Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literatur als vermittlung

Index
» Literatur als vermittlung
» Brecht und das NO-Spiel Tanikö
» Einführung in das Exemplum

Einführung in das Exemplum



Brechts Bereitschaft und Fähigkeit, literarische Formen und Stoffe zu übernehmen, ist bekannt. Man hat ihn gescholten deswegen und gepriesen. Als Brecht nach der Uraufführung der Dreigroschenoper auf den Plagiatsvorwurf Kerrs antwortete, er habe es einfach vergessen, neben dem Namen Villons auch den Namen des Villon-Übersetzers Ammer zu erwähnen, und dieses Vergessen erkläre sich aus seiner "grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums", waren viele entsetzt. Heute neigt man mehr dazu, Brechts ununterbrochene Verarbeitung von Anregungen, die er aus der gesamten Weltliteratur bezog, als eins der Hauptmerkmale seiner Genialität zu werten. Reinhold Grimm in seiner Studie "Brecht und die Weltliteratur" weist nach, daß es besonders zwei große Literaturen waren, die Brecht entscheidend beeinflußt haben: die anglo-amerikanische und die ostasiatische, das heißt die chinesische und die japanische Literatur; was das Verhältnis Brechts zu denjenigen unter seinen Quellen angeht, die er "sei es als Bearbeiter oder freischöpferischer Nachdichter übernommen hat", stellt Grimm fest, so spanne sich der Bogen hier "von wortgetreuen Übertragungen ... bis zu völlig unabhängigen, nur noch durch das gleiche Motiv mit der Quelle verbundenen Dichtungen". Als Beispiel für eine "wortgetreue Übertragung" wenigstens von "Teilen" der Vorlage führt Grimm den Jasager an. , eines Dramas also, das aus dem japanischen Mythos lebt, ein gut europäisches Lehrstück marxistisch-dialektischer Prägung schaffen lassen soll. Der Verdacht drängt sich auf, daß das NO-Spiel Brecht gänzlich abgelöst von seinem Hintergrund, gänzlich "entfremdet" begegnet ist, verstehbar, mißverstehbar in beliebiger

Weise. Dieser Verdacht verstärkt sich, wenn man bereits beim ersten flüchtigen Vergleich von Vorlage und Nachdichtung feststellt, daß es sich hier tatsächlich fast ausschließlich um wörtliche Übersetzungen von Worten, Sätzen, Sprachbildern und ganzen Szenen handelt. So leicht also soll sich Literatur aus einem Kulturbereich in einen anderen, aus einem Zeitalter in ein anderes - Literatur als Ausdruck eines bestimmten Weltverständnisses in Literatur als Ausdruck eines sehr anderen Weltverständnisses - "übertragen" lassen! Dann wäre Literatur in ihrem Kern etwas A-Historisches, wäre, wenn auch nicht ihr Entstehen, so doch ihr Verstehen und die Möglichkeiten ihrer Aktualisierung, unabhängig von geschichtlich-sozialen, von ethnischen und klimatischen Bedingtheiten. Dann lohnte es sich also, "literarische Museen" in noch größerem Maßstab zu errichten, als zum Beispiel Enzensberger es mit seinem "Museum der modernen Poesie" unternommen hat, dann verhielte sich so ein "Annex zum Atelier" des Autors tatsächlich wie das "Mittel zum Zweck" gegenwärtiger Literaturproduktion.
      Nun, man kann über die Abstrahierbarkeit und damit freie Übertragbarkeit von literarischen Motiven, Strukturen und Gattungsformen verschiedener Ansicht sein; sicherlich aber spielt bei derlei Übertragungen die Entfernung, nämlich die historische, eine Rolle. Beim "Transport" eines japanischen NÖ-Spiels in ein marxistisches Lehrstück der Art, wie Brecht sie Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre verfaßt hat, war eine besonders große Entfernung zu überwinden. Es mag daher im Hinblick auf die Art und Weise Brechts, Werke fremder Literaturen zu adaptieren, aufschlußreich sein, wenn genauer untersucht wird, welchen Weg der "Transport" des Bild- und Szenenmaterials aus dem NÖ-Spiel Tanikö bis hinüber in Brechts Schulopern Der Jasager und Der Neinsager genommen hat.
     

 Tags:
Einführung  das  Exemplum    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com