Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literatur als vermittlung

Index
» Literatur als vermittlung
» Fremde Liebe oder geliebte Fremde?
» Die historische Situation

Die historische Situation



Als Japan sich um die Mitte des letzten Jahrhunderts der Welt öffnete, geschah dies unter dem Diktat amerikanischer Geschütze: die "schwarzen Schiffe" unter Kommodore Perry sprengten den Schutzwall, mit dem Japan sich gegen Kolonialisierung gesichert hatte. Innerhalb weniger Jahre, noch vor dem Amtsantritt Meijis, vollzog sich ein bedeutungsvoller Entscheidungspro zeß: Japan unternahm die Öffnung zur Welt, das Kennenlernen des Unbekannten entschlossen und vorbehaltlos: Laßt uns von den Fremden lernen!, war die Losung, - nicht um zu werden wie sie, sondern um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen!
Ein Lernprozeß begann, der mit keinem anderen Aneignungsprozeß in der Geschichte vergleichbar ist. Sicherlich wollte man anfangs nur solche Kenntnisse importieren, die geeignet waren, Japan zu einer Weltmacht im militärisch-politischen Sinn zu machen; aber man mußte bald einsehen, wieviel an kulturellem Umfeld mit-erobert werden mußte, um dieses Ziel zu erreichen. Freilich ahnte damals niemand in Japan, was dieses: Laßt uns lernen!, voller Selbstsicherheit gesprochen, tatsächlich ins Land bringen würde. Der Prozeß der Übernahme von kulturell Anderem entwickelte eine unerwartete Eigendynamik. Diese scheint sich nicht nur aus der Faszinationskraft des Neuen, des historisch bereits Erfolgreichen, nicht nur aus der Kohärenz und Konsistenz des westlichen Weltbilds gespeist zu haben, sondern auch aus der Wucht, in der Japan sich selbst in diesen Lernprozeß einbrachte: Gerade das hohe Maß an Bewußtsein eigener Besonderheit, das Festhalten an dem Wert eigener Kontinuität und kultureller Identität, das Bestehen also auf den eigenen Vorurteilen, scheint den Vermittlungsprozeß so erfolgreich gemacht zu haben.
     
   Die immer vielfältigere Erfahrung von Anderem, die immer neue Vergegenwärtigung des überlieferten Eigenen, die oft als mörderisch empfundene und zuweilen mörderisch ausgelebte Spannung gegenüber besonders bedrohlicher Fremde, das alles fugte und spannte sich ineinander: national-kulturelle Selbstgefährdung und Selbstfindung erwiesen sich als dialektische Pole einer konsequent durchgehaltenen historischen Evolution.
      Die Literatur spielte darin eine besondere Rolle.
      Sie sorgte - auf ihre Weise - dafür, daß sehr viel mehr nach Japan kam als nur Information, geeignet, Japan gegenüber der anderen Welt Macht zu verschaffen. Auch sie informierte über das Draußen, aber in einer solchen Art der Vermittlung, daß Japan über den Blick auf Fremde sich selbst nicht aus den Augen verlor, ja, daß es sich im Bezug auf diese Fremde selbst als eine historische Größe einschätzen lernte. Das mythische Selbstverständnis völliger Unvergleichlichkeit erwies sich - und darauf liegt auch der Akzent bei der Erörterung des hier gewählten Beispieltextes - die Veranschaulichung fremder Formen zwischenmenschlicher Interaktion, zumal der kulturspezifischen Ausformung von Geschlechter-Rollen, des Risikos, das in jedem Versuch liegt, diese Distanzen zwischen verschiedenen Kulturen zu überspringen. Andererseits: Daß in Japan in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine Literatur entstehen konnte, die Fremde zum Thema hatte und damit auf Verstehen von Fremdem und eigenem zugleich abzielte, war nur möglich im Kontext einer umfassenden kulturellen Bestandsaufnahme in der Fremdwelt. Japan schickte, um zu lernen, Menschen in alle größeren europäischen Länder und in die USA.
     
   So kam in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch ein junger Japaner namens Mori Ögai nach Deutschland. Er hatte den Auftrag, medizinische Hygiene und zwar besonders in deren Anwendung im Militärwesen zu studieren. Er lebte vor allem in Berlin und München, besuchte aber auch andere klassische Studienorte: Dresden, Leipzig und Wien. Er veröffentlichte während seines vierjährigen Deutschlandaufenthalts mehrere Artikel in Fachzeitschriften, u.a. einen Über die diuretische Wirkung des Bieres. Nach seiner Rückkehr nach Japan wirkte er als Militärarzt, schrieb, gleichsam nebenbei, seine literarischen Werke, bis er 1916 seinen Beruf aufgab und Direktor des Kaiserlichen Hofmuseums sowie Präsident der Reichsakademie der Künste wurde. Die im Folgenden analysierte Erzählung Ogais Wellenschaum wurde in Japan 1890 unter dem Titel Utaka no ki veröffentlicht.

  

 Tags:
Die  historische  Situation    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com