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Literatur als vermittlung

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Schlußfolgerungen



Obgleich die beiden Lehrstücke innerhalb des Werks von Brecht sicherlich keine große Bedeutung haben, läßt sich an diesen Arbeiten zeigen, wie Brecht beim 'Ãobernehmen" fremder Stoffe vorgehen konnte. Er ließ sich von irgendeinem Element des fremden Stoffes, das ihm in seine philosophischen oder dramentechnischen Ãoberlegungen paßte, affizieren - in diesem Fall von einem Grundgestus , der ihm ein 'Einverständnis" eines Einzelnen in einen umfassenden menschlichen Zusammenhang zu bedeuten schien. In der folgenden Auseinandersetzung mit dem Stoff konnte sich - wie im vorliegenden Fall - herausstellen, daß der Stoff durchaus nicht zur Demonstration dessen, was vorschwebte, geeignet war; Brecht merkte, daß die erste Affizie-rung durch den TANIKÃ--Stoff ein Mißverständnis war. Eben dieses Mißverständnis aber löste eine selbständige Entwicklung aus, die zu einem Ergebnis führte, das mit der Vorlage nichts mehr zu tun hat. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß Brecht, wie Willet nachweist, große Partien des NÃ--Spiels, besonders dessen bildhafte Wendungen, wörtlich übernimmt. Worte, Sätze, ja Sprachbilder, in Zusammenhänge einer historisch derart weit entfernten anderen Welt transportiert, entfalten in dieser eine völlig andere Bedeutung, Wertigkeit. So kann ein Zuschauer des Stückes von Brecht auf den Gedanken kommen, die mythisch-religiös bedeutungsvolle 'Krankheit" des Knaben könne durch Verabreichung von Biomalz kuriert werden; aus dem Priester-Lehrer mit seiner buddhistischen Aura wird bei Brecht der 'Herr Lehrer" mit all dem, was typisch deutscher Tradition nach an diesen Worten hängt; aus dem 'Karma" des Knaben und den 'bitteren Notwendigkeiten" einer mythisch durchwalteten Welt, wird eine Panne bei einer Bergbesteigung, die man durch ein 'Technikum" zu beheben versucht; ja, dort, wo mystische Klänge an der Sprache klebengeblieben sind und als solche verstanden werden, müssen sie als 'unangenehm"empfunden werden, wie Brechts jugendliche Zuschauer treffend feststellen.
      Es fällt daher schwer, im Falle des Kultspiels Tanikö und des Jasagers und Neinsagers von Brecht von einer 'Nachdichtung" oder, mit Reinhold Grimm, von einer 'wortgetreuen Ãobertragung" zu sprechen .
      Will man die Art und Weise charakterisieren, in der Brecht das japanische NO-Spiel als Vorlage benutzt hat, so kann man allenfalls von einer Anregung aufgrund eines Mißverständnisses und der konsequenten Ausformung des Mißverstandenen sprechen. Damit soll gar nicht Brechts Versuch, sich ein Werk einer fremden Literatur anzueignen, bekrittelt sein. Er nahm sich - mit allem Recht - seine Anregungen, woher er sie bekam, wo immer er sie fand. Und die beiläufige, oft ganz unvermittelte, diskontinuierliche und auf so etwas wie 'Verstehen" der Vorlage gar nicht abzielende Art Brechts, sich anregen zu lassen, ist charakteristisch für diesen Dichter, der von den politischen Ereignissen seiner Zeit in Anspruch genommen war wie kaum ein anderer.
      In Frage zu stellen sind dagegen die Begriffe, in denen die Literaturwissenschaft das Verhältnis Brechts zu Fremdliteraturen beschrieben hat, insofern diese eine unmittelbare Verfügbarkeit der Fremdliteraturen , ihre 'Verstehbarkeit" für das europäische Denken auf der Basis einer 'Allgemeinmenschlichkeit der Kunst" voraussetzen. So ist es auch zurückzuweisen, wenn Reinhold Grimm von Brechts Schulopern als von 'Ãobertragungen", eines japanischen NÃ--Spiel-Textes spricht, oder wenn H.-M. Enzensberger schreibt, Brechts Werk sei 'von der Begegnung mit dem japanischen NÃ--Spiel geprägt". Solche Ã"ußerungen implizieren nicht nur eine bestimmte Deutung des Werkes von Brecht, sondern auch eine aus den gleichen hermeneutischen Prämissen sich ergebende Deutbarkeit der fremdliterarischen Vorlage. Damit aber wird die historische Distanz zwischen dem Europa des 20. Jahrhunderts und dem Japan des 14. Jahrhunderts unterlaufen. Eine Vorstellung von dieser historischen Distanz gewinnen wir, wenn wir versuchen, uns die Funktion bewußt zu machen, die das NO-Spiel zu der Zeit seines Entstehens in Japan hatte; denn dabei stoßen wir unvermeidlich auf eine Grenze unserer Verständnismöglichkeiten: Wir können zwar immer tiefer eindringen in die Rekonstruktion der Welt des NÃ--Spiels, sehen uns aber dabei auch immer wieder zurückverwiesen auf die Reflexion unserer eigenen hermeneutischen Ausgangslage, unserer Erkenntnisinteressen , die all unser Verstehen präformieren - eine Erfahrung geschichtlicher Dialektik, die Habermas im Hermeneutik-Kapitel von Erkenntnis und Interesse ausführlich beschrieben hat.

     
   Es würde den Rahmen dieser Untersuchung sprengen, wollte man die bei der Analyse des Verhältnisses der Schulopern Brechts zu ihrer japanischen Vorlage gewonnenen Ergebnisses allseitig mit den Positionen einer dialektischen Hermeneutik verknüpfen. Immerhin lassen die Schwierigkeiten, die sich für die Literaturwissenschaft bei dem Versuch ergeben, das Verhältnis von Vorlage und 'Nachdichtung" zu definieren, einige umrißhafte Schlußfolgerungen hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen der Vermittlung von Literatur über kulturelle Grenzen hinweg zu:
1. Je größer die kulturhistorische Distanz, die zu überbrücken ist, desto weniger direkt kann offenbar der Zugriff sein auf das von dem Text Bedeutete, das 'allgemein-verständlich" damit Ausgesagte; desto notwendiger ist es, den Text in die Bedingtheiten seines Entstehens, die Umstände seines Wirkens einzurücken.

     
   2. In einer solchen Rekonstruktion der Funktion des betreffenden Textes in seinem geschichtlich-gesellschaftlichen Zusammenhang, auf den er bezogen ist, ergibt sich erst ein Begriff der 'konkreten Fremde", die zwischen dem Text und seinem in einem ganz anderen Traditionszusammenhang stehenden Rezipienten liegt; dabei wird die Reflexion unvermeidlich auf die Umstände des Vermittlungsunternehmens selbst gelenkt: die Besonderheiten der kulturgeschichtlichen Tradition , die das Rezeptions-Interesse hervorgebracht haben und steuern.
      3. Erst nach der Erhellung dieser hermeneutischen Rahmenprobleme kann der Versuch unternommen werden, das literarische Werk in seinen Angeboten zur Realisierung 'allgemeiner Menschlichkeit" zu erschließen, es nicht nur als Anlaß, sondern auch als Inhalt interkultureller Verständigung zu begreifen.
     

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