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Das japanische Haiku in Deutschland



So weit wir Kulturgeschichte überblicken, übernimmt, lernt eine Kultur von der anderen - und grenzt sich zugleich von ihr ab. Denn übernehmen heißt immer auch: variieren, einpassen ins Eigene, verändern. Dieser Vorgang interkultureller Übernahme von Anderem, von Fremdem, ist als Rahmenvorstellung vertraut, ja selbstverständlich. Aber viele mögliche Einzelfragen liegen im Dunkeln: Warum werden von einer Kultur zu einer bestimmten Zeit bestimmte Elemente einer fremden Kultur übernommen, andere zu anderen Zeiten - oder nie? Warum wird unter vielen möglichen Geber-Kulturen gerade eine besonders bevorzugt? Was steuert den Richtungssinn einer Kultur nach jeweils relevanter, das heißt offenbar: zum Eigenen in fruchtbarer Spannung stehender Fremde? Diese Fragen werden in der Moderne, mit der Zunahme der interkulturellen, der globalen Kommunikation immer drängender. Was - zum Beispiel - ließ seit dem frühen 19. Jahrhundert die Großkulturen des Orients plötzlich so anregend für uns werden? Ich denke dabei nicht nur an den persischen Hafis, sondern auch an die indische "Weisheit des Brahmanen" und an die buddhistische Philosophie, die als eine der "Welt als Wille und Vorstellung" interessant wurde. Offenbar spielt immer die Ausgangslage, die Situation vor der Rezeption, eine wichtige Rolle, offenbar muß mit einer sehr fein gestimmten Rezeptionsbereitschaft für ganz bestimmte Elemente kultureller Fremde gerechnet werden.
      Pramod Talgeri hat kürzlich eine interessante These vorgetragen: daß nämlich durch die Hereinnahme fremdkultureller Elemente Spannungen im Gefüge der eigenen Kultur gemildert werden, zumal Spannungen zwischen individueller Sinnsuche und gesellschaftlicher Norm. Eben diese Spannungszonen aber waren seit eh und je Zielbereiche der Kunst, zumal der Literatur. Auf Sinndefizite in der Lebenswelt, auf Ausdrucksdefizite in der eigenen Literatur wäre also zu achten ...
      Ich möchte die Darstellung der Rezeption des Haiku in Deutschland unter drei Gesichtspunkten durchführen: Anregung Übersetzung und Nachdichtung, Aneignung der Gattung. Diese Gesichtspunkte lassen sichzugleich mit den einzelnen Phasen der Haiku-Rezeption in Deutschland korrelieren. Die erste dieser Phasen, die von unspezifischer ,Anregung' bestimmt ist und unter dem Stichwort der ,Bildchen'-Lyrik sich vollzieht, dauert etwa von 1890 bis 1930; die zweite beginnt - nach einer Latenzzeit japanischer literarischer Einflüsse - in den vierziger Jahren, wobei die meisten deskriptiven Haiku-Darstellungen und die wichtigsten Übersetzungen bzw. Nachdichtungen zwischen 1951 und 1970 erscheinen; diese Phase überlappt sich in der jüngsten Vergangenheit mit der dritten, in der sich die eigentliche Aneignung der Gattung des Haiku anbahnt; der Beginn dieser Phase läßt sich zeitlich schwer markieren; aber die Häufigkeit der Versuche, deutsche Haiku zu dichten, nimmt seit den siebziger Jahren sprunghaft zu.
     

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