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Fremde als Abriß'-Stelle: das Ende der utopischen Funktion



Im 19. Jahrhundert wird das Wissen von der außereuropäischen Fremde systematisiert. Ethnologie als Wissenschaft bildet sich aus. Während die

Philosophie des deutschen Idealismus noch davon ausgeht, den Geist von Fremdkultur als Vorstufe zu europäischer Gegenwart im eigenen Bewußtsein rekonstruieren zu können, entwickelt sich seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts ein skeptischerer Begriff von den Möglichkeiten des europäischen wissenschaftlichen Beobachters. Mit den wachsenden Erfahrungen, die in Form von ,Feldforschung' gemacht werden, wächst auch das Bewußtsein von der Perspektivik aller Beobachtungen, der deformierenden Wirkung auf die beobachteten ,Objekte', die sich aus der Anwesenheit des beobachtenden Subjekts selbst ergeben. Die kategoriale Dominanz Europas über den Rest der Welt als europäisches Erkenntnisobjekt beginnt sich zu lockern.
      Zu den Zweifeln an der Durchschaubarkeit fremdkultureller Wirklichkeit treten im 20. Jahrhundert Zweifel Europas an sich selbst. Die Reise-und Emigrantenliteratur der ersten beiden Jahrzehnte dieses Jahrhunderts dokumentiert das Unbehagen vor allem an den Folgen von Industrialisierung, Bürokratisierung und den vom Kapitalismus geprägten Organisationsformen der Gesellschaft. Karl Sternheim stellt seinem 1919 erschienen Roman Europa folgendes Motto voran: 'Grauen vor soviel Europa ersäuft ihn ganz." Was von den Romanhelden dieser Jahre gesucht wird, ist nicht so sehr eine neue, sondern Distanz auf die alte Welt. Oft ist es wirtschaftliche Not, die sie aus der Heimat vertreibt. Eine in den Romanen der Reise-und Abenteurerliteratur besonders häufig nachgezeichnete Fluchtlinie führt nach Südamerika. Falls der Weg über Nordamerika führt, erscheint dieses gewöhnliche als ein potenziertes Europa und damit als Zwischenstation, die man so rasch wie möglich hinter sich lassen muß. Die südamerikanische Natur, zumal die Region des tropischen Regenwaldes, stellen die Europamüden sich, ehe sie ankommen, als eine Art mythischen Freiraum zur Auslebung ihrer eigenen triebhaften Bedürfnisse vor. Das gilt für die Figuren in den Romanen von Ferdinand Kürenberger, Erwin von Haase, Max Dauthendey, Robert Müller, Eduard Stucken, Wilhelm Rhenius. Sind sie dann aber am Ort ihrer Sehnsucht angelangt, erweist sich die tropische Natur gewöhnlich als wuchtiger, strapaziöser, als daß die Europäer sie ertragen könnten. Natur wird jetzt zu einem Gegenüber, das den Europäern feindlich ist, gegen das es anzukämpfen gilt. Selbst dann, wenn man ihr seinen Lebensunterhalt nicht unmittelbar abtrotzen muß, erweist sich tropische Natur in ihrer Wirkung nicht als stimulierend, sondern eher als bedrückend. So sprechen die Reise- und Emigrationsromane die Erfahrung aus, daß reine Natur nicht einfach die Natur-Saite in uns Menschen zum Klingen bringt, sondern in ihrer Unbeziehbarkeit auf Menschliches nur noch unzugänglich-fremd und d.h.: bedeutungslos erscheint. Allenfallsdas Gefühl tiefer Einsamkeit wird dann im europäischen Menschen wachgerufen. Todesgedanken drängen sich auf, die Bewertung des Lebens selbst wird ambivalent.

     
   Neben Südamerika spielt Indien als Motivort eine wichtige Rolle in der erzählenden Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier sind vor allem Dauthendeys indische Erzählungen, Hermann Hesses Siddharta und Thomas Manns Erzählung Die vertauschten Köpfe zu nennen. Zumindest für die beiden letztgenannten Werke gilt, daß sie nicht den Versuch darstellen, indische Wirklichkeit als solche zu gestalten. Wo der direkte Zugriff auf fremde Wirklichkeit für möglich gehalten wird , bleibt das Bild der Fremde blaß oder trivial.
      Eigene Erfahrung bzw. genaue Kenntnis der außereuropäischen Wirklichkeit verhindern zunehmend, daß konkrete Fremde eine utopische Funktion gewinnt. Ausnahmen von dieser Entwicklungstendenz verdienen besondere Beachtung: In den 20er Jahren verfaßte Gottfried Benn die Serie seiner Südseegedichte. Obgleich auch bei ihm gründlich recherchiertes kulturanthropologisches Detail verarbeitet wird, behält die Fremde ihren utopischen Wert, d.h.: die Ãobertragbarkeit von Elementen, die der Fremde zugeschrieben werden, auf die europäische Wirklichkeit wird für möglich gehalten. So läßt sich nachweisen, daß Gottfried Benn in den wenigen Texten, in denen er die Sache des Nationalsozialismus feierte, an dem erhofften Dritten Reich die gleichen Elemente preist, die er in der Ursprungswelt der Südsee für real vorhanden hält. Hatte er sich seinen Südseeraum unter den motivischen Leitbegriffen Entindividualisierung, Ritualität, Aufgehen im mythischen Kollektiv, Schöpfungsnähe erschlossen, so besteht er nun in seinen Bemerkungen zu Der neue Staat und die Intellektuellen und in seiner Antwort an die literarischen Emigranten darauf, daß eben diese anthropologische Komplettierung für den Menschen im Dritten Reich bevorstünde.

     
   Nur wenige Jahre später schreibt Alfred Döblin seinen Roman Amazonas. Auf den ersten Blick scheint hier eine ähnliche Verführung vorzuliegen wie bei Benn. Auch hier scheint noch einmal Allotopie in Utopie überzugehen. Aber der Eindruck täuscht.
      Im ersten Teil des Romans rekonstruiert Döblin das Leben der Amazonas-Indianer für sich. Aus Märchen und Mythen filtert er die Geschichte vom Kampf der Frauenvölker gegen die Männervölker und der Austragung dieser Konflikte, die sich aus der naturhaften Verfassung des Menschen ergeben. Kampf der Geschlechter, Kampf ums tägliche Ãoberleben, auch: Kampf um die Liebe - aber das alles so, daß Natur des Menschen,innere Natur also, von der umfangenden Natur draußen nicht abgetrennt ist. Agression, Geschlecht, Tod sind keinerlei Bedenklichkeit unterworfen. In diese Welt läßt Döblin die Europäer einbrechen. Es sind bei ihm die Menschen der ersten Kolonisationsperiode, des 15. und 16. Jahrhunderts. Geschichtliche Realität taucht auf, und zwar als Geschichte der Konfrontation Europa-Außereuropa, als Geschichte der Ãoberwältigung des Restes der Welt durch europagewachsene Menschlichkeit. Die Begegnung endet für beide Seiten katastrophal. Sind die europäischen Eindringlinge in dem ersten Buch des ersten Teils, Das Land ohne Tod, noch Einzelne, die überwältigt werden können, so werden vom zweiten Buch Das Reich Cudina-marka an die Vernichtungstaten der Europäer im Gefolge von Kolonisierung und Missionierung, von militärischer Unterwerfung und wirtschaftlicher Ausbeutung ausführlich dargestellt. Eine riesige Masse erzählerischen Details dient dazu, allen Zweifel daran zu beseitigen, daß hier nicht einige widerwärtige Ausnahmefiguren ihr europäisches Unwesen treiben, sondern daß Machtanspruch, Besitzgier, Ãoberlegenheitsbedürfnis unmittelbar aus europäischem Selbst- und Weltverständnis herauswachsen, daß der Zwang zur Unterwerfung des Fremden unabdingbar zu Europas Rolle in der Welt dazugehört. Hier hat Döblin nur die Geschichte nachzuerzählen. Interessanter noch für unseren Zusammenhang ist die Frage, was die südamerikanische Fremde den Europäern antut. Die meisten von ihnen, die schlechtesten zuerst, erliegen der Versuchung, die von ihrer eigenen Macht, d.h. der technologischen und militärisch-organisatorischen Unterlegenheit ihrer Opfer ausgeht. Die Möglichkeit, rauben, morden, schänden zu können, und die Möglichkeit, all das vorwandhaft rechtfertigen zu können, läßt sie ihr Verhältnis zur Natur in sich selbst, zu ihrem Charakter als Mit-Natur verlieren. Aber auch die besten unter ihnen kommen nicht davon. In Döblins anthropologischen Spekulationen spielt der Begriff der 'Resonanz" eine besondere Rolle. Es ist die Fähigkeit des Mitschwingens, die den Menschen mit seiner Umgebung und über diese mit dem Ur-Sinn seines Daseins in Zusammenhang bringt. So ermöglicht Resonanzfähigkeit das Mitschwingen mit allem Sein dieser Welt. Immer dann aber, wenn Europäer fähig und bereit sind, sich der Resonanz auf die andere, die fremde Welt hinzugeben, geraten sie in die Gefahr, von dieser aufgesogen und vernichtet zu werden. Diese Gefährdung ergibt sich im Romanzusammenhang jeweils aus tragischen Verstrickungen, in die einzelne Personen geraten, wenn sie, inmitten eines Geschehens, das insgesamt auf Dominanz der südamerikanischen Fremden angelegt ist, für diese Partei ergreifen. So wird bei Döblin Las Casas - entgegen der historischen Tatsächlichkeit - von seinen eigenen Schützlingen für ein Verbrechen erschlagen, dasandere Weiße an ihnen verübt haben. Im zweiten Teil der Trilogie, in Der blaue Tiger, stirbt der junge Jesuitenpater Mariana, dessen Parteinahme für die ihm anbefohlenen Fremden so weit gegangen ist, daß er sich mit einem Trupp von ihnen von den anderen Jesuiten abgesondert hat. Die Natur des anderen Kontinents selbst, verkörpert in einem Wassergeist, holt ihn zu sich. Mariana ist verführbar geworden, seit es den 'Dunklen" gelungen ist, ihm ihren Wunsch einzupflanzen, er möge sie als einer der Ihren führen und sie von den Weissen befreien.

     
   In diesem Roman Alfred Döblins wird zweierlei herausgearbeitet: 1. Das Verhältnis von Europa zu Außereuropa ist nicht als imaginäre Begegnung zweier verschiedener Weltprinzipien zu verstehen, sondern ist längst historische Realität geworden; die Dominanz der Europäer wird dabei mit einem hohen Preis bezahlt; ihre Unfähigkeit, gewachsenen Andersheiten gerecht zu werden, bezahlen sie mit katastrophalen Deformationen an sich selbst, wenn nicht durch Selbstverlust. 2. Die nicht adaptierbare Fremde kann darstellerisch nicht mehr als Alternative zu Europa begriffen, nicht mehr als utopischer Raum gestaltet werden. Bei aller detaillierten Rekonstruktion und Ausmalung der Amazonas-Mythen, zumal im ersten Buch des ersten Teils der Trilogie, - hier ist nichts auf Vergleichung angelegt, keine Ãobernahme ist vorgesehen! Die Darstellung südamerikanischer Fremde hat die Funktion, die Grenze Europas, seine Selbstbefangenheit, seine Nichtentwickelbarkeit zu bezeichnen. Allotopie ist eingesetzt, um einen Abriß zu bezeichnen. Dieser trennt Europa vom Rest der Welt - und von seiner eigenen Zukunft.
      Döblins Roman ist während des Dritten Reiches geschrieben. Sein Europa-Pessimismus meint man, hätte überkommen werden können. Aber auch in den Jahrzehnten danach verschwinden die Zweifel Europas an sich selbst nicht aus der Literatur, die Gestaltung Europas läuft auf eine negative Utopie seiner selbst hinaus; und auch die außereuropäische Fremde gewinnt ihre Alteritätsfunktion nicht zurück.
Seit den 50er Jahren dieses Jahrhunderts entwickeln sich, soweit anhand der deutschen Literatur rekonstruierbar, die Selbstzweifel Europas in einer anderen Richtung. Die Art und Weise europäischer Naturbehandlung, die Durchsetzung des Prinzips instrumentaler Rationalität mittels Technologie und Großindustrie, die unaufhörliche Zunahme von Güterproduktion und Güterkonsumption, die aus all dem erwachsene Umwelt-Vernichtung treten nun in den Vordergrund. Seit den 60er Jahren wird das Motiv der

Naturverherrlichung in der Lyrik zunehmend ersetzt durch das Motiv der Naturzerstörung. Dazu kommt die Einsicht, daß der Erfolg Europas in der Welt nicht aufzuhalten ist: daß europäischer Fortschritt für den Rest der Welt, d.h. den ärmeren Teil der Welt, längst zur zwanghaften Wunschvorstellung geworden ist.
      Nach einem letzten Versuch, das utopische Potential Außereuropas für Europa doch noch zu retten, nämlich in der Annahme, daß gerade in einem Entwicklungsland die wahre Revolution möglich sei, die Weltrevolution womöglich von dort ihren Ausgang nehmen könnte , ist der motivische Aufgriff von Fremde im letzten Jahrzehnt vor allem zur Veranschaulichung völliger gegenseitiger Verständnislosigkeit benutzt worden. Als Beispiele für diese Tendenz können das berüchtigte Kalkutta-Kapitel in Günter Grass' Roman Der Butt und sein Reisebuch Kopfgeburten gelten.
      Die Unfähigkeit des jeweiligen Helden aller gewachsenen, aller sozialen und psychosozialen Fremde gegenüber, wird von Selbstironie nur mühsam überspielt. Im Zeitalter des Tourismus, der jeden Winkel dieser Erde erreichbar macht, wird in Kopfgeburten die Unerreichbarkeit des scheinbar so Zugänglichen thematisiert. Die touristische Verfügbarkeit der Dritten Welt kontrastiert mit ihrer Unverständlich-keit für die Touristen. Diese Art der Unerreichbarkeit ist in Kopfgeburten in die Strukturbedingungen des Textes verlegt: Die Reise von Harm und Dörte findet nur im Kopf statt. Das in der Fremde Erfahrene ist immer nur ihre Erfahrung, das, was in ihrem Kopf als Fremde möglich wird. Fremde, so scheint es, ist wieder zur reinen Projektionswand geworden - bei gleichzeitigem Bewußtsein, sie als Projektionswand mißbrauchen zu müssen. Denn bei aller Unfähigkeit der Figuren in den genannten Texten, von ihrem europäischen Bezugsort aus konkrete Fremde wahrzunehmen, besitzen sie doch das abstrakte Bewußtsein eben der Trennung von fremder Wirklichkeit. Dieses wird dann ironisch überspielt, die Verzweiflung über das Abgetrenntsein von der anderen Welt schlägt in Albernheit um.
      'Vasco da Gama", der im Butt stellvertretend für den Autor das moderne Kalkutta erlebt, gesteht sich seine völlige Hilflosigkeit der fremden Realität gegenüber folgendermaßen ein:
In Kalkutta verloren gehen. Auf einer unbewohnten Insel ein Buch über Kalkutta schreiben. In Gesellschaft Kalkutta ein Beispiel nennen. Den Raum Frankfurt/Mannheim als Kalkutta erfinden. Unartige Kinder, Frauen, die wie Ilsebill nie zufrieden sind, und nur noch termingerechte Männer nach Kalkutta verwünschen. Einem jungen Paar als Zielder Hochzeitsreise Kalkutta empfehlen. Ein Gedicht schreiben, das Kalkutta heißt, und dem Fliegen Punkt Komma Strich setzen. Alle Vorschläge zur Sanierung Kalkuttas von einem Komponisten vertonen und in Kalkutta als Oratorium uraufführen lassen. Aus Kalkuttas Widersprüchen eine neue Dialektik entwickeln. Die UNO nach Kalkutta verlegen. Resignation vor der Fremde? Resignation vor sich selbst? Das Bewußtsein des Europäers, keine Alternative zu sich selbst zu finden in dieser Welt, läßt die Verzweiflung an sich selbst, auch wenn sie selbstironisch kontrolliert ist, nur um so unerträglicher erscheinen. So deutet sich in der Geschichte des Motivs der Fremde europäische Tragik an: Der Zwang alles verstehen zu müssen, der weltgeschichtlich einmalige Erfolg europäischer Wissenschaft und Technologie , die Zweifel daran, ob die Folgen eigener Weltbearbeitung , noch kontrollierbar sind, haben nicht nur die Möglichkeit der Utopiebildung in Frage gestellt56, sondern auch die Allotopie an ihre Grenze gebracht. Insofern kein Ort auf dieser Welt, sei er naturgeschichtlich oder kulturhistorisch markiert, sich mehr außerhalb der Bedrohung durch Europa befindet, kann auch keine Allotopie mehr dazu benutzt werden, um Diskontinuität auf das Eigene zu markieren.
     

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