Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literatur als vermittlung

Index
» Literatur als vermittlung
» Das japanische Haiku in Deutschland
» Anregung

Anregung



Japanische Kultur kam nach Deutschland über Paris.
      Und was Paris vom Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts an in die Bezauberung des 'Japonismus" versetzte, war zuallererst die japanische Malerei. Gleichsam nur einen Schritt danach folgte die Erkenntnis der bedeutungsvollen Nähe von Malerei und Wortkunst innerhalb der japanischen Kultur: Wandschirm-Malereien, Hängebilder und Holzschnitte -um die wichtigsten Genera der zuerst rezipierten Kunstprodukte zu nennen - zeigten diese Nähe von Bild und Wort gleichermaßen. Japan, dessen Einwirkung auf Europa nicht früher kommen konnte , kam nach Paris zur rechten Zeit: Impressionismus und 'Japonismus" fanden sich. So gut wie alle bedeutenden Maler der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ließen sich von japanischen Themen und Stilelementen anregen; von den bedeutenden Autoren literarischer Werke jedenfalls diese: die Gebrüder Goncourt, Baudelaire, Flaubert, Daudet und Zola.
      Ingrid Schuster betont die Vergleichbarkeit der Einflüsse, die auf darstellende Kunst und Literatur von Japan ausgingen:
Malern wie Schriftstellern ging es darum, dem Betrachter oder Leser ,die Augen zu öffnen', ihn zu involvieren. Er sollte unmittelbar auf Bild und Wort reagieren, den spezifischen, charakteristischen Augenblick, den der Maler oder Autor eingefangen hatte, spontan nacherleben. Und wie die Maler Konturen und Flächen in Pinselfleckge-füge auflösten, zerbrachen die Schriftsteller das traditionelle Satzgefüge der Sprache: Sätze wurden gekürzt, das Verb wurde entbehrlich; der Leser wurde mit bedeutungsvollen, assoziationsreichen Hauptwörtern konfrontiert. Anstatt eine ausführliche und umständliche Beschreibung zu geben, vermittelte der Künstler eine Impression'. Ein Konzept der Malkunst als Konzept - auch - der Poesie!,Bilder', Bildchen' in Worten - dieser Begriff vom Wesen japanischer kleiner Formen nahm die Haiku-Rezeption in Europa vorweg. Dabei gab es bis zur Jahrhundertwende so gut wie keine Ãobersetzungen von Haiku. Dagegen bieten zwei französische Anthologien 3 japanische Tanka, die etwas längeren, 31 Silben umfassenden Gedichte.
      In diesem Grad der Allgemeinheit, der für Malerei und Lyrik gleichermaßen formulierbaren Stil-Programmatik, kam das Japanische auch nach Deutschland - und als eine zusätzliche Barriere, die Deutschland und Japan trennte, kam nun die Vorgängerschaft Frankreichs in der Japan-Rezeption dazu. Man übernahm nicht Japanisches, sondern französischen 'Japonismus".
      Ingrid Schuster hat die erste Phase der Haiku-Rezeption in Deutschland ausführlich dargestellt; ich beschränke mich daher auf die wichtigsten Umrisse der Vorgänge, im übrigen auf Ergänzungen und Schlußfolgerungen, die weiterführen sollen.
      Eine entscheidende Rolle in dieser Phase spielte Arno Holz. 1887 reiste er nach Paris. Bezugspunkte dort wurden für ihn nicht nur die Werke Zolas, sondern auch die Arbeiten der Brüder Goncourt. Ich halte hier nur fest, daß Holz nach dem Paris-Aufenthalt nicht, wie geplant, einen Roman, sondern - mit Schlaf- den Papa Hamlet schrieb. Das Stilistisch-Technische an diesen Kurzprosa-Stücken konnte denn auch von der Kritik nur in Begriffen der Mal-Theorie gefaßt werden. Zugleich ergab sich, daß mit dem stilistisch-formalen Konzept des Bildchenhaften, des 'Ausschnitts", des forciert Anschaulichen, in der Tat einige Konsequenzen hinsichtlich des Inhalts einherkamen: Nicht-Reflexivität, Spontaneität, Situationsbezogen-heit und Situationsbeschränktheit ergeben sich ebenso zwangsläufig wie Naturnähe und eine Tendenz zur Direktheit der Aussage, die dann leicht zur Grellheit wird und sich gelegentlich der Groteske nähert, die ja so oft aus der Verkürzung erwächst. Zurück zu Holz! Unter den genannten Kategorien läßt sich dann auch die Beziehung zwischen dem Papa Hamlet und dem Phantasus andeuten. Wenn auch der pessimistische Grundton hier einem heiter-ironischen gewichen ist, bleibt doch auch im Phantasus dies erhalten: die Formung von Oberfläche, die Thematisierung des Hier und Jetzt, Sinnenhaftigkeit, die Dominanz des Gefühlten als der geahnten eigentlichen Bedeutung, die Bildung von Ding-Konstellationen als Entsprechungen von Gefühlskonstellationen.
      Im Umfeld von Holz versuchten sich in dieser lyrischen Manier: Paul Ernst, Reinhard Piper und Ernst Schur. So un-authentisch und unspezifisch diese Art von Anregung für die Lyrik auf dem Umweg über Frankreich und die Malerei auch war, sie war folgenreich: Wie in den Impressionismus in Frankreich, so ist in die Revolutionierung biedermeierlich-konventioneller Metaphorik und naturalistischer Detailbesessenheit, in die 'Aufhellung" der lyrischen Sprechweise, ihre Belebung durch sinnlich-emotionale Qualitäten, in die Schärfung des Blicks für die Bedeutung von Ausschnitt und wesentlichem Detail, in die Wiedergewinnung des Sinns für die Färb- und Klangqualität des einzelnen Wortes, auch der japanische Einfluß miteingegangen. Ohne diese Veränderungen aber ist der Höhepunkt der Lyrik in den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, der sogenannte Expressionismus nicht vorstellbar - wobei die Bedeutung des 'japanischen Elements" nicht überbetont werden soll: wichtigere Anstöße sind sicherlich vom französischen 'Symbolismus" - ob nun seinerseits Ja-pan-beeinflußt oder nicht - auf die deutsche Lyrik ausgegangen.
      Erst nach der Jahrhundertwende beginnt das Haiku als lyrische Form direkt zu wirken.
      Die ersten Ãobersetzungen stammten von August Pfitzmair, Wilhelm Schott, Rudolf Lange und Karl Florenz. Besondere Wirkung hatte der 1909 erschienene Band 'Japanische Lyrik aus vierzehn Jahrzehnten" von Julius Kurth. Aber diese nun wirklich original-nahen Präsentationen haben gleichwohl keine produktive Rezeption ausgelöst. Man konnte mit diesen scheinbar so wenig sagenden Gebilden, ihrer präzisen Sprödigkeit, nicht viel anfangen. Es kam zu Ablehnungen durch die Kritik und zu Parodien.
      Immerhin sind in den letzten Jahren des letzten Jahrhunderts und in denersten drei Jahrzehnten dieses Jahrhunderts einige bemerkenswerte Haiku-Versuche von namhaften deutschen Autoren unternommen worden. So gut wie in jedem Fall ergab sich die Anregung zufällig, aufgrund von individuellen Lesefunden, Bekanntschaften, Erlebnissen . Ich verzichte auf das Zitieren der Textbeispiele, nenne nur die Namen der Autoren: Paul Ernst, Max Dau-thendey, Alfred Mombert," Rainer Maria Rilke, Franz Blei, Iwan Goll14.
     

 Tags:
Anregung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com