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Literatur als vermittlung

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Anfänge: die noch unbegriffene, zwischen Außen und Innen bewegliche Fremde



Literatur mit ihrer Darstellungsbedingung, sich nur in 'schematischer Hinsicht" auf Wirklichkeit beziehen zu können, ist auf Kontrastbildung angewiesen. Fremde in allen Dimensionen, als barbarisch-heidnische, rassischethnische, als kulturelle, existenzielle," als Geschlechter-Fremde und als Fremde des eigenen Unbewußten, ist zu motivischer Strukturbildung benutzt worden.n Dabei ergibt es sich, daß die verschiedenen Dimensionen von Fremde sich oft vermischen. Eine Mischungstendenz ist hier besonders herauszugreifen: die zwischen den - in den Anfängen des Abendlandes unbewußten - eigenen Ã"ngsten/Wünschen und der realen ethnisch-kulturellen Fremde, auf welche hin die eigenen Ã"ngste/Wünsche besonders mühelos projezierbar waren. So durchdringen sich von Anfang an utopische Projektionen mit der Darstellung von mehr oder minder rudimentären, fragmentarischen, willkürlich selektierten und gebündelten Elementen von real erfahrener Fremdkultur. Utopie und Al-lotopie hatten seit jeher die Tendenz, ineinander überzugehen, sich in vielfältiger Weise gegenseitig zu funktionalisieren.
      In der Antike wurde die Distanz auf sehr entfernte Völker darstellerisch in zwei Absichten benutzt: um sie als sehr viel besser oder sehr viel schlechter als die vor Ort verwirklichte Form von Menschlichkeit erscheinen zu lassen. So begegnet Odysseus in der Ferne nicht nur den Laistrygonen, mörderisch in ihrer Agressivität den Fremden, also den Griechen gegenüber, nicht nur den verweichlichten und die Fremden zur Weichlichkeit verführenden Lotophagen, nicht nur der ungeselligen Gesellschaft der Ky-klopen, sondern - offenbar in größerer Nähe zum griechischen Kulturraum - auch den liebenswerten Phaiaken. Eine besondere Rolle scheint bereits bei Homer der Gedanke gespielt zu haben, daß die Distanz zur zivilisatorischen Verfeinerung einen Vorteil darstellen könnte, daß der Wilde mithin ein 'edler Wilder" sein könnte - einfach aufgrund seiner erhaltenen Natürlichkeit. So spricht Homer in der Mas von den südlichen Ã"thiopiern als den 'reinsten", von den 'Milchtrinkern" im Norden als den 'gerechtesten" Menschen. Diese 'Milchtrinker" wurden, wie Götz Pochat in seinem Exotismusbuch auführt, später mit den Skythen verwechselt und 'gaben zu der späteren Verherrlichung der Naturvölker Anlaß." In der Tat liegt der Vergleich nahe, daß 'die Skythen für die Antike dasselbe waren, was die Indianer für Europa im 16. und 18. Jahrhundert werden sollten."

   Im frühen Christentum wurden die Barbaren, die Naturvölker, zu Hei-den. Das beeinträchtigte ihr Gutsein. So ist die Bewertung, die sie bei den Kirchenvätern erfahren, gespalten. Die einen loben, die anderen verdammen sie.
     
   Offenbar unterlag das Fremde von Anfang an dieser gespaltenen Bewertung: Es konnte entweder als bessere oder als schlechtere eigene Möglichkeit angesehen werden. Wurde das Fremde als bessere Möglichkeit gesehen, dann konzentrierten sich darauf die eigenen Wünsche, wurde es als schlechtere Möglichkeit gesehen, war es geeignet, all die Ã"ngste auf sich zu ziehen, die das projizierende Subjekt bei der Erfahrung oder auch nur Vorstellung von Fremde empfand. Neben diese intentionale Unbestimmtheit dem Fremden gegenüber trat aber noch eine weitere Dimension von Doppeldeutigkeit, die referentielle. So betont Pochat, daß selbst bei Reiseschriftstellern, also bei Menschen, die die Fremde mit ihren eigenen Sinnen erlebten, bis in die Zeit der Renaissance hinein die Gewalt der Vorstellung gegenüber der Anschauung allzu oft die Oberhand gewann. Er spricht von einer 'Eichung" der Wahrnehmungen der Berichterstatter und fragt sich, in wieviel höherem Maße dann 'die Erwartung und die Vergleichsmöglichkeiten des Publikums, das nur in ,zweiter Hand' mit jenen fernen Ländern in Kontakt kam, von der Tradition in Wort und Bild abhängig und geformt worden sein müssen." So berichteten die Entdeckungsreisenden des Mittelalters und der Renaissance von Monstern und Giganten, die sie gesehen hatten. Und wir können nicht sagen, daß sie logen. Es sieht so aus, als habe das Interesse am Fremden nicht durch Berichte vom realen Fremden, dem Anderen also, befriedigt werden können; als habe die ferne Fremde nur Rahmen und Hintergrund, allenfalls Vorstellungsanlaß sein können für die Bearbeitung des Eigenen in wunschhaft oder angstvoll getriebener Phantasie. Pochat kommt für das Mittelalter zu folgenem Resümee:
So ist die exotische Tradition der Antike und des Mittelalters in para-doxaler Umkehrung der Lebenserfahrung auf das Unwirkliche, Märchenhafte und Unglaubliche ausgerichtet gewesen. Wo Ansätze einer nüchternen Wirklichkeitsbeobachtung gemacht wurden, fanden sie wenig Anklang, und wenig Glauben wurde ihnen geschenkt. In den deutschen Epen des Mittelalters hat das Motiv der Fremde eine sehr inkonsistente Funktion. Nicht nur, daß die Fremde wechselnder Bewertung unterliegt; unter dem Vorwand, raumferne Wirklichkeit zu präsentieren, werden politische Interessen, werden Angst- und Wunschphantasien und stereotype Rassenvorurteile gemischt.
      Im Herzog Ernst sind Personen und Handlungsumriß auf historische Vorgänge zurückzuführen. Ernst, der Stiefsohn von Konrad IL, verbannt 1027, unternahm einen Kreuzzug ins

Heilige Land. In der orientalischen Ferne erlebt der Held alle möglichen Abenteuer. Die wohl phantastischsten hat er gegen den 'Vogel Greif", gegen die 'Schnabelmenschen" im Lande Grittia zu bestehen. Besonders diese zweite Episode ist für unseren Zusammenhang aufschlußreich. Nach einer Seenot, dem charakteristischen Beginn vieler Utopien, geht Ernst mit den ihm verbliebenen Rittern in einem herrlich gelegenen Hafen an Land. Hafen und dazugehörige Stadt erweisen sich als leer 18. Begleitet nur von seinem Freund, dem Grafen Wetzel, dringt Ernst bis in den Königspalast vor und versteckt sich dort, als die Wiederkehr der Bewohner sich ankündigt, in einem Nebenraum. Von hier aus werden die beiden Ritter Zeugen einer entsetzlichen Szene. Die Bewohner von Grittia, Wesen mit menschlichen Körpern, mit Hälsen und Häuptern aber von Kranichen, sind von einem Beutezug zurückgekehrt, von dem sie aus 'Indien" eine Prinzessin als Beute zurückgebracht haben. Dieser will sich der König der Schnabelwesen vermählen. Die Darstellung des Festbanketts wird zum Anlaß, dem Leser die widernatürlichen Umstände dieser Verbindung vor Augen zuführen:
Alle, die dort saßen,tranken und aßen,was ihnen gefiel,nur die liebliche Jungfrau nicht.

      Sie wollte nichts essen.
      Deshalb sollte sie niemand tadeln,wenn es ihr keine Freude machte.
      Sehr oft küßte sie der Königund stieß ihr seinen Schnabel in den Mund.
      Eine solche Form der Liebe war ihr unbekanntgeblieben, so lange sie in Indien lebte.
Dann wird die Prinzessin ins Hochzeitszimmer geführt, um dort entkleidet zu werden. In eben diesem Raum aber sind der Herzog und der Graf versteckt. Die Katastrophe ist unvermeidlich, denn als die Ritter dort entdeckt werden, geraten die Grittianer in Panik und erstechen die indische Prinzessin mit ihren Schnäbeln. Herzog Ernst und Graf Wetzel rächen diese Untat, indem sie den König samt seinem Gefolge erschlagen. Die Prinzessin hat eben noch Zeit und Kraft genug, um den beiden Rittern dafür zu danken, daß sie sie befreit haben 'von den vielen Schmerzen", die sie 'in einer solchen Ehe hätte erleiden müssen" . Sie erzählt die Ge-schichte ihrer Verschleppung aus Indien, wünscht Herzog Ernst für die Zukunft alles Gute und stirbt in standesgemäßer Gefaßtheit.
      Zwischen dem europäischen Ritter und der 'indischen" Prinzessin gibt es keine Fremde. Keine Sprachbarriere, keine Unterschiede im höfischen Verhalten trennt sie. Herzog Ernst hat getan, was von ihm zu erwarten war; die Prinzessin dankt für den, wenn auch vergeblichen, Rettungsversuch in gepflegter höfischer Rede, die über 70 Verse geht und sie betont, daß der Tod ihr lieber ist als 'solche Not" zu leiden . Diese Not geht von der Unmenschlichkeit der Vogelmenschen aus. Hierin liegt deren Fremde. Sie erweist sich also gerade nicht an kulturellen Merkmalen: der Zivilisationsstand von Hafen, Stadt und Palast entspricht europäischen Anforderungen; das Fremdheitselement, das dramatisch herausgearbeitet wird, liegt in dem Versuch der geschlechtlichen Ãoberwältigung einer Menschenfrau durch die tierischen Anteile der Grittianer . Das Bedürfnis, diese Projektionen zu gestalten, verdrängt das Interesse an der Gestaltung der realen Fremde, wie sie in der Begegnung des deutschen Ritters Herzog Ernst mit der indischen Prinzessin hätte aufgesucht werden können.
      In dem fast gleichzeitig ) entstandenen König Rother sind die politisch-historischen Bezüge, Interessen, Parteinahmen unübersehbar. Ort der Fremderfahrungen, die der Leser zugleich mit dem Helden des Epos macht , ist das orientalische Konstantinopel. Dem 'westlichen" Rother tritt der 'östliche" Herrscher Konstantin gegenüber. In dessen Gestalt verkörpern sich freilich all die Eigenschaften, mit denen bis in die Neuzeit herauf 'östliche" Potentaten ausgestattet wurden. Konstantin ist hinterlistig, feige, verweichlicht und willensschwach. Und er ist unbeliebt bei seinem Volk. Diese Zeichnung des 'östlichen", des exotischen Gegenspielers von Rother ermöglicht es, Rother als das Gegenteil Konstantins, als den guten, ja idealen Herrscher erscheinen zu lassen. Abgesehen von den inhaltlichen Stereotypen, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen 21, ist kulturelle Fremde hier viel gezielter, konturierter eingesetzt: zur Herausarbeitung einer durchaus politisch zu verstehenden Ideologie vom guten, geliebten, tapferen Herrscher. Und im Schlußteil des Epos wird eine Tradition des Herrschertums geknüpft, die von Alexander dem Großen bis zu Pippin, dem Sohn Rothers, reicht, dessen Schwertleite in Aachen gefeiert wird .22 Die Geschichte der Kontinuität abend-ländischen Herrschertums wird bis zu der Stelle weitererzählt, an der die Krone von Pippin auf dessen Sohn Karl übergeht. Gegenüber dieser politisch konturierten Kontrastfunktion, die der zwar christliche, aber eben 'östliche" Herrscher für die Zeichnung des König Rother übernimmt, verblaßt die Fremde, die Konstantin und Rother gleichermaßen von dem 'arabisch-heidnischen" Imelot trennt, zu einer Fremde zweiten Grades. Die Polyfunktionalität des Motivs der kulturellen Fremde, zumal der nichteuropäischen, und das hieß damals: der asiatischen Fremde, läßt sich besonders gut am Verhältnis des Nibelungenliedes zu seiner stofflich-motivischen Vorstufe, den entsprechenden Liedern im Korpus der sogenannten Edda zeigen. Ich beschränke mich auf das Handlungselement der Ermordung der Brüder der germanischen Ehefrau Attilas,des Hunnenkönigs. In dem sogenannten Ã"lteren Atlilied" trifft alles negative Werten den Hunnenkönig selbst: er ist hinterlistig, grausam, unbeherrscht, willkürlich autoritär, unversöhnlich, feige. Fremde liegt zwischen ihm und den germanischen Helden, deren Ethos und Kampfesweise. Gudrun, wie die Schwester der Nibelungen hier heißt, rächt den Tod ihrer Brüder an Atli, indem sie ihm die Herzen der eigenen Söhne zum Essen gibt, ihn in seiner Trunkenheit eigenhändig tötet und dann den ganzen Königspalast in Flammen aufgehen läßt. In diesem Fun erweist sich Gudrun als ihren Brüdern ebenbürtig: die Bewertung ihres Handelns in der letzten Strophe des Liedes ist eindeutig: 'Die Mär hat ein End/keine Maid tut je/in der Brünne ihr gleich "'. Ihre Grausamkeit, die eigenen Söhne um der Rache willen getötet zu haben, ist gerechtfertigt: es ist die gleiche Grausamkeit, die Atli vorher gegen ihre Brüder hatte walten lassen.
Ganz anders im höfischen Nibelungenlied. Hier erscheint die ethnische Fremde zwischen den Burgunden und den Hunnen nahezu eingeebnet. Nur in dem versuchten nächtlichen Ãoberfall auf die Schlafhalle der Burgunden, der durch die Wache von Hagen und Volker vereitelt wird und in der gelegentlich anklingenden Kampfesscheu der Hunnen, die durch Geld zum Kampf angereizt werden müssen, leben die Stereotypen über die Ostvölker fort. Eine Aufwertung erfährt im Nibelungenlied vor allem die Gestalt Attilas, hier Etzel genannt. Zwar fehlt diesem persönliches Kämpfertum, aber er erscheint mäßig, besonnen und gewillt, die an die Gäste gegebenen
Zusagen und Versprechen zu halten. Diese Aufwertung hat offenbar mit dem Milieudruck des Höfischen insgesamt zu tun, der das Nibelungenlied erfüllt; der Figurenumriß des 'Herrschers" ist überwältigend positiv konnotiert. So ergibt sich, was höfische Gesittung, was Edelmut angeht, kein Gefälle zwischen dem Hunnenkönig und seinen Gästen. Die höfische Gesellschaft ist unter sich. Allenfalls an dem übermäßigen Prunk, zu dem die Hunnen neigen, zeigt sich ein Mangel an Maß und Geschmack. - Daß die 'Heiden" ganz besonders zu Prunksucht, Verschwendung, ja geradezu weibischer Eitelkeit neigen in ihrer Selbstsucht, ist übrigens auch der Hauptvorwurf, der im Rolandslied des Pfaffen Konrad [entstanden wahrscheinlich ebenfalls um 1170] die heidnischen Mauren trifft.)
An der Stelle, wo in dem Vorgängertext zum Nibelungenlied, der Edda, das Motiv der rassisch-ethnischen Fremde, der männlich-ritterlichen Minderwertigkeit der Hunnen gegenüber den 'Nordleuten" steht, tut sich im höfischen Epos eine ganz andere Art von Abgrund auf: die Rachsucht der Frau. Kriemhild, der Hagen und ihre Brüder den Mann geraubt haben, hat diesen Verlust nicht verschmerzt. Ihr Nicht-vergessen-Können wird den ganzen Text hindurch durchaus positiv gesehen. Daß aber unverwundener Verlustschmerz und zugleich damit wohl auch Machtgier sie die Liebe zu ihren Brüdern und die Ehrfurcht vor wahrem Heldentum verlieren läßt, das erscheint als unverzeihlich. So ist denn Kriemhild, nachdem sie eigenhändig Hagen erschlagen hat, die Verkörperung des eigentlich Bösen in diesem Text, des, so möchte man sagen,,Fremden" in Bezug auf die höfisch-ritterliche Einheit der Welt. Hagen selbst ist es, der unmittelbar vor seinem Tode das Urteil über sie spricht: Valandinne, also Teufelin, nennt er sie. Als sie ihn daraufhin enthauptet, tut das sogar dem König Etzel leid, und Hildebrand, der Waffenmeister des Dietrich von Bern, kann es nicht hinnehmen, daß 'von der Hand eines Weibes der beste aller Degen erschlagen worden ist". Er rächt den Tod Hagens, indem er seinerseits Kriemhild erschlägt. Aus dem Kontext ergibt sich, daß dies sogar mit einer gewissen Zustimmung von Seiten Etzels geschehen konnte .
      Die Funktionalisierung ethnisch-kultureller Fremde, insbesondere asiatischer Fremde, im Motivgefüge der Epik unseres Hochmittelalters weist nicht auf einen ausgeprägten oder gar zugespitzten Ethnozentrismus hin. Zwar deuten sich die charakteristischen Stereotype an, mit denen 'östliches" Menschen- und Herrschertum seit der Antike belegt worden sind ; aber diese Annahmen sind dort, wo andere Bewertungsinteressen auftreten, mühelos zu überwinden. Eine konsequente Bewertung der verschiedenen Völker, je nach Nähe oder Ferne zu dem christlichen Konzept der Heilsgeschichte, setzt sich nicht durch. Nicht im intentionalen Bereich des Wertens also, wirkt in seinen Anfängen das Auf-sich-selbst-Bestehen des christlichen Abendlandes sich aus. Auffallend dagegen ist, daß ethnischkulturelle Fremde als realer Bezugsbereich, als kulturhistorische Faktizi-tät, in der literarischen Darstellung eine so geringe Eigendynamik zugestanden bekommt.
      Die Erinnerung an die Erfahrung des Einbruchs der Hunnen nach Europa, die in den £

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