Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literatur als vermittlung

Index
» Literatur als vermittlung
» Das japanische Haiku in Deutschland
» Aneignung der Gattung

Aneignung der Gattung



Die kürzlich erschienene 'Anthologie der deutschen Haiku" verzeichnet 68 Autoren, von denen etwa 60 in die zweite Hälfte des Jahrhunderts gehören, die meisten in der Gegenwart schreiben.
      Ich wähle Gedichte von drei ganz verschiedenen Autoren: vom späten Bertolt Brecht, , dessen Lyrik man am längsten und am häufigsten Haiku-Bezüge nachgesagt hat; von Imma von Bodmershof, der in Ã-sterreich und Deutschland erfolgreichsten Haiku-Dichterin; von Georg Jappe, den ich für den begabtesten lebenden Verfasser von Haiku-ähnlichen Gedichten halte.
      In seiner Studie Bertolt Brecht und die Weltliteratur weist Reinhold Grimm ausdrücklich auf den Einfluß des japanischen Haiku hin. Als Beispiel nennt Grimm die Gedichte Die Maske des Bösen, in der eine japanische Dämonengestalt erwähnt wird, und Auf einen chinesischen Teewurzel-löwen.2i Auch H.M. Enzensberger in seinem Museum der modernen Poesie spricht davon, daß Brechts Lyrik geprägt sei 'von der Erinnerung an das japanische Haiku". Nun sind eine ganze Reihe von Brechts Gedichten in der Tat sehr kurz. Einige zeigen einen deutlichen Situationellen Rahmen und haben szenische Anschaulichkeit. Aber die allermeisten davon enthalten Reflexionen und nähern sich dem - lyrisch eingebetteten - Aphorismus bzw. dem Spruch. , die in Spannung zueinander stehenden Gefühlspole sind in Anschaulichkeit gegeben, das als Innerlichkeit Realisierbare ist ganz auf Positionen der Dingkonstellation verteilt; d.h. die individuelle Situation insgesamt bekommt -ohne sich metaphorisch zu teilen! - symbolischen Charakter, freilich im

Sinne des 'einmaligen", des 'Existenzsymbols" - um einen Begriff von Fritz Martini aufzugreifen. Besonders reizvoll scheint mir für diesen Gedankengang das Gedicht Radwechsel zu sein; denn die Gefühlspole, die hier, veranschaulicht durch die Richtungen des 'Daher" und 'Dahin", also durch den Straßenverlauf im existentiellen Sinne von Weg-Verlauf, im Akt des Zum-Bewußtsein-Kommens gleichsam fusionieren, sind die einer psychischen Ambivalenz. Damit kommt, ganz abgesehen von der zeitgenössischen Szenerie, das Thema der Konsistenzbildung im Subjekt in den Blick. Eben dieses Thema wird interessanterweise auch in anderen Gedichten der Sammlung Buckower Elegien angesprochen, oft konkretisiert zu politischer Zwiespältigkeit; ich nenne: Die Lösung, Gewohnheiten, noch immer, Die Kelle. Das letzte bietet die Ambivalenz verlegt in einen 'Traum". Imma von Bodmershof ist diejenige unter den deutschen Haiku-Dichtern, deren Haiku in ihrer Authentizität auch in Japan anerkannt werden. Gedichte von ihr wurden in der führenden Haiku-Zeitschrift Japans sowohl auf Deutsch als auch in japanischer Ãobersetzung veröffentlicht. In Aufnahme Zen-buddhistischer Vorstellungen wird in ihren Gedichten das Aufgehen des Menschen in dem einen umfassenden Sein, fern aller europäischen Leib-Geist-Polarität gefeiert. Ein Beispiel, das ihren großen Atem zeigt:

Taunacht - die Quellen.
      Selbst das Meer hör ich rauschenim Bach vor dem Haus.

     
   Imma von Bodmershof vermeidet das Mißverständnis vieler Haiku-Dichter, die diese japanische Form - in direktem Zugriff ihrer Nachahmung - als 'Naturlyrik" mißverstehen. Denn das Naturmotiv, das interkulturell am leichtesten transferierbare Merkmal der Gattung, läßt solche Nachahmungen leicht in die Tradition romantisch-elegischer Dichtung einrücken; da aber weder die Zeitumstände noch die Kleinheit der beigezogenen japanischen Form die Entfaltung 'großen Naturgefühls" begünstigen, rutschen diese Nachahmungen leicht in biedermeierliche Natur-Niedlichkeit, in den kleinen gemütvollen, wenn nicht gar gemütlichen Triumph ab, der in unermüdlicher Wiederholung lautet: Siehe da, ich verstehe die Natur - und sie versteht mich! Für bedeutender, synthese-stärker als das oben zitierte Gedicht halte ich diejenigen Haiku der Imma von Bodmershof, die äußere und innere Szenerie in eins gehen lassen, die - wie schon einige Kurzgedichte bei Brecht - die 'Besetzungen" innerseelischer Positionen erhellen:
Ich schloß alles zuwollte schlafen. Doch der Traumrief mich beim Namen.

     
   Identitätssuche - das moderne Bewußtsein davon, welche Rolle der Traum dabei spielt. Das ist nicht Nachahmung, sondern produktive Rezeption einer fremden Gattung.
      Besonders zahlreiche Beispiele dafür, wie das Haiku in einem Bildwurf, der gleichsam zum Lichtwurf wird, ins Unbewußte eindringen und die Grenzen psycho-physischer Erfahrung zu erweitern vermag, finden sich bei Georg Jappe.
      Seit es mir gut geht sind meine Träume wüst und die Schrift wird größer

   Eine Erfahrung, die schon länger dauert, kommt hier ruckartig zu Bewußtsein; das wird möglich in dem Augenblick intuitiver Selbsterkenntnis, da zwei Beobachtungen auf eine gemeinsame Ursache zurückgebracht werden. Ein weiteres Beispiel:
Morgens beim Umrührnlöst sich das Mark und doch wiehat dieser Traum mich gestärkt
Hier ergibt sich folgende Bild-Gefühl-Korrelation: Gesehen wird beim Umrühren in der Kaffetasse etwas, das sich 'löst" - wahrscheinlich Milch, weiß wie Mark; dem parallelisiert sich zugleich mit der Erinnerung an den Traum das tief bewegende Erleben der Nacht; dieses Traumerleben erweist sich jetzt am Morgen als eine Stärkung.
      Was hier vorliegt, ist kein Epigramm, auch kein Pictogramm, sondern so etwas wie ein Existogramm. Das entstehende Bild wird nicht so sehr von einer Mischung der Sinnesbereiche evoziert, sondern von der Erfahrung sich mischender Gefühlsqualitäten ; diese wird freilich erst vollziehbar, wenn eine sinnliche Anschauung eine Abfuhr-Gelegenheit bietet.
      Solche Bildtechniken sind prinzipiell auch in größeren poetischen Gebilden möglich. Aber ich möchte die Behauptung wagen, daß so zugespitzte Formulierungen von Durchdringung/Verschmelzung nur als eine einzelne Bild- und Erfahrungseinheit rezipiert werden können. Läge eine Bildreihe vor, würde der Metapherncharakter der Bilder deutlich, die Metaphernbildeten Risse zwischeneinander.
Ich fasse zusammen:
Eine zwar mißverständliche, aber dennoch fruchtbare Ãobernahme des Haiku führt im europäischen Dichtungsraum an das Sentenzenhaft-Aphoristische heran, womöglich an die 'einfache Form" des Spruches. Das liegt besonders bei Autoren nahe, die wie Brecht eine stark rationalistisch-programmatische und damit paränetische Tendenz in ihrer Dichtung zeigen. Die fruchtbarsten Aneignungen scheinen aber da zu entstehen, wo spezifisch europäische zeitgenössische Lyriktendenzen mit dem Haiku zu einer Art Existogramm verschmelzen. Das Interesse an der Erschließung bestimmter Bereiche der Selbsterfahrung, zumal der Grenzbereiche psycho-physischer Selbstwahrnehmung fügt sich dabei in die Gesamtentwicklung der deutschen Lyrik seit den siebziger Jahren ein: in das Wiederentdecken der Irrationalität, die Rückwendung zum ,Gefühl', auch zur Traumgroteske. Die Gefährdung von Konsistenz im Inneren und die Notwendigkeit der Identitätssuche in der Erfahrung von Einheit, sind Themen, die sich im deutschen Haiku besonders fruchtbar entfalten.
     

 Tags:
Aneignung  der  Gattung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com