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Der Jasager Brechts



Brecht hat zwei Fassungen des Jasagers angefertigt, wobei die erste der Vorlage näher war. Die zweite Fassung entstand, wie eingangs dargelegt, nachdem die erste probeweise vor Schülern aufgeführt und diskutiert worden war.

      6.1. Die erste Fassung

   Schon die ersten Worte
'Wichtig zu lernen vor allem ist Einverständnis...", zeigt, was Brecht in den Mittelpunkt seiner Nachdichtung stellen will: den Akt des 'Einverständnisses" des Knaben in sein Schicksal. Auf das Element der Wiedererweckung glaubt Brecht verzichten zu können. Da er nun einmal dabei ist, das Mythische in dem Stoff, der ihn als Handlungsstruktur interessiert, zurückzudrängen, verzichtet er gleich noch auf ein zweites der drei mythischen Hauptelemente in dem Stück: den mythisch-religiösen Ritus als Anlaß der Bergbesteigung. Stattdessen deklariert er die Bergbesteigung als eine 'Forschungsreise", der sich der Knabe anschließt, 'um Medizin und Unterweisung zu holen für seine Mutter". Bleibt als einziges mythisches Element noch der 'alte Brauch" des 'Tanikö". Da aber nun ein dem Brauch entsprechendes Motiv zur Reise fehlt und da auch die den Brauch in seiner funktionellen Notwendigkeit bestätigende Ãoberwindung des Brauches in der Wiedererweckung des Knaben fehlt, wird der Brauch als solcher sinnlos - und das umso mehr, als von dem Jungen ein ausdrückliches persönliches Einverständnis zu dem Brauch verlangt wird. Offenbar hat Brecht versucht, eine Art Hilfsmotivation einzuführen, indem er die Teilnehmer auf die Notwendigkeit des Fortgangs der Forschungsreise hinweisen läßt und die Szenerie so arrangiert, daß ein Mitnehmen des Kranken unmöglich ist. Derlei Konstruktionen konnten niemanden überzeugen. Die Kritik der Schüler der Karl-Marx-Schule, vor denen die erste Fassung des Jasagers aufgeführt wurde, läßt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Forschung ist nicht so wichtig wie ein Menschenleben ... Der Junge kann nicht mehr weiter, bleibt aber und wartet. Der Hunger zwingt ihn und er stürzt in die Tiefe... Sie sollen versuchen, über den Pfad zu kommen, und dabei soll der Junge abstürzen oder auch alle, so daß nachher keiner die
Schuld an dem Tod des Knaben hat ... Das mit dem Brauch ist, glaube ich, nicht richtig ... Dem Jungen Biomalz geben ... ... daß das Schicksal des Jasagers nicht so dargestellt ist, daß man seine Notwendigkeit sieht. Warum ist nicht die ganze Gesellschaft umgekehrt und hat das kranke Glied gerettet, anstatt es zu töten ... Die Mystik, die die Oper durchzieht, wird nicht angenehm empfunden ... Die Motivierung der Handlung ist nicht deutlich genug ... Man könnte das Stück gerade dazu benutzen, die Schädlichkeit des Aberglaubens zu zeigen. Es wäre vielleicht etwas für künstlerische Feinschmecker ...

   In dieser verzerrten Form ist das Stück allerdings auch 'aus seiner japanischen Heimat heraus" nicht verständlich und kaum etwas für 'künstlerische Feinschmecker" ... Brecht entschließt sich, im Zugzwang des einmal begonnenen Veränderns, zu weiteren Ã"nderungen.
      6.2. Die zweite Fassung des Jasagers
Aus der unverbindlichen 'Forschungsreise", die, so muß man meinen, jederzeit abgebrochen werden kann, wenn es um ein Menschenleben geht, wird jetzt eine 'Reise über die Berge, um Medizin zu holen und Unterweisung"; denn: 'es ist... eine Seuche bei uns ausgebrochen, und in der Stadt jenseits der Berge wohnen einige große Ã"rzte" . Damit wird die Reise in einer zwischenmenschlichen Notwendigkeit verankert: Eile ist geboten, denn die Seuche kann stündlich mehr Menschen dahinraffen - es ergibt sich daraus in überzeugender Weise, daß die Reisegesellschaft sich nicht um der Krankheit eines Einzelnen willen aufhalten kann. Brecht läßt nun die Begleiter des Knaben versuchen, ihn trotz seiner Krankheit mitzuschleppen. Um die Unmöglichkeit dieses Unterfangens absolut sicher zu erweisen, führt Brecht ein 'Technikum" ein :
Die drei Studenten versuchen, den Knaben über den 'schmalen Grat" zu bringen. Der schmale Grat muß von den Spielern aus Podesten, Seilen, Stühlen usw. so konstruiert werden, daß die drei Studenten zwar allein, nicht aber, wenn sie auch noch den Knaben tragen, hinüberkommen. Aus der zwingenden Motivierung der Notwendigkeit eines raschen Fortgangs der Reise gewinnt Brecht die Möglichkeit, nun auch auf den Brauch als letztes mythisches Element zu verzichten. Die 'Studenten" wollen den Knaben jetzt nicht mehr töten, sondern nur noch zurücklassen:
Wir sprechen es mit Entsetzen aus, aber wenn er nicht mit uns gehen kann, müssen wir ihn eben hier im Gebirge liegenlassen .
     

Allerdings hält der Lehrer es für richtig, daß man den, welcher krank wurde, befragt, ob man umkehren soll seinetwegen, und er sagt zu dem Knaben, nachdem er ihm sein Schicksal angekündigt hat:
Aber es ist richtig, daß man den, welcher krank wurde, befragt... Undder Brauch schreibt auch vor, daß der, welcher krank wurde, antwortet:
Ihr sollt nicht umkehren . Das Wort 'Brauch" taucht also noch auf, aber es steht nicht mehr für ein mythisch-religiöses Gesetz, sondern für ein Postulat zwischenmenschlicher Vernünftigkeit und Offenheit. Hier ist es Brecht gelungen, die erwünschte Situation zu konstruieren, in der ein echtes 'Einverständnis" in das Schicksal der notwendigen Opferung zum Wohle der Allgemeinheit verlangt wird. Der Knabe antwortet auch, nach einer Pause des Ãoberlegens, 'der Notwendigkeit gemäß".
      Da das Zurücklassen aber kein dramatisch wirksamer Schluß wäre, läßt Brecht den Knaben seinerseits darauf bestehen, daß er, um sich nicht lange im Verhungern quälen zu müssen, in das Tal hinabgeworfen wird. Die Studenten weigern sich zuerst, das zu tun, aber der Lehrer spricht dem Knaben das moralische Recht zu, das zu verlangen:
Ihr habt beschlossen, weiterzugehn und ihn dazulassen.
      Es ist leicht, ein Schicksal zu bestimmen,
Aber schwer, es zu vollstrecken.
      Seid ihr bereit, ihn ins Tal hinabzuwerfen? . Nun ist es an der Zeit für die Studenten, 'einverstanden" zu sein. Der Akt des Hinabschleuderns ins Tal, 'Tanikö", ist hier nicht mehr der Vollzug mythischer Notwendigkeit, sondern die Tat zwischenmenschlichen Verständnisses und Mitleids. Hier gewinnt endlich auch die Zeile
Keiner schuldiger als sein Nachbar eine echte Bedeutung.
      Die zweite Fassung des Jasagers ist ohne Zweifel die in sich geschlossenste Bearbeitung des Tanikö-Stoffes durch Brecht - allerdings auch die Bearbeitung, die am weitesten vom Original entfernt ist.

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