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Palau - Verführung der Ferne



Zu dem Motivkomplex 'Außer-Europa" in der Lyrik Gottfried Benns

Benn, wie viele Autoren im ersten Drittel dieses Jahrhunderts, war fasziniert von außereuropäischer Fremde. Sie war der Vorstellungsraum, in dem 'Anderes", 'Neues", 'Unerwartetes" blühte, in dem die Projektionen eigener besserer Möglichkeiten sich entfalten konnten. Die konkrete, die reale Fremde war nicht gemeint. Wo aber 'Fremde" als Motiv allzu unbedenklich von Eigenem besetzt wurde, erwies sie sich als Risiko.
      Der von Dieter Wellershoff besorgten Gesamtausgabe der Werke Gottfried Benns ist ein Begriffsregister beigegeben. Wellershoff und Ruth Römer haben in einem Vorwort dazu begründet, warum sie auf ein Sach-und Personenregister einerseits, auf einen Stellennachweis der 'lyrischen Ausdrucksworte" andererseits verzichtet haben: Das erste, so argumentieren sie, wäre 'zu einer zwar üppigen, aber unergiebigen Sammlung geographischer, historischer, mythologischer, botanischer Fakten" geworden, das zweite 'wegen der fluktuierenden unbestimmten Bedeutung der Gefühl-saura dieser Worte wenig brauchbar gewesen". Das Begriffsregister dagegen, so meinen sie, "trifft auf präzisere Strukturen". In dem 'Nachwort des Herausgebers" zu den beiden Gedichtbänden schränkt Wellershoff allerdings das zu dem Register des Gesamtwerks Geäußerte in seiner Geltung für die lyrischen Texte wieder ein; im Anschluß an ein Benn-Zitat aus 'Epilog und lyrisches Ich" sagt er: 'Ein Begriff ist die feste Bezeichnung einer bestimmten Bedeutungseinheit, die sich genau definieren läßt. Das dichterische Wort aber, von dem Benn spricht, ist nicht definierbar. Es beschwört einen Komplex von Vorstellungen, Gedanken, Erinnerungen, Erlebnisqualitäten, der fließend ist und sich verwandelt..." Wäre also doch ein Index der 'lyrischen Ausdrucksworte" angebracht gewesen?! Aber wie sind wiederum diese abzugrenzen von irgend anderen Worten in einem lyrischen Gedicht - zumal bei einem Autor wie Benn, der buchstäblich jedes Wort mit Ausdruckskraft aufzuladen vermag? Nur ein allgemeiner Wortindex konnte hier abhelfen. Der 1971 von Otto Horch vorgelegte Index zur Lyrik Gottfried Benns bietet nicht nur alle Vorkommens-stellen aller Worte, sondern auch eine Häufigkeitsliste. Auf die Problematik der Unterscheidung zwischen 'Begriff und 'lyrischem Ausdruckswort" wird im Vorwort ausdrücklich hingewiesen mit einer Begründung, der ich mich anschließe: 'Denn was zu der einen oder der anderen Kategorie zu rechnen ist, stellt einen Vorgriff auf die Interpretation dar " Arbeitet man nun aber mit dem Wortindex, stößt man bald auf eine neue Schwierigkeit: Die an Bildkomplexe gebundenen Ausdruckseinheiten sind über Einzelworte durchaus nicht immer aufspürbar; und Fragen der Häufigkeit bestimmter charakteristischer Wortverbindungen können mit Hilfe des Einzelwortindex nicht beantwortet werden. Inzwischen ist eine Neuausgabe des Gesamtwerks beim S. Fischer Verlag begonnen worden, die textkritisch verläßlicher sein wird. Wie der Herausgeber, Bruno Hille-brand, auf Anfrage mitteilte, ist nicht nur ein Personen- und Sachregister, sondern auch ein 'Bildregister" vorgesehen. Wie dessen spezifische Problematik gelöst werden wird, bleibt abzuwarten.
      In meinem hier ins Auge gefaßten Argumentationsgang ist an einer bestimmten Stelle ein Ãobergang von der Betrachtung lyrischer Texte zu essayistisch-programmatischen Texten vorgesehen. Ich möchte das Werk Benns also als eine Einheit betrachten, die Grenze zwischen den Gattungen einerseits nicht verwischen, im Gegenteil, kräftig ziehen, andererseits die Grenze aber analytisch überschreiten. Um meine These in poetologischer Abstraktion vorwegzunehmen: Ich möchte vorstellbar machen, daß die Verwendung von bestimmten Wort-Bild-Komplexen und Bild-/Vorstellungsräumen in der Lyrik gerade bei einem so wort-nahen, so einheitlich denkend-dichtenden Autor wie Gottfried Benn den Gebrauch von Begriffen auch in essayistisch-programmatischen Ã"ußerungen beeinflußt haben kann.

     
Das Begriffsregister des Gesamtwerks hat keine Häufigkeitsliste. Da die Begriffe nicht konsequent in jedem einzelnen Vorkommen aufgeführt sind, sondern bei gehäuftem Vorkommen über mehrere Seiten hin nur pauschal bezeichnet sind, ist eine Auszählung der Häufigkeit nur bedingt genau. Die provisorische Häufigkeitsfeststellung erbringt gleichwohl einige brauchbare Ergebnisse.

     
Die beiden häufigsten Begriffe überhaupt, 'Mensch" und 'Leben" , geben Hinweise erst, wenn man sie in ihren häufigsten Zusammensetzungen betrachtet: 'deutscher Mensch", 'heutiger", 'abendländischer", 'neuer Mensch"; die einzige mehrfach wiederkehrende Verbindung mit 'Leben" ist 'provoziertes Leben".
      Die Gruppe der nach ihrer Häufigkeit anschließenden Begriffe, mit einem Vorkommen von etwa 150 abwärts, möchte ich gleich nach drei Gesichtspunkten geordnet bieten: Im Bereich der ästhetischen Spekulation dominieren folgende Begriffe: 'Form" , 'Wort" , 'Kunst" , 'Ausdruck" , 'Stil" und 'Bild" . Interessant ist dabei, daß 'Gedicht" weniger häufig genannt ist als 'Bild" oder gar 'Form". Ich möchte aber auf diesen Begriffsbereich gar nicht weiter eingehen, nur anmerken, daß Begriffe wie 'Ausdruck" und 'Bild" einerseits, 'Form" und 'Stil" andererseits, als Gegensätze aufeinander beziehbar sind, daß also die wichtigsten Begriffe dieses Bereichs gegensatzfähige Begriffe sind.
      Im Bereich der ontologischen bzw. anthropologischen Spekulation sind am erfolgreichsten die Begriffe: 'Geist" , 'Welt" , 'das Ich" , 'Glück" , 'Gehirn" , 'Nichts" , 'Rasse" , 'Wirklichkeit" bzw. 'Realität" , 'Natur" , 'Ding" , 'Traum" , 'Denken" , 'Sein" , 'Tod" , 'Stunde" . 'Zeit" . ..Raum" . Festhalten möchte ich hierzu, daß zu den bei Benn sehr stark polhaft aufgeladenen Begriffen Geist, das Ich, Gehirn, Denken unmittelbare Gegenbegriffe fehlen. Das wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen stellt - auch Wellershoff/Römer weisen daraufhin - , daß 'Stirn" und 'Schläfe" ebenso wie 'Schädel" nahezu synonym mit 'Gehirn" gebraucht werden; 'das Du" ist dagegen im Register nur fünf mal aufgeführt, der Begriff des 'Kollektivs", wenn man den Plural und die gleichsam feste Verbindung 'mythisches Kollektiv" dazu-zählt, etwa 20 mal. Der Begriff 'Irrationalität", den man zur Polarisierung von 'Realität"/'Wirklichkeit" ebenfalls in häufiger Nennung erwarten würde, kommt, wenn man 'das Irrationale" dazunimmt, nur etwa ein Dutzend mal vor - der Begriff 'Mythe", nicht auf der gleichen Abstraktionsebene liegend, immerhin 36 mal. So erscheint für das Folgende wichtig, daß die relativ erfolgreichsten Gegenbegriffe zu dem Komplex 'Gehirn"/ 'Denken"/'Bewußtsein" die Begriffe 'Natur", 'Traum" und 'Mythe" sind, daß aber, nicht nur der Häufigkeit des Vorkommens, sondern auch der Festigkeit, Etabliertheit und Griffigkeit der Begriffe nach, der Bereich des 'Bewußtseins" die anthropologische Spekulation dominiert. Das erscheint erstaunlich. Denn es gibt kaum ein bedeutendes Werk der Benn-Forschung, das nicht die Antithese als Grundstruktur des Bennschen Wer-kes - nicht nur des Bennschen Denkens - nennt, wobei, wie etwa bei Vahland, noch die Tendenz zur Antithese einerseits, zur Synthese andererseits eine zusätzliche Ebene der antithetischen Polarisierung hineinbringt.
Hält man das Problem der unsymmetrischen Ausprägung des gegensatzfähigen Begriffsmaterials fest und orientiert sich unter diesem Aspekt in dem bei Benn besonders brisanten Bereich der Evolutions- bzw. Geschichtsspekulation , so fällt unter den erfolgreichsten Begriffen eine krasse Asymmetrie auf: 'Abendland" und 'Okzident", von Wellershoff/Römer als Synonyme aufgefaßt, erscheinen 50 mal, Europa, als beinahe-Synonym verwendet, ebenfalls etwa 50 mal, zusammengenommen also rund 100 mal. Es folgen der Häufigkeit nach: 'Geschichte"/'Historie" , 'Staat" , 'Volk" , 'Menschheit" und 'Deutschland" . Gegenbegriffe zu 'Abendland"/ 'Okzident"/ 'Europa" fehlen so gut wie ganz - eine bemerkenswerte begriffliche Leerstelle!
Aber - und hier kommt das Begriffsregister an seine Grenze -: dem Dichter Benn stehen eben ganz andere als nur begriffliche Mittel zur Verfügung, um Polarität, um Antithetik zu erzeugen. Exemplarisch, metaphorisch, bildhaft eingesetzte Worte können, zumal in lyrischen Texten, Gegenräume, Gegenwelten, Alternativen zu den antithese-fordern-den Begriffen eröffnen. Zwei Erkenntnisse immerhin möchte ich zu diesem Gestaltungsproblem bei Benn an dieser Stelle fixieren: Da die anthropologische und die historisch-politische Spekulation sich bei Benn ständig gegenseitig durchdringen, lohnt es sich, danach Ausschau zu halten, wie die Dominanz bestimmter antithese-fordernder Begriffe poetisch balanciert wird; es ist zu untersuchen, ob und wie die Tatsache, daß Begriffe unbegrifflich zu balancieren sind, daß also aus Gestaltungszwang Begrifflichkeit und Bildlichkeit ineinandergepreßt werden unter dem Druck der Antithesebildung - ob und wie diese Tatsache sich auf Benns programmatisch-politische Stellungnahmen ausgewirkt hat.
      Ich enge meine Betrachtung nun auf die Lyrik ein. Wo 'Abendland"/ 'Okzident"/'Europa" in der Topographie Bennscher Innerlichkeit lokalisiert sind, ist bekannt und hinreichend diskutiert: Es ist der Raum des reinen Bewußtseins, des einsamen 'zersprengten" Ichs, es ist der Zustand nach dem Verlust der 'Mitte", nach dem Tod der 'Mythe", der

Zustand des 'Bewußtseins des Bewußtseins", das Syndrom des daraus folgenden 'Realitätsverlusts", an dem 'Rönne" leidet.
      'Fünfunddreißig Jahre und total erledigt" - der Satz aus dem Epilog der 'Gesammelten Schriften" bezieht sich auf das Jahr 1921, die Zeit nach der Rönne-Diesterweg-Prosa. Realitätsverlust durch Verhirnung -eine Gefahr, gegen die Benn sein Leben lang angekämpft, angeschrieben hat. Die Gedichte gerade der zwanziger Jahre sind erfüllt von diesem Kampf. Europäisches Bewußtsein, europäische Wissenschaft, europäische Individualität, europäischer Mythenverlust - und wo formiert, daß heißt: wie veranschaulicht sich die Gegenwelt dazu, die Welt des Traums, des Rausches, des Irrationalen, des nur naturhaften, des glücklichen Seins?
Eine Gegenwelt, die Benn sich zum europäischen Hier und Jetzt der Zerebralität eröffnet hat, ist ausführlich analysiert worden: ich meine die ferne Vergangenheit, die 'Vorzeit"
O daß wir unsere Urahnen wären. Ein Klümpchen Schleim im warmen Moor. Leben und Tod, Befruchten und Gebären Glitte aus unseren stummen Säften vor.

      "
Die Gegenwart des Vergangenen - Benn hat sie immer wieder beschworen. Im 'Phänotyp der Stunde" hat Wellershoff die Wegweiser Benns auf dem Weg nach rückwärts, in die Früh- und Vorgeschichte, benannt: Johann Jakob Bachofen, Hans Driesch, Eugen Georg, Edgar Dacque, Carl Gustav Jung, Erich Unger. Else Buddeberg hat darüber geschrieben, Edgar Lohner, Oskar Sahlberg; bei Peter Schünemann heißt das betreffende Kapitel: 'Die alten Völker in der Seele und die geologisch erklärte Geschichte". In der Textsammlung zu Benn 'Wirkung wider Willen" läßt sich der Eindruck, den dieser Motivkomplex machte, in den einzelnen Phasen der Wirkungsgeschichte deutlich greifen.

     
   Eine andere Welt, ein anderer Raum, ein anderes Anschaulichkeitsreservoir, die zur Gegenwelt des Abendlandes der zwanziger Jahre werden konnten, sind weniger beachtet worden: das - metaphorisch aufgegriffene - Außer-Europa. Soweit Geographisches als metaphorischer Raum bei Benn bisher beachtet worden ist, bezieht sich die Sekundärliteratur vor allem auf den Begriff des 'Südens". So ist bei Edgar Lohner in 'Passion und Intellekt. Die Lyrik Gottfried Benns" in dem Kapitel 'Süden" alleszusammengefaßt, was dem Ich-Hirn-Komplex entgegensteht. Das ist bei Lohner der Bezirk insgesamt, 'in dem die Trennung zwischen Geist und Natur, Ich und Wirklichkeit noch nicht vollzogen ist". Dort heißt es dann weiter: 'Diese Landschaft umfaßt das Mittelmeer und Griechenland, ebenso wie die Südsee und Sansibar, Arles, Dehli und Colombo oder Israel, Afrika, Yukatan." Als zentrales Merkmal dieses Bereichs gilt Lohner das 'Meer" und als dessen charakteristischste 'lyrische Eigenschaft" das berühmte Bennsche 'Blau".

     
   Ich möchte das etwas einschränken. Das Mittelmeerische ist überall im Werke Benns präsent - aber auch in anderer Qualität, gleichsam an einem anderen Ort der Topographie der Innerlichkeit: das Mittelmeerische ist auch Ausgangspunkt abendländischer Geschichte, auch Geburtsort von Bewußtsein, ist auch 'innere Klarheit" und - Antithese! Joachim Vahland weist eben darauf hin, wenn er sagt, daß seit etwa 1920 bei Benn der Süden, zumal Griechenland, nicht nur 'Dionysos", sondern auch 'Apollo" sei. In seiner Analyse der dualistischen Metaphorik bei Benn bleibt freilich auch er bei der Formel des Gegensatzes 'Nord-Süd", ohne den 'südlichen Raum" weiter zu differenzieren. Oskar Sahlberg schließlich in seiner - insgesamt etwas ikonoklastischen - Benn-Studie von 1977 erkennt zwar den motivischen Zusammenhang der Südsee-Gedichte, wertet aber den Bereich insgesamt als einen Teil der Bennschen 'Phantasiewelt" ab, ohne seine gestalterische Funktionalität zu sehen.

     
   Ich möchte der geographischen, der kultur-räumlichen Ferne in der Lyrik Benns in den zwanziger Jahren etwas genauer nachgehen. Ich wage dabei die Behauptung, daß diese Gegenwelt zum Europa des Hier und Jetzt keine geringere gestalterische Bedeutung hat als die als Mythengegenwart beschworene 'Vorzeit".
      Folgende Gedichte sind hier zu nennen: 'Palau" , 'Theogonie" , 'Meer- und Wandersagen" , 'Ostafrika" , 'Osterin-sel" , 'Sät dich der Traum in die Weite" . Alle diese Gedichte haben einen bemerkenswert einheitlichen Bildraum, der in der außereuropäischen, meist der südseeischen Exotik seine Anschaulichkeit hat. Daß hier die 'Gegenweit" den gesamten Bildraum des jeweiligen Gedichts beherrscht, ist gestalterisch wichtig: Nicht nur daß die 'Gegenwelt" sich - meist - in der Ãoberschrift ankündigt, daß sie thematisch wird, macht die Bedeutung dieser Gedichte aus, nein, Europa selbst wird darin zur 'Gegenwelt"; d.h. die auch hier vorhandenen antithetischen Momente lassen Europa nun seinerseits als 'Ferne" erscheinen, als leidvolles, aber überwundenes Anderswo.
      Parenthetisch sei hier eingefügt, daß noch zwei weitere Gedichte diesenmit Europa konkurrierenden Erfahrungsgrund zeigen: 'Alaska" und 'Die hyperämischen Reiche". Aber das sehr viel früher, 1913, entstandene 'Alaska" ist bis zur Selbstironie pubertär-aggressiv ('Europa, dieser Nasenpopel,/an einer Konfirmandennase ") und 'Die hyperämischen Reiche" formuliert das Nur-Subjektive des Selbstexperiments dieser Eroberung von Ferne so explizit, daß das Südseeische darin ebenso unwirklich bleibt wie die 'Alexanderzüge mittels Wallungen".
      Bei der - exemplarischen - Analyse nun eines der Südsee-Gedichte gehe ich nicht darauf aus, zu klären, was an ethnologischer oder religions- und ritengeschichtlichen Details darin verarbeitet ist. Für das Gedicht 'Osterinsel" hat Edgar Lohner diese Klärungen geliefert. Im übrigen ist auch das Buch bekannt, aus dem Benn seine Kenntnisse der Südseekultur vor allem gewonnen hat. Vielmehr geht es mir um die Bestimmung gerade der Elemente von Ferne und Fremde, die das in und für Europa Ersehnte veranschaulichen.
      Ich wähle das Gedicht 'Palau" als Beispiel.
      Bei dieser Wahl lasse ich mich von dem Wortindex zur Lyrik Benns leiten. In der Häufigkeitsliste ist 'Palau" der zuerst erscheinende geographische Begriff- fünf Nennungen! Noch einen weiteren Hinweis habe ich aus dem Index gewonnen: Von den 32 häufigsten Nomina - der ausgeprägte Nominalstil dieser Gedichte ließ mich nach dieser Wortart Ausschau halten - finden sich in diesem Gedicht sieben , darunter die beiden häufigsten überhaupt: 'Nacht" , 'Meer" ; außerdem 'Welt", 'Schatten", 'Götter", 'Frau", 'Tod".
Gelegentlich werde ich einen Seitenblick auf die anderen Gedichte dieser Gruppe werfen.
      Szenischer Umriß wird in 'Palau" am greifbarsten in der ersten Hälfte der vierten Strophe: das Ritual der Totenverbrennung. Es ist motivisch vorbereitet durch 'Totenvögel", 'Totenuhren", 'Lemuren" und die 'Tode" in Strophe 3. Tod und Verbrennung sind in 'Palau" ergänzt durch Paarung/Zeugung und Geburt. Signalworte dafür sind: 'Kelche der Frau", 'Schöpfungsschoß", 'auch deine Geburten", 'Paarung. Dein Meer belebt/Sepien, Korallen. ". Die Reduktion auf
Erfahrung und Vollzug des Arthaften läßt das Ich aufgehen in einem Kollektiv, sei es dem mythischer Gemeinschaft, sei es in der Gemeinsamkeit der Gattung. mit dem Ich-Sein erlischt das Bewußtsein überhaupt. Was an Sublimation in der Welt ist, die Götter oben , alle göttlich-menschliche Machtentfaltung, alles vorgeschichtliche und geschichtliche Herrschertum sind dem Vergehen ausgeliefert. Alle Evolution erlischt, alles Davor-Da-nach. 'Niemals und immer", in der dritten Stophe durch Anführungszeichen zitathaft relativiert, erscheint in der letzten Zeile des Gedichts triumphal bestätigt: Da es keine Individualität gibt, sind Zeugung und Geburt, Paarung und Tod gleichzeitig und als Phasen eines umfassenden Gattungsgeschehens eins. Damit erlöschen die 'Bedingungen der Anschauungen", die Möglichkeiten der Unterscheidung, erlöschen Zeit und Raum". (In 'Meer- und Wandersagen" heißt es: 'Zeit und Raum sind Flüche" und ' keine Einzeldinge ragen/in den Südseetraum ") Zugleich mit der Aufhebung der Individualität geschieht die Freisetzung ursprünglicher Schöpfungskraft. Der Begriff der 'Schöpfung" ist in verschiedener Form konkretisiert: In meinem Beispielgedicht 'Palau" ist von 'Schöpfungsschoß" die Rede, in 'Meer- und Wandersagen" von 'Schöpfungstagen", in 'Osterinsel" von 'wahrem Konstruktiv" und 'Riesenformungszwang".
Diese Kraft des Ursprünglichen, des Vor-Individuellen, die Wucht des Rituell-Kollektiven und damit gleichsam Früh-Sprachlichen sind all den zu diesem Motivkomplex gehörenden Gedichten auch sprachlich, in Wortbildung und Syntax, eingeschrieben. In der Entformung, Entgrenzung, Entfesselung der Sprache äußert sich der Thematische Schwerpunkt fast noch greifbarer als in den angedeuteten Bildzusammenhängen: 'Aus Eukalypten geht/Tropik und Palmung,/was sich noch hält und steht,/will auch Zermalmung/bis in das Gliederlos,/bis in die Leere " heißt es in Strophe 2 und in Strophe 4: ' trägt dich dein Flammenbett/wie Wein zur Küste,/Megalithen zuhauf/und die Gräber und Hallen/Hammer des Thor im Lauf/zu den Ã"sen zerfallen -", und in der letzten Strophe schließlich: 'Paarung. Dein Meer belebt/Sepien, Korallen " Max Rychner hat in seinem berühmt gewordenen Aufsatz von 1949 im 'Merkur" diese Sprach-entfaltung und ihre innere Thematik analysiert. Noch etwas ist hier festzuhalten: Alle diese Gedichte haben in sich wenigstens die Andeutung des Bewußtseins, daß dieser Südsee-Raum, in mitteleuropäische Sprache gebannt, eben doch nicht ganz real ist. In 'Palau" hat sich dieses Bewußtsein fast nur in den relativierenden Anführungszeichen des Eingangs erhalten. Aber dennoch: Die Ferne, die Fremde als exotische Anschaulichkeit hat - kraft der Nachvollziehbarkeit des Sinnlichen - eine ausgeprägte Seelen-Realität, sie ist als mögliches Gefühl auch im Spätmenschen präsent; insofern und insoweit ist sie gegenwärtig und kraft dichterischer Gestaltung wirklich - freilich nur unter der Bedingung ihrer Erscheinung in der Ferne!
Was es mit diesem wirklich möglichen Gefühl der Schöpfungsfrühe in den Gedichten der zwanziger Jahre auf sich hat, wird deutlich, wenn man jene andere Stelle, an der 'Palau" vorkommt, zum Vergleich beizieht, das Gedicht 'Epilog 1949". Die ersten Stophen dort lauten
Die trunkenen Fluten fallen -die Stunde des sterbenden Blau und der erblaßten Korallen um die Insel von Palau.
      Die trunkenen Fluten enden als Fremdes, nicht dein, nicht mein, sie lassen dir nichts in den Händen als der Bilder schweigendes Sein.
      Hier ist 'Palau" nicht gegenwärtig, es ist nicht mehr verfügbar. 'Palau" erscheint gleichsam widerrufen.
      Aber - um zum Zielpunkt dieses Gedankengangs zu kommen - was liegt dazwischen? Gibt es eine Wendemarke?
Im Frühjahr 1933 veröffentlichte Benn zwei Texte, die seine Geltung als Dichter, die zugleich - so erweist sein späteres Leben - seine Existenz erschütterten. Danach war Benn nicht mehr Benn, und doch ist diese Wendemarke nicht wegzudenken aus dem, was Benn heute als 'deutsche Dichterexistenz", als 'skeptischer, pessimistischer europäischer Geist" darstellt.
      Ich meine die beiden Rundfunkreden: 'Der neue Staat und die Intellektuellen" vom 24.4. und die 'Antwort an die literarischen Emigranten", die Erwiderung auf den offenen Brief Klaus Manns, vom 24.5.
Ehe ich daraus ein paar Passagen zitiere, fasse ich noch einmal die zentralen Begriffe zusammen, unter denen sich Benns Südsee-Motivraum erschließt: Entindividualisierung, Ritualität, Aufgehen im mythischen Kollektiv, Schöpfungsnähe.
      Jetzt die Zitate:a. aus 'Der neue Staat und die Intellektuellen":
Welch intellektueller Defekt, nicht in dem Verlust des Ich an das Totale, den Staat, die Rasse, das Immanente, nicht in ihrer Wendung vom ökonomischen zum mythischen Kollektiv, in diesem allen nicht das anthropologisch Tiefere zu sehen! b. aus der 'Antwort an die literarischen Emigranten":
irrational heißt schöpfungsnah und schöpfungsfähig. es handelt sich um das Hervortreten eines neuen biologischen Typs die Geschichte mutiert und ein Volk will sich züchten. Allerdings ist die Auffassung vom Wesen des Menschen, die dieser Züchtungsidee zugrundeliegt, dahingehend, daß er zwar vernünftig sei, aber vor allem ist er mythisch und tief. Allerdings empfindet man sehr weitgehend ihn als Natur, ihn als Schöpfungsnähe, man erlebt ja, er ist viel weniger gelöst, viel wundervoller an das Sein gebunden als es aus der höchstens zweitausendjährigen Antithese zwischen Idee und Realität erklingt. Eigentlich ist er ewiges Urgesicht: Wachheit, Tagleben, Wirklichkeit: locker konsolidierte Rhythmen verdeckter Schöpfungsräusche. Palau in Deutschland 1933?
Wie politisch Benn war. wie genau er ideologisch-politische Zusammenhänge durchschauen konnte, wie klar er sie - seiner Kenntnis von den Taten und Zielen der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 nach - hätte durchschauen müssen, ist philologisch nicht klärbar. Der Rekurs auf das Bewußtsein des Autors ist methodisch zweifelhaft. Die Beobachtung der Worte in den Texten legt einen andern Gang der Schlußfolgerung nahe: Nicht von der Politik und im Medium der Politik ist Benn verführt worden. Gleichwohl hat Verführung stattgefunden -werkimmanent . Dazu zwei resümierende Argumentreihen:
Abstraktion und Anschaulichkeit, Begriff und Bild durchdringen sich in Benns Werk in exemplarischer Weise, sie tragen die Spannung in die Bennsche Ausdruckswelt, die dieses Werk kennzeichnet. Die begriffliche Unterrepräsentierung der Antithese zum 'verhirnten" Europa der Gegenwart erzwingt deren Entfaltung in Bildräumen. Gegenüber den nurumrißhaft, archetypisch zu beschwörenden 'Bildern der Vorzeit" in unserer Seele hat der Motivraum der 'Südsee" den Vorzug, 'in der Welt" zu sein: gegenwärtig, zeitgenössisch, real, konkretisierbar durch geographische, biologische, ethnologische, religionsgeschichtliche Details. Dieser hohe Grad an Anschaulichkeit, an 'Konkretheit'' der bildlich gestalteten Gegenwelt legt es - verführerisch - nahe, die in den Bildern gewonnene Gegenwelt nun ihrerseits wieder ins Begriffliche rückzuführen und sie als potentielle Allgemeinmenschlichkeit, als menschliche Möglichkeit auch für Europa, auch für Deutschland, zu re-importieren.
      Um die Verführung zu ermöglichen, bedarf es der Ferne zu Europa, der Fremde. Sie ist in erster Linie Metapher, erst in zweiter ein Aufgriff südseeischer Wirklichkeit, d.h. der Anteil darin an Beziehbarkeit, ananti-thetisierendem Konstrukt, letztlich an Eigenem, überwiegt den Anteil des um seiner selbst willen aufgegriffenen Anderen, des Fremden. In dieser Aneignungsenergie wirkt viel abendländischer idealistischer Imperialismus, viel Egozentrismus des abendländischen Subjekts. Freilich, die Fremde rächt sich. Gerade ihre Entleerung macht sie verführerisch. Der Traum von der Zugänglichkeit des Schöpfungsgrundes, von der Nähe des 'mythischen Kollektivs" mausert sich unter der Hand zur Annahme von Wirklichkeit. Die Vereinnahmung der Fremde wird zur Voraussetzung für Täuschung: sie läßt den Bildschöpfer - und sei es nur für einige Monate der Verwirrung - sich täuschen über die Grenzen des Eigenen ... Hier konnten Bilder samt den davon abgeleiteten Begriffen zu Irrlichtern werden für den eigenen Schöpfer.
     

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