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Die Umstände der 'Aneignung von TANIKÃ- durch Brecht



Im Jahr 1929 kreisten Brechts Gedanken, die sich mit dem von ihm zu vertretenden Menschenbild beschäftigten, um den Begriff des 'Einverständnisses": des Einverständnisses in die Auslöschung der Individualität zugunsten der Allgemeinheit, wie sie die Lehre des philosophisch erweiterten Marxismus verlangt. Das Verhältnis des Einzelnen zur Allgemeinheit, eines der großen Themen aller Literatur, hatte Brecht schon lange vorher beschäftigt, und er hatte bald das Recht des Einzelnen auf Individualität, bald den Anspruch der Allgemeinheit bzw. des umfassenden
'Ganzen" für größer gehalten. In Baal löst sich die Individualität auf in dem Ganzen der Natur; und es ist gut so; in Mann ist Mann verliert der Einzelne seine Individualität in der Gleichmacherei des Militärapparats - und es ist schlimm so; im Badener Lehrstück vom Einverständnis zwingt ein 'gelernter Chor" die Flieger, Verkörperung des Anspruchs auf Individualität, einzusehen, daß ihre Tat, die Ãoberquerung des Ozeans, niemandem nützt, daß niemand auf sie wartet, daß niemand stirbt, wenn sie sterben - und die Flieger nehmen das an! Man hat darauf hingewiesen, daß das Bestehen auf dem Einverständnis des Einzelnen in seine Auslöschung als Individualität, auf der Freiwilligkeit also der Auslöschung, gewisse Züge christlicher Moraltheologie enthält; allerdings steht an der Stelle Gottes, der reuige Einsicht und Unterwerfung fordert, hier die Idee des kommunistischen Kollektivs. Auch im Stil nähert sich Brecht im Badener Lehrstück der Sprache der Bibel an; der Stoff freilich war aktuell, die Struktur des Stücks Brechts eigener Zuschnitt. Um die Idee des Einverständnisses noch weiter zu exemplifizieren, griff Brecht nach Stoffen und Sprachformen, die reichlich entfernter lagen als Lind-berghs Flug, christliche Theologie und Bibeltext. Dabei geriet er an eine Dramenvorlage, die ihm ihrem kulturellen, religiösen, mythischen Ursprung nach ebenso fernliegen mußte wie ihrer - wenn entsprechend, d.h. als Ganzes verstandenen - Form nach: an das japanische NO-Spiel Tanikö.
      Im Jahre 1921 war die englische Ãobersetzung einiger NO-Spiele erschienen, vor allem der 1908 wiederentdeckten Spiele Seamis, des großen Dichter-Schauspielers des vierzehnten Jahrhunderts, von Arthur Waley. Unter den Ãobersetzungen Waleys fand sich ein heute kaum noch gespieltes Stück mit dem Titel Tanikö. Brecht, nach einer ersten Lektüre der Ãobersetzungen gerade von diesem relativ unbedeutenden Stück von Zenchiku angeregt, ließ sich von seiner Mitarbeiterin Elisabeth Hauptmann eine Ãobersetzung der Ãobersetzung anfertigen und erstellte nach dieser seine eigene erste Fassung des Stücks. Diese Fassung nannte er Der Jasager . Diese vorläufige 'dem Japanischen nahe" Fassung wurde von Weill vertont und, da sie als Schuloper gedacht war, vor den Schülern der Karl-Marx-Schule, Berlin/Neukölln, aufgeführt und anschließend mit den Schülern diskutiert. Von den Diskussionsbeiträgen angeregt, hat Brecht dann die endgültige Fassung des Jasagers erstellt und, unter Umkehrung der Pointe der Fabel, ein Parallelstück mitdem Titel Der Neinsager geschrieben. Im folgenden soll nun untersucht werden, was auf dem Wege von Japan bis Berlin/Neukölln aus dem NÃ--Spiel Tanikö geworden ist.
     

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