser aus Boccaccios Deca-meron entlehnten Parabel wird als einzige noch vorhandene Spur einer womöglich einmal offenbarten Ursprungsreligion die Fähigkeit an-genommen, 'vor Gott und Menschen angenehm zu machen" . Eine andere Möglichkeit der Verifizierung von Glaubensinhalten als diese zwischenmenschlich-pragmatische wird ausgeschlossen. Um die Fähigkeit zu lieben also geht es. Aber wie gewinnt man sie? Indem man sich durch Vernunft zur Menschenliebe bewegen läßt. Wie geschieht das? Nathan selbst ist, wie er erzählt, durch einen Zufall, den er als Fingerzeig der Weltvernunft begreifen konnte, zur Menschlichkeit gebracht worden. Nachdem ihm seine eigene Frau und seine sieben Söhne von Christen umgebracht worden waren, hatte er drei Tage lang mit Gott und der Welt gehadert, der Christenheit den 'unversöhnlichsten Haß zugeschworen"; unmittelbar an den Bericht von diesem Haßausbruch schließen sich dann folgende Verse an:
Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. Sie sprach mit sanfter Stimm': ,Und doch ist Gott! Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan! Komm! Ãobe, was du längst begriffen hast; Was sicherlich zu üben schwerer nicht, Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. ' Gott spricht, und Nathan hört. Und zu diesem Hören gehört auch, daß Nathan das Christenkind, das ihm im nächsten Augenblick überbracht wird, als ihm schicksalshaft übergeben erkennt. Vernunft, die immer schon in ihm war, braucht nur zurückzukehren. Und das Handeln gemäß der Vernunft ist nicht schwerer als das Begreifen. Bei den anderen beiden Bekehrungen, die im Text beschrieben werden, geht es freilich etwas schwieriger zu: Sie geschehen nun von Mensch zu Mensch. Hat Gott fraglos in der Sprache von Nathans eigener Innerlichkeit zu diesem gesprochen, bleibt zu fragen, in welcher Sprache Nathan und der Sultan, Nathan und der Tempelherr, Saladin und der Tempelherr eigentlich miteinander sprechen. Die Rekonstruktion einer Wahrscheinlichkeit, ob man arabisch jüdisch, deutsch oder lateinisch miteinander gesprochen habe, würde nicht weiterführen. Im übrigen hätte keine Sprache als Verkehrssprache zwischen den genannten ausgereicht, um derlei subtile Botschaften zu übermitteln und Veränderungen zu erzielen, wie es in der Fiktion des Textes geschieht. Was es vielmehr zu begreifen gilt, ist, daß die Sprache, die hier wirksam ist, eine der Vernunft und des Herzens zugleich ist: eine abendländisch-humanistisch eingerichtete Vernunft und ein aufklärerisch-vernünftig gestimmtes Herz wirken zusammen. Die aus verschiedenen Völkerschaften und verschiedenen Religionen stammenden Figuren des Textes sind kraft Vernunft und kraft Humanität von Natur ausgleich. Der Sultan wird von Nathan vernünftig überzeugt, im Diskurs der Ringparabel, daß die Religionen ebenbürtig sind. Der Tempelherr wird von Nathan und dem Sultan überzeugt, daß Nathan die Wahrheit über seine und Rechas Herkunft kennt, - und davon, daß man seine eigene Schwester nicht in der Mann-Frau-Liebe lieben kann. Es dauert so lange, wie man braucht, um acht Blankverse zu sprechen, bis der Tempelherr auf dieses Gefühl verzichtet hat. So stark ist auch in ihm die Vernunft angelegt . Mitten in einer erbittert umkämpften Stadt, in Jerusalem, zwischen Angehörigen nicht nur der verschiedensten Kulturen, sondern auch der verschiedensten politischen Parteiungen, zwischen Angehörigen verschiedener Religionen, geschieht Verständigung in vollkommener Weise. Sie vollzieht sich ohne Mißverständnisse und ohne Behinderung durch Interessen, frei. Die ideale Kommunikationsgemeinschaft, heute als ein nicht preiszugebendes Ziel menschlicher Geschichte postuliert, ist in der Fiktion dieses Dramas vorweggenommen: Bewegt durch einen Gott, Welt und Geschichte umfassenden Vernunftbegriff, setzen sich die utopischen Anteile in Lessings Text überwältigend durch.

     
   Wie kein anderer vor ihm hat Goethe die Geltung von Fremdkultur in Deutschland gesteigert. Nicht nur, daß er vorbildlich war im unermüdlichen Erwerb von Kenntnissen über Fremde; er hat diese Kenntnisse auch kreativ umgesetzt. Seine Autorität als Dichterfürst und seine Bereitschaft, aus seinen Kenntnissen von fremden Kulturen zu lernen, werteten die Geltung der fremden, zumal der außereuropäischen Kulturen, als zeitgenössischer und zugleich alternativer Kulturen auf. Um zu zeigen, wie all diese mutig und entschieden zugelassene Fremde bei ihrer motivischen Verwendung in poetischen Texten gebändigt werden konnte, sollen zwei Gedichte aus dem West-Ã-stlichen-Divan näher betrachtet werden. Hegire
Der Titel spielt auf die Flucht des Mohammed von Mekka aus im Jahre 622 an. Wie Mohammed damals nach Medina, so flüchtet sich nun der Dichter aus der europäischen Gegenwart nach Osten. Da im Verlauf und im Gefolge der napoleonischen Kriege Norden, Westen und Süden 'zersplittert" sind, da in Europa 'Throne bersten, Reiche zittern", bleibt als Fluchtrichtung nur diese. Der Osten ist 'rein". Dort herrscht 'Patriarchenluft". Daß dieser Osten auch fremd ist, signalisiert der Name Chisers, des mythischen Hüters des Jungbrunnens, den Goethe über die Hafis-Ãobersetzungen von Hammers kennengelernt hat. Daß Persien hier als Ursprungsland der Kultur angesprochen wird, hat offenbar mit Herders Theorie von der Bildung des Menschengeschlechts zu tun, wo das Zweistromland als Kindheitsland der Kulturgeschichte der Menschheit be-schrieben wird. Der Dichter begibt sich in diese persische Fremde, um dort mitzuleben. Er wird unter Hirten weilen, mit Karawanen ziehen, Handel treiben und 'jeden Pfad" zwischen den Wüsten und den Städten betreten. Er wird sich in den Bädern und Schänken einfinden und er erwartet, dort die Liebe zu erleben. Daß er all dies erfahren kann, daß er all diese Wege gehen kann, in alle Besonderheiten der Fremde eindringen kann, verdankt er - seinem Dichtertum! Wie er die Fremde in ihrem wahren Wesen über die Dichtung kennengelernt hat, so erschließt ihm sein eigenes Dichtertum auch die Fremde als Erlebnisraum. Er ist ja Hafis! Und ihr gemeinsames Dichtermerkmal heißt: Offenheit für alles Menschliche. So lautet denn auch der Vorspruch zu den Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-Ã-stlichen Divans:
Wer das Dichten will verstehen Muß ins Land der Dichtung gehen; Wer den Dichter will verstehen Muß in Dichters Lande gehen.
      Abgesehen da von, daß orientalische Fremdehierais Fluchtraumfungiert, als Möglichkeitsraum und Raum zu idealer Selbstentfaltung, ist sie vor allem Dichterland, Hafis-Land, man möchte sagen: Goethe-Land. Das Wesen des Dichters, die Fähigkeit, in jeder menschlichen Andersheit sich beheimaten zu können, setzt sich zusammen aus Kenntnissen, die ihrerseits sich aus einem allgemeinen Kulturinteresse ergeben, aus allgemeiner Erfahrungsoffenheit und der Fähigkeit, kreativ darauf reagieren zu können. Ein den aufklärerischen Begriff von der naturhaft vorgegebenen menschlichen Vernunft abrundender Geniebegriff macht einerseits eine Aufwertung der Fremde in ihrer Eigenständigkeit möglich, bestimmt andererseits alle zwischenmenschlichen Fremdheitsschranken als überschreitbar. Eine idealistische Tautologie deutet sich an: Dem für alles offenen Menschen ist nichts fremd; und: Dem, der die Fremde sucht, erschließt sie sich. Damit wird die mit Herder angenommene durch natürliche Gegebenheiten bedingte Verschiedenheit der Menschen durchaus nicht aufgehoben; aber sie wird in ihrer Wirkung geschwächt durch einen Verstehensbegriff, der eine genialische Anverwandlung alles kulturell Fremden für möglich hält.
      Selige Sehnsucht
Kaum ein anderes Gedicht aus dem West-Ã-stlichen Divan hat so viele philosophierende Deutungen ausgelöst wie dieses. So explizit wie hier von Fremdheitserfahrung gesprochen wird , so implizit-unauffällig ist kulturelle Fremde darin verarbeitet.
     
Läßt sich in der Vorstellung von der Einheit von Werden und Vergehen vorsokratische Philosophie und das christliche Gebot der Selbstaufgabe samt der Verheißung der gerade darin möglichen Selbstfindung wiedererkennen, so weist die Metapher von dem Schmetterling, der in der Kerzenflamme verbrennt, die Vorstellung vom 'Tod in der Liebe", auf sufi-sche Mystik hin. Die zweite Strophe, in der das Wort 'fremd" vorkommt, lautet:
In der Liebesnächte Kühlung, Die dich zeugte, wo du zeugtest, Ãoberfällt dich fremde Fühlung Wenn die stille Kerze leuchtet.
      Man könnte diese Strophe als Hinweis darauf verstehen, daß Gedichte wie dieses gar nicht in den hier besprochenen Zusammenhang der Erfahrung von kultureller Fremde gehören, da sich darin ja eine ganz andere Art von Fremdheitserfahrung äußere, die der Liebe nämlich, umgedeutet und erweitert in eine Form von Existenzerfahrung. Der Zusammenhang ist aber komplexer. Angeregt von eigener neuer Liebeserfahrung hat Goethe in seiner Hafis-Nachfolge, in der Aufarbeitung persischer Fremde und europaferner sufischer Mystik vor allem dies aufgesucht: Dichtertum und Liebe. So heißen denn die beiden ersten Bücher des Divan auch Buch des Sängers und Buch der Liebe. Dichtertum und Liebe bleiben motivisch-thematische Zentren auch für alle weiteren Bücher. Indem Goethe das menschliche Universal der Liebe mit der Erfahrungsform der Fremdheit verknüpft, indem er also Fremdheit in der Liebe und die Liebe in der Fremde zugleich aufsucht, wird ihm die Fähigkeit, Fremdes in welcher Form auch immer zuzulassen und aufzusuchen, zur conditio sine qua non seines Menschenbildes. Die letzte Strophe des Gedichtes lautet:
Und solang du dies nicht hast, Dieses: Stirb und werde! Bist du nur ein trüber Gast Auf der dunklen Erde.
      Die 'Fühlung" von Fremde ist zuzulassen, der Aufbruch ins Fremde ist vorzunehmen von uns um unserer selbst willen. Konfrontation mit der Fremde kann bedeuten: Erlöschen von Identität, Tod. Dieser ist freilich nur Tod bisheriger Identität. Eine neue bildet sich, wenn es zu 'höherer
Begattung" kommt. Jede Art von Fremdheitserfahrung, also auch die Erfahrung von kultureller Fremde, wird unter dieses eine Telos wahrer Menschlichkeit gestellt. Der Aufbruch nach Osten, zur Dichtung des Hafis und in die persische Kultur hinein, ist in der letztmöglichen Horizontbestimmung der Aufbruch des genialen, zur Selbstaufgabe bereiten und zur Selbstfindung bestimmten abendländischen Menschen. Damit wird Fremde enorm aufgewertet: als tatsächliche Gefährdung eigener Identität; sie wird aber zugleich, durch die übergeordnete Spekulation der Zusammenhänge von 'stirb und werde" als prinzipiell erlebbar, das heißt auch: verstehbar qualifiziert.
      Die Anerkennung fremder Kultur als autonom und der europäischen gleichwertig, wie sie sich seit dem 18. Jahrhundert abzuzeichnen beginnt, gibt der außereuropäischen Fremde einen ganz neuen Stellenwert, stellt das europäische Welt-Einheitsdenken vor ganz neue Probleme. Nicht mehr Natur und Kultur sind zu vermitteln, sondern getrennte Kulturtraditionen sind als Bestandteile eines umfassenden Zusammenhangs zu deuten.
      Ist einerseits die deutsche Vorklassik und Klassik hierin gesamt-europäischen Konzepten verpflichtet41, zeigen die als Exempla benutzten Textbeispiele doch auch charakteristische deutsche Besonderheiten. So führt Lessings Nathan nicht an eine praktisch beziehbare Kolonialismus- und Gesellschaftskritik heran, sondern bemüht die Familie als Metapher für die naturhaft vorgegebene Möglichkeit einer Harmonisierung der interkulturellen Verschiedenheiten und Konflikte durch Vernunft. In Goethes Divan wird die Ãoberbrückung von kultureller Distanz als Verstehensleistung des erfahrungsoffenen Ich. als individuelle Leistung einer Anverwandlungskompetenz gezeichnet. Ein für den deutschen Idealismus charakteristischer Konflikt zwischen Allotopie und Utopie deutet sich an: während die jeweils aufgegriffenen Elemente von Fremde historisch konkretisiert erscheinen , geschieht die Ãoberwindung der kulturellen Distanzen in der abstrakten Innerlichkeit des je individuellen Verstehensaktes - sei es im Glauben an eine Naturreligion der Vernunft, sei es über die einfühlende Aneignung von Werken der Kunst.
     

 Tags:
Fremde,  Pflicht  der  Vernunft  der  Idee  der  Welteinheit  genommen    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com