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Der Neinsager Brechts



Nachdem Brecht in den beiden Fassungen des Jasagers den Mythos schrittweise eliminiert hatte, weil er seinen rationalistisch-moralisierenden Begriff vom 'Einverständnis" störte, hat es ihn offenbar gereizt, in einer weiteren Bearbeitungsvariante die Ãoberwindung des Mythos selbst zu zeigen -ein ganz neues Thema. Die Anregung dazu könnte er aus einem Diskus-sionsbeitrag einer Schülerin der Karl-Marx-Schule gewonnen haben, die, wie er gewissenhaft angibt, M. Tautz heißt, seinerzeit der Klasse U lila angehörte und vierzehn Jahre alt war; sie regte an:
Man könnte das Stück gerade dazu benutzen, die Schädlichkeit des
Aberglaubens zu zeigen ... Nachdem sich der Mythos des 'Tanikö" als ein für ein sozialistisches Lehrstück ungeeigneter Stoff erwiesen hat, wird nun die Ãoberwindung des Mythos zum legitimen Stoff eines Lehrstücks. Brecht greift bei der Ausführung dieses neuen Vorhabens noch einmal auf die erste Fassung des Jasagers zurück. Die Reise ist nun wieder eine 'Forschungsreise ins Gebirge" ..., denn in der Stadt jenseits der Berge sind 'die großen Lehrer" . Der Knabe geht mit, um 'Medizin holen und Unterweisung" . Lehrer und Mutter des Knaben erkennen gemeinsam:
Viele sind einverstanden mit Falschem, aber er ist nicht einverstandenmit der Krankheit, sondern daß die Krankheit geheilt wird . Der Knabe wird unterwegs krank, und die Studenten erinnern sich an den 'großen Brauch", daß die, die nicht weiter können, ins Tal geschleudert werden. So ein 'Brauch", zumal wenn man sich ihm auf einer 'Forschungsreise" konfrontiert sieht, muß befremdlich erscheinen. Brecht macht sich nicht die Mühe, den 'Brauch" irgendwie als eine irgendgeartete Notwendigkeit zu festigen, sondern begnügt sich mit der Mitteilung, daß der Brauch 'seit alters her ... hier herrscht" . Er steigert ihn noch weiter ins Sinnlos-Groteske, indem er den 'großen Brauch" nicht nur vorschreiben läßt, 'daß man den, welcher krank wurde, befragt, ob man umkehren soll seinetwegen", sondern ihn außerdem noch verlangen läßt, 'daß der, welcher krank wurde, antwortet: Ihr sollt nicht umkehren ..." . Es ist demnach völlig überzeugend, daß der Knabe, von dem Lehrer befragt: 'Verlangst du, daß man umkehren soll deinetwegen? Oder bist du einverstanden, daß du ins Tal hinabgeworfen wirst, wie der große Brauch es verlangt?", antwortet: 'Nein, ich bin nicht einverstanden." Jedes normale Kind der Zeit und des Lands, für die Brecht diese 'Nachdichtung" eines alten japanischen Kultspiels schreibt, dürfte ohne Zögern so antworten. Und zweifellos ist die Begründung der Entscheidung des Knaben auch für die Zuhörer einer Schuloper, Lehrer wie Schüler, leicht zu begreifen: Als nämlich dem Knaben vorgehalten wird: 'Warum antwortest du nicht dem Brauch gemäß? Wer a sagt, muß auch b sagen. Als du seinerzeit gefragt wurdest, ob du auch einverstanden sein würdest mit allem, was sich auf der Reise begeben könnte, hast du mit ja geantwortet", kann er einleuchtend sagen :
Die Antwort, die ich gegeben habe, war falsch, aber eure Frage warfalscher. Wer a sagt, muß nicht b sagen. Er kann auch erkennen, daß a falsch war. Ich wollte meiner Mutter Medizin holen, aber jetzt bin ich selber krank geworden ... Ich will sofort umkehren, der neuen Lage entsprechend ... Euer Lernen kann durchaus warten ... Und was den großen alten Brauch betrifft, so sehe ich keine Vernunft an ihm. Ich brauche vielmehr einen neuen großen Brauch, den wir sofort einführen müssen, nämlich den Brauch, in jeder neuen Lage neu nachzudenken.

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